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Thomasius, Christian: Von der Kunst Vernünfftig und Tugendhafft zu lieben. Halle (Saale), 1692.

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Das 8. H. von der vernünfftigen
14.

Jn der ersten Betrachtung weiset die
Liebe anderer Menschen uns an/ daß es nicht
genung sey/ das Leben zu erhalten/ so ferne dassel-
bige nur bloß auf die Machine des menschlichen
Cörpers gehet/ sondern in dem diese Erhaltung
der Liebe anderer Menschen zu gut geschehen sol-
le/ verstehet sichs von sich selbsten/ daß zuförderst
die Seele auch dergestalt von aller Unwissenheit
und Thorheit/ ingleichen von allen bösen/ und die
Liebe hindernden Zuneigungen gesaubert werden
müsse/ ob gleich dieselbige an und vor sich selbst
so beschaffen wären/ daß dadurch unser Leben
nicht verkürtzet würde/ sondern wir wohl in diesen
Thorheiten und Zuneigungen unser Leben als
wie ein Vieh viel lange Jahre solten zubringen
können.

15.

Nächst diesen soll auch die Liebe gegen
uns selbst der Liebe gegen andere Menschen
weichen/
weil wir in Beschreibung der abson-
derlichen Liebe zum öfftern erwehnet haben/ daß
uns dieselbe antreibe/ unser Leben vor die Per-
son/ die wir vernünfftig lieben/ zu lassen. Und
wenn dannenhero durch Unterlassung dessen/
was wir oben n. 6. zu Erhaltung des Lebens er-
fordert/ das Leben der Person die wir lieben/ er-
halten werden könte; So weiset die gesunde
Vernunfft/ daß wir so dann solches vielmehr zu
unterlassen/ als zu thun schuldig seyn/ wiewohl
wir nicht leichte absehen können/ in was für einem
Fall durch Unterlassung obbesagter Dinge eines

andern
Das 8. H. von der vernuͤnfftigen
14.

Jn der erſten Betrachtung weiſet die
Liebe anderer Menſchen uns an/ daß es nicht
genung ſey/ das Leben zu erhalten/ ſo ferne daſſel-
bige nur bloß auf die Machine des menſchlichen
Coͤrpers gehet/ ſondern in dem dieſe Erhaltung
der Liebe anderer Menſchen zu gut geſchehen ſol-
le/ verſtehet ſichs von ſich ſelbſten/ daß zufoͤrderſt
die Seele auch dergeſtalt von aller Unwiſſenheit
und Thorheit/ ingleichen von allen boͤſen/ und die
Liebe hindernden Zuneigungen geſaubert werden
muͤſſe/ ob gleich dieſelbige an und vor ſich ſelbſt
ſo beſchaffen waͤren/ daß dadurch unſer Leben
nicht verkuͤrtzet wuͤrde/ ſondern wir wohl in dieſen
Thorheiten und Zuneigungen unſer Leben als
wie ein Vieh viel lange Jahre ſolten zubringen
koͤnnen.

15.

Naͤchſt dieſen ſoll auch die Liebe gegen
uns ſelbſt der Liebe gegen andere Menſchen
weichen/
weil wir in Beſchreibung der abſon-
derlichen Liebe zum oͤfftern erwehnet haben/ daß
uns dieſelbe antreibe/ unſer Leben vor die Per-
ſon/ die wir vernuͤnfftig lieben/ zu laſſen. Und
wenn dannenhero durch Unterlaſſung deſſen/
was wir oben n. 6. zu Erhaltung des Lebens er-
fordert/ das Leben der Perſon die wir lieben/ er-
halten werden koͤnte; So weiſet die geſunde
Vernunfft/ daß wir ſo dann ſolches vielmehr zu
unterlaſſen/ als zu thun ſchuldig ſeyn/ wiewohl
wir nicht leichte abſehen koͤnnen/ in was fuͤr einem
Fall durch Unterlaſſung obbeſagter Dinge eines

andern
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[344[340]/0372] Das 8. H. von der vernuͤnfftigen 14. Jn der erſten Betrachtung weiſet die Liebe anderer Menſchen uns an/ daß es nicht genung ſey/ das Leben zu erhalten/ ſo ferne daſſel- bige nur bloß auf die Machine des menſchlichen Coͤrpers gehet/ ſondern in dem dieſe Erhaltung der Liebe anderer Menſchen zu gut geſchehen ſol- le/ verſtehet ſichs von ſich ſelbſten/ daß zufoͤrderſt die Seele auch dergeſtalt von aller Unwiſſenheit und Thorheit/ ingleichen von allen boͤſen/ und die Liebe hindernden Zuneigungen geſaubert werden muͤſſe/ ob gleich dieſelbige an und vor ſich ſelbſt ſo beſchaffen waͤren/ daß dadurch unſer Leben nicht verkuͤrtzet wuͤrde/ ſondern wir wohl in dieſen Thorheiten und Zuneigungen unſer Leben als wie ein Vieh viel lange Jahre ſolten zubringen koͤnnen. 15. Naͤchſt dieſen ſoll auch die Liebe gegen uns ſelbſt der Liebe gegen andere Menſchen weichen/ weil wir in Beſchreibung der abſon- derlichen Liebe zum oͤfftern erwehnet haben/ daß uns dieſelbe antreibe/ unſer Leben vor die Per- ſon/ die wir vernuͤnfftig lieben/ zu laſſen. Und wenn dannenhero durch Unterlaſſung deſſen/ was wir oben n. 6. zu Erhaltung des Lebens er- fordert/ das Leben der Perſon die wir lieben/ er- halten werden koͤnte; So weiſet die geſunde Vernunfft/ daß wir ſo dann ſolches vielmehr zu unterlaſſen/ als zu thun ſchuldig ſeyn/ wiewohl wir nicht leichte abſehen koͤnnen/ in was fuͤr einem Fall durch Unterlaſſung obbeſagter Dinge eines andern

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Zitationshilfe: Thomasius, Christian: Von der Kunst Vernünfftig und Tugendhafft zu lieben. Halle (Saale), 1692, S. 344[340]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/thomasius_einleitungsittenlehre_1692/372>, abgerufen am 20.04.2019.