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Tieck, Ludwig: Phantasus. Bd. 3. Berlin, 1816.

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Fortunat.
Vierte Scene.
(Pallast.)


König. Reymund.
Reymund. Ein stiller Sinn, ein frommes
Gemüth, das sind die Gaben, die jenem großen
Werke unentbehrlich sind. Glaubt mir, daß An-
dacht, Fasten und Gebet, hauptsächlich aber Man-
gel an Begierde das Meiste thun müssen, denn so
lange wir irdisch sind, gehorchen uns die Geister
der Erde nicht, noch weniger aber steigen andre
aus den feinen Elementen der Luft und des
Feuers, um unsre Befehle zu vernehmen und aus-
zurichten, darum muß der Mensch vorerst frei seyn,
um andern Geistern die Dienstbarkeit auflegen zu
können.
König. Alles recht gut und schön, Rey-
mund, und ich gebe mir auch Mühe, alles so ans-
zurichten, wie ihr es mir sagt, ich esse, ich trinke
weniger, ich ziehe mir vom Schlafe ab, ich hüte
mich vor Zorn und jedem ungeziemenden Wort,
ich sammle meine Gedanken und denke mehr als
sonst an den Urheber der Welt: in so weit scheint
mir alles zu gelingen, nur eins, das Ihr fordert,
kommt mir unmöglich, ja widersprechend vor.
Reymund. Und was wäre das, erhab-
ner Herr?
König. Ich soll, wie Ihr ausdrücklich ver-
langt, keine Begier, keinen Wunsch nach dem
Golde haben, und doch sinnen wir Tag und Nacht
darauf, wie wir welches hervorbringen wollen, und
wenn ich so in den Ofen blase und mich abäschere,
Fortunat.
Vierte Scene.
(Pallaſt.)


Koͤnig. Reymund.
Reymund. Ein ſtiller Sinn, ein frommes
Gemuͤth, das ſind die Gaben, die jenem großen
Werke unentbehrlich ſind. Glaubt mir, daß An-
dacht, Faſten und Gebet, hauptſaͤchlich aber Man-
gel an Begierde das Meiſte thun muͤſſen, denn ſo
lange wir irdiſch ſind, gehorchen uns die Geiſter
der Erde nicht, noch weniger aber ſteigen andre
aus den feinen Elementen der Luft und des
Feuers, um unſre Befehle zu vernehmen und aus-
zurichten, darum muß der Menſch vorerſt frei ſeyn,
um andern Geiſtern die Dienſtbarkeit auflegen zu
koͤnnen.
Koͤnig. Alles recht gut und ſchoͤn, Rey-
mund, und ich gebe mir auch Muͤhe, alles ſo ans-
zurichten, wie ihr es mir ſagt, ich eſſe, ich trinke
weniger, ich ziehe mir vom Schlafe ab, ich huͤte
mich vor Zorn und jedem ungeziemenden Wort,
ich ſammle meine Gedanken und denke mehr als
ſonſt an den Urheber der Welt: in ſo weit ſcheint
mir alles zu gelingen, nur eins, das Ihr fordert,
kommt mir unmoͤglich, ja widerſprechend vor.
Reymund. Und was waͤre das, erhab-
ner Herr?
Koͤnig. Ich ſoll, wie Ihr ausdruͤcklich ver-
langt, keine Begier, keinen Wunſch nach dem
Golde haben, und doch ſinnen wir Tag und Nacht
darauf, wie wir welches hervorbringen wollen, und
wenn ich ſo in den Ofen blaſe und mich abaͤſchere,
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[291/0301] Fortunat. Vierte Scene. (Pallaſt.) Koͤnig. Reymund. Reymund. Ein ſtiller Sinn, ein frommes Gemuͤth, das ſind die Gaben, die jenem großen Werke unentbehrlich ſind. Glaubt mir, daß An- dacht, Faſten und Gebet, hauptſaͤchlich aber Man- gel an Begierde das Meiſte thun muͤſſen, denn ſo lange wir irdiſch ſind, gehorchen uns die Geiſter der Erde nicht, noch weniger aber ſteigen andre aus den feinen Elementen der Luft und des Feuers, um unſre Befehle zu vernehmen und aus- zurichten, darum muß der Menſch vorerſt frei ſeyn, um andern Geiſtern die Dienſtbarkeit auflegen zu koͤnnen. Koͤnig. Alles recht gut und ſchoͤn, Rey- mund, und ich gebe mir auch Muͤhe, alles ſo ans- zurichten, wie ihr es mir ſagt, ich eſſe, ich trinke weniger, ich ziehe mir vom Schlafe ab, ich huͤte mich vor Zorn und jedem ungeziemenden Wort, ich ſammle meine Gedanken und denke mehr als ſonſt an den Urheber der Welt: in ſo weit ſcheint mir alles zu gelingen, nur eins, das Ihr fordert, kommt mir unmoͤglich, ja widerſprechend vor. Reymund. Und was waͤre das, erhab- ner Herr? Koͤnig. Ich ſoll, wie Ihr ausdruͤcklich ver- langt, keine Begier, keinen Wunſch nach dem Golde haben, und doch ſinnen wir Tag und Nacht darauf, wie wir welches hervorbringen wollen, und wenn ich ſo in den Ofen blaſe und mich abaͤſchere,

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Zitationshilfe: Tieck, Ludwig: Phantasus. Bd. 3. Berlin, 1816, S. 291. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/tieck_phantasus03_1816/301>, abgerufen am 19.04.2019.