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Thaer, Albrecht: Grundsätze der rationellen Landwirthschaft. Bd. 4. Berlin, 1812.

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Die Schaafzucht.

Hammel, die zu eigener Mastung aufgezogen werden sollen, müssen als
Lämmer und Jährlinge so gehalten werden, daß sie ihre volle Größe und Stärke
erreichen. Die bessere Gattung unserer Landschaafe kann bei reichlicher Nahrung
zu einer sonst ungewöhnlichen Stärke und Schwere gebracht werden, wie die
manchmal einzeln gehaltenen sogenannten Stallhammel beweisen. Nach dem er-
sten Jahre können sie dann bis zur Mastzeit spärlicher gehalten werden. Kauft
man Hammel zu bloßen Fettschäfereien, so hängt der vortheilhafte Erfolg haupt-
sächlich von der Auswahl und dem Preise des mageren Viehes ab. Im Durch-
schnitt wird man sich aber bei den stärksten, die man erhalten kann, am besten
stehen, wenn sie auch theurer bezahlt werden.

§. 127.

Bei größeren Schäfereien ist ein Schaafmeister nöthig, welcher die Auf-Die Schäfer.
sicht über das Ganze führt, dem man mehrentheils einen Antheil an dem Er-
trage zugesteht und für alles verantwortlich macht. Unter ihm stehen die Meister
oder Schaafknechte, welche die Mutterschaafe besorgen, der Hammelknecht, der
Jährlingsknecht und der Lämmerknecht oder Junge.

Das Schäferhandwerk ist gewissermaaßen nicht nur zunftmäßig, sondern auch
häufig erblich. Es entsteht bei den Söhnen der Schäfer eine besondere Liebe
für die Schaafe von Kindheit auf; sie schärfen ihr Auge und gewöhnen sich früh
körperlich an die Lebensart eines Schäfers, mehrentheils so sehr, daß sie zu je-
dem anderen Geschäfte untauglich werden. Ein guter Schäfer dieser Art hat al-
lerdings Vorzüge vor andern, die sich erst später der Schaafzucht widmen und
ihren Blick bei der Beobachtung der Schaafe erst üben müssen. Es ist nur
schlimm, daß sich unter ihnen Vorurtheile und Aberglauben eben so sehr ver-
erben, und daß sie eingeprägten Meinungen, selbst bei sinnlicher Ueberzeugung
vom Gegentheile, nicht entsagen können. Auch herrscht ein gewisser Zunftgeist
unter ihnen, der sie oftmals zum Nachtheil und zum Betruge ihrer Lohnherrn
vereinigt. Ein Mann, welcher die guten Eigenschaften eines sogenannten gelern-
ten oder zunftmäßigen Schäfers besitzt, sich aber von den Vorurtheilen und die-
sem unrechtlichen Zunftgeiste frei gemacht hat, ist daher sehr schätzbar, insbe-
sondere wenn ein Landwirth nicht selbst die genaueste Aufsicht über die Schäfe-
rei führen und seinen Schäfer in allen und jeden Stücken anleiten kann.


Vierter Theil. H h h
Die Schaafzucht.

Hammel, die zu eigener Maſtung aufgezogen werden ſollen, muͤſſen als
Laͤmmer und Jaͤhrlinge ſo gehalten werden, daß ſie ihre volle Groͤße und Staͤrke
erreichen. Die beſſere Gattung unſerer Landſchaafe kann bei reichlicher Nahrung
zu einer ſonſt ungewoͤhnlichen Staͤrke und Schwere gebracht werden, wie die
manchmal einzeln gehaltenen ſogenannten Stallhammel beweiſen. Nach dem er-
ſten Jahre koͤnnen ſie dann bis zur Maſtzeit ſpaͤrlicher gehalten werden. Kauft
man Hammel zu bloßen Fettſchaͤfereien, ſo haͤngt der vortheilhafte Erfolg haupt-
ſaͤchlich von der Auswahl und dem Preiſe des mageren Viehes ab. Im Durch-
ſchnitt wird man ſich aber bei den ſtaͤrkſten, die man erhalten kann, am beſten
ſtehen, wenn ſie auch theurer bezahlt werden.

§. 127.

Bei groͤßeren Schaͤfereien iſt ein Schaafmeiſter noͤthig, welcher die Auf-Die Schaͤfer.
ſicht uͤber das Ganze fuͤhrt, dem man mehrentheils einen Antheil an dem Er-
trage zugeſteht und fuͤr alles verantwortlich macht. Unter ihm ſtehen die Meiſter
oder Schaafknechte, welche die Mutterſchaafe beſorgen, der Hammelknecht, der
Jaͤhrlingsknecht und der Laͤmmerknecht oder Junge.

Das Schaͤferhandwerk iſt gewiſſermaaßen nicht nur zunftmaͤßig, ſondern auch
haͤufig erblich. Es entſteht bei den Soͤhnen der Schaͤfer eine beſondere Liebe
fuͤr die Schaafe von Kindheit auf; ſie ſchaͤrfen ihr Auge und gewoͤhnen ſich fruͤh
koͤrperlich an die Lebensart eines Schaͤfers, mehrentheils ſo ſehr, daß ſie zu je-
dem anderen Geſchaͤfte untauglich werden. Ein guter Schaͤfer dieſer Art hat al-
lerdings Vorzuͤge vor andern, die ſich erſt ſpaͤter der Schaafzucht widmen und
ihren Blick bei der Beobachtung der Schaafe erſt uͤben muͤſſen. Es iſt nur
ſchlimm, daß ſich unter ihnen Vorurtheile und Aberglauben eben ſo ſehr ver-
erben, und daß ſie eingepraͤgten Meinungen, ſelbſt bei ſinnlicher Ueberzeugung
vom Gegentheile, nicht entſagen koͤnnen. Auch herrſcht ein gewiſſer Zunftgeiſt
unter ihnen, der ſie oftmals zum Nachtheil und zum Betruge ihrer Lohnherrn
vereinigt. Ein Mann, welcher die guten Eigenſchaften eines ſogenannten gelern-
ten oder zunftmaͤßigen Schaͤfers beſitzt, ſich aber von den Vorurtheilen und die-
ſem unrechtlichen Zunftgeiſte frei gemacht hat, iſt daher ſehr ſchaͤtzbar, insbe-
ſondere wenn ein Landwirth nicht ſelbſt die genaueſte Aufſicht uͤber die Schaͤfe-
rei fuͤhren und ſeinen Schaͤfer in allen und jeden Stuͤcken anleiten kann.


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[425/0449] Die Schaafzucht. Hammel, die zu eigener Maſtung aufgezogen werden ſollen, muͤſſen als Laͤmmer und Jaͤhrlinge ſo gehalten werden, daß ſie ihre volle Groͤße und Staͤrke erreichen. Die beſſere Gattung unſerer Landſchaafe kann bei reichlicher Nahrung zu einer ſonſt ungewoͤhnlichen Staͤrke und Schwere gebracht werden, wie die manchmal einzeln gehaltenen ſogenannten Stallhammel beweiſen. Nach dem er- ſten Jahre koͤnnen ſie dann bis zur Maſtzeit ſpaͤrlicher gehalten werden. Kauft man Hammel zu bloßen Fettſchaͤfereien, ſo haͤngt der vortheilhafte Erfolg haupt- ſaͤchlich von der Auswahl und dem Preiſe des mageren Viehes ab. Im Durch- ſchnitt wird man ſich aber bei den ſtaͤrkſten, die man erhalten kann, am beſten ſtehen, wenn ſie auch theurer bezahlt werden. §. 127. Bei groͤßeren Schaͤfereien iſt ein Schaafmeiſter noͤthig, welcher die Auf- ſicht uͤber das Ganze fuͤhrt, dem man mehrentheils einen Antheil an dem Er- trage zugeſteht und fuͤr alles verantwortlich macht. Unter ihm ſtehen die Meiſter oder Schaafknechte, welche die Mutterſchaafe beſorgen, der Hammelknecht, der Jaͤhrlingsknecht und der Laͤmmerknecht oder Junge. Die Schaͤfer. Das Schaͤferhandwerk iſt gewiſſermaaßen nicht nur zunftmaͤßig, ſondern auch haͤufig erblich. Es entſteht bei den Soͤhnen der Schaͤfer eine beſondere Liebe fuͤr die Schaafe von Kindheit auf; ſie ſchaͤrfen ihr Auge und gewoͤhnen ſich fruͤh koͤrperlich an die Lebensart eines Schaͤfers, mehrentheils ſo ſehr, daß ſie zu je- dem anderen Geſchaͤfte untauglich werden. Ein guter Schaͤfer dieſer Art hat al- lerdings Vorzuͤge vor andern, die ſich erſt ſpaͤter der Schaafzucht widmen und ihren Blick bei der Beobachtung der Schaafe erſt uͤben muͤſſen. Es iſt nur ſchlimm, daß ſich unter ihnen Vorurtheile und Aberglauben eben ſo ſehr ver- erben, und daß ſie eingepraͤgten Meinungen, ſelbſt bei ſinnlicher Ueberzeugung vom Gegentheile, nicht entſagen koͤnnen. Auch herrſcht ein gewiſſer Zunftgeiſt unter ihnen, der ſie oftmals zum Nachtheil und zum Betruge ihrer Lohnherrn vereinigt. Ein Mann, welcher die guten Eigenſchaften eines ſogenannten gelern- ten oder zunftmaͤßigen Schaͤfers beſitzt, ſich aber von den Vorurtheilen und die- ſem unrechtlichen Zunftgeiſte frei gemacht hat, iſt daher ſehr ſchaͤtzbar, insbe- ſondere wenn ein Landwirth nicht ſelbſt die genaueſte Aufſicht uͤber die Schaͤfe- rei fuͤhren und ſeinen Schaͤfer in allen und jeden Stuͤcken anleiten kann. Vierter Theil. H h h

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Zitationshilfe: Thaer, Albrecht: Grundsätze der rationellen Landwirthschaft. Bd. 4. Berlin, 1812, S. 425. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/thaer_landwirthschaft04_1812/449>, abgerufen am 18.03.2019.