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Varnhagen von Ense, Karl August: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften. Bd. 1. Mannheim, 1837.

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der Anerkennung seines Talents wohl zufrieden sein;
denn, daß ihm Goethe die Liebe abspricht, damit ist
die Sache noch nicht ausgemacht, man kann auch von
Goethe'n appelliren; und eine folgende Zeit und mit
mehreren Akten versehene Gerichtsbehörde, der inzwi¬
schen mit dem Gegenstande dieser Liebe auch diese
selber
klar geworden, dürfte einen ganz andern Aus¬
spruch geben. (Nach zuverlässiger Auskunft ist jedoch
nicht Heine, sondern Graf Platen gemeint.)

4.

Als eine Merkwürdigkeit, die uns durch Eckermann's
Buch neu bestätigt wird, ist es vorlängst gerügt wor¬
den, daß Goethe nirgend in seinen vielfachen Schriften
und Briefen, wo doch Tausende seiner Zeitgenossen ge¬
nannt und wiedergenannt werden, den Prediger Schleier¬
macher erwähnt, und auch in den mündlichen Memora¬
bilien kommt er nirgends vor. Dies Schweigen ist
aber gegenseitig, und auch Schleiermacher gedenkt
Goethe's nirgends -- soviel uns bekannt -- noch er¬
wähnte er dessen gern im mündlichen Gespräch. Wer
bloß die Schriften hätte, und aus diesen folgerte, könnte
in der Zukunft leicht auf die Behauptung kommen,
beide hätten gar nicht gleichzeitig gelebt, oder wenig¬
stens nicht von einander gewußt. Dürfen wir eine
Vermuthung wagen, so möchten wir den Schlüssel
dieser Seltsamkeit in dem Verhältnisse voraussetzen,

der Anerkennung ſeines Talents wohl zufrieden ſein;
denn, daß ihm Goethe die Liebe abſpricht, damit iſt
die Sache noch nicht ausgemacht, man kann auch von
Goethe'n appelliren; und eine folgende Zeit und mit
mehreren Akten verſehene Gerichtsbehoͤrde, der inzwi¬
ſchen mit dem Gegenſtande dieſer Liebe auch dieſe
ſelber
klar geworden, duͤrfte einen ganz andern Aus¬
ſpruch geben. (Nach zuverlaͤſſiger Auskunft iſt jedoch
nicht Heine, ſondern Graf Platen gemeint.)

4.

Als eine Merkwuͤrdigkeit, die uns durch Eckermann's
Buch neu beſtaͤtigt wird, iſt es vorlaͤngſt geruͤgt wor¬
den, daß Goethe nirgend in ſeinen vielfachen Schriften
und Briefen, wo doch Tauſende ſeiner Zeitgenoſſen ge¬
nannt und wiedergenannt werden, den Prediger Schleier¬
macher erwaͤhnt, und auch in den muͤndlichen Memora¬
bilien kommt er nirgends vor. Dies Schweigen iſt
aber gegenſeitig, und auch Schleiermacher gedenkt
Goethe's nirgends — ſoviel uns bekannt — noch er¬
waͤhnte er deſſen gern im muͤndlichen Geſpraͤch. Wer
bloß die Schriften haͤtte, und aus dieſen folgerte, koͤnnte
in der Zukunft leicht auf die Behauptung kommen,
beide haͤtten gar nicht gleichzeitig gelebt, oder wenig¬
ſtens nicht von einander gewußt. Duͤrfen wir eine
Vermuthung wagen, ſo moͤchten wir den Schluͤſſel
dieſer Seltſamkeit in dem Verhaͤltniſſe vorausſetzen,

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[480/0494] der Anerkennung ſeines Talents wohl zufrieden ſein; denn, daß ihm Goethe die Liebe abſpricht, damit iſt die Sache noch nicht ausgemacht, man kann auch von Goethe'n appelliren; und eine folgende Zeit und mit mehreren Akten verſehene Gerichtsbehoͤrde, der inzwi¬ ſchen mit dem Gegenſtande dieſer Liebe auch dieſe ſelber klar geworden, duͤrfte einen ganz andern Aus¬ ſpruch geben. (Nach zuverlaͤſſiger Auskunft iſt jedoch nicht Heine, ſondern Graf Platen gemeint.) 4. Als eine Merkwuͤrdigkeit, die uns durch Eckermann's Buch neu beſtaͤtigt wird, iſt es vorlaͤngſt geruͤgt wor¬ den, daß Goethe nirgend in ſeinen vielfachen Schriften und Briefen, wo doch Tauſende ſeiner Zeitgenoſſen ge¬ nannt und wiedergenannt werden, den Prediger Schleier¬ macher erwaͤhnt, und auch in den muͤndlichen Memora¬ bilien kommt er nirgends vor. Dies Schweigen iſt aber gegenſeitig, und auch Schleiermacher gedenkt Goethe's nirgends — ſoviel uns bekannt — noch er¬ waͤhnte er deſſen gern im muͤndlichen Geſpraͤch. Wer bloß die Schriften haͤtte, und aus dieſen folgerte, koͤnnte in der Zukunft leicht auf die Behauptung kommen, beide haͤtten gar nicht gleichzeitig gelebt, oder wenig¬ ſtens nicht von einander gewußt. Duͤrfen wir eine Vermuthung wagen, ſo moͤchten wir den Schluͤſſel dieſer Seltſamkeit in dem Verhaͤltniſſe vorausſetzen,

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Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Karl August: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften. Bd. 1. Mannheim, 1837, S. 480. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_denkwuerdigkeiten01_1837/494>, abgerufen am 20.01.2021.