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Thomasius, Christian: Von der Kunst Vernünfftig und Tugendhafft zu lieben. Halle (Saale), 1692.

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Das 6. Hauptst. von der absonderlichen
dem Eigenthum oder der Gemeinschafft der
Güter schon von sich selbst geben.

98.

Gleichwie nun die vollkommene Liebe
alle Güter gemein machet/ also entstehet auch
daraus eine Gemeinschafft alles vernünffti-
gen Thun und Lassens.
Nemlich daß so dann
ein Freund nicht mehr dem andern wie bey der
Gutthätigkeit/ ihme durch sein Thun und Las-
sen einen Gefallen zu erweisen ersuchet/ und
gleichsam bittet/ und hernach über die erwiesene
Gutthat ein sonderliches Vergnügen empfindet/
das darinnen bestehet/ daß er durch diese geleiste-
te Gutthat seines Freundes immer mehr und
mehr versichert wird; sondern daß er den an-
dern mit der grösten Zuversicht gleichsam
anweiset/ wie und auff was Weise er wolle/
daß ihm dieser helffen/ und ihme etwas zu-
gefallen thun solle/
auch hernach darüber kei-
ne neue Freudens-Bewegung empfindet/ son-
dern weil er zuvorhero gesehen/ daß das Wesen
der Liebe ihm diese Freyheit gebe/ und sein
Freund sich des begehrten ohnmöglich weder
entbrechen werde noch solle/ in seiner vorigen
Ruhe einmahl wie das andere bleibet.

99.

Jedoch ist dieses nur eine Gemeinschafft/
nicht aber eine Herrschafft/
weil der eine Freund
gleicher massen von dem andern eben das gewär-
tig ist/ und demselben eben dieses gestattet/ wessen
er sich gegen ihm bedienet. Und also siehest du/
daß zwar bey der Gutthätigkeit nicht eben eine

un-

Das 6. Hauptſt. von der abſonderlichen
dem Eigenthum oder der Gemeinſchafft der
Guͤter ſchon von ſich ſelbſt geben.

98.

Gleichwie nun die vollkommene Liebe
alle Guͤter gemein machet/ alſo entſtehet auch
daraus eine Gemeinſchafft alles vernuͤnffti-
gen Thun und Laſſens.
Nemlich daß ſo dann
ein Freund nicht mehr dem andern wie bey der
Gutthaͤtigkeit/ ihme durch ſein Thun und Laſ-
ſen einen Gefallen zu erweiſen erſuchet/ und
gleichſam bittet/ und hernach uͤber die erwieſene
Gutthat ein ſonderliches Vergnuͤgen empfindet/
das darinnen beſtehet/ daß er durch dieſe geleiſte-
te Gutthat ſeines Freundes immer mehr und
mehr verſichert wird; ſondern daß er den an-
dern mit der groͤſten Zuverſicht gleichſam
anweiſet/ wie und auff was Weiſe er wolle/
daß ihm dieſer helffen/ und ihme etwas zu-
gefallen thun ſolle/
auch hernach daruͤber kei-
ne neue Freudens-Bewegung empfindet/ ſon-
dern weil er zuvorhero geſehen/ daß das Weſen
der Liebe ihm dieſe Freyheit gebe/ und ſein
Freund ſich des begehrten ohnmoͤglich weder
entbrechen werde noch ſolle/ in ſeiner vorigen
Ruhe einmahl wie das andere bleibet.

99.

Jedoch iſt dieſes nur eine Gemeinſchafft/
nicht aber eine Herrſchafft/
weil der eine Freund
gleicher maſſen von dem andern eben das gewaͤr-
tig iſt/ und demſelben eben dieſes geſtattet/ weſſen
er ſich gegen ihm bedienet. Und alſo ſieheſt du/
daß zwar bey der Gutthaͤtigkeit nicht eben eine

un-
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[310[306]/0338] Das 6. Hauptſt. von der abſonderlichen dem Eigenthum oder der Gemeinſchafft der Guͤter ſchon von ſich ſelbſt geben. 98. Gleichwie nun die vollkommene Liebe alle Guͤter gemein machet/ alſo entſtehet auch daraus eine Gemeinſchafft alles vernuͤnffti- gen Thun und Laſſens. Nemlich daß ſo dann ein Freund nicht mehr dem andern wie bey der Gutthaͤtigkeit/ ihme durch ſein Thun und Laſ- ſen einen Gefallen zu erweiſen erſuchet/ und gleichſam bittet/ und hernach uͤber die erwieſene Gutthat ein ſonderliches Vergnuͤgen empfindet/ das darinnen beſtehet/ daß er durch dieſe geleiſte- te Gutthat ſeines Freundes immer mehr und mehr verſichert wird; ſondern daß er den an- dern mit der groͤſten Zuverſicht gleichſam anweiſet/ wie und auff was Weiſe er wolle/ daß ihm dieſer helffen/ und ihme etwas zu- gefallen thun ſolle/ auch hernach daruͤber kei- ne neue Freudens-Bewegung empfindet/ ſon- dern weil er zuvorhero geſehen/ daß das Weſen der Liebe ihm dieſe Freyheit gebe/ und ſein Freund ſich des begehrten ohnmoͤglich weder entbrechen werde noch ſolle/ in ſeiner vorigen Ruhe einmahl wie das andere bleibet. 99. Jedoch iſt dieſes nur eine Gemeinſchafft/ nicht aber eine Herrſchafft/ weil der eine Freund gleicher maſſen von dem andern eben das gewaͤr- tig iſt/ und demſelben eben dieſes geſtattet/ weſſen er ſich gegen ihm bedienet. Und alſo ſieheſt du/ daß zwar bey der Gutthaͤtigkeit nicht eben eine un-

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Zitationshilfe: Thomasius, Christian: Von der Kunst Vernünfftig und Tugendhafft zu lieben. Halle (Saale), 1692, S. 310[306]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/thomasius_einleitungsittenlehre_1692/338>, abgerufen am 18.04.2019.