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Thomasius, Christian: Von der Kunst Vernünfftig und Tugendhafft zu lieben. Halle (Saale), 1692.

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Liebe gegen uns selbst.
andern Menschen Leben erhalten werden könte/
ausser was wir daselbst von der Verthäydigung
unsers Lebens wider äusserliche Gewalt gemeldet.

16.

Ob auch schon jemand hierwieder ein-
wenden wolle/ ich dürffte meines Lebens Erhal-
tung nicht meines Freundes Leben nachsetzen/
weil mein Freund ja mehr in mir als in sich
selbst lebe/
woraus zu folgen scheine/ daß ich
mehr auf mich/ als auf sein Leben zu erhalten se-
hen müsse. So ist doch hierauf zu antworten/
daß die Regeln der Liebe auch gleichfalls von
mir erforderten/ mehr in meinem Freunde als in
mir zu leben/ und also sein Leben dem Meini-
gen vorzuziehen/ und daß/ wenn ich mit dieser Ge-
gen-Liebe nicht versehen wäre/ ich auch der Liebe
meines Freundes nicht werth sey.

17.

Ja sprichst du: Auff solche Art wird ja
dieses folgen/ daß in der Liebe nicht ein Hertz
und eine Seele/
sondern zwey wiederspre-
chende Willen
anzutreffen seyn/ indem ein je-
der vor dem andern sterben/ und des andern sei-
nen Tod verhindern wil; solchergestalt aber wird
Liebe nicht Liebe/ oder doch die Uneinigkeit Liebe
heissen.

18.

Aber O angenehmer Streit! O vergnüg-
same Uneinigkeit! Dieses ist das eintzige pa-
radoxum
in der Weltweisheit/ dessen Wahr-
heit wohl von allen Menschen empfunden wer-
den kan/ daß es der Vernunfft nicht zu widersey/
und von dem man doch in der Vernunfft keine

deut-
Y 3

Liebe gegen uns ſelbſt.
andern Menſchen Leben erhalten werden koͤnte/
auſſer was wir daſelbſt von der Verthaͤydigung
unſers Lebens wider aͤuſſerliche Gewalt gemeldet.

16.

Ob auch ſchon jemand hierwieder ein-
wenden wolle/ ich duͤrffte meines Lebens Erhal-
tung nicht meines Freundes Leben nachſetzen/
weil mein Freund ja mehr in mir als in ſich
ſelbſt lebe/
woraus zu folgen ſcheine/ daß ich
mehr auf mich/ als auf ſein Leben zu erhalten ſe-
hen muͤſſe. So iſt doch hierauf zu antworten/
daß die Regeln der Liebe auch gleichfalls von
mir erforderten/ mehr in meinem Freunde als in
mir zu leben/ und alſo ſein Leben dem Meini-
gen vorzuziehen/ und daß/ wenn ich mit dieſer Ge-
gen-Liebe nicht verſehen waͤre/ ich auch der Liebe
meines Freundes nicht werth ſey.

17.

Ja ſprichſt du: Auff ſolche Art wird ja
dieſes folgen/ daß in der Liebe nicht ein Hertz
und eine Seele/
ſondern zwey wiederſpre-
chende Willen
anzutreffen ſeyn/ indem ein je-
der vor dem andern ſterben/ und des andern ſei-
nen Tod verhindern wil; ſolchergeſtalt aber wird
Liebe nicht Liebe/ oder doch die Uneinigkeit Liebe
heiſſen.

18.

Aber O angenehmer Streit! O vergnuͤg-
ſame Uneinigkeit! Dieſes iſt das eintzige pa-
radoxum
in der Weltweisheit/ deſſen Wahr-
heit wohl von allen Menſchen empfunden wer-
den kan/ daß es der Vernunfft nicht zu widerſey/
und von dem man doch in der Vernunfft keine

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Y 3
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[345[341]/0373] Liebe gegen uns ſelbſt. andern Menſchen Leben erhalten werden koͤnte/ auſſer was wir daſelbſt von der Verthaͤydigung unſers Lebens wider aͤuſſerliche Gewalt gemeldet. 16. Ob auch ſchon jemand hierwieder ein- wenden wolle/ ich duͤrffte meines Lebens Erhal- tung nicht meines Freundes Leben nachſetzen/ weil mein Freund ja mehr in mir als in ſich ſelbſt lebe/ woraus zu folgen ſcheine/ daß ich mehr auf mich/ als auf ſein Leben zu erhalten ſe- hen muͤſſe. So iſt doch hierauf zu antworten/ daß die Regeln der Liebe auch gleichfalls von mir erforderten/ mehr in meinem Freunde als in mir zu leben/ und alſo ſein Leben dem Meini- gen vorzuziehen/ und daß/ wenn ich mit dieſer Ge- gen-Liebe nicht verſehen waͤre/ ich auch der Liebe meines Freundes nicht werth ſey. 17. Ja ſprichſt du: Auff ſolche Art wird ja dieſes folgen/ daß in der Liebe nicht ein Hertz und eine Seele/ ſondern zwey wiederſpre- chende Willen anzutreffen ſeyn/ indem ein je- der vor dem andern ſterben/ und des andern ſei- nen Tod verhindern wil; ſolchergeſtalt aber wird Liebe nicht Liebe/ oder doch die Uneinigkeit Liebe heiſſen. 18. Aber O angenehmer Streit! O vergnuͤg- ſame Uneinigkeit! Dieſes iſt das eintzige pa- radoxum in der Weltweisheit/ deſſen Wahr- heit wohl von allen Menſchen empfunden wer- den kan/ daß es der Vernunfft nicht zu widerſey/ und von dem man doch in der Vernunfft keine deut- Y 3

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Zitationshilfe: Thomasius, Christian: Von der Kunst Vernünfftig und Tugendhafft zu lieben. Halle (Saale), 1692, S. 345[341]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/thomasius_einleitungsittenlehre_1692/373>, abgerufen am 23.04.2019.