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Tönnies, Ferdinand: Gemeinschaft und Gesellschaft. Berlin, 1887.

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druck derjenige, welcher am wenigsten verdient, als ur-
sächliche
Tendenz angesehen zu werden, und doch --
einer leicht erklärbaren Neigung gemäss -- am häufigsten
und am liebsten so angesehen wird.

§ 41.

Es würde auch möglich sein, eine correspondirende
Reihe von Folgerungen aus dem Gegensatze von Jugend
und Alter und aus dem Gegensatze von Volk und Gebil-
deten hervorzubringen. Wie Kinder auf Haus und Familie
angewiesen sind, das ist greifbar, und wie ihre Natur wohl
in Dorf und Stadt gedeiht, aber in der Grosstadt und in
der grossen Welt der Gesellschaft allem Verderben ausgesetzt
ist. Spielende, übende, lernende Arbeit ist mit zunehmender
Kraft des Leibes und Intellects dem jungen Menschen an-
gemessen, ja nothwendig; handeln, Profit machen, Kapitalist
sein, ist nicht seine Sache; er ist auch in seinem Unver-
stande dafür dem Weibe ähnlich. Ebenso wird er nicht leicht
zur Klarheit darüber gelangen, dass seine Arbeitskraft eine
Waare in seiner Hand sei und Arbeit nur die Form, in wel-
cher dieselbe tradirt werden müsse. Für die kapitalistische
Production handelt es sich auch gegenüber dem jugend-
lichen Willen, etwas zu werden, durch allmähliches
Wachsthum von Hirn und Hand zu einem Können zu ge-
langen, nur um das, was die Arbeitskräfte in jedem ge-
gebenen Momente sind, anwendbar oder nicht anwendbar?
"Sofern die Maschinerie Muskelkraft entbehrlich macht,
wird sie zum Mittel, Arbeiter ohne Muskelkraft oder von
unreifer Körperentwicklung, aber grösserer Geschmeidigkeit
der Glieder anzuwenden. Weiber- und Kinderarbeit war
daher das erste Wort der kapitalistischen Anwendung der
Maschinerie! Dies gewaltige Ersatzmittel von Arbeit und
Arbeitern verwandelte sich damit sofort in ein Mittel, die
Zahl der Lohnarbeiter zu vermehren durch Einrollirung
aller Mitglieder der Arbeiterfamilie, ohne Unterschied von
Geschlecht und Alter, unter die unmittelbare Botmässigkeit
des Kapitals. Die Zwangsarbeit für den Kapitalisten usur-
pirte nicht nur die Stelle des Kinderspiels, sondern auch

druck derjenige, welcher am wenigsten verdient, als ur-
sächliche
Tendenz angesehen zu werden, und doch —
einer leicht erklärbaren Neigung gemäss — am häufigsten
und am liebsten so angesehen wird.

§ 41.

Es würde auch möglich sein, eine correspondirende
Reihe von Folgerungen aus dem Gegensatze von Jugend
und Alter und aus dem Gegensatze von Volk und Gebil-
deten hervorzubringen. Wie Kinder auf Haus und Familie
angewiesen sind, das ist greifbar, und wie ihre Natur wohl
in Dorf und Stadt gedeiht, aber in der Grosstadt und in
der grossen Welt der Gesellschaft allem Verderben ausgesetzt
ist. Spielende, übende, lernende Arbeit ist mit zunehmender
Kraft des Leibes und Intellects dem jungen Menschen an-
gemessen, ja nothwendig; handeln, Profit machen, Kapitalist
sein, ist nicht seine Sache; er ist auch in seinem Unver-
stande dafür dem Weibe ähnlich. Ebenso wird er nicht leicht
zur Klarheit darüber gelangen, dass seine Arbeitskraft eine
Waare in seiner Hand sei und Arbeit nur die Form, in wel-
cher dieselbe tradirt werden müsse. Für die kapitalistische
Production handelt es sich auch gegenüber dem jugend-
lichen Willen, etwas zu werden, durch allmähliches
Wachsthum von Hirn und Hand zu einem Können zu ge-
langen, nur um das, was die Arbeitskräfte in jedem ge-
gebenen Momente sind, anwendbar oder nicht anwendbar?
»Sofern die Maschinerie Muskelkraft entbehrlich macht,
wird sie zum Mittel, Arbeiter ohne Muskelkraft oder von
unreifer Körperentwicklung, aber grösserer Geschmeidigkeit
der Glieder anzuwenden. Weiber- und Kinderarbeit war
daher das erste Wort der kapitalistischen Anwendung der
Maschinerie! Dies gewaltige Ersatzmittel von Arbeit und
Arbeitern verwandelte sich damit sofort in ein Mittel, die
Zahl der Lohnarbeiter zu vermehren durch Einrollirung
aller Mitglieder der Arbeiterfamilie, ohne Unterschied von
Geschlecht und Alter, unter die unmittelbare Botmässigkeit
des Kapitals. Die Zwangsarbeit für den Kapitalisten usur-
pirte nicht nur die Stelle des Kinderspiels, sondern auch

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[189/0225] druck derjenige, welcher am wenigsten verdient, als ur- sächliche Tendenz angesehen zu werden, und doch — einer leicht erklärbaren Neigung gemäss — am häufigsten und am liebsten so angesehen wird. § 41. Es würde auch möglich sein, eine correspondirende Reihe von Folgerungen aus dem Gegensatze von Jugend und Alter und aus dem Gegensatze von Volk und Gebil- deten hervorzubringen. Wie Kinder auf Haus und Familie angewiesen sind, das ist greifbar, und wie ihre Natur wohl in Dorf und Stadt gedeiht, aber in der Grosstadt und in der grossen Welt der Gesellschaft allem Verderben ausgesetzt ist. Spielende, übende, lernende Arbeit ist mit zunehmender Kraft des Leibes und Intellects dem jungen Menschen an- gemessen, ja nothwendig; handeln, Profit machen, Kapitalist sein, ist nicht seine Sache; er ist auch in seinem Unver- stande dafür dem Weibe ähnlich. Ebenso wird er nicht leicht zur Klarheit darüber gelangen, dass seine Arbeitskraft eine Waare in seiner Hand sei und Arbeit nur die Form, in wel- cher dieselbe tradirt werden müsse. Für die kapitalistische Production handelt es sich auch gegenüber dem jugend- lichen Willen, etwas zu werden, durch allmähliches Wachsthum von Hirn und Hand zu einem Können zu ge- langen, nur um das, was die Arbeitskräfte in jedem ge- gebenen Momente sind, anwendbar oder nicht anwendbar? »Sofern die Maschinerie Muskelkraft entbehrlich macht, wird sie zum Mittel, Arbeiter ohne Muskelkraft oder von unreifer Körperentwicklung, aber grösserer Geschmeidigkeit der Glieder anzuwenden. Weiber- und Kinderarbeit war daher das erste Wort der kapitalistischen Anwendung der Maschinerie! Dies gewaltige Ersatzmittel von Arbeit und Arbeitern verwandelte sich damit sofort in ein Mittel, die Zahl der Lohnarbeiter zu vermehren durch Einrollirung aller Mitglieder der Arbeiterfamilie, ohne Unterschied von Geschlecht und Alter, unter die unmittelbare Botmässigkeit des Kapitals. Die Zwangsarbeit für den Kapitalisten usur- pirte nicht nur die Stelle des Kinderspiels, sondern auch

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Zitationshilfe: Tönnies, Ferdinand: Gemeinschaft und Gesellschaft. Berlin, 1887, S. 189. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/toennies_gemeinschaft_1887/225>, abgerufen am 20.04.2019.