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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846.

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diesem Strom in's Unendliche hinaus, wir gleichen Faust, der bei dem
Anblick des Erdgeistes seine freie Kraft durch die Adern der Natur
fließen fühlt und schaffend Götterleben zu genießen sich ahnungsvoll ver-
mißt, der mit dem geschäftigen Geiste die weite Welt umschweift.

§. 142.

1

Das Erhabene des Subjects erregt als Leidenschaft ein Gefühl
des Erliegens vor der angeschauten Größe, das noch der Furcht vor der blosen
Kraft enge verwandt ist, das Böse Grausen, das positiv Pathetische Beschämung
und Hochachtung, das negativ Pathetische, nachdem zuerst die Furcht vor
dem angedrohten Leiden in Bewegung gesetzt ist, Mitleiden, welches mit der
Furcht für den Bedrohten sich wechselseitig bedingt, und darauf Ehrfurcht. Aus
2diesen Empfindungen der Unlust erhebt sich das anschauende Subject zu dem
Bewußtseyn seiner eigenen wahren Unendlichkeit, verbrüdert sich mit dem ange-
schauten Subjecte, und die Furcht vor der Gewalt der Leidenschaft wird eigenes
Kraftgefühl und Muth, das Grausen genießt im Anblicke der Verkehrung
selbst die Unendlichkeit der Subjectivität, die Hochachtung wird Selbstachtung,
das Mitleid reinigt sich durch die Ehrfurcht zu dem Gefühle der eigenen
Fähigkeit, im äußersten Leiden selbst die reine Freiheit des Willens zu be-
währen.

1. Es kann hier nicht Aufgabe seyn, die ganze Tonleiter der Em-
pfindungen zu verfolgen, welche das Erhabene des Subjects erregt. So
ist auch der Wechsel zwischen Achtung und Geringschätzung nicht besonders
hervorgehoben, den der Anblick des schwankenden Willens (§. 116) her-
vorrufen muß. Hochachtung und Ehrfurcht sind zunächst als Gefühle der
Unlust bezeichnet, indem das negative Moment, welches darin liegt, durch
die wissenschaftliche Betrachtung von dem positiven getrennt wird. Man
denke an einen Burgognino, der, da Fiesko die Maske von seiner
Größe fallen läßt, in einen Stuhl sinkt mit den Worten: bin ich denn
gar nichts mehr? -- Zu den Gefühlen der Unlust ist auch das Mitleiden
gezählt. Es ist in der Furcht schon eingeschlossen, denn: "alles das ist
uns furchtbar, was, wenn es einem Andern begegnet wäre oder begegnen
sollte, unser Mitleid erwecken würde, und Alles das finden wir mit-
leidswerth, was wir fürchten würden, wenn es uns selbst bevorstände"
(Aristoteles Rhetor. II, 5.), und umgekehrt: "Mitleid ist Schmerzgefühl

dieſem Strom in’s Unendliche hinaus, wir gleichen Fauſt, der bei dem
Anblick des Erdgeiſtes ſeine freie Kraft durch die Adern der Natur
fließen fühlt und ſchaffend Götterleben zu genießen ſich ahnungsvoll ver-
mißt, der mit dem geſchäftigen Geiſte die weite Welt umſchweift.

§. 142.

1

Das Erhabene des Subjects erregt als Leidenſchaft ein Gefühl
des Erliegens vor der angeſchauten Größe, das noch der Furcht vor der bloſen
Kraft enge verwandt iſt, das Böſe Grauſen, das poſitiv Pathetiſche Beſchämung
und Hochachtung, das negativ Pathetiſche, nachdem zuerſt die Furcht vor
dem angedrohten Leiden in Bewegung geſetzt iſt, Mitleiden, welches mit der
Furcht für den Bedrohten ſich wechſelſeitig bedingt, und darauf Ehrfurcht. Aus
2dieſen Empfindungen der Unluſt erhebt ſich das anſchauende Subject zu dem
Bewußtſeyn ſeiner eigenen wahren Unendlichkeit, verbrüdert ſich mit dem ange-
ſchauten Subjecte, und die Furcht vor der Gewalt der Leidenſchaft wird eigenes
Kraftgefühl und Muth, das Grauſen genießt im Anblicke der Verkehrung
ſelbſt die Unendlichkeit der Subjectivität, die Hochachtung wird Selbſtachtung,
das Mitleid reinigt ſich durch die Ehrfurcht zu dem Gefühle der eigenen
Fähigkeit, im äußerſten Leiden ſelbſt die reine Freiheit des Willens zu be-
währen.

1. Es kann hier nicht Aufgabe ſeyn, die ganze Tonleiter der Em-
pfindungen zu verfolgen, welche das Erhabene des Subjects erregt. So
iſt auch der Wechſel zwiſchen Achtung und Geringſchätzung nicht beſonders
hervorgehoben, den der Anblick des ſchwankenden Willens (§. 116) her-
vorrufen muß. Hochachtung und Ehrfurcht ſind zunächſt als Gefühle der
Unluſt bezeichnet, indem das negative Moment, welches darin liegt, durch
die wiſſenſchaftliche Betrachtung von dem poſitiven getrennt wird. Man
denke an einen Burgognino, der, da Fiesko die Maske von ſeiner
Größe fallen läßt, in einen Stuhl ſinkt mit den Worten: bin ich denn
gar nichts mehr? — Zu den Gefühlen der Unluſt iſt auch das Mitleiden
gezählt. Es iſt in der Furcht ſchon eingeſchloſſen, denn: „alles das iſt
uns furchtbar, was, wenn es einem Andern begegnet wäre oder begegnen
ſollte, unſer Mitleid erwecken würde, und Alles das finden wir mit-
leidswerth, was wir fürchten würden, wenn es uns ſelbſt bevorſtände“
(Ariſtoteles Rhetor. II, 5.), und umgekehrt: „Mitleid iſt Schmerzgefühl

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[326/0340] dieſem Strom in’s Unendliche hinaus, wir gleichen Fauſt, der bei dem Anblick des Erdgeiſtes ſeine freie Kraft durch die Adern der Natur fließen fühlt und ſchaffend Götterleben zu genießen ſich ahnungsvoll ver- mißt, der mit dem geſchäftigen Geiſte die weite Welt umſchweift. §. 142. Das Erhabene des Subjects erregt als Leidenſchaft ein Gefühl des Erliegens vor der angeſchauten Größe, das noch der Furcht vor der bloſen Kraft enge verwandt iſt, das Böſe Grauſen, das poſitiv Pathetiſche Beſchämung und Hochachtung, das negativ Pathetiſche, nachdem zuerſt die Furcht vor dem angedrohten Leiden in Bewegung geſetzt iſt, Mitleiden, welches mit der Furcht für den Bedrohten ſich wechſelſeitig bedingt, und darauf Ehrfurcht. Aus dieſen Empfindungen der Unluſt erhebt ſich das anſchauende Subject zu dem Bewußtſeyn ſeiner eigenen wahren Unendlichkeit, verbrüdert ſich mit dem ange- ſchauten Subjecte, und die Furcht vor der Gewalt der Leidenſchaft wird eigenes Kraftgefühl und Muth, das Grauſen genießt im Anblicke der Verkehrung ſelbſt die Unendlichkeit der Subjectivität, die Hochachtung wird Selbſtachtung, das Mitleid reinigt ſich durch die Ehrfurcht zu dem Gefühle der eigenen Fähigkeit, im äußerſten Leiden ſelbſt die reine Freiheit des Willens zu be- währen. 1. Es kann hier nicht Aufgabe ſeyn, die ganze Tonleiter der Em- pfindungen zu verfolgen, welche das Erhabene des Subjects erregt. So iſt auch der Wechſel zwiſchen Achtung und Geringſchätzung nicht beſonders hervorgehoben, den der Anblick des ſchwankenden Willens (§. 116) her- vorrufen muß. Hochachtung und Ehrfurcht ſind zunächſt als Gefühle der Unluſt bezeichnet, indem das negative Moment, welches darin liegt, durch die wiſſenſchaftliche Betrachtung von dem poſitiven getrennt wird. Man denke an einen Burgognino, der, da Fiesko die Maske von ſeiner Größe fallen läßt, in einen Stuhl ſinkt mit den Worten: bin ich denn gar nichts mehr? — Zu den Gefühlen der Unluſt iſt auch das Mitleiden gezählt. Es iſt in der Furcht ſchon eingeſchloſſen, denn: „alles das iſt uns furchtbar, was, wenn es einem Andern begegnet wäre oder begegnen ſollte, unſer Mitleid erwecken würde, und Alles das finden wir mit- leidswerth, was wir fürchten würden, wenn es uns ſelbſt bevorſtände“ (Ariſtoteles Rhetor. II, 5.), und umgekehrt: „Mitleid iſt Schmerzgefühl

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846, S. 326. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846/340>, abgerufen am 19.04.2019.