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Varnhagen von Ense, Karl August: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften. Bd. 2. Mannheim, 1837.

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abdrücken, und mit denen sie stets im lebendigen Zu¬
sammenhange anzuschauen sind. Goethe hat diese Ver¬
hältnisse der französischen Litteratur, eben so wie deren
innere Bestandtheile, im gegenwärtigen Falle, wie uns
scheint, mit zu eiligem Unmuth abgefertigt. Ihm werde
das nicht verargt, er hat mehr als jeder Andere das
Recht, auch eine Stimmung des Augenblicks abschließend
auszusprechen, und er hat auch in ihr ein glückliches
Wort gesagt, das bleiben wird: uns aber gebührt,
dasselbe anzuerkennen, ohne uns davon beschränken zu
lassen.

So fällt uns bei jenem französischen Romantismus
alsobald der Bezug auf, welchen diese Anhäufung von
Schrecknissen und Ausschweifungen, Absonderlichkeiten
und Verzerrungen, worin sich die Schriftsteller überbie¬
ten, zu dem heutigen Lebenszustande hat, der solche
Bilder zum Vergnügen annimmt. Da finden wir denn,
daß in diese Litteratur sich alles Entsetzliche und Furcht¬
bare gezogen hat, was ein Menschenalter früher in zer¬
störender Wirklichkeit wüthete; wir finden als Dichtung
und zur Unterhaltung den Lesern in die Hände gege¬
ben, was früher als grimmige Gewaltthat über ihren
Köpfen schwebte, und blutig ihre Nacken traf; während
jetzt sogar bei den anerkanntesten Verbrechen die To¬
desstrafe nur selten noch in Anwendung kommt! Diese
Verwandlung jenes grauenvollen Zustandes, der politi¬
schen Terreur, an welche kein Franzose ohne tiefe Be¬

abdruͤcken, und mit denen ſie ſtets im lebendigen Zu¬
ſammenhange anzuſchauen ſind. Goethe hat dieſe Ver¬
haͤltniſſe der franzoͤſiſchen Litteratur, eben ſo wie deren
innere Beſtandtheile, im gegenwaͤrtigen Falle, wie uns
ſcheint, mit zu eiligem Unmuth abgefertigt. Ihm werde
das nicht verargt, er hat mehr als jeder Andere das
Recht, auch eine Stimmung des Augenblicks abſchließend
auszuſprechen, und er hat auch in ihr ein gluͤckliches
Wort geſagt, das bleiben wird: uns aber gebuͤhrt,
daſſelbe anzuerkennen, ohne uns davon beſchraͤnken zu
laſſen.

So faͤllt uns bei jenem franzoͤſiſchen Romantismus
alſobald der Bezug auf, welchen dieſe Anhaͤufung von
Schreckniſſen und Ausſchweifungen, Abſonderlichkeiten
und Verzerrungen, worin ſich die Schriftſteller uͤberbie¬
ten, zu dem heutigen Lebenszuſtande hat, der ſolche
Bilder zum Vergnuͤgen annimmt. Da finden wir denn,
daß in dieſe Litteratur ſich alles Entſetzliche und Furcht¬
bare gezogen hat, was ein Menſchenalter fruͤher in zer¬
ſtoͤrender Wirklichkeit wuͤthete; wir finden als Dichtung
und zur Unterhaltung den Leſern in die Haͤnde gege¬
ben, was fruͤher als grimmige Gewaltthat uͤber ihren
Koͤpfen ſchwebte, und blutig ihre Nacken traf; waͤhrend
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[445/0459] abdruͤcken, und mit denen ſie ſtets im lebendigen Zu¬ ſammenhange anzuſchauen ſind. Goethe hat dieſe Ver¬ haͤltniſſe der franzoͤſiſchen Litteratur, eben ſo wie deren innere Beſtandtheile, im gegenwaͤrtigen Falle, wie uns ſcheint, mit zu eiligem Unmuth abgefertigt. Ihm werde das nicht verargt, er hat mehr als jeder Andere das Recht, auch eine Stimmung des Augenblicks abſchließend auszuſprechen, und er hat auch in ihr ein gluͤckliches Wort geſagt, das bleiben wird: uns aber gebuͤhrt, daſſelbe anzuerkennen, ohne uns davon beſchraͤnken zu laſſen. So faͤllt uns bei jenem franzoͤſiſchen Romantismus alſobald der Bezug auf, welchen dieſe Anhaͤufung von Schreckniſſen und Ausſchweifungen, Abſonderlichkeiten und Verzerrungen, worin ſich die Schriftſteller uͤberbie¬ ten, zu dem heutigen Lebenszuſtande hat, der ſolche Bilder zum Vergnuͤgen annimmt. Da finden wir denn, daß in dieſe Litteratur ſich alles Entſetzliche und Furcht¬ bare gezogen hat, was ein Menſchenalter fruͤher in zer¬ ſtoͤrender Wirklichkeit wuͤthete; wir finden als Dichtung und zur Unterhaltung den Leſern in die Haͤnde gege¬ ben, was fruͤher als grimmige Gewaltthat uͤber ihren Koͤpfen ſchwebte, und blutig ihre Nacken traf; waͤhrend jetzt ſogar bei den anerkannteſten Verbrechen die To¬ desſtrafe nur ſelten noch in Anwendung kommt! Dieſe Verwandlung jenes grauenvollen Zuſtandes, der politi¬ ſchen Terreur, an welche kein Franzoſe ohne tiefe Be¬

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Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Karl August: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften. Bd. 2. Mannheim, 1837, S. 445. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_denkwuerdigkeiten02_1837/459>, abgerufen am 30.03.2020.