Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Suppius, Christoph Eusebius: Oden und Lieder. Gotha, 1749.

Bild:
<< vorherige Seite
Freuden- und Trauer-Oden.


Brockes.

Jhr Winde, still! schweigt, Nachtigallen!
Natur und Himmel, hört mir zu!
Mein Saitenspiel muß laut erschallen,
Der Dichter habe vor euch Ruh;
Zwar sing ich nicht den Gott der Götter,
Mein Lied ist nicht der Herr im Wetter,
Zu Helden hab ich nicht Beruf;
Das konnte Brockes nur erheben,
Das ist der Mann, den sing ich eben,
Der malet, wie der Höchste schuf.
Wie? soll dem so erhabnen Geiste
Ein Lied im höhern Ton entstehn?
Der die Natur so herrlich preiste,
Daß sie itzt noch einmal so schön?
O nein! den künstigen Geschichten
Müßt ihr, ihr Winde! selbst berichten,
Was für Begeistrung mich erregt;
Auch euch sey solches unentfallen,
Jhr Buschsirenen, Nachtigallen!
Wenn euch ein frischer Lenz bewegt.
Mein
T 4
Freuden- und Trauer-Oden.


Brockes.

Jhr Winde, ſtill! ſchweigt, Nachtigallen!
Natur und Himmel, hoͤrt mir zu!
Mein Saitenſpiel muß laut erſchallen,
Der Dichter habe vor euch Ruh;
Zwar ſing ich nicht den Gott der Goͤtter,
Mein Lied iſt nicht der Herr im Wetter,
Zu Helden hab ich nicht Beruf;
Das konnte Brockes nur erheben,
Das iſt der Mann, den ſing ich eben,
Der malet, wie der Hoͤchſte ſchuf.
Wie? ſoll dem ſo erhabnen Geiſte
Ein Lied im hoͤhern Ton entſtehn?
Der die Natur ſo herrlich preiſte,
Daß ſie itzt noch einmal ſo ſchoͤn?
O nein! den kuͤnſtigen Geſchichten
Muͤßt ihr, ihr Winde! ſelbſt berichten,
Was fuͤr Begeiſtrung mich erregt;
Auch euch ſey ſolches unentfallen,
Jhr Buſchſirenen, Nachtigallen!
Wenn euch ein friſcher Lenz bewegt.
Mein
T 4
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0315" n="295"/>
        <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#b">Freuden- und Trauer-Oden.</hi> </fw><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
        <div n="2">
          <lg type="poem">
            <head> <hi rendition="#b"> <hi rendition="#g">Brockes.</hi> </hi> </head><lb/>
            <dateline> <hi rendition="#c">1747.</hi> </dateline><lb/>
            <lg n="1">
              <l><hi rendition="#in">J</hi>hr Winde, &#x017F;till! &#x017F;chweigt, Nachtigallen!</l><lb/>
              <l>Natur und Himmel, ho&#x0364;rt mir zu!</l><lb/>
              <l>Mein Saiten&#x017F;piel muß laut er&#x017F;challen,</l><lb/>
              <l>Der Dichter habe vor euch Ruh;</l><lb/>
              <l>Zwar &#x017F;ing ich nicht den Gott der Go&#x0364;tter,</l><lb/>
              <l>Mein Lied i&#x017F;t nicht der Herr im Wetter,</l><lb/>
              <l>Zu Helden hab ich nicht Beruf;</l><lb/>
              <l>Das konnte Brockes nur erheben,</l><lb/>
              <l>Das i&#x017F;t der Mann, den &#x017F;ing ich eben,</l><lb/>
              <l>Der malet, wie der Ho&#x0364;ch&#x017F;te &#x017F;chuf.</l>
            </lg><lb/>
            <lg n="2">
              <l>Wie? &#x017F;oll dem &#x017F;o erhabnen Gei&#x017F;te</l><lb/>
              <l>Ein Lied im ho&#x0364;hern Ton ent&#x017F;tehn?</l><lb/>
              <l>Der die Natur &#x017F;o herrlich prei&#x017F;te,</l><lb/>
              <l>Daß &#x017F;ie itzt noch einmal &#x017F;o &#x017F;cho&#x0364;n?</l><lb/>
              <l>O nein! den ku&#x0364;n&#x017F;tigen Ge&#x017F;chichten</l><lb/>
              <l>Mu&#x0364;ßt ihr, ihr Winde! &#x017F;elb&#x017F;t berichten,</l><lb/>
              <l>Was fu&#x0364;r Begei&#x017F;trung mich erregt;</l><lb/>
              <l>Auch euch &#x017F;ey &#x017F;olches unentfallen,</l><lb/>
              <l>Jhr Bu&#x017F;ch&#x017F;irenen, Nachtigallen!</l><lb/>
              <l>Wenn euch ein fri&#x017F;cher Lenz bewegt.</l>
            </lg><lb/>
            <fw place="bottom" type="sig">T 4</fw>
            <fw place="bottom" type="catch">Mein</fw><lb/>
          </lg>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[295/0315] Freuden- und Trauer-Oden. Brockes. 1747. Jhr Winde, ſtill! ſchweigt, Nachtigallen! Natur und Himmel, hoͤrt mir zu! Mein Saitenſpiel muß laut erſchallen, Der Dichter habe vor euch Ruh; Zwar ſing ich nicht den Gott der Goͤtter, Mein Lied iſt nicht der Herr im Wetter, Zu Helden hab ich nicht Beruf; Das konnte Brockes nur erheben, Das iſt der Mann, den ſing ich eben, Der malet, wie der Hoͤchſte ſchuf. Wie? ſoll dem ſo erhabnen Geiſte Ein Lied im hoͤhern Ton entſtehn? Der die Natur ſo herrlich preiſte, Daß ſie itzt noch einmal ſo ſchoͤn? O nein! den kuͤnſtigen Geſchichten Muͤßt ihr, ihr Winde! ſelbſt berichten, Was fuͤr Begeiſtrung mich erregt; Auch euch ſey ſolches unentfallen, Jhr Buſchſirenen, Nachtigallen! Wenn euch ein friſcher Lenz bewegt. Mein T 4

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/suppius_oden_1749
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/suppius_oden_1749/315
Zitationshilfe: Suppius, Christoph Eusebius: Oden und Lieder. Gotha, 1749, S. 295. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/suppius_oden_1749/315>, abgerufen am 25.04.2019.