Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846.

Bild:
<< vorherige Seite

die das Jugendliche wollen, daß sie rasch dem tragischen Gesetze verfallen
und im Tode die Lethe ihrer Schuld trinken. Rasch, wie sie sind, und be-
geistert, steht ihnen ein rascher Tod an; zäh und klug, wie sie sind, steht
es den prosaischen Helden der Berechnung und des Positiven an, ein
Patent, das sie zum Fürsten erhebt, mit schmerzvollem Blick zum Himmel
zu empfangen. So siegt Heinrich IV über die aufrührerischen Vasallen,
der lodernde Percy fällt auf dem Bette der Ehre, aber der Sieger, der
selbst den Thron als aufrührerischer Vasall bestiegen, trägt den schweren
Flecken und den Gram um den Sohn, dessen sittliche Erhebung er nicht
erleben soll, in's ruhmlose Krankenbett mit sich, in welchem er den trüben
Geist aushaucht.

Ueber die Nebenpersonen gilt, was §. 132 für die zweite Form des
Tragischen ausgesprochen wurde. Ein Beispiel vollerer Schuld und um
so edlerer Erhebung im Leiden ist Margarete in Göthes Faust. Valentin
stirbt unschuldig, denn daß er die Verführung der Schwester mit dem
Degen rächen will, ist nach den Sitten der Zeit keine Schuld. Aber er
erträgt den Tod fest und "geht zu Gott ein als Soldat und brav."
Hämon in der Antigone tödtet sich selbst, denn der Tod, der ihn der
Braut vereinigt, ist ihm Wohlthat. Der wackere Georg in Götz von
Berlichingen stirbt als braver Reitersmann den ehrlichen Soldatentod.
Die Begründung des Allgemeinen hat sich hier nicht weiter einzulassen,
weil Zahl und näheres Schicksal der Nebenpersonen, theils von dem
einzelnen Falle, der in abstracto nicht zu bestimmen ist, theils von den
besonderen Gesetzen der Kunstgattungen abhängen, die hieher nicht ge-
hören.

§. 139.

Die Negation ist in dieser Form des Tragischen die härteste, da der in-1
nerste Kern des sittlichen Wollens selbst die Schuld in sich schließt und in der
strengen Dialektik der Handlung Alles aus dem Innern hervor und in's Innere
eindringt. Ebendeßwegen aber, weil es hier für die Schuld keine Berufung2
auf den Zufall gibt, gibt es auch keine Klage über Zufälligkeit der Strafe
und ist diese Form vielmehr die gerechteste, daher auch ihre Versöhnung die
tiefste. Die in jeder der kämpfenden Mächte enthaltene Forderung des sittlichen
Gesetzes ist durch die That erfüllt, aber zugleich die Einseitigkeit in beiden
Thaten durch die entgegengesetzte getilgt und hiedurch die Aussicht eröffnet,
daß jene sich reinigend ihre Niederlage überleben werden. Die Subjecte, in3

die das Jugendliche wollen, daß ſie raſch dem tragiſchen Geſetze verfallen
und im Tode die Lethe ihrer Schuld trinken. Raſch, wie ſie ſind, und be-
geiſtert, ſteht ihnen ein raſcher Tod an; zäh und klug, wie ſie ſind, ſteht
es den proſaiſchen Helden der Berechnung und des Poſitiven an, ein
Patent, das ſie zum Fürſten erhebt, mit ſchmerzvollem Blick zum Himmel
zu empfangen. So ſiegt Heinrich IV über die aufrühreriſchen Vaſallen,
der lodernde Percy fällt auf dem Bette der Ehre, aber der Sieger, der
ſelbſt den Thron als aufrühreriſcher Vaſall beſtiegen, trägt den ſchweren
Flecken und den Gram um den Sohn, deſſen ſittliche Erhebung er nicht
erleben ſoll, in’s ruhmloſe Krankenbett mit ſich, in welchem er den trüben
Geiſt aushaucht.

Ueber die Nebenperſonen gilt, was §. 132 für die zweite Form des
Tragiſchen ausgeſprochen wurde. Ein Beiſpiel vollerer Schuld und um
ſo edlerer Erhebung im Leiden iſt Margarete in Göthes Fauſt. Valentin
ſtirbt unſchuldig, denn daß er die Verführung der Schweſter mit dem
Degen rächen will, iſt nach den Sitten der Zeit keine Schuld. Aber er
erträgt den Tod feſt und „geht zu Gott ein als Soldat und brav.“
Hämon in der Antigone tödtet ſich ſelbſt, denn der Tod, der ihn der
Braut vereinigt, iſt ihm Wohlthat. Der wackere Georg in Götz von
Berlichingen ſtirbt als braver Reitersmann den ehrlichen Soldatentod.
Die Begründung des Allgemeinen hat ſich hier nicht weiter einzulaſſen,
weil Zahl und näheres Schickſal der Nebenperſonen, theils von dem
einzelnen Falle, der in abstracto nicht zu beſtimmen iſt, theils von den
beſonderen Geſetzen der Kunſtgattungen abhängen, die hieher nicht ge-
hören.

§. 139.

Die Negation iſt in dieſer Form des Tragiſchen die härteſte, da der in-1
nerſte Kern des ſittlichen Wollens ſelbſt die Schuld in ſich ſchließt und in der
ſtrengen Dialektik der Handlung Alles aus dem Innern hervor und in’s Innere
eindringt. Ebendeßwegen aber, weil es hier für die Schuld keine Berufung2
auf den Zufall gibt, gibt es auch keine Klage über Zufälligkeit der Strafe
und iſt dieſe Form vielmehr die gerechteſte, daher auch ihre Verſöhnung die
tiefſte. Die in jeder der kämpfenden Mächte enthaltene Forderung des ſittlichen
Geſetzes iſt durch die That erfüllt, aber zugleich die Einſeitigkeit in beiden
Thaten durch die entgegengeſetzte getilgt und hiedurch die Ausſicht eröffnet,
daß jene ſich reinigend ihre Niederlage überleben werden. Die Subjecte, in3

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <div n="5">
                <div n="6">
                  <p> <hi rendition="#et"><pb facs="#f0333" n="319"/>
die das Jugendliche wollen, daß &#x017F;ie ra&#x017F;ch dem tragi&#x017F;chen Ge&#x017F;etze verfallen<lb/>
und im Tode die Lethe ihrer Schuld trinken. Ra&#x017F;ch, wie &#x017F;ie &#x017F;ind, und be-<lb/>
gei&#x017F;tert, &#x017F;teht ihnen ein ra&#x017F;cher Tod an; zäh und klug, wie &#x017F;ie &#x017F;ind, &#x017F;teht<lb/>
es den pro&#x017F;ai&#x017F;chen Helden der Berechnung und des Po&#x017F;itiven an, ein<lb/>
Patent, das &#x017F;ie zum Für&#x017F;ten erhebt, mit &#x017F;chmerzvollem Blick zum Himmel<lb/>
zu empfangen. So &#x017F;iegt Heinrich <hi rendition="#aq">IV</hi> über die aufrühreri&#x017F;chen Va&#x017F;allen,<lb/>
der lodernde Percy fällt auf dem Bette der Ehre, aber der Sieger, der<lb/>
&#x017F;elb&#x017F;t den Thron als aufrühreri&#x017F;cher Va&#x017F;all be&#x017F;tiegen, trägt den &#x017F;chweren<lb/>
Flecken und den Gram um den Sohn, de&#x017F;&#x017F;en &#x017F;ittliche Erhebung er nicht<lb/>
erleben &#x017F;oll, in&#x2019;s ruhmlo&#x017F;e Krankenbett mit &#x017F;ich, in welchem er den trüben<lb/>
Gei&#x017F;t aushaucht.</hi> </p><lb/>
                  <p> <hi rendition="#et">Ueber die Nebenper&#x017F;onen gilt, was §. 132 für die zweite Form des<lb/>
Tragi&#x017F;chen ausge&#x017F;prochen wurde. Ein Bei&#x017F;piel vollerer Schuld und um<lb/>
&#x017F;o edlerer Erhebung im Leiden i&#x017F;t Margarete in <hi rendition="#g">Göthes</hi> Fau&#x017F;t. Valentin<lb/>
&#x017F;tirbt un&#x017F;chuldig, denn daß er die Verführung der Schwe&#x017F;ter mit dem<lb/>
Degen rächen will, i&#x017F;t nach den Sitten der Zeit keine Schuld. Aber er<lb/>
erträgt den Tod fe&#x017F;t und &#x201E;geht zu Gott ein als Soldat und brav.&#x201C;<lb/>
Hämon in der Antigone tödtet &#x017F;ich &#x017F;elb&#x017F;t, denn der Tod, der ihn der<lb/>
Braut vereinigt, i&#x017F;t ihm Wohlthat. Der wackere Georg in Götz von<lb/>
Berlichingen &#x017F;tirbt als braver Reitersmann den ehrlichen Soldatentod.<lb/>
Die Begründung des Allgemeinen hat &#x017F;ich hier nicht weiter einzula&#x017F;&#x017F;en,<lb/>
weil Zahl und näheres Schick&#x017F;al der Nebenper&#x017F;onen, theils von dem<lb/>
einzelnen Falle, der <hi rendition="#aq">in abstracto</hi> nicht zu be&#x017F;timmen i&#x017F;t, theils von den<lb/>
be&#x017F;onderen Ge&#x017F;etzen der Kun&#x017F;tgattungen abhängen, die hieher nicht ge-<lb/>
hören.</hi> </p>
                </div><lb/>
                <div n="6">
                  <head>§. 139.</head><lb/>
                  <p> <hi rendition="#fr">Die Negation i&#x017F;t in die&#x017F;er Form des Tragi&#x017F;chen die härte&#x017F;te, da der in-<note place="right">1</note><lb/>
ner&#x017F;te Kern des &#x017F;ittlichen Wollens &#x017F;elb&#x017F;t die Schuld in &#x017F;ich &#x017F;chließt und in der<lb/>
&#x017F;trengen Dialektik der Handlung Alles aus dem Innern hervor und in&#x2019;s Innere<lb/>
eindringt. Ebendeßwegen aber, weil es hier für die Schuld keine Berufung<note place="right">2</note><lb/>
auf den Zufall gibt, gibt es auch keine Klage über Zufälligkeit der Strafe<lb/>
und i&#x017F;t die&#x017F;e Form vielmehr die gerechte&#x017F;te, daher auch ihre Ver&#x017F;öhnung die<lb/>
tief&#x017F;te. Die in jeder der kämpfenden Mächte enthaltene Forderung des &#x017F;ittlichen<lb/>
Ge&#x017F;etzes i&#x017F;t durch die That erfüllt, aber zugleich die Ein&#x017F;eitigkeit in beiden<lb/>
Thaten durch die entgegenge&#x017F;etzte getilgt und hiedurch die Aus&#x017F;icht eröffnet,<lb/>
daß jene &#x017F;ich reinigend ihre Niederlage überleben werden. Die Subjecte, in<note place="right">3</note><lb/></hi> </p>
                </div>
              </div>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[319/0333] die das Jugendliche wollen, daß ſie raſch dem tragiſchen Geſetze verfallen und im Tode die Lethe ihrer Schuld trinken. Raſch, wie ſie ſind, und be- geiſtert, ſteht ihnen ein raſcher Tod an; zäh und klug, wie ſie ſind, ſteht es den proſaiſchen Helden der Berechnung und des Poſitiven an, ein Patent, das ſie zum Fürſten erhebt, mit ſchmerzvollem Blick zum Himmel zu empfangen. So ſiegt Heinrich IV über die aufrühreriſchen Vaſallen, der lodernde Percy fällt auf dem Bette der Ehre, aber der Sieger, der ſelbſt den Thron als aufrühreriſcher Vaſall beſtiegen, trägt den ſchweren Flecken und den Gram um den Sohn, deſſen ſittliche Erhebung er nicht erleben ſoll, in’s ruhmloſe Krankenbett mit ſich, in welchem er den trüben Geiſt aushaucht. Ueber die Nebenperſonen gilt, was §. 132 für die zweite Form des Tragiſchen ausgeſprochen wurde. Ein Beiſpiel vollerer Schuld und um ſo edlerer Erhebung im Leiden iſt Margarete in Göthes Fauſt. Valentin ſtirbt unſchuldig, denn daß er die Verführung der Schweſter mit dem Degen rächen will, iſt nach den Sitten der Zeit keine Schuld. Aber er erträgt den Tod feſt und „geht zu Gott ein als Soldat und brav.“ Hämon in der Antigone tödtet ſich ſelbſt, denn der Tod, der ihn der Braut vereinigt, iſt ihm Wohlthat. Der wackere Georg in Götz von Berlichingen ſtirbt als braver Reitersmann den ehrlichen Soldatentod. Die Begründung des Allgemeinen hat ſich hier nicht weiter einzulaſſen, weil Zahl und näheres Schickſal der Nebenperſonen, theils von dem einzelnen Falle, der in abstracto nicht zu beſtimmen iſt, theils von den beſonderen Geſetzen der Kunſtgattungen abhängen, die hieher nicht ge- hören. §. 139. Die Negation iſt in dieſer Form des Tragiſchen die härteſte, da der in- nerſte Kern des ſittlichen Wollens ſelbſt die Schuld in ſich ſchließt und in der ſtrengen Dialektik der Handlung Alles aus dem Innern hervor und in’s Innere eindringt. Ebendeßwegen aber, weil es hier für die Schuld keine Berufung auf den Zufall gibt, gibt es auch keine Klage über Zufälligkeit der Strafe und iſt dieſe Form vielmehr die gerechteſte, daher auch ihre Verſöhnung die tiefſte. Die in jeder der kämpfenden Mächte enthaltene Forderung des ſittlichen Geſetzes iſt durch die That erfüllt, aber zugleich die Einſeitigkeit in beiden Thaten durch die entgegengeſetzte getilgt und hiedurch die Ausſicht eröffnet, daß jene ſich reinigend ihre Niederlage überleben werden. Die Subjecte, in

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846/333
Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846, S. 319. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846/333>, abgerufen am 24.04.2019.