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Tönnies, Ferdinand: Gemeinschaft und Gesellschaft. Berlin, 1887.

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ins Gewicht falle; (wodurch also ein höherer Profit nicht
ausgeschlossen wird, sofern derselbe auf Kosten der Frem-
den
gemacht werden kann).

§ 28.

In Wahrheit aber bleibt immer der Widerspruch
wirksam und drängt zu einer Umkehrung dieser gesammten
Relationen: dass, während im Allgemeinen jeder Verkäufer
das Product seiner eigenen Arbeit als eine reale Waare feil
bietet, zuletzt andere reale Waaren als Aequivalent dafür
suchend: so ist es dem Kaufmann wie dem Wucherer eigen-
thümlich, diejenige Waare in Händen zu haben, welche sie
nicht producirt haben, nämlich Geld, welches seinem Be-
griffe nach blos ideelle Waare ist, wenn es auch -- der
Regel nach -- durch die reale Waare eines geprägten Me-
talles repräsentirt werden mag; denn es ist an sich die
blosse abstracte Qualität aller Waare, andere Waaren er-
kaufen zu können, die Kraft eines Hebels oder Gewichtes,
welche nicht geschaffen, sondern nur gesammelt werden
kann. Und sie zu sammeln, das ist es allein, worauf der
Kaufmann es abgesehen hat. Er kauft Geld mit Geld, wenn
auch durch Vermittlung von Waare; der Wucherer sogar
ohne dieses Mittelglied. Beider Thun und Treiben würde
im gesellschaftlichen Verstande nichtig sein, wenn sie nur
ein gleiches Quantum durch ein gleiches Quantum erwürben:
dies ist die Natur des uncommerciellen Darlehens aus Ge-
fälligkeit und Freundschaft und des Verkaufes zum Preise
des Einkaufs, welcher gelegentlich, um eines negativen
Profits willen, nämlich zum Schutze vor Verlust, nothwendig
werden kann. Jedoch als ihres Gewerbes Mächtige wollen
beide regelmässig durch Hingabe eines kleineren ein grösseres
Quantum an sich bringen. Sie wollen Plus machen. In
dem Maasse, als ihnen dieses durch Differenz der Orte und
Zeiten gelingt, so können sie ihr Geld oder ihr Vermögen,
zumal durch klug berechnende Ausnutzung dieser und an-
derer günstiger Umstände, ins Unermessliche vermehren;
gegenüber den Producenten, welche Erträge eigener Arbeit
zu Markte tragen, um dieselben in eine dauerhaftere oder

ins Gewicht falle; (wodurch also ein höherer Profit nicht
ausgeschlossen wird, sofern derselbe auf Kosten der Frem-
den
gemacht werden kann).

§ 28.

In Wahrheit aber bleibt immer der Widerspruch
wirksam und drängt zu einer Umkehrung dieser gesammten
Relationen: dass, während im Allgemeinen jeder Verkäufer
das Product seiner eigenen Arbeit als eine reale Waare feil
bietet, zuletzt andere reale Waaren als Aequivalent dafür
suchend: so ist es dem Kaufmann wie dem Wucherer eigen-
thümlich, diejenige Waare in Händen zu haben, welche sie
nicht producirt haben, nämlich Geld, welches seinem Be-
griffe nach blos ideelle Waare ist, wenn es auch — der
Regel nach — durch die reale Waare eines geprägten Me-
talles repräsentirt werden mag; denn es ist an sich die
blosse abstracte Qualität aller Waare, andere Waaren er-
kaufen zu können, die Kraft eines Hebels oder Gewichtes,
welche nicht geschaffen, sondern nur gesammelt werden
kann. Und sie zu sammeln, das ist es allein, worauf der
Kaufmann es abgesehen hat. Er kauft Geld mit Geld, wenn
auch durch Vermittlung von Waare; der Wucherer sogar
ohne dieses Mittelglied. Beider Thun und Treiben würde
im gesellschaftlichen Verstande nichtig sein, wenn sie nur
ein gleiches Quantum durch ein gleiches Quantum erwürben:
dies ist die Natur des uncommerciellen Darlehens aus Ge-
fälligkeit und Freundschaft und des Verkaufes zum Preise
des Einkaufs, welcher gelegentlich, um eines negativen
Profits willen, nämlich zum Schutze vor Verlust, nothwendig
werden kann. Jedoch als ihres Gewerbes Mächtige wollen
beide regelmässig durch Hingabe eines kleineren ein grösseres
Quantum an sich bringen. Sie wollen Plus machen. In
dem Maasse, als ihnen dieses durch Differenz der Orte und
Zeiten gelingt, so können sie ihr Geld oder ihr Vermögen,
zumal durch klug berechnende Ausnutzung dieser und an-
derer günstiger Umstände, ins Unermessliche vermehren;
gegenüber den Producenten, welche Erträge eigener Arbeit
zu Markte tragen, um dieselben in eine dauerhaftere oder

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[69/0105] ins Gewicht falle; (wodurch also ein höherer Profit nicht ausgeschlossen wird, sofern derselbe auf Kosten der Frem- den gemacht werden kann). § 28. In Wahrheit aber bleibt immer der Widerspruch wirksam und drängt zu einer Umkehrung dieser gesammten Relationen: dass, während im Allgemeinen jeder Verkäufer das Product seiner eigenen Arbeit als eine reale Waare feil bietet, zuletzt andere reale Waaren als Aequivalent dafür suchend: so ist es dem Kaufmann wie dem Wucherer eigen- thümlich, diejenige Waare in Händen zu haben, welche sie nicht producirt haben, nämlich Geld, welches seinem Be- griffe nach blos ideelle Waare ist, wenn es auch — der Regel nach — durch die reale Waare eines geprägten Me- talles repräsentirt werden mag; denn es ist an sich die blosse abstracte Qualität aller Waare, andere Waaren er- kaufen zu können, die Kraft eines Hebels oder Gewichtes, welche nicht geschaffen, sondern nur gesammelt werden kann. Und sie zu sammeln, das ist es allein, worauf der Kaufmann es abgesehen hat. Er kauft Geld mit Geld, wenn auch durch Vermittlung von Waare; der Wucherer sogar ohne dieses Mittelglied. Beider Thun und Treiben würde im gesellschaftlichen Verstande nichtig sein, wenn sie nur ein gleiches Quantum durch ein gleiches Quantum erwürben: dies ist die Natur des uncommerciellen Darlehens aus Ge- fälligkeit und Freundschaft und des Verkaufes zum Preise des Einkaufs, welcher gelegentlich, um eines negativen Profits willen, nämlich zum Schutze vor Verlust, nothwendig werden kann. Jedoch als ihres Gewerbes Mächtige wollen beide regelmässig durch Hingabe eines kleineren ein grösseres Quantum an sich bringen. Sie wollen Plus machen. In dem Maasse, als ihnen dieses durch Differenz der Orte und Zeiten gelingt, so können sie ihr Geld oder ihr Vermögen, zumal durch klug berechnende Ausnutzung dieser und an- derer günstiger Umstände, ins Unermessliche vermehren; gegenüber den Producenten, welche Erträge eigener Arbeit zu Markte tragen, um dieselben in eine dauerhaftere oder

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Zitationshilfe: Tönnies, Ferdinand: Gemeinschaft und Gesellschaft. Berlin, 1887, S. 69. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/toennies_gemeinschaft_1887/105>, abgerufen am 22.04.2019.