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Tönnies, Ferdinand: Gemeinschaft und Gesellschaft. Berlin, 1887.

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kümmert durch Atrophie, wie ihre Thätigkeit die Bedingung
und Wirklichkeit ihrer Ernährung ist. Daraus ist verstehbar,
wiefern Gewohnheit, das eigentliche Princip des Könnens,
zugleich activer Wille sei. Denn was man kennt und kann,
das thut man leicht, folglich gern, und ist bereitwillig dazu,
hingegen je fremder etwas ist, desto pein- oder mühevoller,
desto ungerner wird es unternommen. Die Ausdrücke der
originalen Sprachen sind in dieser Hinsicht bedeutend: das
griechische philein, wofür auch die Unsrigen sagen: man
liebt = man pflegt solches und solches zu thun; dazu der
besondere Ausdruck ethelein, welcher so "Wollen" und
gerade "Bereitwilligkeit" als "Pflegen" sinnreich bedeutet.
Man denket ferner an das römische Wort consuetudo, wo-
durch bezeichnet wird, was der Geist zu seiner Eigenheit
sich geschaffen und verbunden hat: wenn das suum (rad.
sva-)
Athem und Blut als ererbten Besitz, so bezeichnet
dieses die neuerworbene, aber mit jenem gleichartig ge-
wordene Habe. Endlich mag auch der Sinn von Gewohn-
heit selber betrachtet werden, wie auch das entsprechende
der Hellenen (ethos); beide weisen gleichsam auf Ansiede-
lungen der Ideen oder Impulse hin; sie haben ihren festen
Ort gewonnen, den heimathlichen Boden, worauf sich ihre
gemeinschaftliche Thätigkeit bezieht, welchem sie sich an-
gepasst und anbequemt haben, um so mehr dadurch mit
einander innig verbunden. -- Zur Gewohnheit verhält sich
Verstand als der speciell mitausgebildete sensus communis,
wie zu Gefallen sich die einzelnen Sinnesorgane und deren
Functionen verhalten.

§ 8.

Die dritte Form des menschlichen Wesenwillens nenne
ich Gedächtniss. Sie ist nur eine besondere Evolution
der zweiten und hat denselben Inhalt in Bezug auf die
oberen, cerebralen, beim Menschen vorzüglich ausgebildeten
Centren, welcher dem allgemeineren Begriff in Bezug auf
die gesammte Rückenmarkssäule zukommt. So wird Ge-
dächtniss hier als Princip des mentalen Lebens, somit als
das specifische Merkmal des menschlichen Wesenwillens

kümmert durch Atrophie, wie ihre Thätigkeit die Bedingung
und Wirklichkeit ihrer Ernährung ist. Daraus ist verstehbar,
wiefern Gewohnheit, das eigentliche Princip des Könnens,
zugleich activer Wille sei. Denn was man kennt und kann,
das thut man leicht, folglich gern, und ist bereitwillig dazu,
hingegen je fremder etwas ist, desto pein- oder mühevoller,
desto ungerner wird es unternommen. Die Ausdrücke der
originalen Sprachen sind in dieser Hinsicht bedeutend: das
griechische φιλεῖν, wofür auch die Unsrigen sagen: man
liebt = man pflegt solches und solches zu thun; dazu der
besondere Ausdruck ἐϑέλειν, welcher so »Wollen« und
gerade »Bereitwilligkeit« als »Pflegen« sinnreich bedeutet.
Man denket ferner an das römische Wort consuetudo, wo-
durch bezeichnet wird, was der Geist zu seiner Eigenheit
sich geschaffen und verbunden hat: wenn das suum (rad.
sva-)
Athem und Blut als ererbten Besitz, so bezeichnet
dieses die neuerworbene, aber mit jenem gleichartig ge-
wordene Habe. Endlich mag auch der Sinn von Gewohn-
heit selber betrachtet werden, wie auch das entsprechende
der Hellenen (ἔϑος); beide weisen gleichsam auf Ansiede-
lungen der Ideen oder Impulse hin; sie haben ihren festen
Ort gewonnen, den heimathlichen Boden, worauf sich ihre
gemeinschaftliche Thätigkeit bezieht, welchem sie sich an-
gepasst und anbequemt haben, um so mehr dadurch mit
einander innig verbunden. — Zur Gewohnheit verhält sich
Verstand als der speciell mitausgebildete sensus communis,
wie zu Gefallen sich die einzelnen Sinnesorgane und deren
Functionen verhalten.

§ 8.

Die dritte Form des menschlichen Wesenwillens nenne
ich Gedächtniss. Sie ist nur eine besondere Evolution
der zweiten und hat denselben Inhalt in Bezug auf die
oberen, cerebralen, beim Menschen vorzüglich ausgebildeten
Centren, welcher dem allgemeineren Begriff in Bezug auf
die gesammte Rückenmarkssäule zukommt. So wird Ge-
dächtniss hier als Princip des mentalen Lebens, somit als
das specifische Merkmal des menschlichen Wesenwillens

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[111/0147] kümmert durch Atrophie, wie ihre Thätigkeit die Bedingung und Wirklichkeit ihrer Ernährung ist. Daraus ist verstehbar, wiefern Gewohnheit, das eigentliche Princip des Könnens, zugleich activer Wille sei. Denn was man kennt und kann, das thut man leicht, folglich gern, und ist bereitwillig dazu, hingegen je fremder etwas ist, desto pein- oder mühevoller, desto ungerner wird es unternommen. Die Ausdrücke der originalen Sprachen sind in dieser Hinsicht bedeutend: das griechische φιλεῖν, wofür auch die Unsrigen sagen: man liebt = man pflegt solches und solches zu thun; dazu der besondere Ausdruck ἐϑέλειν, welcher so »Wollen« und gerade »Bereitwilligkeit« als »Pflegen« sinnreich bedeutet. Man denket ferner an das römische Wort consuetudo, wo- durch bezeichnet wird, was der Geist zu seiner Eigenheit sich geschaffen und verbunden hat: wenn das suum (rad. sva-) Athem und Blut als ererbten Besitz, so bezeichnet dieses die neuerworbene, aber mit jenem gleichartig ge- wordene Habe. Endlich mag auch der Sinn von Gewohn- heit selber betrachtet werden, wie auch das entsprechende der Hellenen (ἔϑος); beide weisen gleichsam auf Ansiede- lungen der Ideen oder Impulse hin; sie haben ihren festen Ort gewonnen, den heimathlichen Boden, worauf sich ihre gemeinschaftliche Thätigkeit bezieht, welchem sie sich an- gepasst und anbequemt haben, um so mehr dadurch mit einander innig verbunden. — Zur Gewohnheit verhält sich Verstand als der speciell mitausgebildete sensus communis, wie zu Gefallen sich die einzelnen Sinnesorgane und deren Functionen verhalten. § 8. Die dritte Form des menschlichen Wesenwillens nenne ich Gedächtniss. Sie ist nur eine besondere Evolution der zweiten und hat denselben Inhalt in Bezug auf die oberen, cerebralen, beim Menschen vorzüglich ausgebildeten Centren, welcher dem allgemeineren Begriff in Bezug auf die gesammte Rückenmarkssäule zukommt. So wird Ge- dächtniss hier als Princip des mentalen Lebens, somit als das specifische Merkmal des menschlichen Wesenwillens

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Zitationshilfe: Tönnies, Ferdinand: Gemeinschaft und Gesellschaft. Berlin, 1887, S. 111. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/toennies_gemeinschaft_1887/147>, abgerufen am 18.04.2019.