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Tetens, Johann Nicolas: Philosophische Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwickelung. Bd. 2. Leipzig, 1777.

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XIV. Vers. Ueber die Perfektibilität
3.

Die Art, wie die absoluten Seelenvermögen ihr
Maximum erreichen, über welches hinaus sie nicht wach-
sen, läßt sich zwar einsehen aus der Art, wie sie sich
entwickeln; aber es hat dennoch diese Sache ihre
Schwierigkeiten, die es nöthig machen sie etwas deutli-
cher vorzustellen.

Die Größe der absoluten Vermögen hängt von
der Größe der Dispositionen ab, auf gewisse Weise zu
wirken und sich zu äußern. Die Fertigkeiten in ihnen
so hervorzugehen, sind durch die Wiederholung derselbi-
gen Kraftäußerungen entstanden, indem die einzelnen
Handlungen, jede ihre Spur, als eine Nachbildung oder
Vorstellung von sich, zurückließen, und diese sich an-
häuften und zu einer Größe, oder zu einer starken,

reich-
wahr
sungskraft, und machen daher auch große Schritte in
der Kultur des Verstandes, bis zum fünf und zwanzig-
sten Jahr und darüber bis ans dreyßigste. Aber von
diesem Alter an soll auch wiederum der Verstand, wie
der Fleiß, den sie anwenden, ganz merklich abnehmen.
Der genannte scharfsinnige Beobachter ist der Meinung,
diese Abnahme habe mehr ihren Grund in politischen
und moralischen Ursachen, als in einer wahren Schwä-
che der Natur. Dasselbige hatte ein anderer Spanier
Benedictus Freyjoo vor ihm gleichfalls darüber ge-
dacht. Allg. Gesch. der Reisen B. 9. S. 28. Wenn
die erwachsenen Amerikaner nichts haben, was ihren
Fleiß unterhalten, und sie reizen kann ihre Ueberle-
gungskraft anzustrengen, so bleibet diese, da wo sie ist,
und nimmt ab. Kommt nun noch hinzu, was wohl
das wichtigste ist, daß sie sich Ausschweifungen überlas-
sen, die die Nerven schwächen, so ist es kein Wunder,
daß sie bald wieder stumpf werden. Bey einigen ein-
zelnen Personen, wo diese moralischen Ursachen nicht
waren, hat sich auch die Stärke des Verstandes bis ins
Alter erhalten. Hr. Ulloa ist ein Augenzeuge, und
urtheilet mit Scharfsinn. Beides giebt seinen Gedan-
ken ein großes Gewicht. Gleichwohl wenn das auch
XIV. Verſ. Ueber die Perfektibilitaͤt
3.

Die Art, wie die abſoluten Seelenvermoͤgen ihr
Maximum erreichen, uͤber welches hinaus ſie nicht wach-
ſen, laͤßt ſich zwar einſehen aus der Art, wie ſie ſich
entwickeln; aber es hat dennoch dieſe Sache ihre
Schwierigkeiten, die es noͤthig machen ſie etwas deutli-
cher vorzuſtellen.

Die Groͤße der abſoluten Vermoͤgen haͤngt von
der Groͤße der Diſpoſitionen ab, auf gewiſſe Weiſe zu
wirken und ſich zu aͤußern. Die Fertigkeiten in ihnen
ſo hervorzugehen, ſind durch die Wiederholung derſelbi-
gen Kraftaͤußerungen entſtanden, indem die einzelnen
Handlungen, jede ihre Spur, als eine Nachbildung oder
Vorſtellung von ſich, zuruͤckließen, und dieſe ſich an-
haͤuften und zu einer Groͤße, oder zu einer ſtarken,

reich-
wahr
ſungskraft, und machen daher auch große Schritte in
der Kultur des Verſtandes, bis zum fuͤnf und zwanzig-
ſten Jahr und daruͤber bis ans dreyßigſte. Aber von
dieſem Alter an ſoll auch wiederum der Verſtand, wie
der Fleiß, den ſie anwenden, ganz merklich abnehmen.
Der genannte ſcharfſinnige Beobachter iſt der Meinung,
dieſe Abnahme habe mehr ihren Grund in politiſchen
und moraliſchen Urſachen, als in einer wahren Schwaͤ-
che der Natur. Daſſelbige hatte ein anderer Spanier
Benedictus Freyjoo vor ihm gleichfalls daruͤber ge-
dacht. Allg. Geſch. der Reiſen B. 9. S. 28. Wenn
die erwachſenen Amerikaner nichts haben, was ihren
Fleiß unterhalten, und ſie reizen kann ihre Ueberle-
gungskraft anzuſtrengen, ſo bleibet dieſe, da wo ſie iſt,
und nimmt ab. Kommt nun noch hinzu, was wohl
das wichtigſte iſt, daß ſie ſich Ausſchweifungen uͤberlaſ-
ſen, die die Nerven ſchwaͤchen, ſo iſt es kein Wunder,
daß ſie bald wieder ſtumpf werden. Bey einigen ein-
zelnen Perſonen, wo dieſe moraliſchen Urſachen nicht
waren, hat ſich auch die Staͤrke des Verſtandes bis ins
Alter erhalten. Hr. Ulloa iſt ein Augenzeuge, und
urtheilet mit Scharfſinn. Beides giebt ſeinen Gedan-
ken ein großes Gewicht. Gleichwohl wenn das auch
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[714/0744] XIV. Verſ. Ueber die Perfektibilitaͤt 3. Die Art, wie die abſoluten Seelenvermoͤgen ihr Maximum erreichen, uͤber welches hinaus ſie nicht wach- ſen, laͤßt ſich zwar einſehen aus der Art, wie ſie ſich entwickeln; aber es hat dennoch dieſe Sache ihre Schwierigkeiten, die es noͤthig machen ſie etwas deutli- cher vorzuſtellen. Die Groͤße der abſoluten Vermoͤgen haͤngt von der Groͤße der Diſpoſitionen ab, auf gewiſſe Weiſe zu wirken und ſich zu aͤußern. Die Fertigkeiten in ihnen ſo hervorzugehen, ſind durch die Wiederholung derſelbi- gen Kraftaͤußerungen entſtanden, indem die einzelnen Handlungen, jede ihre Spur, als eine Nachbildung oder Vorſtellung von ſich, zuruͤckließen, und dieſe ſich an- haͤuften und zu einer Groͤße, oder zu einer ſtarken, reich- *) wahr *) ſungskraft, und machen daher auch große Schritte in der Kultur des Verſtandes, bis zum fuͤnf und zwanzig- ſten Jahr und daruͤber bis ans dreyßigſte. Aber von dieſem Alter an ſoll auch wiederum der Verſtand, wie der Fleiß, den ſie anwenden, ganz merklich abnehmen. Der genannte ſcharfſinnige Beobachter iſt der Meinung, dieſe Abnahme habe mehr ihren Grund in politiſchen und moraliſchen Urſachen, als in einer wahren Schwaͤ- che der Natur. Daſſelbige hatte ein anderer Spanier Benedictus Freyjoo vor ihm gleichfalls daruͤber ge- dacht. Allg. Geſch. der Reiſen B. 9. S. 28. Wenn die erwachſenen Amerikaner nichts haben, was ihren Fleiß unterhalten, und ſie reizen kann ihre Ueberle- gungskraft anzuſtrengen, ſo bleibet dieſe, da wo ſie iſt, und nimmt ab. Kommt nun noch hinzu, was wohl das wichtigſte iſt, daß ſie ſich Ausſchweifungen uͤberlaſ- ſen, die die Nerven ſchwaͤchen, ſo iſt es kein Wunder, daß ſie bald wieder ſtumpf werden. Bey einigen ein- zelnen Perſonen, wo dieſe moraliſchen Urſachen nicht waren, hat ſich auch die Staͤrke des Verſtandes bis ins Alter erhalten. Hr. Ulloa iſt ein Augenzeuge, und urtheilet mit Scharfſinn. Beides giebt ſeinen Gedan- ken ein großes Gewicht. Gleichwohl wenn das auch

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Zitationshilfe: Tetens, Johann Nicolas: Philosophische Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwickelung. Bd. 2. Leipzig, 1777, S. 714. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/tetens_versuche02_1777/744>, abgerufen am 14.12.2019.