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Thomasius, Christian: Von der Kunst Vernünfftig und Tugendhafft zu lieben. Halle (Saale), 1692.

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Liebe aller Menschen.
nöthiget sind/ oder (7) die Gemeinschafft im Han-
del und Wandel/ oder (8) die freye Heyrath ver-
saget? worvon wir auch allbereit anderswo un-
sere Meinung etwas ausführlicher von uns ge-
schrieben.

33.

Vor jetzo wollen wir nur noch diese An-
merckung beyfügen/ daß gleichwohl etliche/ wie
wohl gar rare Fälle entstehen können/ in welchen
ein Mensch auch durch Zwang-Mittel dahin
gehalten werden kan/ daß er die allgemeinen Lie-
bes-Bezeigungen anderen Menschen erweise/
wenn nemlich folgende Umstände vorhanden
sind. (1) Wenn des andern seine Bedürffniß
so groß
ist/ daß er ohne Leistung dieser Leutselig-
keit verderben würde/ (2) daß er dieselbe von kei-
nem andern Menschen/ so wohl als von uns zu
hoffen hat/ und (3) daß wir nicht in gleicher
Noth
mit ihm stecken.

34.

Z. e. Wenn zwey Menschen die einander
nichts anders als wegen der allgemeinen mensch-
lichen Natur verwand sind/ durch Unglück an ei-
nen wüsten Orth verschmissen werden/ und einer
davon von seinem eigenen Gute so viel aus dem
Schiffbruch rettet/ dadurch er so wohl sein eigen
als des andern sein Leben erhalten kan.

35.

Lasset uns dannenhero nunmehro zur
Warhafftigkeit als der andern Tugend der
allgemeinen Liebe wenden. Durch die Wahr-
hafftigkeit verstehe ich allhier diejenige Tugend/
nach welcher wir schuldig sind das Verspre-

chen
O 3

Liebe aller Menſchen.
noͤthiget ſind/ oder (7) die Gemeinſchafft im Han-
del und Wandel/ oder (8) die freye Heyrath ver-
ſaget? worvon wir auch allbereit anderswo un-
ſere Meinung etwas ausfuͤhrlicher von uns ge-
ſchrieben.

33.

Vor jetzo wollen wir nur noch dieſe An-
merckung beyfuͤgen/ daß gleichwohl etliche/ wie
wohl gar rare Faͤlle entſtehen koͤnnen/ in welchen
ein Menſch auch durch Zwang-Mittel dahin
gehalten werden kan/ daß er die allgemeinen Lie-
bes-Bezeigungen anderen Menſchen erweiſe/
wenn nemlich folgende Umſtaͤnde vorhanden
ſind. (1) Wenn des andern ſeine Beduͤrffniß
ſo groß
iſt/ daß er ohne Leiſtung dieſer Leutſelig-
keit verderben wuͤrde/ (2) daß er dieſelbe von kei-
nem andern Menſchen/ ſo wohl als von uns zu
hoffen hat/ und (3) daß wir nicht in gleicher
Noth
mit ihm ſtecken.

34.

Z. e. Wenn zwey Menſchen die einander
nichts anders als wegen der allgemeinen menſch-
lichen Natur verwand ſind/ durch Ungluͤck an ei-
nen wuͤſten Orth verſchmiſſen werden/ und einer
davon von ſeinem eigenen Gute ſo viel aus dem
Schiffbruch rettet/ dadurch er ſo wohl ſein eigen
als des andern ſein Leben erhalten kan.

35.

Laſſet uns dannenhero nunmehro zur
Warhafftigkeit als der andern Tugend der
allgemeinen Liebe wenden. Durch die Wahr-
hafftigkeit verſtehe ich allhier diejenige Tugend/
nach welcher wir ſchuldig ſind das Verſpre-

chen
O 3
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[115[113]/0245] Liebe aller Menſchen. noͤthiget ſind/ oder (7) die Gemeinſchafft im Han- del und Wandel/ oder (8) die freye Heyrath ver- ſaget? worvon wir auch allbereit anderswo un- ſere Meinung etwas ausfuͤhrlicher von uns ge- ſchrieben. 33. Vor jetzo wollen wir nur noch dieſe An- merckung beyfuͤgen/ daß gleichwohl etliche/ wie wohl gar rare Faͤlle entſtehen koͤnnen/ in welchen ein Menſch auch durch Zwang-Mittel dahin gehalten werden kan/ daß er die allgemeinen Lie- bes-Bezeigungen anderen Menſchen erweiſe/ wenn nemlich folgende Umſtaͤnde vorhanden ſind. (1) Wenn des andern ſeine Beduͤrffniß ſo groß iſt/ daß er ohne Leiſtung dieſer Leutſelig- keit verderben wuͤrde/ (2) daß er dieſelbe von kei- nem andern Menſchen/ ſo wohl als von uns zu hoffen hat/ und (3) daß wir nicht in gleicher Noth mit ihm ſtecken. 34. Z. e. Wenn zwey Menſchen die einander nichts anders als wegen der allgemeinen menſch- lichen Natur verwand ſind/ durch Ungluͤck an ei- nen wuͤſten Orth verſchmiſſen werden/ und einer davon von ſeinem eigenen Gute ſo viel aus dem Schiffbruch rettet/ dadurch er ſo wohl ſein eigen als des andern ſein Leben erhalten kan. 35. Laſſet uns dannenhero nunmehro zur Warhafftigkeit als der andern Tugend der allgemeinen Liebe wenden. Durch die Wahr- hafftigkeit verſtehe ich allhier diejenige Tugend/ nach welcher wir ſchuldig ſind das Verſpre- chen O 3

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Zitationshilfe: Thomasius, Christian: Von der Kunst Vernünfftig und Tugendhafft zu lieben. Halle (Saale), 1692, S. 115[113]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/thomasius_einleitungsittenlehre_1692/245>, abgerufen am 21.04.2019.