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Thomasius, Christian: Von der Kunst Vernünfftig und Tugendhafft zu lieben. Halle (Saale), 1692.

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Liebe gegen uns selbst.
erweise/ indem wir seinen Tod nicht intendiren/
sondern er sich denselben selbst verursacht/ und
daß wir durch diese unsere Verthäydigung so
wohl insgemein allen Menschen/ als unsern ab-
sonderlichen Freunden unsere Liebe bezeugen.

24.

Wie aber die uns drohende Gewalt
beschaffen seyn müsse/
daß sie mit dergleichen
Gegengewalt abgetrieben/ und unter die Gegen-
wärtigen gerechnet werden könne? Jngleichen
was man zuvorhero versuchen müsse/ ehe
man es zu dieser Extremität unsern Feind zu er-
tödten kommen lasse? Und was dergleichen hieher
gehörender Fragen mehr seyn mögen/ die von de-
nen Moralisten insgemein pflegen gemacht/ und
beantwortet zu werden/ in dieselben wollen wir
uns allhier nicht einlassen/ theils weil wegen der
vielfältigen und allzusehr varirenden Umstände
man fast nicht wohl überhaupt dieselben erörtern
kan/ sondern sie eines jedweden Tugendhafften
seiner eigenen Klugheit und Liebe anheim stellen
muß; theils weil es denen Lasterhafften oder
in der Tugend Unvollkommenen wenig helf-
fen würde/ wenn wir dieselben noch so subtil erör-
terten/ sie aber wegen ihrer Laster oder Unvollkom-
menheit nicht fähig wären/ diese Beantwortung
zu practiciren/ zumahlen da dergleichen Gefahren
einen solchen Menschen durch die plötzliche Furcht
und Erschreckniß in einen solchen Zustand setzen/
da er sein selbst nicht mächtig ist/ sondern sich von
dieser Furcht und Schrecken regieren lassen muß.

Tref-
Y 5

Liebe gegen uns ſelbſt.
erweiſe/ indem wir ſeinen Tod nicht intendiren/
ſondern er ſich denſelben ſelbſt verurſacht/ und
daß wir durch dieſe unſere Verthaͤydigung ſo
wohl insgemein allen Menſchen/ als unſern ab-
ſonderlichen Freunden unſere Liebe bezeugen.

24.

Wie aber die uns drohende Gewalt
beſchaffen ſeyn muͤſſe/
daß ſie mit dergleichen
Gegengewalt abgetrieben/ und unter die Gegen-
waͤrtigen gerechnet werden koͤnne? Jngleichen
was man zuvorhero verſuchen muͤſſe/ ehe
man es zu dieſer Extremitaͤt unſern Feind zu er-
toͤdten kommen laſſe? Und was dergleichen hieher
gehoͤrender Fragen mehr ſeyn moͤgen/ die von de-
nen Moraliſten insgemein pflegen gemacht/ und
beantwortet zu werden/ in dieſelben wollen wir
uns allhier nicht einlaſſen/ theils weil wegen der
vielfaͤltigen und allzuſehr varirenden Umſtaͤnde
man faſt nicht wohl uͤberhaupt dieſelben eroͤrtern
kan/ ſondern ſie eines jedweden Tugendhafften
ſeiner eigenen Klugheit und Liebe anheim ſtellen
muß; theils weil es denen Laſterhafften oder
in der Tugend Unvollkommenen wenig helf-
fen wuͤrde/ wenn wir dieſelben noch ſo ſubtil eroͤr-
terten/ ſie aber wegen ihrer Laſter oder Unvollkom-
menheit nicht faͤhig waͤren/ dieſe Beantwortung
zu practiciren/ zumahlen da dergleichen Gefahren
einen ſolchen Menſchen durch die ploͤtzliche Furcht
und Erſchreckniß in einen ſolchen Zuſtand ſetzen/
da er ſein ſelbſt nicht maͤchtig iſt/ ſondern ſich von
dieſer Furcht und Schrecken regieren laſſen muß.

Tref-
Y 5
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[349[345]/0377] Liebe gegen uns ſelbſt. erweiſe/ indem wir ſeinen Tod nicht intendiren/ ſondern er ſich denſelben ſelbſt verurſacht/ und daß wir durch dieſe unſere Verthaͤydigung ſo wohl insgemein allen Menſchen/ als unſern ab- ſonderlichen Freunden unſere Liebe bezeugen. 24. Wie aber die uns drohende Gewalt beſchaffen ſeyn muͤſſe/ daß ſie mit dergleichen Gegengewalt abgetrieben/ und unter die Gegen- waͤrtigen gerechnet werden koͤnne? Jngleichen was man zuvorhero verſuchen muͤſſe/ ehe man es zu dieſer Extremitaͤt unſern Feind zu er- toͤdten kommen laſſe? Und was dergleichen hieher gehoͤrender Fragen mehr ſeyn moͤgen/ die von de- nen Moraliſten insgemein pflegen gemacht/ und beantwortet zu werden/ in dieſelben wollen wir uns allhier nicht einlaſſen/ theils weil wegen der vielfaͤltigen und allzuſehr varirenden Umſtaͤnde man faſt nicht wohl uͤberhaupt dieſelben eroͤrtern kan/ ſondern ſie eines jedweden Tugendhafften ſeiner eigenen Klugheit und Liebe anheim ſtellen muß; theils weil es denen Laſterhafften oder in der Tugend Unvollkommenen wenig helf- fen wuͤrde/ wenn wir dieſelben noch ſo ſubtil eroͤr- terten/ ſie aber wegen ihrer Laſter oder Unvollkom- menheit nicht faͤhig waͤren/ dieſe Beantwortung zu practiciren/ zumahlen da dergleichen Gefahren einen ſolchen Menſchen durch die ploͤtzliche Furcht und Erſchreckniß in einen ſolchen Zuſtand ſetzen/ da er ſein ſelbſt nicht maͤchtig iſt/ ſondern ſich von dieſer Furcht und Schrecken regieren laſſen muß. Tref- Y 5

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Zitationshilfe: Thomasius, Christian: Von der Kunst Vernünfftig und Tugendhafft zu lieben. Halle (Saale), 1692, S. 349[345]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/thomasius_einleitungsittenlehre_1692/377>, abgerufen am 21.04.2019.