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Sulzer, Johann Georg: Allgemeine Theorie der Schönen Künste. Bd. 2. Leipzig, 1774.

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Past
oder auch mit Kreide, oder Talkgips versezt, wo-
durch man die verschiedenen hellen Tinten erlanget.
Diese angemachte Farben werden in runde Stäbchen
geformt, mit denen die Arbeit des Mahlens verrich-
tet wird. Aber die beste Zubereitung der Pastelfar-
ben ist doch ein Geheimnis. Hr. Stupan von Ge-
burth ein Baßler, der sich in Lausanne aufhält,
wird schon längstens für den besten Zubereiter dieser
Farben gehalten.

Pastoral.
(Musik. Tanz.)

Ein kleines zum Tanzen gemachtes Tonstük, das
mit der Musette, die wir beschrieben haben, über-
einkommt. Es ist von zwey Zeiten, aber die Be-
wegung ist gemäßigter, als in jenem. Die Jtaliä-
ner machen Pastorale von Takt, die völlig mit
der Musette übereinkommen.

Man giebt diesen Namen auch anderen Tonstü-
ken, die den muntern aber angenehmen ländlichen
Charakter der Hirtengesänge haben, folglich Anmu-
thigkeit und Einfalt vereinigen.

Pastorale werden auch kleine Schäferopern ge-
nennt. Jhr Jnhalt ist eine galante und angeneh-
me, mit Festlichkeit verbundene Handlung aus der
eingebildeten Schäferwelt, allenfalls aus der fabel-
haften goldenen Zeit. Der Dichter muß dabey in
dem Charakter des Hirtengedichts bleiben, den wir
anderswo entworfen haben. (*) Der Tonsezer aber
muß sich einer großen Einfalt, und eines naiven
unschuldigen Ausdruks befleißen. Sie kommen
doch nicht sehr ofte vor, und es ist vielleicht auch
leichter einen Tonsezer zu finden, der mit Muth an
die Verfertigung einer großen Oper geht, als einen,
der sich in dem Pastoral mit Vortheil zu zeigen hof-
set. Es wäre aber zu wünschen, daß sie mehr im
Gebrauch wären, damit die edle Einfalt der Musik
nicht nach und nach ganz von der lyrischen Schau-
bühne verdrängt werde.

Pathos; Pathetisch.
(Schöne Künste.)

Jn einem allgemeinern Sinn drüken diese griechi-
sche Wörter zwar das aus, was wir durch die Wör-
[Spaltenumbruch]

Pat
ter Leidenschaft und Leidenschaftlich andeuten. Für
diesen Ausdruk hätten wir also der fremden Wörter
nicht nöthig: aber weil sie auch in einer engeren Be-
deutung besonders von den Leidenschaften gebraucht
werden, die das Gemüth mit Furcht, Schreken,
und finsterer Traurigkeit erfüllen, für welche wir
kein besonderes deutsches Wort haben, so haben
wir sie in diesem Sinn als Kunstwörter angenom-
men. (+)

Jn einem Werke der Kunst ist Pathos, wenn
es Gegenstände schildert, die das Gemüth mit jenen
finstern Leidenschaften erfüllen. Doch scheinet es,
daß man bisweilen den Sinn des Worts auch über-
haupt auf die Leidenschaften ausdähne, die wegen
ihrer Größe und ihres Ernstes die Seele mit einer
Art Schauder ergreifen; weil dabey immer etwas
von Furcht mit unterläuft. Und in so fern wären
auch die feyerlichen Psalmen und Klopstoks Oden
von hohem geistlichen Jnhalt zu dem pathetischen zu
zählen. Die Griechen sezten zwar das Pathos über-
haupt dem Ethos (dem Sittlichen) entgegen. Aber
auch in diesem Gegensaz selbst scheinen sie unter dem
Pathos nur das Große der Leidenschaften zu verste-
hen, und das blos sanft und angenehm Leidenschaft-
liche, noch unter das Ethos zu rechnen. Longin
sagt ausdrüklich, das Pathos sey so genau mit dem
Erhabenen verbunden, als das Ethos mit dem Sanf-
ten und Angenehmen. (*)

Also bestehet das Pathos eigentlich in der Größe
der Empfindung, und hat weder bey dem blos An-
genehmen, noch überhaupt bey dem gemäßigten
Jnhalt statt. Die Reden des Demosthenes und
des Cicero, über wichtige Staasangelegenheiten, sind
meist durchaus pathetisch; weil sie das Gemüth be-
ständig mit großen Empfindungen unterhalten. Die
Tragödien der Alten sind in demselben Fall. Hinge-
gen wechselt in der Epopöe das Pathetische sehr ofte
mit dem Sittlichen, und mit dem blos angenehm
Leidenschaftlichen ab. Jn der hohen Ode herrscht
das Pathetische durchaus.

Jn der Musik herrscht es vorzüglich in Kirchen-
sachen und in der tragischen Oper; wiewol sie sich
selten dahin erhebt. Jn Grauns Jphigenia ist der

Ster-
(*) S.
Hirtenge-
dicht.
(+) [Spaltenumbruch]
Aber ganz unschiklich ist es, daß man, wie Hr. Rie-
dek gethan, einer Sammlung, die Erklärungen aller Leiden-
schaften und Beobachtungen über deren Ursprung und Wür-
kung enthält, den Titel über das Pathos vorseze. Wa-
[Spaltenumbruch] rum nicht über die Leidenschaften? Denn von jenem
Titel erwartet man blos Gedanken über die schrekhasten
und tragischen Leidenschaften.
(*) Pathos
de upsous
metekhe[unleserliches Material - 1 Zeichen fehlt]
tosouton,
oposon
ethos edo-
nes.
C. XXIX

[Spaltenumbruch]

Paſt
oder auch mit Kreide, oder Talkgips verſezt, wo-
durch man die verſchiedenen hellen Tinten erlanget.
Dieſe angemachte Farben werden in runde Staͤbchen
geformt, mit denen die Arbeit des Mahlens verrich-
tet wird. Aber die beſte Zubereitung der Paſtelfar-
ben iſt doch ein Geheimnis. Hr. Stupan von Ge-
burth ein Baßler, der ſich in Lauſanne aufhaͤlt,
wird ſchon laͤngſtens fuͤr den beſten Zubereiter dieſer
Farben gehalten.

Paſtoral.
(Muſik. Tanz.)

Ein kleines zum Tanzen gemachtes Tonſtuͤk, das
mit der Muſette, die wir beſchrieben haben, uͤber-
einkommt. Es iſt von zwey Zeiten, aber die Be-
wegung iſt gemaͤßigter, als in jenem. Die Jtaliaͤ-
ner machen Paſtorale von Takt, die voͤllig mit
der Muſette uͤbereinkommen.

Man giebt dieſen Namen auch anderen Tonſtuͤ-
ken, die den muntern aber angenehmen laͤndlichen
Charakter der Hirtengeſaͤnge haben, folglich Anmu-
thigkeit und Einfalt vereinigen.

Paſtorale werden auch kleine Schaͤferopern ge-
nennt. Jhr Jnhalt iſt eine galante und angeneh-
me, mit Feſtlichkeit verbundene Handlung aus der
eingebildeten Schaͤferwelt, allenfalls aus der fabel-
haften goldenen Zeit. Der Dichter muß dabey in
dem Charakter des Hirtengedichts bleiben, den wir
anderswo entworfen haben. (*) Der Tonſezer aber
muß ſich einer großen Einfalt, und eines naiven
unſchuldigen Ausdruks befleißen. Sie kommen
doch nicht ſehr ofte vor, und es iſt vielleicht auch
leichter einen Tonſezer zu finden, der mit Muth an
die Verfertigung einer großen Oper geht, als einen,
der ſich in dem Paſtoral mit Vortheil zu zeigen hof-
ſet. Es waͤre aber zu wuͤnſchen, daß ſie mehr im
Gebrauch waͤren, damit die edle Einfalt der Muſik
nicht nach und nach ganz von der lyriſchen Schau-
buͤhne verdraͤngt werde.

Pathos; Pathetiſch.
(Schoͤne Kuͤnſte.)

Jn einem allgemeinern Sinn druͤken dieſe griechi-
ſche Woͤrter zwar das aus, was wir durch die Woͤr-
[Spaltenumbruch]

Pat
ter Leidenſchaft und Leidenſchaftlich andeuten. Fuͤr
dieſen Ausdruk haͤtten wir alſo der fremden Woͤrter
nicht noͤthig: aber weil ſie auch in einer engeren Be-
deutung beſonders von den Leidenſchaften gebraucht
werden, die das Gemuͤth mit Furcht, Schreken,
und finſterer Traurigkeit erfuͤllen, fuͤr welche wir
kein beſonderes deutſches Wort haben, ſo haben
wir ſie in dieſem Sinn als Kunſtwoͤrter angenom-
men. (†)

Jn einem Werke der Kunſt iſt Pathos, wenn
es Gegenſtaͤnde ſchildert, die das Gemuͤth mit jenen
finſtern Leidenſchaften erfuͤllen. Doch ſcheinet es,
daß man bisweilen den Sinn des Worts auch uͤber-
haupt auf die Leidenſchaften ausdaͤhne, die wegen
ihrer Groͤße und ihres Ernſtes die Seele mit einer
Art Schauder ergreifen; weil dabey immer etwas
von Furcht mit unterlaͤuft. Und in ſo fern waͤren
auch die feyerlichen Pſalmen und Klopſtoks Oden
von hohem geiſtlichen Jnhalt zu dem pathetiſchen zu
zaͤhlen. Die Griechen ſezten zwar das Pathos uͤber-
haupt dem Ethos (dem Sittlichen) entgegen. Aber
auch in dieſem Gegenſaz ſelbſt ſcheinen ſie unter dem
Pathos nur das Große der Leidenſchaften zu verſte-
hen, und das blos ſanft und angenehm Leidenſchaft-
liche, noch unter das Ethos zu rechnen. Longin
ſagt ausdruͤklich, das Pathos ſey ſo genau mit dem
Erhabenen verbunden, als das Ethos mit dem Sanf-
ten und Angenehmen. (*)

Alſo beſtehet das Pathos eigentlich in der Groͤße
der Empfindung, und hat weder bey dem blos An-
genehmen, noch uͤberhaupt bey dem gemaͤßigten
Jnhalt ſtatt. Die Reden des Demoſthenes und
des Cicero, uͤber wichtige Staasangelegenheiten, ſind
meiſt durchaus pathetiſch; weil ſie das Gemuͤth be-
ſtaͤndig mit großen Empfindungen unterhalten. Die
Tragoͤdien der Alten ſind in demſelben Fall. Hinge-
gen wechſelt in der Epopoͤe das Pathetiſche ſehr ofte
mit dem Sittlichen, und mit dem blos angenehm
Leidenſchaftlichen ab. Jn der hohen Ode herrſcht
das Pathetiſche durchaus.

Jn der Muſik herrſcht es vorzuͤglich in Kirchen-
ſachen und in der tragiſchen Oper; wiewol ſie ſich
ſelten dahin erhebt. Jn Grauns Jphigenia iſt der

Ster-
(*) S.
Hirtenge-
dicht.
(†) [Spaltenumbruch]
Aber ganz unſchiklich iſt es, daß man, wie Hr. Rie-
dek gethan, einer Sammlung, die Erklaͤrungen aller Leiden-
ſchaften und Beobachtungen uͤber deren Urſprung und Wuͤr-
kung enthaͤlt, den Titel uͤber das Pathos vorſeze. Wa-
[Spaltenumbruch] rum nicht uͤber die Leidenſchaften? Denn von jenem
Titel erwartet man blos Gedanken uͤber die ſchrekhaſten
und tragiſchen Leidenſchaften.
(*) Παϑος
δε ὑψους
μετεχε[unleserliches Material – 1 Zeichen fehlt]
τοσουτον,
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ἠθος ἡδο-
νης.
C. XXIX
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[884[866]/0301] Paſt Pat oder auch mit Kreide, oder Talkgips verſezt, wo- durch man die verſchiedenen hellen Tinten erlanget. Dieſe angemachte Farben werden in runde Staͤbchen geformt, mit denen die Arbeit des Mahlens verrich- tet wird. Aber die beſte Zubereitung der Paſtelfar- ben iſt doch ein Geheimnis. Hr. Stupan von Ge- burth ein Baßler, der ſich in Lauſanne aufhaͤlt, wird ſchon laͤngſtens fuͤr den beſten Zubereiter dieſer Farben gehalten. Paſtoral. (Muſik. Tanz.) Ein kleines zum Tanzen gemachtes Tonſtuͤk, das mit der Muſette, die wir beſchrieben haben, uͤber- einkommt. Es iſt von zwey Zeiten, aber die Be- wegung iſt gemaͤßigter, als in jenem. Die Jtaliaͤ- ner machen Paſtorale von [FORMEL] Takt, die voͤllig mit der Muſette uͤbereinkommen. Man giebt dieſen Namen auch anderen Tonſtuͤ- ken, die den muntern aber angenehmen laͤndlichen Charakter der Hirtengeſaͤnge haben, folglich Anmu- thigkeit und Einfalt vereinigen. Paſtorale werden auch kleine Schaͤferopern ge- nennt. Jhr Jnhalt iſt eine galante und angeneh- me, mit Feſtlichkeit verbundene Handlung aus der eingebildeten Schaͤferwelt, allenfalls aus der fabel- haften goldenen Zeit. Der Dichter muß dabey in dem Charakter des Hirtengedichts bleiben, den wir anderswo entworfen haben. (*) Der Tonſezer aber muß ſich einer großen Einfalt, und eines naiven unſchuldigen Ausdruks befleißen. Sie kommen doch nicht ſehr ofte vor, und es iſt vielleicht auch leichter einen Tonſezer zu finden, der mit Muth an die Verfertigung einer großen Oper geht, als einen, der ſich in dem Paſtoral mit Vortheil zu zeigen hof- ſet. Es waͤre aber zu wuͤnſchen, daß ſie mehr im Gebrauch waͤren, damit die edle Einfalt der Muſik nicht nach und nach ganz von der lyriſchen Schau- buͤhne verdraͤngt werde. Pathos; Pathetiſch. (Schoͤne Kuͤnſte.) Jn einem allgemeinern Sinn druͤken dieſe griechi- ſche Woͤrter zwar das aus, was wir durch die Woͤr- ter Leidenſchaft und Leidenſchaftlich andeuten. Fuͤr dieſen Ausdruk haͤtten wir alſo der fremden Woͤrter nicht noͤthig: aber weil ſie auch in einer engeren Be- deutung beſonders von den Leidenſchaften gebraucht werden, die das Gemuͤth mit Furcht, Schreken, und finſterer Traurigkeit erfuͤllen, fuͤr welche wir kein beſonderes deutſches Wort haben, ſo haben wir ſie in dieſem Sinn als Kunſtwoͤrter angenom- men. (†) Jn einem Werke der Kunſt iſt Pathos, wenn es Gegenſtaͤnde ſchildert, die das Gemuͤth mit jenen finſtern Leidenſchaften erfuͤllen. Doch ſcheinet es, daß man bisweilen den Sinn des Worts auch uͤber- haupt auf die Leidenſchaften ausdaͤhne, die wegen ihrer Groͤße und ihres Ernſtes die Seele mit einer Art Schauder ergreifen; weil dabey immer etwas von Furcht mit unterlaͤuft. Und in ſo fern waͤren auch die feyerlichen Pſalmen und Klopſtoks Oden von hohem geiſtlichen Jnhalt zu dem pathetiſchen zu zaͤhlen. Die Griechen ſezten zwar das Pathos uͤber- haupt dem Ethos (dem Sittlichen) entgegen. Aber auch in dieſem Gegenſaz ſelbſt ſcheinen ſie unter dem Pathos nur das Große der Leidenſchaften zu verſte- hen, und das blos ſanft und angenehm Leidenſchaft- liche, noch unter das Ethos zu rechnen. Longin ſagt ausdruͤklich, das Pathos ſey ſo genau mit dem Erhabenen verbunden, als das Ethos mit dem Sanf- ten und Angenehmen. (*) Alſo beſtehet das Pathos eigentlich in der Groͤße der Empfindung, und hat weder bey dem blos An- genehmen, noch uͤberhaupt bey dem gemaͤßigten Jnhalt ſtatt. Die Reden des Demoſthenes und des Cicero, uͤber wichtige Staasangelegenheiten, ſind meiſt durchaus pathetiſch; weil ſie das Gemuͤth be- ſtaͤndig mit großen Empfindungen unterhalten. Die Tragoͤdien der Alten ſind in demſelben Fall. Hinge- gen wechſelt in der Epopoͤe das Pathetiſche ſehr ofte mit dem Sittlichen, und mit dem blos angenehm Leidenſchaftlichen ab. Jn der hohen Ode herrſcht das Pathetiſche durchaus. Jn der Muſik herrſcht es vorzuͤglich in Kirchen- ſachen und in der tragiſchen Oper; wiewol ſie ſich ſelten dahin erhebt. Jn Grauns Jphigenia iſt der Ster- (*) S. Hirtenge- dicht. (†) Aber ganz unſchiklich iſt es, daß man, wie Hr. Rie- dek gethan, einer Sammlung, die Erklaͤrungen aller Leiden- ſchaften und Beobachtungen uͤber deren Urſprung und Wuͤr- kung enthaͤlt, den Titel uͤber das Pathos vorſeze. Wa- rum nicht uͤber die Leidenſchaften? Denn von jenem Titel erwartet man blos Gedanken uͤber die ſchrekhaſten und tragiſchen Leidenſchaften. (*) Παϑος δε ὑψους μετεχε_ τοσουτον, ὁϖοσον ἠθος ἡδο- νης. C. XXIX

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Zitationshilfe: Sulzer, Johann Georg: Allgemeine Theorie der Schönen Künste. Bd. 2. Leipzig, 1774, S. 884[866]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/sulzer_theorie02_1774/301>, abgerufen am 22.05.2019.