Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846.

Bild:
<< vorherige Seite
Die Metaphysik des Schönen.
§. 9.

Die Metaphysik des Schönen entwickelt den Begriff des Schönen in1
seiner reinen Allgemeinheit, abgezogen von seiner Verwirklichung, durch die Ge-
sammtheit der Momente, welche überall, wo Schönes wirklich wird, mit Noth-
wendigkeit hervortreten, weil sie in der ideellen Einheit des Begriffs an sich so
enthalten sind, daß sie einander fordern. Es ist dies insofern eine Abstraction,
welche nur die Wissenschaft vollzieht, als der reine Begriff als solcher kein
objectives Daseyn hat; derselbe ist aber darum keineswegs als eine blose Form
des subjectiven Denkens anzusehen, sondern er selbst ist der Grund und Inhalt
seiner Wirklichkeit. Das Andere, was in dieser hinzukommt und eine Reihe2
neuer Unterschiede mit sich bringt, wird sich als ein Solches erweisen, wodurch
dieser Satz keineswegs aufgehoben wird.

1. Der reine Begriff ist keine leere Allgemeinheit, sondern in sich
schon eine Gesammt-Einheit von Momenten. Diese Momente, welche
wesentlich schon in dem Begriff als ideelle Einheit enthalten sind, treten
ebendeßwegen überall, wo er sich verwirklicht, hervor. Wo irgend Schönes
sich realisirt, da realisirt sich auch Erhabenes und Komisches, weil diese
Momente schon im Begriffe sich gegenseitig fordern und setzen.

2. Dagegen wird von dem Punkte an, wo der Begriff in seine
Wirklichkeit übergeht, eine Reihe neuer Unterschiede hervortreten. Daraus
scheint zu folgen, daß zwischen dem Begriff und seiner Realität ein Wesens-
Unterschied sey, so daß jener im Sinne des formalistischen Denkens der
subjectiven Abstraction zugewiesen würde. Die gegenwärtige Untersuchung
setzt diesen Standpunkt überhaupt als überwunden und die Einsicht als
vorhanden voraus, daß der Begriff selbst als allgemeine hervorbringende
und bewegende Seele in seiner Realität wirklich ist. Nicht die Dar-

Die Metaphyſik des Schoͤnen.
§. 9.

Die Metaphyſik des Schönen entwickelt den Begriff des Schönen in1
ſeiner reinen Allgemeinheit, abgezogen von ſeiner Verwirklichung, durch die Ge-
ſammtheit der Momente, welche überall, wo Schönes wirklich wird, mit Noth-
wendigkeit hervortreten, weil ſie in der ideellen Einheit des Begriffs an ſich ſo
enthalten ſind, daß ſie einander fordern. Es iſt dies inſofern eine Abſtraction,
welche nur die Wiſſenſchaft vollzieht, als der reine Begriff als ſolcher kein
objectives Daſeyn hat; derſelbe iſt aber darum keineswegs als eine bloſe Form
des ſubjectiven Denkens anzuſehen, ſondern er ſelbſt iſt der Grund und Inhalt
ſeiner Wirklichkeit. Das Andere, was in dieſer hinzukommt und eine Reihe2
neuer Unterſchiede mit ſich bringt, wird ſich als ein Solches erweiſen, wodurch
dieſer Satz keineswegs aufgehoben wird.

1. Der reine Begriff iſt keine leere Allgemeinheit, ſondern in ſich
ſchon eine Geſammt-Einheit von Momenten. Dieſe Momente, welche
weſentlich ſchon in dem Begriff als ideelle Einheit enthalten ſind, treten
ebendeßwegen überall, wo er ſich verwirklicht, hervor. Wo irgend Schönes
ſich realiſirt, da realiſirt ſich auch Erhabenes und Komiſches, weil dieſe
Momente ſchon im Begriffe ſich gegenſeitig fordern und ſetzen.

2. Dagegen wird von dem Punkte an, wo der Begriff in ſeine
Wirklichkeit übergeht, eine Reihe neuer Unterſchiede hervortreten. Daraus
ſcheint zu folgen, daß zwiſchen dem Begriff und ſeiner Realität ein Weſens-
Unterſchied ſey, ſo daß jener im Sinne des formaliſtiſchen Denkens der
ſubjectiven Abſtraction zugewieſen würde. Die gegenwärtige Unterſuchung
ſetzt dieſen Standpunkt überhaupt als überwunden und die Einſicht als
vorhanden voraus, daß der Begriff ſelbſt als allgemeine hervorbringende
und bewegende Seele in ſeiner Realität wirklich iſt. Nicht die Dar-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0059" n="[45]"/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b">Die Metaphy&#x017F;ik des Scho&#x0364;nen.</hi> </head><lb/>
        <div n="2">
          <head>§. 9.</head><lb/>
          <p> <hi rendition="#fr">Die Metaphy&#x017F;ik des Schönen entwickelt den Begriff des Schönen in<note place="right">1</note><lb/>
&#x017F;einer reinen Allgemeinheit, abgezogen von &#x017F;einer Verwirklichung, durch die Ge-<lb/>
&#x017F;ammtheit der Momente, welche überall, wo Schönes wirklich wird, mit Noth-<lb/>
wendigkeit hervortreten, weil &#x017F;ie in der ideellen Einheit des Begriffs an &#x017F;ich &#x017F;o<lb/>
enthalten &#x017F;ind, daß &#x017F;ie einander fordern. Es i&#x017F;t dies in&#x017F;ofern eine Ab&#x017F;traction,<lb/>
welche nur die Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaft vollzieht, als der reine Begriff als &#x017F;olcher kein<lb/>
objectives Da&#x017F;eyn hat; der&#x017F;elbe i&#x017F;t aber darum keineswegs als eine blo&#x017F;e Form<lb/>
des &#x017F;ubjectiven Denkens anzu&#x017F;ehen, &#x017F;ondern er &#x017F;elb&#x017F;t i&#x017F;t der Grund und Inhalt<lb/>
&#x017F;einer Wirklichkeit. Das Andere, was in die&#x017F;er hinzukommt und eine Reihe<note place="right">2</note><lb/>
neuer Unter&#x017F;chiede mit &#x017F;ich bringt, wird &#x017F;ich als ein Solches erwei&#x017F;en, wodurch<lb/>
die&#x017F;er Satz keineswegs aufgehoben wird.</hi> </p><lb/>
          <p> <hi rendition="#et">1. Der reine Begriff i&#x017F;t keine leere Allgemeinheit, &#x017F;ondern in &#x017F;ich<lb/>
&#x017F;chon eine Ge&#x017F;ammt-Einheit von Momenten. Die&#x017F;e Momente, welche<lb/>
we&#x017F;entlich &#x017F;chon in dem Begriff als ideelle Einheit enthalten &#x017F;ind, treten<lb/>
ebendeßwegen überall, wo er &#x017F;ich verwirklicht, hervor. Wo irgend Schönes<lb/>
&#x017F;ich reali&#x017F;irt, da reali&#x017F;irt &#x017F;ich auch Erhabenes und Komi&#x017F;ches, weil die&#x017F;e<lb/>
Momente &#x017F;chon im Begriffe &#x017F;ich gegen&#x017F;eitig fordern und &#x017F;etzen.</hi> </p><lb/>
          <p> <hi rendition="#et">2. Dagegen wird von dem Punkte an, wo der Begriff in &#x017F;eine<lb/>
Wirklichkeit übergeht, eine Reihe neuer Unter&#x017F;chiede hervortreten. Daraus<lb/>
&#x017F;cheint zu folgen, daß zwi&#x017F;chen dem Begriff und &#x017F;einer Realität ein We&#x017F;ens-<lb/>
Unter&#x017F;chied &#x017F;ey, &#x017F;o daß jener im Sinne des formali&#x017F;ti&#x017F;chen Denkens der<lb/>
&#x017F;ubjectiven Ab&#x017F;traction zugewie&#x017F;en würde. Die gegenwärtige Unter&#x017F;uchung<lb/>
&#x017F;etzt die&#x017F;en Standpunkt überhaupt als überwunden und die Ein&#x017F;icht als<lb/>
vorhanden voraus, daß der Begriff &#x017F;elb&#x017F;t als allgemeine hervorbringende<lb/>
und bewegende Seele in &#x017F;einer Realität wirklich i&#x017F;t. Nicht die Dar-<lb/></hi> </p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[45]/0059] Die Metaphyſik des Schoͤnen. §. 9. Die Metaphyſik des Schönen entwickelt den Begriff des Schönen in ſeiner reinen Allgemeinheit, abgezogen von ſeiner Verwirklichung, durch die Ge- ſammtheit der Momente, welche überall, wo Schönes wirklich wird, mit Noth- wendigkeit hervortreten, weil ſie in der ideellen Einheit des Begriffs an ſich ſo enthalten ſind, daß ſie einander fordern. Es iſt dies inſofern eine Abſtraction, welche nur die Wiſſenſchaft vollzieht, als der reine Begriff als ſolcher kein objectives Daſeyn hat; derſelbe iſt aber darum keineswegs als eine bloſe Form des ſubjectiven Denkens anzuſehen, ſondern er ſelbſt iſt der Grund und Inhalt ſeiner Wirklichkeit. Das Andere, was in dieſer hinzukommt und eine Reihe neuer Unterſchiede mit ſich bringt, wird ſich als ein Solches erweiſen, wodurch dieſer Satz keineswegs aufgehoben wird. 1. Der reine Begriff iſt keine leere Allgemeinheit, ſondern in ſich ſchon eine Geſammt-Einheit von Momenten. Dieſe Momente, welche weſentlich ſchon in dem Begriff als ideelle Einheit enthalten ſind, treten ebendeßwegen überall, wo er ſich verwirklicht, hervor. Wo irgend Schönes ſich realiſirt, da realiſirt ſich auch Erhabenes und Komiſches, weil dieſe Momente ſchon im Begriffe ſich gegenſeitig fordern und ſetzen. 2. Dagegen wird von dem Punkte an, wo der Begriff in ſeine Wirklichkeit übergeht, eine Reihe neuer Unterſchiede hervortreten. Daraus ſcheint zu folgen, daß zwiſchen dem Begriff und ſeiner Realität ein Weſens- Unterſchied ſey, ſo daß jener im Sinne des formaliſtiſchen Denkens der ſubjectiven Abſtraction zugewieſen würde. Die gegenwärtige Unterſuchung ſetzt dieſen Standpunkt überhaupt als überwunden und die Einſicht als vorhanden voraus, daß der Begriff ſelbſt als allgemeine hervorbringende und bewegende Seele in ſeiner Realität wirklich iſt. Nicht die Dar-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846/59
Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846, S. [45]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846/59>, abgerufen am 20.04.2019.