Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Sulzer, Johann Georg: Allgemeine Theorie der Schönen Künste. Bd. 2. Leipzig, 1774.

Bild:
<< vorherige Seite
[Spaltenumbruch]
Ver
Verwiklung.
(Schöne Künste.)

Wir sagen eine Sache sey verwikelt, wenn es uns
einige Müh und Anstrengung der Aufmerksamkeit
verursachet, ihre Art und Beschaffenheit einzusehen;
plan und einfach aber nennen wir das, dessen Art
und Beschaffenheit wir leicht erkennen. Eine Hand-
lung ist plan und einfach, wenn ein einziges Mit-
tel, oder gar wenig Veranstaltungen gerade zum
Zwek führen; verwikelt ist sie, wenn man zu Er-
reichung des Zweks mancherley Anstalten zu machen
hat. Jene gleichet einer Reise, auf der man den
geradesten Weg geht, und ohne Hinderniß zum Ziehle
kommt; diese hat Aehnlichkeit mit einer Reise, die
durch mannigfaltige Umwege, und durch Wegräu-
mung vielerley Hindernisse zum Ziehle führet.

Handlungen und Unternehmungen ohne Verwi-
klung haben wenig Reizung, und wenn sie eine be-
trächtliche Zeit erfodern, so werden sie langweilig
und verdrießlich. Man übersiehet gleich im Anfang
alles, was dabey zu thun ist, und in der Ausfüh-
rung selbst geht alles ohne Schwierigkeit fort; man
muß nirgend stille stehen, um sich zu bedenken, wie
man dem Ziehl näher kommen soll; man trift keine
Schwierigkeiten an, deren Ueberwindung, Anstren-
gung der Kraft erfoderte. Also beschäftiget die
Handlung selbst den Geist nicht, und das Verlan-
gen das Ende davon zu sehen, ist das einzige, was
wir dabey fühlen. Daher entstehet der Verdruß
der langen Weile dabey. Eben so geht es uns
auch, wenn wir die Handlungen andrer Menschen
sehen. So bald wir gar nichts verwikeltes darin
bemerken, finden wir sie langweilig; mit Vergnü-
gen aber folgen wir den handelnden Personen, wenn
wir sie in mancherley Schwierigkeiten verwikelt se-
hen, die sie nach und nach überwinden.

Wir haben bereits anderswo gezeiget, wie in den
epischen und dramatischen Handlungen, aus Ver-
wiklung der Umstände Knoten entstehen, die unsre
Aufmerksamkeit auf den Fortgang der Dinge kräftig
reizen, und wie die allmählige Auflösung der Kno-
ten durch die Befriedigung unsrer Erwartungen
Vergnügen macht. (*) Jm Grund entsteht unser
Vergnügen nur aus dem Gefühl unsrer Kräfte,
und deren Würkung. Wo wir also eine beständige
Spannung der Kräfte fühlen, die allmählig ihre
Würkung erreichen, da empfinden wir auch Ver-
[Spaltenumbruch]

Ver
gnügen. Die Kräfte selbst aber fühlen wir nicht
anders, als durch die Anstrengung. Es sey also,
daß wir durch Betrachtung der Dinge, oder durch
Handlungen, die wir verrichten, Vergnügen em-
pfinden sollen, so muß in den Dingen, womit wir
uns beschäftigen, Verwiklung vorkommen, die sich
allmählig auflöset. Da wir aber die Würkung der
Knoten und ihrer Auflösung in den Werken des
Geschmaks an den angeführten Orten hinlänglich
betrachtet haben, so wollen wir diesen Artikel blos
auf solche Anmerkungen einschränken, daraus der
Künstler beurtheilen kann, wo er das Einfache und
Plane, und wo er das Verwikelte vorzüglich brau-
chen soll.

Es giebt Fälle, wo das Gerade und Einfache
großes Wolgefallen erwekt, und wo es so gar bis
zum Entzüken gefällt; aber auch solche, wo der Man-
gel der Verwiklung die Sachen völlig gleichgültig
und langweilig macht. Die einfache Pracht ver-
schiedener Monumente der alten griechischen Bau-
kunst, entzükt das Aug eines Kenners: aber ein
Lustgarten, dessen Plan und Anordnung wir auf
einen Blik ganz übersehen; die Außenseite eines
großen Gebäudes, die innere Anordnung einer gros-
sen Menge der darin befindlichen Zimmer, die we-
gen ihrer Einfalt gleich so in die Augen fallen, daß
man aus einem kleinen Theile die Beschaffenheit
des Ganzen erkennt, sind völlig gleichgültige Dinge,
bey denen wir ohne merklichen Ueberdruß uns nicht
verweilen können.

Verwiklung scheinet überall nothwendig, wo ein Ge-
genstand blos die Vorstellungskraft eine merkliche Zeit-
lang anhaltend beschäftigen soll; denn sie verursa-
chet Nachdenken, Beobachtung, Vergleichung der
Dinge, um ihren Zusammenhang zu fassen.

Jn der Epopöe und in dem Drama muß so viel
Verwiklung seyn, als nöthig ist, die Aufmerksam-
keit auf den Verlauf der Sachen gespannt zu halten.
Denn wenn auch gleich die ganze Handlung auf
Rührung, oder Erwekung der Empfindung abziehlte,
so wird dieser Endzwek doch nur in so fern erhalten,
als wir den Verlauf der Dinge mit Aufmerksamkeit
beobachten. Wir werden von dem leidenschaftlichen
Zustand der handelnden Personen nur in so fern
gerührt, und empfinden, was sie selbst empfinden
nur in so fern, als wir uns in ihre Umstände ver-
sezen. Dieses thun wir aber nur, wenn wir alles,

was
(*) S.
Kno[t]en.
Auflusung.
[Spaltenumbruch]
Ver
Verwiklung.
(Schoͤne Kuͤnſte.)

Wir ſagen eine Sache ſey verwikelt, wenn es uns
einige Muͤh und Anſtrengung der Aufmerkſamkeit
verurſachet, ihre Art und Beſchaffenheit einzuſehen;
plan und einfach aber nennen wir das, deſſen Art
und Beſchaffenheit wir leicht erkennen. Eine Hand-
lung iſt plan und einfach, wenn ein einziges Mit-
tel, oder gar wenig Veranſtaltungen gerade zum
Zwek fuͤhren; verwikelt iſt ſie, wenn man zu Er-
reichung des Zweks mancherley Anſtalten zu machen
hat. Jene gleichet einer Reiſe, auf der man den
geradeſten Weg geht, und ohne Hinderniß zum Ziehle
kommt; dieſe hat Aehnlichkeit mit einer Reiſe, die
durch mannigfaltige Umwege, und durch Wegraͤu-
mung vielerley Hinderniſſe zum Ziehle fuͤhret.

Handlungen und Unternehmungen ohne Verwi-
klung haben wenig Reizung, und wenn ſie eine be-
traͤchtliche Zeit erfodern, ſo werden ſie langweilig
und verdrießlich. Man uͤberſiehet gleich im Anfang
alles, was dabey zu thun iſt, und in der Ausfuͤh-
rung ſelbſt geht alles ohne Schwierigkeit fort; man
muß nirgend ſtille ſtehen, um ſich zu bedenken, wie
man dem Ziehl naͤher kommen ſoll; man trift keine
Schwierigkeiten an, deren Ueberwindung, Anſtren-
gung der Kraft erfoderte. Alſo beſchaͤftiget die
Handlung ſelbſt den Geiſt nicht, und das Verlan-
gen das Ende davon zu ſehen, iſt das einzige, was
wir dabey fuͤhlen. Daher entſtehet der Verdruß
der langen Weile dabey. Eben ſo geht es uns
auch, wenn wir die Handlungen andrer Menſchen
ſehen. So bald wir gar nichts verwikeltes darin
bemerken, finden wir ſie langweilig; mit Vergnuͤ-
gen aber folgen wir den handelnden Perſonen, wenn
wir ſie in mancherley Schwierigkeiten verwikelt ſe-
hen, die ſie nach und nach uͤberwinden.

Wir haben bereits anderswo gezeiget, wie in den
epiſchen und dramatiſchen Handlungen, aus Ver-
wiklung der Umſtaͤnde Knoten entſtehen, die unſre
Aufmerkſamkeit auf den Fortgang der Dinge kraͤftig
reizen, und wie die allmaͤhlige Aufloͤſung der Kno-
ten durch die Befriedigung unſrer Erwartungen
Vergnuͤgen macht. (*) Jm Grund entſteht unſer
Vergnuͤgen nur aus dem Gefuͤhl unſrer Kraͤfte,
und deren Wuͤrkung. Wo wir alſo eine beſtaͤndige
Spannung der Kraͤfte fuͤhlen, die allmaͤhlig ihre
Wuͤrkung erreichen, da empfinden wir auch Ver-
[Spaltenumbruch]

Ver
gnuͤgen. Die Kraͤfte ſelbſt aber fuͤhlen wir nicht
anders, als durch die Anſtrengung. Es ſey alſo,
daß wir durch Betrachtung der Dinge, oder durch
Handlungen, die wir verrichten, Vergnuͤgen em-
pfinden ſollen, ſo muß in den Dingen, womit wir
uns beſchaͤftigen, Verwiklung vorkommen, die ſich
allmaͤhlig aufloͤſet. Da wir aber die Wuͤrkung der
Knoten und ihrer Aufloͤſung in den Werken des
Geſchmaks an den angefuͤhrten Orten hinlaͤnglich
betrachtet haben, ſo wollen wir dieſen Artikel blos
auf ſolche Anmerkungen einſchraͤnken, daraus der
Kuͤnſtler beurtheilen kann, wo er das Einfache und
Plane, und wo er das Verwikelte vorzuͤglich brau-
chen ſoll.

Es giebt Faͤlle, wo das Gerade und Einfache
großes Wolgefallen erwekt, und wo es ſo gar bis
zum Entzuͤken gefaͤllt; aber auch ſolche, wo der Man-
gel der Verwiklung die Sachen voͤllig gleichguͤltig
und langweilig macht. Die einfache Pracht ver-
ſchiedener Monumente der alten griechiſchen Bau-
kunſt, entzuͤkt das Aug eines Kenners: aber ein
Luſtgarten, deſſen Plan und Anordnung wir auf
einen Blik ganz uͤberſehen; die Außenſeite eines
großen Gebaͤudes, die innere Anordnung einer groſ-
ſen Menge der darin befindlichen Zimmer, die we-
gen ihrer Einfalt gleich ſo in die Augen fallen, daß
man aus einem kleinen Theile die Beſchaffenheit
des Ganzen erkennt, ſind voͤllig gleichguͤltige Dinge,
bey denen wir ohne merklichen Ueberdruß uns nicht
verweilen koͤnnen.

Verwiklung ſcheinet uͤberall nothwendig, wo ein Ge-
genſtand blos die Vorſtellungskraft eine merkliche Zeit-
lang anhaltend beſchaͤftigen ſoll; denn ſie verurſa-
chet Nachdenken, Beobachtung, Vergleichung der
Dinge, um ihren Zuſammenhang zu faſſen.

Jn der Epopoͤe und in dem Drama muß ſo viel
Verwiklung ſeyn, als noͤthig iſt, die Aufmerkſam-
keit auf den Verlauf der Sachen geſpannt zu halten.
Denn wenn auch gleich die ganze Handlung auf
Ruͤhrung, oder Erwekung der Empfindung abziehlte,
ſo wird dieſer Endzwek doch nur in ſo fern erhalten,
als wir den Verlauf der Dinge mit Aufmerkſamkeit
beobachten. Wir werden von dem leidenſchaftlichen
Zuſtand der handelnden Perſonen nur in ſo fern
geruͤhrt, und empfinden, was ſie ſelbſt empfinden
nur in ſo fern, als wir uns in ihre Umſtaͤnde ver-
ſezen. Dieſes thun wir aber nur, wenn wir alles,

was
(*) S.
Kno[t]en.
Aufluſung.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0662" n="1233[1215]"/>
          <cb/>
        </div>
        <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#g">Ver</hi> </fw><lb/>
        <div n="2">
          <head><hi rendition="#b"><hi rendition="#g">Verwiklung</hi>.</hi><lb/>
(Scho&#x0364;ne Ku&#x0364;n&#x017F;te.)</head><lb/>
          <p><hi rendition="#in">W</hi>ir &#x017F;agen eine Sache &#x017F;ey verwikelt, wenn es uns<lb/>
einige Mu&#x0364;h und An&#x017F;trengung der Aufmerk&#x017F;amkeit<lb/>
verur&#x017F;achet, ihre Art und Be&#x017F;chaffenheit einzu&#x017F;ehen;<lb/>
plan und einfach aber nennen wir das, de&#x017F;&#x017F;en Art<lb/>
und Be&#x017F;chaffenheit wir leicht erkennen. Eine Hand-<lb/>
lung i&#x017F;t plan und einfach, wenn ein einziges Mit-<lb/>
tel, oder gar wenig Veran&#x017F;taltungen gerade zum<lb/>
Zwek fu&#x0364;hren; verwikelt i&#x017F;t &#x017F;ie, wenn man zu Er-<lb/>
reichung des Zweks mancherley An&#x017F;talten zu machen<lb/>
hat. Jene gleichet einer Rei&#x017F;e, auf der man den<lb/>
gerade&#x017F;ten Weg geht, und ohne Hinderniß zum Ziehle<lb/>
kommt; die&#x017F;e hat Aehnlichkeit mit einer Rei&#x017F;e, die<lb/>
durch mannigfaltige Umwege, und durch Wegra&#x0364;u-<lb/>
mung vielerley Hinderni&#x017F;&#x017F;e zum Ziehle fu&#x0364;hret.</p><lb/>
          <p>Handlungen und Unternehmungen ohne Verwi-<lb/>
klung haben wenig Reizung, und wenn &#x017F;ie eine be-<lb/>
tra&#x0364;chtliche Zeit erfodern, &#x017F;o werden &#x017F;ie langweilig<lb/>
und verdrießlich. Man u&#x0364;ber&#x017F;iehet gleich im Anfang<lb/>
alles, was dabey zu thun i&#x017F;t, und in der Ausfu&#x0364;h-<lb/>
rung &#x017F;elb&#x017F;t geht alles ohne Schwierigkeit fort; man<lb/>
muß nirgend &#x017F;tille &#x017F;tehen, um &#x017F;ich zu bedenken, wie<lb/>
man dem Ziehl na&#x0364;her kommen &#x017F;oll; man trift keine<lb/>
Schwierigkeiten an, deren Ueberwindung, An&#x017F;tren-<lb/>
gung der Kraft erfoderte. Al&#x017F;o be&#x017F;cha&#x0364;ftiget die<lb/>
Handlung &#x017F;elb&#x017F;t den Gei&#x017F;t nicht, und das Verlan-<lb/>
gen das Ende davon zu &#x017F;ehen, i&#x017F;t das einzige, was<lb/>
wir dabey fu&#x0364;hlen. Daher ent&#x017F;tehet der Verdruß<lb/>
der langen Weile dabey. Eben &#x017F;o geht es uns<lb/>
auch, wenn wir die Handlungen andrer Men&#x017F;chen<lb/>
&#x017F;ehen. So bald wir gar nichts verwikeltes darin<lb/>
bemerken, finden wir &#x017F;ie langweilig; mit Vergnu&#x0364;-<lb/>
gen aber folgen wir den handelnden Per&#x017F;onen, wenn<lb/>
wir &#x017F;ie in mancherley Schwierigkeiten verwikelt &#x017F;e-<lb/>
hen, die &#x017F;ie nach und nach u&#x0364;berwinden.</p><lb/>
          <p>Wir haben bereits anderswo gezeiget, wie in den<lb/>
epi&#x017F;chen und dramati&#x017F;chen Handlungen, aus Ver-<lb/>
wiklung der Um&#x017F;ta&#x0364;nde Knoten ent&#x017F;tehen, die un&#x017F;re<lb/>
Aufmerk&#x017F;amkeit auf den Fortgang der Dinge kra&#x0364;ftig<lb/>
reizen, und wie die allma&#x0364;hlige Auflo&#x0364;&#x017F;ung der Kno-<lb/>
ten durch die Befriedigung un&#x017F;rer Erwartungen<lb/>
Vergnu&#x0364;gen macht. <note place="foot" n="(*)">S.<lb/>
Kno<supplied>t</supplied>en.<lb/>
Auflu&#x017F;ung.</note> Jm Grund ent&#x017F;teht un&#x017F;er<lb/>
Vergnu&#x0364;gen nur aus dem Gefu&#x0364;hl un&#x017F;rer Kra&#x0364;fte,<lb/>
und deren Wu&#x0364;rkung. Wo wir al&#x017F;o eine be&#x017F;ta&#x0364;ndige<lb/>
Spannung der Kra&#x0364;fte fu&#x0364;hlen, die allma&#x0364;hlig ihre<lb/>
Wu&#x0364;rkung erreichen, da empfinden wir auch Ver-<lb/><cb/>
<fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Ver</hi></fw><lb/>
gnu&#x0364;gen. Die Kra&#x0364;fte &#x017F;elb&#x017F;t aber fu&#x0364;hlen wir nicht<lb/>
anders, als durch die An&#x017F;trengung. Es &#x017F;ey al&#x017F;o,<lb/>
daß wir durch Betrachtung der Dinge, oder durch<lb/>
Handlungen, die wir verrichten, Vergnu&#x0364;gen em-<lb/>
pfinden &#x017F;ollen, &#x017F;o muß in den Dingen, womit wir<lb/>
uns be&#x017F;cha&#x0364;ftigen, Verwiklung vorkommen, die &#x017F;ich<lb/>
allma&#x0364;hlig auflo&#x0364;&#x017F;et. Da wir aber die Wu&#x0364;rkung der<lb/>
Knoten und ihrer Auflo&#x0364;&#x017F;ung in den Werken des<lb/>
Ge&#x017F;chmaks an den angefu&#x0364;hrten Orten hinla&#x0364;nglich<lb/>
betrachtet haben, &#x017F;o wollen wir die&#x017F;en Artikel blos<lb/>
auf &#x017F;olche Anmerkungen ein&#x017F;chra&#x0364;nken, daraus der<lb/>
Ku&#x0364;n&#x017F;tler beurtheilen kann, wo er das Einfache und<lb/>
Plane, und wo er das Verwikelte vorzu&#x0364;glich brau-<lb/>
chen &#x017F;oll.</p><lb/>
          <p>Es giebt Fa&#x0364;lle, wo das Gerade und Einfache<lb/>
großes Wolgefallen erwekt, und wo es &#x017F;o gar bis<lb/>
zum Entzu&#x0364;ken gefa&#x0364;llt; aber auch &#x017F;olche, wo der Man-<lb/>
gel der Verwiklung die Sachen vo&#x0364;llig gleichgu&#x0364;ltig<lb/>
und langweilig macht. Die einfache Pracht ver-<lb/>
&#x017F;chiedener Monumente der alten griechi&#x017F;chen Bau-<lb/>
kun&#x017F;t, entzu&#x0364;kt das Aug eines Kenners: aber ein<lb/>
Lu&#x017F;tgarten, de&#x017F;&#x017F;en Plan und Anordnung wir auf<lb/>
einen Blik ganz u&#x0364;ber&#x017F;ehen; die Außen&#x017F;eite eines<lb/>
großen Geba&#x0364;udes, die innere Anordnung einer gro&#x017F;-<lb/>
&#x017F;en Menge der darin befindlichen Zimmer, die we-<lb/>
gen ihrer Einfalt gleich &#x017F;o in die Augen fallen, daß<lb/>
man aus einem kleinen Theile die Be&#x017F;chaffenheit<lb/>
des Ganzen erkennt, &#x017F;ind vo&#x0364;llig gleichgu&#x0364;ltige Dinge,<lb/>
bey denen wir ohne merklichen Ueberdruß uns nicht<lb/>
verweilen ko&#x0364;nnen.</p><lb/>
          <p>Verwiklung &#x017F;cheinet u&#x0364;berall nothwendig, wo ein Ge-<lb/>
gen&#x017F;tand blos die Vor&#x017F;tellungskraft eine merkliche Zeit-<lb/>
lang anhaltend be&#x017F;cha&#x0364;ftigen &#x017F;oll; denn &#x017F;ie verur&#x017F;a-<lb/>
chet Nachdenken, Beobachtung, Vergleichung der<lb/>
Dinge, um ihren Zu&#x017F;ammenhang zu fa&#x017F;&#x017F;en.</p><lb/>
          <p>Jn der Epopo&#x0364;e und in dem Drama muß &#x017F;o viel<lb/>
Verwiklung &#x017F;eyn, als no&#x0364;thig i&#x017F;t, die Aufmerk&#x017F;am-<lb/>
keit auf den Verlauf der Sachen ge&#x017F;pannt zu halten.<lb/>
Denn wenn auch gleich die ganze Handlung auf<lb/>
Ru&#x0364;hrung, oder Erwekung der Empfindung abziehlte,<lb/>
&#x017F;o wird die&#x017F;er Endzwek doch nur in &#x017F;o fern erhalten,<lb/>
als wir den Verlauf der Dinge mit Aufmerk&#x017F;amkeit<lb/>
beobachten. Wir werden von dem leiden&#x017F;chaftlichen<lb/>
Zu&#x017F;tand der handelnden Per&#x017F;onen nur in &#x017F;o fern<lb/>
geru&#x0364;hrt, und empfinden, was &#x017F;ie &#x017F;elb&#x017F;t empfinden<lb/>
nur in &#x017F;o fern, als wir uns in ihre Um&#x017F;ta&#x0364;nde ver-<lb/>
&#x017F;ezen. Die&#x017F;es thun wir aber nur, wenn wir alles,<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">was</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[1233[1215]/0662] Ver Ver Verwiklung. (Schoͤne Kuͤnſte.) Wir ſagen eine Sache ſey verwikelt, wenn es uns einige Muͤh und Anſtrengung der Aufmerkſamkeit verurſachet, ihre Art und Beſchaffenheit einzuſehen; plan und einfach aber nennen wir das, deſſen Art und Beſchaffenheit wir leicht erkennen. Eine Hand- lung iſt plan und einfach, wenn ein einziges Mit- tel, oder gar wenig Veranſtaltungen gerade zum Zwek fuͤhren; verwikelt iſt ſie, wenn man zu Er- reichung des Zweks mancherley Anſtalten zu machen hat. Jene gleichet einer Reiſe, auf der man den geradeſten Weg geht, und ohne Hinderniß zum Ziehle kommt; dieſe hat Aehnlichkeit mit einer Reiſe, die durch mannigfaltige Umwege, und durch Wegraͤu- mung vielerley Hinderniſſe zum Ziehle fuͤhret. Handlungen und Unternehmungen ohne Verwi- klung haben wenig Reizung, und wenn ſie eine be- traͤchtliche Zeit erfodern, ſo werden ſie langweilig und verdrießlich. Man uͤberſiehet gleich im Anfang alles, was dabey zu thun iſt, und in der Ausfuͤh- rung ſelbſt geht alles ohne Schwierigkeit fort; man muß nirgend ſtille ſtehen, um ſich zu bedenken, wie man dem Ziehl naͤher kommen ſoll; man trift keine Schwierigkeiten an, deren Ueberwindung, Anſtren- gung der Kraft erfoderte. Alſo beſchaͤftiget die Handlung ſelbſt den Geiſt nicht, und das Verlan- gen das Ende davon zu ſehen, iſt das einzige, was wir dabey fuͤhlen. Daher entſtehet der Verdruß der langen Weile dabey. Eben ſo geht es uns auch, wenn wir die Handlungen andrer Menſchen ſehen. So bald wir gar nichts verwikeltes darin bemerken, finden wir ſie langweilig; mit Vergnuͤ- gen aber folgen wir den handelnden Perſonen, wenn wir ſie in mancherley Schwierigkeiten verwikelt ſe- hen, die ſie nach und nach uͤberwinden. Wir haben bereits anderswo gezeiget, wie in den epiſchen und dramatiſchen Handlungen, aus Ver- wiklung der Umſtaͤnde Knoten entſtehen, die unſre Aufmerkſamkeit auf den Fortgang der Dinge kraͤftig reizen, und wie die allmaͤhlige Aufloͤſung der Kno- ten durch die Befriedigung unſrer Erwartungen Vergnuͤgen macht. (*) Jm Grund entſteht unſer Vergnuͤgen nur aus dem Gefuͤhl unſrer Kraͤfte, und deren Wuͤrkung. Wo wir alſo eine beſtaͤndige Spannung der Kraͤfte fuͤhlen, die allmaͤhlig ihre Wuͤrkung erreichen, da empfinden wir auch Ver- gnuͤgen. Die Kraͤfte ſelbſt aber fuͤhlen wir nicht anders, als durch die Anſtrengung. Es ſey alſo, daß wir durch Betrachtung der Dinge, oder durch Handlungen, die wir verrichten, Vergnuͤgen em- pfinden ſollen, ſo muß in den Dingen, womit wir uns beſchaͤftigen, Verwiklung vorkommen, die ſich allmaͤhlig aufloͤſet. Da wir aber die Wuͤrkung der Knoten und ihrer Aufloͤſung in den Werken des Geſchmaks an den angefuͤhrten Orten hinlaͤnglich betrachtet haben, ſo wollen wir dieſen Artikel blos auf ſolche Anmerkungen einſchraͤnken, daraus der Kuͤnſtler beurtheilen kann, wo er das Einfache und Plane, und wo er das Verwikelte vorzuͤglich brau- chen ſoll. Es giebt Faͤlle, wo das Gerade und Einfache großes Wolgefallen erwekt, und wo es ſo gar bis zum Entzuͤken gefaͤllt; aber auch ſolche, wo der Man- gel der Verwiklung die Sachen voͤllig gleichguͤltig und langweilig macht. Die einfache Pracht ver- ſchiedener Monumente der alten griechiſchen Bau- kunſt, entzuͤkt das Aug eines Kenners: aber ein Luſtgarten, deſſen Plan und Anordnung wir auf einen Blik ganz uͤberſehen; die Außenſeite eines großen Gebaͤudes, die innere Anordnung einer groſ- ſen Menge der darin befindlichen Zimmer, die we- gen ihrer Einfalt gleich ſo in die Augen fallen, daß man aus einem kleinen Theile die Beſchaffenheit des Ganzen erkennt, ſind voͤllig gleichguͤltige Dinge, bey denen wir ohne merklichen Ueberdruß uns nicht verweilen koͤnnen. Verwiklung ſcheinet uͤberall nothwendig, wo ein Ge- genſtand blos die Vorſtellungskraft eine merkliche Zeit- lang anhaltend beſchaͤftigen ſoll; denn ſie verurſa- chet Nachdenken, Beobachtung, Vergleichung der Dinge, um ihren Zuſammenhang zu faſſen. Jn der Epopoͤe und in dem Drama muß ſo viel Verwiklung ſeyn, als noͤthig iſt, die Aufmerkſam- keit auf den Verlauf der Sachen geſpannt zu halten. Denn wenn auch gleich die ganze Handlung auf Ruͤhrung, oder Erwekung der Empfindung abziehlte, ſo wird dieſer Endzwek doch nur in ſo fern erhalten, als wir den Verlauf der Dinge mit Aufmerkſamkeit beobachten. Wir werden von dem leidenſchaftlichen Zuſtand der handelnden Perſonen nur in ſo fern geruͤhrt, und empfinden, was ſie ſelbſt empfinden nur in ſo fern, als wir uns in ihre Umſtaͤnde ver- ſezen. Dieſes thun wir aber nur, wenn wir alles, was (*) S. Knoten. Aufluſung.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/sulzer_theorie02_1774
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/sulzer_theorie02_1774/662
Zitationshilfe: Sulzer, Johann Georg: Allgemeine Theorie der Schönen Künste. Bd. 2. Leipzig, 1774, S. 1233[1215]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/sulzer_theorie02_1774/662>, abgerufen am 26.05.2019.