Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. Bd. 2. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

Grand; daß Ludwig XVI. weiblich benannt werden dürfe,
siehe in den Memoires de St. Simon -- ist der Mann platt
und grob wie sein Volk; sonst ist es der reinste, liebens-
würdigste Emigrant. So muß man alle nennen, die mit Ge-
walt Gedanken wegdrängen und verwerfen, weil sie ihre Lieb-
lings-Festsetzungen durch ihre Resultate zu Grunde richten
würden. In diesen Anmerkungen ist ein vortreffliches Stück
über la Norvege aus einer Reise; und noch eins aus Winckel-
mann: beides meisterhaft übersetzt. -- Noch lese ich Troxlers
Versuche in der organischen Physik. -- Da ist S. 206 und 7
etwas Göttliches über den Willen. Doch dazu hast du keine
Zeit. Auch Delille nur, wenn du ihn findest. --




Die zwei karakteristischten Grundzüge in mir sind die:
daß alle Kartenspiele mich durchaus und von je her bis zur
größten Stupidität ennuyiren; und daß ich trotz der beschädi-
gendsten, zerstörendsten Liebe, nie im Einzeln eifersüchtig sein
konnte. Genau wußte ich, was ich dem Geliebten galt; und
was ich ihm, da ich mich und ihn kannte, gelten konnte. Was
kümmerten mich also die Details: die Art der möglichen Un-
treue u. s. w.

Bei jedem Menschen wären solche Grundzüge, zum Ver-
ständniß seiner, aufzufinden. Diese beiden bei mir z. B. zei-
gen doch offenbar; erstlich, von welcher Beschaffenheit mein
Geist ist: zweitens, daß ohnerachtet der größten Leidenschaft,
dieser Geist, so wie er nun einmal ist, nicht getrübt, verwirrt
werden konnte: denn seinem einmaligen Ausspruche lebte ich

Grand; daß Ludwig XVI. weiblich benannt werden dürfe,
ſiehe in den Mémoires de St. Simon — iſt der Mann platt
und grob wie ſein Volk; ſonſt iſt es der reinſte, liebens-
würdigſte Emigrant. So muß man alle nennen, die mit Ge-
walt Gedanken wegdrängen und verwerfen, weil ſie ihre Lieb-
lings-Feſtſetzungen durch ihre Reſultate zu Grunde richten
würden. In dieſen Anmerkungen iſt ein vortreffliches Stück
über la Norvège aus einer Reiſe; und noch eins aus Winckel-
mann: beides meiſterhaft überſetzt. — Noch leſe ich Troxlers
Verſuche in der organiſchen Phyſik. — Da iſt S. 206 und 7
etwas Göttliches über den Willen. Doch dazu haſt du keine
Zeit. Auch Delille nur, wenn du ihn findeſt. —




Die zwei karakteriſtiſchten Grundzüge in mir ſind die:
daß alle Kartenſpiele mich durchaus und von je her bis zur
größten Stupidität ennuyiren; und daß ich trotz der beſchädi-
gendſten, zerſtörendſten Liebe, nie im Einzeln eiferſüchtig ſein
konnte. Genau wußte ich, was ich dem Geliebten galt; und
was ich ihm, da ich mich und ihn kannte, gelten konnte. Was
kümmerten mich alſo die Details: die Art der möglichen Un-
treue u. ſ. w.

Bei jedem Menſchen wären ſolche Grundzüge, zum Ver-
ſtändniß ſeiner, aufzufinden. Dieſe beiden bei mir z. B. zei-
gen doch offenbar; erſtlich, von welcher Beſchaffenheit mein
Geiſt iſt: zweitens, daß ohnerachtet der größten Leidenſchaft,
dieſer Geiſt, ſo wie er nun einmal iſt, nicht getrübt, verwirrt
werden konnte: denn ſeinem einmaligen Ausſpruche lebte ich

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><hi rendition="#aq"><pb facs="#f0159" n="151"/>
Grand;</hi> daß Ludwig <hi rendition="#aq">XVI.</hi> weiblich benannt werden dürfe,<lb/>
&#x017F;iehe in den <hi rendition="#aq">Mémoires de St. Simon</hi> &#x2014; i&#x017F;t der Mann platt<lb/>
und grob wie &#x017F;ein Volk; &#x017F;on&#x017F;t i&#x017F;t es der <hi rendition="#g">rein&#x017F;te</hi>, liebens-<lb/>
würdig&#x017F;te Emigrant. So muß man alle nennen, die mit Ge-<lb/>
walt Gedanken wegdrängen und verwerfen, weil &#x017F;ie ihre Lieb-<lb/>
lings-Fe&#x017F;t&#x017F;etzungen durch ihre Re&#x017F;ultate zu Grunde richten<lb/>
würden. In die&#x017F;en Anmerkungen i&#x017F;t ein vortreffliches Stück<lb/>
über <hi rendition="#aq">la Norvège</hi> aus einer Rei&#x017F;e; und noch eins aus Winckel-<lb/>
mann: beides mei&#x017F;terhaft über&#x017F;etzt. &#x2014; Noch le&#x017F;e ich Troxlers<lb/>
Ver&#x017F;uche in der organi&#x017F;chen Phy&#x017F;ik. &#x2014; Da i&#x017F;t S. 206 und 7<lb/>
etwas Göttliches über den Willen. Doch dazu ha&#x017F;t du keine<lb/>
Zeit. Auch Delille nur, wenn du ihn finde&#x017F;t. &#x2014;</p>
          </div><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
          <div n="3">
            <dateline> <hi rendition="#et">December 1813.</hi> </dateline><lb/>
            <p>Die zwei karakteri&#x017F;ti&#x017F;chten Grundzüge in mir &#x017F;ind die:<lb/>
daß alle Karten&#x017F;piele mich durchaus und von je her bis zur<lb/>
größten Stupidität ennuyiren; und daß ich trotz der be&#x017F;chädi-<lb/>
gend&#x017F;ten, zer&#x017F;törend&#x017F;ten Liebe, nie im Einzeln eifer&#x017F;üchtig &#x017F;ein<lb/>
konnte. Genau wußte ich, was ich dem Geliebten galt; und<lb/>
was ich ihm, da ich mich und ihn kannte, gelten konnte. Was<lb/>
kümmerten mich al&#x017F;o die Details: die Art der möglichen Un-<lb/>
treue u. &#x017F;. w.</p><lb/>
            <p>Bei jedem Men&#x017F;chen wären &#x017F;olche Grundzüge, zum Ver-<lb/>
&#x017F;tändniß &#x017F;einer, aufzufinden. Die&#x017F;e beiden bei mir z. B. zei-<lb/>
gen doch offenbar; er&#x017F;tlich, von welcher Be&#x017F;chaffenheit mein<lb/>
Gei&#x017F;t i&#x017F;t: zweitens, daß ohnerachtet der größten Leiden&#x017F;chaft,<lb/>
die&#x017F;er Gei&#x017F;t, &#x017F;o wie er nun einmal i&#x017F;t, nicht getrübt, verwirrt<lb/>
werden konnte: denn &#x017F;einem einmaligen Aus&#x017F;pruche lebte ich<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[151/0159] Grand; daß Ludwig XVI. weiblich benannt werden dürfe, ſiehe in den Mémoires de St. Simon — iſt der Mann platt und grob wie ſein Volk; ſonſt iſt es der reinſte, liebens- würdigſte Emigrant. So muß man alle nennen, die mit Ge- walt Gedanken wegdrängen und verwerfen, weil ſie ihre Lieb- lings-Feſtſetzungen durch ihre Reſultate zu Grunde richten würden. In dieſen Anmerkungen iſt ein vortreffliches Stück über la Norvège aus einer Reiſe; und noch eins aus Winckel- mann: beides meiſterhaft überſetzt. — Noch leſe ich Troxlers Verſuche in der organiſchen Phyſik. — Da iſt S. 206 und 7 etwas Göttliches über den Willen. Doch dazu haſt du keine Zeit. Auch Delille nur, wenn du ihn findeſt. — December 1813. Die zwei karakteriſtiſchten Grundzüge in mir ſind die: daß alle Kartenſpiele mich durchaus und von je her bis zur größten Stupidität ennuyiren; und daß ich trotz der beſchädi- gendſten, zerſtörendſten Liebe, nie im Einzeln eiferſüchtig ſein konnte. Genau wußte ich, was ich dem Geliebten galt; und was ich ihm, da ich mich und ihn kannte, gelten konnte. Was kümmerten mich alſo die Details: die Art der möglichen Un- treue u. ſ. w. Bei jedem Menſchen wären ſolche Grundzüge, zum Ver- ſtändniß ſeiner, aufzufinden. Dieſe beiden bei mir z. B. zei- gen doch offenbar; erſtlich, von welcher Beſchaffenheit mein Geiſt iſt: zweitens, daß ohnerachtet der größten Leidenſchaft, dieſer Geiſt, ſo wie er nun einmal iſt, nicht getrübt, verwirrt werden konnte: denn ſeinem einmaligen Ausſpruche lebte ich

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel02_1834
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel02_1834/159
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. Bd. 2. Berlin, 1834, S. 151. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel02_1834/159>, abgerufen am 10.12.2019.