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Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Bd. 2. Tübingen, 1836.

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Zweiter Abschnitt.
an seinen Leib und dessen Umhüllungen gebunden; er
spendet nicht selbstthätig Kräfte aus, sondern muss sich
dieselben unwillkührlich abgewinnen lassen.

Auch von dieser Gattung der Heilungswunder ist uns
ein detaillirtes Beispiel aufbehalten, in der Geschichte von
der blutflüssigen Frau, welche sämmtliche Synoptiker wie-
dergeben, und sie auf eigenthümliche Weise mit der Ge-
schichte von der Auferweckung der Tochter des Jairus so
verflechten, dass auf dem Hinweg zu dessen Hause Jesus
die Frau geheilt haben soll (Matth. 9, 20 ff. Marc. 5,
25 ff. Luc. 8, 43 ff.). Vergleichen wir die Darstellung
des Vorgangs bei den verschiedenen Evangelisten, so könn-
ten wir diessmal versucht sein, die des Lukas für die ur-
sprüngliche zu halten, weil aus ihr die gleichmässige Ver-
bindung der bezeichneten zwei Geschichten sich vielleicht
erklären liesse. Wie nämlich die Leidenszeit der Frau von
sämmtlichen Referenten, so wird von Lukas, welchem
Markus folgt, auch das Lebensalter des Mädchens auf zwölf
Jahre gesezt, eine Gleichheit der Zahl, welche wohl im
Stande gewesen könnte, die beiden Geschichten in der
evangelischen Überlieferung zusammenzugesellen. Doch die-
ses Moment steht viel zu vereinzelt, um für sich eine Ent-
scheidung herbeizuführen, welche nur aus einer durchge-
führten Vergleichung der drei Berichte nach ihren einzel-
nen Zügen hervorgehen kann. Matthäus nun bezeichnet
die Frau einfach als gune aimoRRoousa dodeka ete, was ei-
nen so lange andauernden starken Blutverlust, vermuth-
lich in Form zu reichlicher Menstruation, bedeutet. Lu-
kas, der angebliche Arzt, zeigt sich hier seinen Kunstver-
wandten keineswegs hold, sondern sezt hinzu, die Frau
habe ihr ganzes Vermögen an Ärzte gewendet, ohne dass
diese ihr hätten helfen können. Markus, noch ungünsti-
ger, fügt bei, dass sie von den vielen Ärzten viel habe
leiden müssen, und dass es durch dieselben, statt besser,
vielmehr schlimmer mit ihr geworden sei. Die Umgebung

Zweiter Abschnitt.
an seinen Leib und dessen Umhüllungen gebunden; er
spendet nicht selbstthätig Kräfte aus, sondern muſs sich
dieselben unwillkührlich abgewinnen lassen.

Auch von dieser Gattung der Heilungswunder ist uns
ein detaillirtes Beispiel aufbehalten, in der Geschichte von
der blutflüssigen Frau, welche sämmtliche Synoptiker wie-
dergeben, und sie auf eigenthümliche Weise mit der Ge-
schichte von der Auferweckung der Tochter des Jairus so
verflechten, daſs auf dem Hinweg zu dessen Hause Jesus
die Frau geheilt haben soll (Matth. 9, 20 ff. Marc. 5,
25 ff. Luc. 8, 43 ff.). Vergleichen wir die Darstellung
des Vorgangs bei den verschiedenen Evangelisten, so könn-
ten wir dieſsmal versucht sein, die des Lukas für die ur-
sprüngliche zu halten, weil aus ihr die gleichmäſsige Ver-
bindung der bezeichneten zwei Geschichten sich vielleicht
erklären lieſse. Wie nämlich die Leidenszeit der Frau von
sämmtlichen Referenten, so wird von Lukas, welchem
Markus folgt, auch das Lebensalter des Mädchens auf zwölf
Jahre gesezt, eine Gleichheit der Zahl, welche wohl im
Stande gewesen könnte, die beiden Geschichten in der
evangelischen Überlieferung zusammenzugesellen. Doch die-
ses Moment steht viel zu vereinzelt, um für sich eine Ent-
scheidung herbeizuführen, welche nur aus einer durchge-
führten Vergleichung der drei Berichte nach ihren einzel-
nen Zügen hervorgehen kann. Matthäus nun bezeichnet
die Frau einfach als γυνὴ αἱμοῤῥοοῦσα δώδεκα ἔτη, was ei-
nen so lange andauernden starken Blutverlust, vermuth-
lich in Form zu reichlicher Menstruation, bedeutet. Lu-
kas, der angebliche Arzt, zeigt sich hier seinen Kunstver-
wandten keineswegs hold, sondern sezt hinzu, die Frau
habe ihr ganzes Vermögen an Ärzte gewendet, ohne daſs
diese ihr hätten helfen können. Markus, noch ungünsti-
ger, fügt bei, daſs sie von den vielen Ärzten viel habe
leiden müssen, und daſs es durch dieselben, statt besser,
vielmehr schlimmer mit ihr geworden sei. Die Umgebung

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[94/0113] Zweiter Abschnitt. an seinen Leib und dessen Umhüllungen gebunden; er spendet nicht selbstthätig Kräfte aus, sondern muſs sich dieselben unwillkührlich abgewinnen lassen. Auch von dieser Gattung der Heilungswunder ist uns ein detaillirtes Beispiel aufbehalten, in der Geschichte von der blutflüssigen Frau, welche sämmtliche Synoptiker wie- dergeben, und sie auf eigenthümliche Weise mit der Ge- schichte von der Auferweckung der Tochter des Jairus so verflechten, daſs auf dem Hinweg zu dessen Hause Jesus die Frau geheilt haben soll (Matth. 9, 20 ff. Marc. 5, 25 ff. Luc. 8, 43 ff.). Vergleichen wir die Darstellung des Vorgangs bei den verschiedenen Evangelisten, so könn- ten wir dieſsmal versucht sein, die des Lukas für die ur- sprüngliche zu halten, weil aus ihr die gleichmäſsige Ver- bindung der bezeichneten zwei Geschichten sich vielleicht erklären lieſse. Wie nämlich die Leidenszeit der Frau von sämmtlichen Referenten, so wird von Lukas, welchem Markus folgt, auch das Lebensalter des Mädchens auf zwölf Jahre gesezt, eine Gleichheit der Zahl, welche wohl im Stande gewesen könnte, die beiden Geschichten in der evangelischen Überlieferung zusammenzugesellen. Doch die- ses Moment steht viel zu vereinzelt, um für sich eine Ent- scheidung herbeizuführen, welche nur aus einer durchge- führten Vergleichung der drei Berichte nach ihren einzel- nen Zügen hervorgehen kann. Matthäus nun bezeichnet die Frau einfach als γυνὴ αἱμοῤῥοοῦσα δώδεκα ἔτη, was ei- nen so lange andauernden starken Blutverlust, vermuth- lich in Form zu reichlicher Menstruation, bedeutet. Lu- kas, der angebliche Arzt, zeigt sich hier seinen Kunstver- wandten keineswegs hold, sondern sezt hinzu, die Frau habe ihr ganzes Vermögen an Ärzte gewendet, ohne daſs diese ihr hätten helfen können. Markus, noch ungünsti- ger, fügt bei, daſs sie von den vielen Ärzten viel habe leiden müssen, und daſs es durch dieselben, statt besser, vielmehr schlimmer mit ihr geworden sei. Die Umgebung

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Zitationshilfe: Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Bd. 2. Tübingen, 1836, S. 94. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/strauss_jesus02_1836/113>, abgerufen am 21.05.2019.