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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846.

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ist das Materielle an diesem Gebirge in negativem Verhältnisse zu der
Kraft, welche diese Massen emporgeworfen hat: die Naturkraft selbst,
welche unendlich mehr ist auch als dieses Gebirge, hat das ungeheure
Gewicht, als wäre es ohne Schwere, übereinander gethürmt. Der große
Mensch scheint die Macht der einzelnen Persönlichkeit in sich darzustellen,
allein er stellt mehr dar: die Macht aller Persönlichkeit. In der
zweiten, ausdrücklich negativen Form, kommt dies Negative nur vollends
zum Vorschein, welches schon in der ersten liegt: ein Schritt weiter und
das Gefäß kann die ausfüllende Kraft nicht mehr ertragen, es birst;
es bat sich weiter und weiter gedehnt und nun, da es reißt, sehen wir,
daß schon vorher die ausfüllende Kraft unendlich mehr war, als das
Gefäß. Vorher schien ein Bund noch möglich ohne Bruch, jetzt leuchtet
ein, daß aller Bund zugleich Bruch ist. Dieß ist die Ironie im
positiv Erhabenen, ein Begriff, der jedoch erst im Tragischen so bestimmt
hervortritt, daß er ausdrücklich aufzufassen ist.

3. Solger (a. a. S. 87): "Negative Dinge, wie Burke meinte,
können nicht erhaben seyn; wohl aber ein Concentriren der Kraft in
einen Punkt, worin sich die Kraft als in einer Entwicklung begriffen
zeigt. Daher kann allerdings die Kürze in der Poesie erhaben seyn,
nicht aber wegen des Negativen, sondern wegen des Concentrirens der
Kraft; ebenso das Schweigen wegen der nicht entwickelten Kraft." Die
Negation hat freilich ihren Grund in der Position der Kraft, aber sie
wiegt vor in allen denjenigen erhabenen Erscheinungen, die sich als
Ruhe, höchste Kürze, Stille, Tod darstellen; denn es ist doch etwas
Anderes, ob ich eine Thätigkeit der Idee sehe, welche unmittelbar nicht
zerstörend erscheint, und eine solche, welche die Zerstörung nur eben in's
Werk setzt, aber noch nicht vollendet hat, oder aber eine solche, welche
völlig zerstörend oder überhaupt aufhebend gewirkt hat oder zu wirken
sich die Miene gibt. Beide letzteren Formen nämlich können eintreten:
die Kraft hat zerstört (Leiche, Ruhe und Stille eines Schlachtfeldes),
oder sie kann zerstören, wird es (Stille vor einem Gewitter); sie
kann sich freilich auch zurückhalten, sie wird dann nichts Gewaltsames wirken,
aber eben, weil sie selbst sich nicht gestattet, sich auszudehnen, und so
einen Theil ihrer Erscheinung ganz unterdrückt: lauter Wirkungen, welche
sich nur als Negation bezeichnen lassen. Wie aber die Idee als Position
immer Thätigkeit und Bewegung ist, so natürlich auch in diesen Formen
und zwar, weil, was sich verborgen hält, von der Phantasie zu einem
Unendlichen erhoben wird, eine doppelt starke. -- Uebrigens geht aus

iſt das Materielle an dieſem Gebirge in negativem Verhältniſſe zu der
Kraft, welche dieſe Maſſen emporgeworfen hat: die Naturkraft ſelbſt,
welche unendlich mehr iſt auch als dieſes Gebirge, hat das ungeheure
Gewicht, als wäre es ohne Schwere, übereinander gethürmt. Der große
Menſch ſcheint die Macht der einzelnen Perſönlichkeit in ſich darzuſtellen,
allein er ſtellt mehr dar: die Macht aller Perſönlichkeit. In der
zweiten, ausdrücklich negativen Form, kommt dies Negative nur vollends
zum Vorſchein, welches ſchon in der erſten liegt: ein Schritt weiter und
das Gefäß kann die ausfüllende Kraft nicht mehr ertragen, es birſt;
es bat ſich weiter und weiter gedehnt und nun, da es reißt, ſehen wir,
daß ſchon vorher die ausfüllende Kraft unendlich mehr war, als das
Gefäß. Vorher ſchien ein Bund noch möglich ohne Bruch, jetzt leuchtet
ein, daß aller Bund zugleich Bruch iſt. Dieß iſt die Ironie im
poſitiv Erhabenen, ein Begriff, der jedoch erſt im Tragiſchen ſo beſtimmt
hervortritt, daß er ausdrücklich aufzufaſſen iſt.

3. Solger (a. a. S. 87): „Negative Dinge, wie Burke meinte,
können nicht erhaben ſeyn; wohl aber ein Concentriren der Kraft in
einen Punkt, worin ſich die Kraft als in einer Entwicklung begriffen
zeigt. Daher kann allerdings die Kürze in der Poeſie erhaben ſeyn,
nicht aber wegen des Negativen, ſondern wegen des Concentrirens der
Kraft; ebenſo das Schweigen wegen der nicht entwickelten Kraft.“ Die
Negation hat freilich ihren Grund in der Poſition der Kraft, aber ſie
wiegt vor in allen denjenigen erhabenen Erſcheinungen, die ſich als
Ruhe, höchſte Kürze, Stille, Tod darſtellen; denn es iſt doch etwas
Anderes, ob ich eine Thätigkeit der Idee ſehe, welche unmittelbar nicht
zerſtörend erſcheint, und eine ſolche, welche die Zerſtörung nur eben in’s
Werk ſetzt, aber noch nicht vollendet hat, oder aber eine ſolche, welche
völlig zerſtörend oder überhaupt aufhebend gewirkt hat oder zu wirken
ſich die Miene gibt. Beide letzteren Formen nämlich können eintreten:
die Kraft hat zerſtört (Leiche, Ruhe und Stille eines Schlachtfeldes),
oder ſie kann zerſtören, wird es (Stille vor einem Gewitter); ſie
kann ſich freilich auch zurückhalten, ſie wird dann nichts Gewaltſames wirken,
aber eben, weil ſie ſelbſt ſich nicht geſtattet, ſich auszudehnen, und ſo
einen Theil ihrer Erſcheinung ganz unterdrückt: lauter Wirkungen, welche
ſich nur als Negation bezeichnen laſſen. Wie aber die Idee als Poſition
immer Thätigkeit und Bewegung iſt, ſo natürlich auch in dieſen Formen
und zwar, weil, was ſich verborgen hält, von der Phantaſie zu einem
Unendlichen erhoben wird, eine doppelt ſtarke. — Uebrigens geht aus

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[226/0240] iſt das Materielle an dieſem Gebirge in negativem Verhältniſſe zu der Kraft, welche dieſe Maſſen emporgeworfen hat: die Naturkraft ſelbſt, welche unendlich mehr iſt auch als dieſes Gebirge, hat das ungeheure Gewicht, als wäre es ohne Schwere, übereinander gethürmt. Der große Menſch ſcheint die Macht der einzelnen Perſönlichkeit in ſich darzuſtellen, allein er ſtellt mehr dar: die Macht aller Perſönlichkeit. In der zweiten, ausdrücklich negativen Form, kommt dies Negative nur vollends zum Vorſchein, welches ſchon in der erſten liegt: ein Schritt weiter und das Gefäß kann die ausfüllende Kraft nicht mehr ertragen, es birſt; es bat ſich weiter und weiter gedehnt und nun, da es reißt, ſehen wir, daß ſchon vorher die ausfüllende Kraft unendlich mehr war, als das Gefäß. Vorher ſchien ein Bund noch möglich ohne Bruch, jetzt leuchtet ein, daß aller Bund zugleich Bruch iſt. Dieß iſt die Ironie im poſitiv Erhabenen, ein Begriff, der jedoch erſt im Tragiſchen ſo beſtimmt hervortritt, daß er ausdrücklich aufzufaſſen iſt. 3. Solger (a. a. S. 87): „Negative Dinge, wie Burke meinte, können nicht erhaben ſeyn; wohl aber ein Concentriren der Kraft in einen Punkt, worin ſich die Kraft als in einer Entwicklung begriffen zeigt. Daher kann allerdings die Kürze in der Poeſie erhaben ſeyn, nicht aber wegen des Negativen, ſondern wegen des Concentrirens der Kraft; ebenſo das Schweigen wegen der nicht entwickelten Kraft.“ Die Negation hat freilich ihren Grund in der Poſition der Kraft, aber ſie wiegt vor in allen denjenigen erhabenen Erſcheinungen, die ſich als Ruhe, höchſte Kürze, Stille, Tod darſtellen; denn es iſt doch etwas Anderes, ob ich eine Thätigkeit der Idee ſehe, welche unmittelbar nicht zerſtörend erſcheint, und eine ſolche, welche die Zerſtörung nur eben in’s Werk ſetzt, aber noch nicht vollendet hat, oder aber eine ſolche, welche völlig zerſtörend oder überhaupt aufhebend gewirkt hat oder zu wirken ſich die Miene gibt. Beide letzteren Formen nämlich können eintreten: die Kraft hat zerſtört (Leiche, Ruhe und Stille eines Schlachtfeldes), oder ſie kann zerſtören, wird es (Stille vor einem Gewitter); ſie kann ſich freilich auch zurückhalten, ſie wird dann nichts Gewaltſames wirken, aber eben, weil ſie ſelbſt ſich nicht geſtattet, ſich auszudehnen, und ſo einen Theil ihrer Erſcheinung ganz unterdrückt: lauter Wirkungen, welche ſich nur als Negation bezeichnen laſſen. Wie aber die Idee als Poſition immer Thätigkeit und Bewegung iſt, ſo natürlich auch in dieſen Formen und zwar, weil, was ſich verborgen hält, von der Phantaſie zu einem Unendlichen erhoben wird, eine doppelt ſtarke. — Uebrigens geht aus

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846, S. 226. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846/240>, abgerufen am 31.05.2020.