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Tieck, Ludwig: Phantasus. Bd. 1. Berlin, 1812.

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Die schöne Magelone.
6.
Wie der Ritter Magelonen einen
Ring übersandte
.

Die Amme wandte vielen Fleiß an, den Ritter
wieder anzutreffen, und es geschah, daß sie sich in
derselben Kirche wieder fanden. Peter war froh,
als er die Amme ansichtig wurde, und ging sogleich
auf sie zu und erkundigte sich nach dem Fräulein.
Sie erzählte ihm alles, wie sie für großer Liebe
den Ring für sich behalten, und die geschriebenen
Worte gelesen, und wie sie in der Nacht von ihm
geträumt. Peter ward roth vor Freuden, als er
diese Umstände erzählen hörte und sagte: Ach, liebe
Amme, sagt ihr doch die Empfindungen meines
Herzens, und daß ich vor Sehnsucht verschmachten
muß, wenn ich sie nicht bald sprechen kann; spreche
ich sie aber mündlich, so will ich ihr, wie ich sonst
Niemand thue, meinen Stand und Namen ent-
decken; aber ich liebe sie mit einer Liebe, wie kein
andres Herz es fähig ist, und alle meine Gebete
zum Himmel sind nur der Wunsch, daß ich sie
zum ehelichen Gemahl überkommen möchte, und
daß ihre Gedanken nur etlichermaßen so nach mir
gerichtet wären, wie die meinigen zu ihr. Gebt
ihr auch diesen Ring, und bittet sie, ihn als ein
geringes Andenken von mir zu tragen.

Die Amme eilte schnell zu Magelonen zurück,
die vor übergroßer Liebe krank war und auf ihrem
Ruhebette lag. Sie sprang auf, als sie ihre Kund-

Die ſchoͤne Magelone.
6.
Wie der Ritter Magelonen einen
Ring uͤberſandte
.

Die Amme wandte vielen Fleiß an, den Ritter
wieder anzutreffen, und es geſchah, daß ſie ſich in
derſelben Kirche wieder fanden. Peter war froh,
als er die Amme anſichtig wurde, und ging ſogleich
auf ſie zu und erkundigte ſich nach dem Fraͤulein.
Sie erzaͤhlte ihm alles, wie ſie fuͤr großer Liebe
den Ring fuͤr ſich behalten, und die geſchriebenen
Worte geleſen, und wie ſie in der Nacht von ihm
getraͤumt. Peter ward roth vor Freuden, als er
dieſe Umſtaͤnde erzaͤhlen hoͤrte und ſagte: Ach, liebe
Amme, ſagt ihr doch die Empfindungen meines
Herzens, und daß ich vor Sehnſucht verſchmachten
muß, wenn ich ſie nicht bald ſprechen kann; ſpreche
ich ſie aber muͤndlich, ſo will ich ihr, wie ich ſonſt
Niemand thue, meinen Stand und Namen ent-
decken; aber ich liebe ſie mit einer Liebe, wie kein
andres Herz es faͤhig iſt, und alle meine Gebete
zum Himmel ſind nur der Wunſch, daß ich ſie
zum ehelichen Gemahl uͤberkommen moͤchte, und
daß ihre Gedanken nur etlichermaßen ſo nach mir
gerichtet waͤren, wie die meinigen zu ihr. Gebt
ihr auch dieſen Ring, und bittet ſie, ihn als ein
geringes Andenken von mir zu tragen.

Die Amme eilte ſchnell zu Magelonen zuruͤck,
die vor uͤbergroßer Liebe krank war und auf ihrem
Ruhebette lag. Sie ſprang auf, als ſie ihre Kund-

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[347/0358] Die ſchoͤne Magelone. 6. Wie der Ritter Magelonen einen Ring uͤberſandte. Die Amme wandte vielen Fleiß an, den Ritter wieder anzutreffen, und es geſchah, daß ſie ſich in derſelben Kirche wieder fanden. Peter war froh, als er die Amme anſichtig wurde, und ging ſogleich auf ſie zu und erkundigte ſich nach dem Fraͤulein. Sie erzaͤhlte ihm alles, wie ſie fuͤr großer Liebe den Ring fuͤr ſich behalten, und die geſchriebenen Worte geleſen, und wie ſie in der Nacht von ihm getraͤumt. Peter ward roth vor Freuden, als er dieſe Umſtaͤnde erzaͤhlen hoͤrte und ſagte: Ach, liebe Amme, ſagt ihr doch die Empfindungen meines Herzens, und daß ich vor Sehnſucht verſchmachten muß, wenn ich ſie nicht bald ſprechen kann; ſpreche ich ſie aber muͤndlich, ſo will ich ihr, wie ich ſonſt Niemand thue, meinen Stand und Namen ent- decken; aber ich liebe ſie mit einer Liebe, wie kein andres Herz es faͤhig iſt, und alle meine Gebete zum Himmel ſind nur der Wunſch, daß ich ſie zum ehelichen Gemahl uͤberkommen moͤchte, und daß ihre Gedanken nur etlichermaßen ſo nach mir gerichtet waͤren, wie die meinigen zu ihr. Gebt ihr auch dieſen Ring, und bittet ſie, ihn als ein geringes Andenken von mir zu tragen. Die Amme eilte ſchnell zu Magelonen zuruͤck, die vor uͤbergroßer Liebe krank war und auf ihrem Ruhebette lag. Sie ſprang auf, als ſie ihre Kund-

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Zitationshilfe: Tieck, Ludwig: Phantasus. Bd. 1. Berlin, 1812, S. 347. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/tieck_phantasus01_1812/358>, abgerufen am 20.03.2019.