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Thomasius, Christian: Von der Kunst Vernünfftig und Tugendhafft zu lieben. Halle (Saale), 1692.

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Liebe anderer Menschen überhaupt.
seyn/ oder man wird dadurch nichts anders als
einen Mangel einer eigentlich so genanten
Liebe
andeuten.

11.

Es ist aber die Vereinigung/ die der
menschliche Wille in der Liebe intendiret/ nach
Unterschied derer Dinge die geliebet werden/
auch ihrer Bedeutung nach schr unterschieden.
Wir wollen wieder von der Liebe anderen Men-
schen als der eigentlichsten und deutlichsten an-
fangen/ und hernach die Liebe gegen GOtt und
andern Creaturen mit derselben gegeneinander
halten.

12.

So bestehet demnach die Vereinigung
die die Liebe des Menschen nach der natürlichen
Erkäntniß bey andern Menschen intendiren
soll/ darinnen/ daß/ weil andere Menschen glei-
ches Wesens mit ihm sind/ er auch sein Wesen/
daß ist/ seine Seele/ fürnehmlich aber seinen
Willen mit denen ihrigen dergestalt vereinige/
daß aleichsam ein Wille daraus werde/ und kei-
ner über den andern sich einer Botmäßig-
keit anmasse/
sondern beyde Wechselsweise
aus freyen Willen dasjenige wollen/ was das
andere wil.

13.

Eine andere Vereinigung aber ist die-
ienige/ die man gegen andere geringere Ge-
schöpffe
haben sol. Sie haben weder Ver-
stand noch Willen/ und also können wir un-
sere Seelen nicht mit ihnen vereinigen. Sie
können uns für sich nicht gutes thun/ weil sie es

nicht
L

Liebe anderer Menſchen uͤberhaupt.
ſeyn/ oder man wird dadurch nichts anders als
einen Mangel einer eigentlich ſo genanten
Liebe
andeuten.

11.

Es iſt aber die Vereinigung/ die der
menſchliche Wille in der Liebe intendiret/ nach
Unterſchied derer Dinge die geliebet werden/
auch ihrer Bedeutung nach ſchr unterſchieden.
Wir wollen wieder von der Liebe anderen Men-
ſchen als der eigentlichſten und deutlichſten an-
fangen/ und hernach die Liebe gegen GOtt und
andern Creaturen mit derſelben gegeneinander
halten.

12.

So beſtehet demnach die Vereinigung
die die Liebe des Menſchen nach der natuͤrlichen
Erkaͤntniß bey andern Menſchen intendiren
ſoll/ darinnen/ daß/ weil andere Menſchen glei-
ches Weſens mit ihm ſind/ er auch ſein Weſen/
daß iſt/ ſeine Seele/ fuͤrnehmlich aber ſeinen
Willen mit denen ihrigen dergeſtalt vereinige/
daß aleichſam ein Wille daraus werde/ und kei-
ner uͤber den andern ſich einer Botmaͤßig-
keit anmaſſe/
ſondern beyde Wechſelsweiſe
aus freyen Willen dasjenige wollen/ was das
andere wil.

13.

Eine andere Vereinigung aber iſt die-
ienige/ die man gegen andere geringere Ge-
ſchoͤpffe
haben ſol. Sie haben weder Ver-
ſtand noch Willen/ und alſo koͤnnen wir un-
ſere Seelen nicht mit ihnen vereinigen. Sie
koͤnnen uns fuͤr ſich nicht gutes thun/ weil ſie es

nicht
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[161/0193] Liebe anderer Menſchen uͤberhaupt. ſeyn/ oder man wird dadurch nichts anders als einen Mangel einer eigentlich ſo genanten Liebe andeuten. 11. Es iſt aber die Vereinigung/ die der menſchliche Wille in der Liebe intendiret/ nach Unterſchied derer Dinge die geliebet werden/ auch ihrer Bedeutung nach ſchr unterſchieden. Wir wollen wieder von der Liebe anderen Men- ſchen als der eigentlichſten und deutlichſten an- fangen/ und hernach die Liebe gegen GOtt und andern Creaturen mit derſelben gegeneinander halten. 12. So beſtehet demnach die Vereinigung die die Liebe des Menſchen nach der natuͤrlichen Erkaͤntniß bey andern Menſchen intendiren ſoll/ darinnen/ daß/ weil andere Menſchen glei- ches Weſens mit ihm ſind/ er auch ſein Weſen/ daß iſt/ ſeine Seele/ fuͤrnehmlich aber ſeinen Willen mit denen ihrigen dergeſtalt vereinige/ daß aleichſam ein Wille daraus werde/ und kei- ner uͤber den andern ſich einer Botmaͤßig- keit anmaſſe/ ſondern beyde Wechſelsweiſe aus freyen Willen dasjenige wollen/ was das andere wil. 13. Eine andere Vereinigung aber iſt die- ienige/ die man gegen andere geringere Ge- ſchoͤpffe haben ſol. Sie haben weder Ver- ſtand noch Willen/ und alſo koͤnnen wir un- ſere Seelen nicht mit ihnen vereinigen. Sie koͤnnen uns fuͤr ſich nicht gutes thun/ weil ſie es nicht L

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Zitationshilfe: Thomasius, Christian: Von der Kunst Vernünfftig und Tugendhafft zu lieben. Halle (Saale), 1692, S. 161. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/thomasius_einleitungsittenlehre_1692/193>, abgerufen am 20.04.2019.