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Thaer, Albrecht: Grundsätze der rationellen Landwirthschaft. Bd. 1. Berlin, 1809.

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Stallfutterungssystem.
§. 388.

9) Endlich hat man gesagt, es werde bei allgemeiner Einführung der Stall-
futterung in einem Lande der Markt mit Fleisch und Fettwaaren überfüllt werden,
und folglich der Preis derselben um so mehr herabsinken, da dieser Markt nie so ausge-
dehnt als der für das Getreide sey. Das zum Behuf der Stallfutterung in die Land-
wirthschaft verwandte höhere Kapital werde folglich geringere oder gar keine Zinsen
tragen, mithin für den Privat- und Nationalreichthum verloren, und der Landwirth-
schaft im Uebrigen oder andern Gewerben entzogen seyn. Selbst der Kapitalwerth
des Grundes und Bodens werde dabei eher verlieren als gewinnen.

Antwort: Ohne mich auf die falsche staatswirthschaftliche Ansicht, aus
welcher dieser Einwurf nur hervorgegangen seyn kann, einzulassen, will ich ihn bloß
in privatwirthschaftlicher Hinsicht beantworten. Der Markt für Fleisch und Butter
ist in den meisten Ländern ausgedehnter, wie der für das Getreide, weil die Verfüh-
rung dieser Waaren in gleichem Werthe minder kostbar ist. Man hat es deshalb in
manchen Gegenden oft vortheilhaft gefunden, das Getreide in Zucht- und Mastvieh
zu verfuttern, weil es sich mit diesem Produkte selbst forttrug. Zwar ist dieses seit
einer Reihe von Jahren der politischen Konjunkturen und der den Bedarf nirgends
übersteigenden Getreideproduktion wegen nicht der Fall gewesen. Aber vormals ge-
schah es im südlichen Deutschlande und in einigen Provinzen Frankreichs. Der leich-
ten transportablen Butter kann es nirgends an Absatz fehlen, wo sie von der gehöri-
gen Güte gemacht wird. In Hollstein, wo seit 15 bis 20 Jahren die Butterproduk-
tion beträchtlich, wie einige behaupten über 1/3 zugenommen hat, ist dennoch ihr Preis
beständig gestiegen, ungeachtet sich zugleich die Ausfuhr derselben aus Mecklenburg
beträchtlich vermehrte. Vor 8 Jahren hatte sich in jenem Lande ein neuer und sehr
vortheilhafter Markt für die Butter in Ostindien eröffnet, wohin sie in kleinen in
Thon eingeschlagenen Gesäßen versandt wurde. Allgemein haben die Preise des Flei-
sches und der Fettwaren, selbst im Verhältnisse gegen das Getreide, zugenommen,
welches daher zu rühren scheint, daß wilde Gegenden, die bisher einzig und allein
durch Viehzucht benutzt wurden, bei vermehrter Bevölkerung mehr urbar gemacht
und zum Getreidebau verwandt werden. Auch kömmt der gestiegene Preis der Wolle
hier in Betracht, deren stärkere Erzeugung zwar durch die Stallfutterung des Rind-

Stallfutterungsſyſtem.
§. 388.

9) Endlich hat man geſagt, es werde bei allgemeiner Einfuͤhrung der Stall-
futterung in einem Lande der Markt mit Fleiſch und Fettwaaren uͤberfuͤllt werden,
und folglich der Preis derſelben um ſo mehr herabſinken, da dieſer Markt nie ſo ausge-
dehnt als der fuͤr das Getreide ſey. Das zum Behuf der Stallfutterung in die Land-
wirthſchaft verwandte hoͤhere Kapital werde folglich geringere oder gar keine Zinſen
tragen, mithin fuͤr den Privat- und Nationalreichthum verloren, und der Landwirth-
ſchaft im Uebrigen oder andern Gewerben entzogen ſeyn. Selbſt der Kapitalwerth
des Grundes und Bodens werde dabei eher verlieren als gewinnen.

Antwort: Ohne mich auf die falſche ſtaatswirthſchaftliche Anſicht, aus
welcher dieſer Einwurf nur hervorgegangen ſeyn kann, einzulaſſen, will ich ihn bloß
in privatwirthſchaftlicher Hinſicht beantworten. Der Markt fuͤr Fleiſch und Butter
iſt in den meiſten Laͤndern ausgedehnter, wie der fuͤr das Getreide, weil die Verfuͤh-
rung dieſer Waaren in gleichem Werthe minder koſtbar iſt. Man hat es deshalb in
manchen Gegenden oft vortheilhaft gefunden, das Getreide in Zucht- und Maſtvieh
zu verfuttern, weil es ſich mit dieſem Produkte ſelbſt forttrug. Zwar iſt dieſes ſeit
einer Reihe von Jahren der politiſchen Konjunkturen und der den Bedarf nirgends
uͤberſteigenden Getreideproduktion wegen nicht der Fall geweſen. Aber vormals ge-
ſchah es im ſuͤdlichen Deutſchlande und in einigen Provinzen Frankreichs. Der leich-
ten transportablen Butter kann es nirgends an Abſatz fehlen, wo ſie von der gehoͤri-
gen Guͤte gemacht wird. In Hollſtein, wo ſeit 15 bis 20 Jahren die Butterproduk-
tion betraͤchtlich, wie einige behaupten uͤber ⅓ zugenommen hat, iſt dennoch ihr Preis
beſtaͤndig geſtiegen, ungeachtet ſich zugleich die Ausfuhr derſelben aus Mecklenburg
betraͤchtlich vermehrte. Vor 8 Jahren hatte ſich in jenem Lande ein neuer und ſehr
vortheilhafter Markt fuͤr die Butter in Oſtindien eroͤffnet, wohin ſie in kleinen in
Thon eingeſchlagenen Geſaͤßen verſandt wurde. Allgemein haben die Preiſe des Flei-
ſches und der Fettwaren, ſelbſt im Verhaͤltniſſe gegen das Getreide, zugenommen,
welches daher zu ruͤhren ſcheint, daß wilde Gegenden, die bisher einzig und allein
durch Viehzucht benutzt wurden, bei vermehrter Bevoͤlkerung mehr urbar gemacht
und zum Getreidebau verwandt werden. Auch koͤmmt der geſtiegene Preis der Wolle
hier in Betracht, deren ſtaͤrkere Erzeugung zwar durch die Stallfutterung des Rind-

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[373/0419] Stallfutterungsſyſtem. §. 388. 9) Endlich hat man geſagt, es werde bei allgemeiner Einfuͤhrung der Stall- futterung in einem Lande der Markt mit Fleiſch und Fettwaaren uͤberfuͤllt werden, und folglich der Preis derſelben um ſo mehr herabſinken, da dieſer Markt nie ſo ausge- dehnt als der fuͤr das Getreide ſey. Das zum Behuf der Stallfutterung in die Land- wirthſchaft verwandte hoͤhere Kapital werde folglich geringere oder gar keine Zinſen tragen, mithin fuͤr den Privat- und Nationalreichthum verloren, und der Landwirth- ſchaft im Uebrigen oder andern Gewerben entzogen ſeyn. Selbſt der Kapitalwerth des Grundes und Bodens werde dabei eher verlieren als gewinnen. Antwort: Ohne mich auf die falſche ſtaatswirthſchaftliche Anſicht, aus welcher dieſer Einwurf nur hervorgegangen ſeyn kann, einzulaſſen, will ich ihn bloß in privatwirthſchaftlicher Hinſicht beantworten. Der Markt fuͤr Fleiſch und Butter iſt in den meiſten Laͤndern ausgedehnter, wie der fuͤr das Getreide, weil die Verfuͤh- rung dieſer Waaren in gleichem Werthe minder koſtbar iſt. Man hat es deshalb in manchen Gegenden oft vortheilhaft gefunden, das Getreide in Zucht- und Maſtvieh zu verfuttern, weil es ſich mit dieſem Produkte ſelbſt forttrug. Zwar iſt dieſes ſeit einer Reihe von Jahren der politiſchen Konjunkturen und der den Bedarf nirgends uͤberſteigenden Getreideproduktion wegen nicht der Fall geweſen. Aber vormals ge- ſchah es im ſuͤdlichen Deutſchlande und in einigen Provinzen Frankreichs. Der leich- ten transportablen Butter kann es nirgends an Abſatz fehlen, wo ſie von der gehoͤri- gen Guͤte gemacht wird. In Hollſtein, wo ſeit 15 bis 20 Jahren die Butterproduk- tion betraͤchtlich, wie einige behaupten uͤber ⅓ zugenommen hat, iſt dennoch ihr Preis beſtaͤndig geſtiegen, ungeachtet ſich zugleich die Ausfuhr derſelben aus Mecklenburg betraͤchtlich vermehrte. Vor 8 Jahren hatte ſich in jenem Lande ein neuer und ſehr vortheilhafter Markt fuͤr die Butter in Oſtindien eroͤffnet, wohin ſie in kleinen in Thon eingeſchlagenen Geſaͤßen verſandt wurde. Allgemein haben die Preiſe des Flei- ſches und der Fettwaren, ſelbſt im Verhaͤltniſſe gegen das Getreide, zugenommen, welches daher zu ruͤhren ſcheint, daß wilde Gegenden, die bisher einzig und allein durch Viehzucht benutzt wurden, bei vermehrter Bevoͤlkerung mehr urbar gemacht und zum Getreidebau verwandt werden. Auch koͤmmt der geſtiegene Preis der Wolle hier in Betracht, deren ſtaͤrkere Erzeugung zwar durch die Stallfutterung des Rind-

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Zitationshilfe: Thaer, Albrecht: Grundsätze der rationellen Landwirthschaft. Bd. 1. Berlin, 1809, S. 373. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/thaer_landwirthschaft01_1809/419>, abgerufen am 18.07.2019.