Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846.

Bild:
<< vorherige Seite

leben: Herz und Pflicht, Gesetz der Zukunft für die Individualität und
Anspruch eingegangener Verpflichtung: Göthes Wahlverwandtschaften,
Clavigo. In jenen ist der Kampf auf zwei Seiten je in zwei Personen
innerlich, das Gesetz der Pflicht steht nur mahnend in der Person des
Mittler zur Seite, im Clarigo schwankt der Held zwischen den Einflüssen
seiner Mahner, die Pflicht der Treue, ist in Marien und ihrem Bruder, das
Gesetz der Zukunft in Carlos repräsentirt. Recht der Phantasie, der poetischen
Freiheit und Recht des Verstandes, der Convenienz, des praktischen Takts:
Göthes Tasso. Recht der Unendlichkeit des denkenden, genießenden, wollen-
den Geistes und Gesetz der Beschränkung, der Erfahrung: Göthes Faust.
Der letztere Kampf spielt innerlich in Faust; das Gesetz der Beschrän-
kung ist zwar in Margareten und Valentin objectivirt, hat aber seine hö-
here und zweideutige Vertretung in der außermenschlichen Gestalt des
Mephistopheles, der Faust an beschränkten Genuß zu ketten sucht, um ihn zu
verderben, aber dennoch ihn erzieht, ohne es zu wollen.

§. 136.

Unter diesen zwei Mächten steht die eine im Vorrecht gegen die andere,
obwohl auch diese berechtigt ist. Das Leben der sittlichen Idee bringt nämlich
einen steten Gegensatz des freien Fortschritts und des nothwendig Bestehenden,
des Jugendlichen und des Hemmenden mit sich, denn der Wille schafft sich
Formen und strebt sie, nachdem sie ihm nicht mehr angemessen sind, als todten
Niederschlag abzuschütteln, während sie doch Dauer ansprechen, so lange sie den
Bedürfnissen der noch nicht fortgeschrittenen Sphäre des Willens genügen und
die neue Form erst geschaffen werden soll. Daraus entsteht ein Kampf, der
wirklicher Conflict ist, weil beide Gesetze, das der neuen Schöpfung und das des
Bestandes der alten, berechtigt sind. Das tiefere Recht ist aber, weil die sitt-
liche Idee absolute Bewegung ist, auf der ersten Seite.

Der wahre Inhalt des Tragischen sind, wie schon berührt, Revolutionen,
die höchste Darstellung desselben, die Tragödie, ist durch ängstliche Ueberwachung
der Bühne vernichtet. -- Das Recht des freien Fortschritts nun hat ge-
wöhnlich auch den genialeren, jugendlicheren, glänzenderen Vertreter. Die
Theilnahme tritt auf seine Seite und meint, aber mit Unrecht, er falle
unschuldig. Antigone, welche ein zwar in uralter Volkssitte gegründetes
Gesetz der Pietät gegen ein Gesetz des Staates geltend macht, aber eben
hierin dem jugendlichen Gefühle gegen ein Gebot des Staates folgt, das

leben: Herz und Pflicht, Geſetz der Zukunft für die Individualität und
Anſpruch eingegangener Verpflichtung: Göthes Wahlverwandtſchaften,
Clavigo. In jenen iſt der Kampf auf zwei Seiten je in zwei Perſonen
innerlich, das Geſetz der Pflicht ſteht nur mahnend in der Perſon des
Mittler zur Seite, im Clarigo ſchwankt der Held zwiſchen den Einflüſſen
ſeiner Mahner, die Pflicht der Treue, iſt in Marien und ihrem Bruder, das
Geſetz der Zukunft in Carlos repräſentirt. Recht der Phantaſie, der poetiſchen
Freiheit und Recht des Verſtandes, der Convenienz, des praktiſchen Takts:
Göthes Taſſo. Recht der Unendlichkeit des denkenden, genießenden, wollen-
den Geiſtes und Geſetz der Beſchränkung, der Erfahrung: Göthes Fauſt.
Der letztere Kampf ſpielt innerlich in Fauſt; das Geſetz der Beſchrän-
kung iſt zwar in Margareten und Valentin objectivirt, hat aber ſeine hö-
here und zweideutige Vertretung in der außermenſchlichen Geſtalt des
Mephiſtopheles, der Fauſt an beſchränkten Genuß zu ketten ſucht, um ihn zu
verderben, aber dennoch ihn erzieht, ohne es zu wollen.

§. 136.

Unter dieſen zwei Mächten ſteht die eine im Vorrecht gegen die andere,
obwohl auch dieſe berechtigt iſt. Das Leben der ſittlichen Idee bringt nämlich
einen ſteten Gegenſatz des freien Fortſchritts und des nothwendig Beſtehenden,
des Jugendlichen und des Hemmenden mit ſich, denn der Wille ſchafft ſich
Formen und ſtrebt ſie, nachdem ſie ihm nicht mehr angemeſſen ſind, als todten
Niederſchlag abzuſchütteln, während ſie doch Dauer anſprechen, ſo lange ſie den
Bedürfniſſen der noch nicht fortgeſchrittenen Sphäre des Willens genügen und
die neue Form erſt geſchaffen werden ſoll. Daraus entſteht ein Kampf, der
wirklicher Conflict iſt, weil beide Geſetze, das der neuen Schöpfung und das des
Beſtandes der alten, berechtigt ſind. Das tiefere Recht iſt aber, weil die ſitt-
liche Idee abſolute Bewegung iſt, auf der erſten Seite.

Der wahre Inhalt des Tragiſchen ſind, wie ſchon berührt, Revolutionen,
die höchſte Darſtellung desſelben, die Tragödie, iſt durch ängſtliche Ueberwachung
der Bühne vernichtet. — Das Recht des freien Fortſchritts nun hat ge-
wöhnlich auch den genialeren, jugendlicheren, glänzenderen Vertreter. Die
Theilnahme tritt auf ſeine Seite und meint, aber mit Unrecht, er falle
unſchuldig. Antigone, welche ein zwar in uralter Volksſitte gegründetes
Geſetz der Pietät gegen ein Geſetz des Staates geltend macht, aber eben
hierin dem jugendlichen Gefühle gegen ein Gebot des Staates folgt, das

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <div n="5">
                <div n="6">
                  <p> <hi rendition="#et"><pb facs="#f0329" n="315"/>
leben: Herz und Pflicht, Ge&#x017F;etz der Zukunft für die Individualität und<lb/>
An&#x017F;pruch eingegangener Verpflichtung: <hi rendition="#g">Göthes</hi> Wahlverwandt&#x017F;chaften,<lb/>
Clavigo. In jenen i&#x017F;t der Kampf auf zwei Seiten je in zwei Per&#x017F;onen<lb/>
innerlich, das Ge&#x017F;etz der Pflicht &#x017F;teht nur mahnend in der Per&#x017F;on des<lb/>
Mittler zur Seite, im Clarigo &#x017F;chwankt der Held zwi&#x017F;chen den Einflü&#x017F;&#x017F;en<lb/>
&#x017F;einer Mahner, die Pflicht der Treue, i&#x017F;t in Marien und ihrem Bruder, das<lb/>
Ge&#x017F;etz der Zukunft in Carlos reprä&#x017F;entirt. Recht der Phanta&#x017F;ie, der poeti&#x017F;chen<lb/>
Freiheit und Recht des Ver&#x017F;tandes, der Convenienz, des prakti&#x017F;chen Takts:<lb/><hi rendition="#g">Göthes</hi> Ta&#x017F;&#x017F;o. Recht der Unendlichkeit des denkenden, genießenden, wollen-<lb/>
den Gei&#x017F;tes und Ge&#x017F;etz der Be&#x017F;chränkung, der Erfahrung: <hi rendition="#g">Göthes</hi> Fau&#x017F;t.<lb/>
Der letztere Kampf &#x017F;pielt innerlich in Fau&#x017F;t; das Ge&#x017F;etz der Be&#x017F;chrän-<lb/>
kung i&#x017F;t zwar in Margareten und Valentin objectivirt, hat aber &#x017F;eine hö-<lb/>
here und zweideutige Vertretung in der außermen&#x017F;chlichen Ge&#x017F;talt des<lb/>
Mephi&#x017F;topheles, der Fau&#x017F;t an be&#x017F;chränkten Genuß zu ketten &#x017F;ucht, um ihn zu<lb/>
verderben, aber dennoch ihn erzieht, ohne es zu wollen.</hi> </p>
                </div><lb/>
                <div n="6">
                  <head>§. 136.</head><lb/>
                  <p> <hi rendition="#fr">Unter die&#x017F;en zwei Mächten &#x017F;teht die eine im Vorrecht gegen die andere,<lb/>
obwohl auch die&#x017F;e berechtigt i&#x017F;t. Das Leben der &#x017F;ittlichen Idee bringt nämlich<lb/>
einen &#x017F;teten Gegen&#x017F;atz des freien Fort&#x017F;chritts und des nothwendig Be&#x017F;tehenden,<lb/>
des Jugendlichen und des Hemmenden mit &#x017F;ich, denn der Wille &#x017F;chafft &#x017F;ich<lb/>
Formen und &#x017F;trebt &#x017F;ie, nachdem &#x017F;ie ihm nicht mehr angeme&#x017F;&#x017F;en &#x017F;ind, als todten<lb/>
Nieder&#x017F;chlag abzu&#x017F;chütteln, während &#x017F;ie doch Dauer an&#x017F;prechen, &#x017F;o lange &#x017F;ie den<lb/>
Bedürfni&#x017F;&#x017F;en der noch nicht fortge&#x017F;chrittenen Sphäre des Willens genügen und<lb/>
die neue Form er&#x017F;t ge&#x017F;chaffen werden &#x017F;oll. Daraus ent&#x017F;teht ein Kampf, der<lb/>
wirklicher Conflict i&#x017F;t, weil beide Ge&#x017F;etze, das der neuen Schöpfung und das des<lb/>
Be&#x017F;tandes der alten, berechtigt &#x017F;ind. Das tiefere Recht i&#x017F;t aber, weil die &#x017F;itt-<lb/>
liche Idee ab&#x017F;olute Bewegung i&#x017F;t, auf der er&#x017F;ten Seite.</hi> </p><lb/>
                  <p> <hi rendition="#et">Der wahre Inhalt des Tragi&#x017F;chen &#x017F;ind, wie &#x017F;chon berührt, Revolutionen,<lb/>
die höch&#x017F;te Dar&#x017F;tellung des&#x017F;elben, die Tragödie, i&#x017F;t durch äng&#x017F;tliche Ueberwachung<lb/>
der Bühne vernichtet. &#x2014; Das Recht des freien Fort&#x017F;chritts nun hat ge-<lb/>
wöhnlich auch den genialeren, jugendlicheren, glänzenderen Vertreter. Die<lb/>
Theilnahme tritt auf &#x017F;eine Seite und meint, aber mit Unrecht, er falle<lb/>
un&#x017F;chuldig. Antigone, welche ein zwar in uralter Volks&#x017F;itte gegründetes<lb/>
Ge&#x017F;etz der Pietät gegen ein Ge&#x017F;etz des Staates geltend macht, aber eben<lb/>
hierin dem jugendlichen Gefühle gegen ein Gebot des Staates folgt, das<lb/></hi> </p>
                </div>
              </div>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[315/0329] leben: Herz und Pflicht, Geſetz der Zukunft für die Individualität und Anſpruch eingegangener Verpflichtung: Göthes Wahlverwandtſchaften, Clavigo. In jenen iſt der Kampf auf zwei Seiten je in zwei Perſonen innerlich, das Geſetz der Pflicht ſteht nur mahnend in der Perſon des Mittler zur Seite, im Clarigo ſchwankt der Held zwiſchen den Einflüſſen ſeiner Mahner, die Pflicht der Treue, iſt in Marien und ihrem Bruder, das Geſetz der Zukunft in Carlos repräſentirt. Recht der Phantaſie, der poetiſchen Freiheit und Recht des Verſtandes, der Convenienz, des praktiſchen Takts: Göthes Taſſo. Recht der Unendlichkeit des denkenden, genießenden, wollen- den Geiſtes und Geſetz der Beſchränkung, der Erfahrung: Göthes Fauſt. Der letztere Kampf ſpielt innerlich in Fauſt; das Geſetz der Beſchrän- kung iſt zwar in Margareten und Valentin objectivirt, hat aber ſeine hö- here und zweideutige Vertretung in der außermenſchlichen Geſtalt des Mephiſtopheles, der Fauſt an beſchränkten Genuß zu ketten ſucht, um ihn zu verderben, aber dennoch ihn erzieht, ohne es zu wollen. §. 136. Unter dieſen zwei Mächten ſteht die eine im Vorrecht gegen die andere, obwohl auch dieſe berechtigt iſt. Das Leben der ſittlichen Idee bringt nämlich einen ſteten Gegenſatz des freien Fortſchritts und des nothwendig Beſtehenden, des Jugendlichen und des Hemmenden mit ſich, denn der Wille ſchafft ſich Formen und ſtrebt ſie, nachdem ſie ihm nicht mehr angemeſſen ſind, als todten Niederſchlag abzuſchütteln, während ſie doch Dauer anſprechen, ſo lange ſie den Bedürfniſſen der noch nicht fortgeſchrittenen Sphäre des Willens genügen und die neue Form erſt geſchaffen werden ſoll. Daraus entſteht ein Kampf, der wirklicher Conflict iſt, weil beide Geſetze, das der neuen Schöpfung und das des Beſtandes der alten, berechtigt ſind. Das tiefere Recht iſt aber, weil die ſitt- liche Idee abſolute Bewegung iſt, auf der erſten Seite. Der wahre Inhalt des Tragiſchen ſind, wie ſchon berührt, Revolutionen, die höchſte Darſtellung desſelben, die Tragödie, iſt durch ängſtliche Ueberwachung der Bühne vernichtet. — Das Recht des freien Fortſchritts nun hat ge- wöhnlich auch den genialeren, jugendlicheren, glänzenderen Vertreter. Die Theilnahme tritt auf ſeine Seite und meint, aber mit Unrecht, er falle unſchuldig. Antigone, welche ein zwar in uralter Volksſitte gegründetes Geſetz der Pietät gegen ein Geſetz des Staates geltend macht, aber eben hierin dem jugendlichen Gefühle gegen ein Gebot des Staates folgt, das

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846/329
Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846, S. 315. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846/329>, abgerufen am 17.10.2019.