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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 2,1. Reutlingen u. a., 1847.

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Vergleichung in veränderter Linie den Stamm, die Bewegungsorgane
wären, was in der Pflanze die Seiten-Arme, die Aeste sind, der Kopf
die reduzirte Krone, und die Athmungs-Organe der Pflanze, die Blätter,
wären zu den Sinnen des Kopfs umgebildet. Genauer betrachtet ist zwar
vielmehr das Blatt zur Lunge, Stamm und Aeste zum Blutgefäß, die
Wurzel zum Mund, Magen und Darm geworden; da aber die Pflanze
nicht sowohl ihr Eingeweide auswendig hat (Oken Allg. Naturgesch. B. 4
S. 19), als vielmehr lauter solches ist, was erst im Thier Eingeweide
wird, so mag ebenso richtig sein, daß auch im ganzen Thiere die Pflanzen-
gestalt in der zuerst bezeichneten Weise umgebildet sich wiederholt. Der §.
gibt nun weiter nur den allgemeinsten Umriß des Thier-Typus und erwähnt
zunächst die drei Hauptsysteme des Kopfs, der Brust, des Unterleibs, ohne
noch ihre Bedeutung zu verfolgen, da nur erst die einfachsten Unterschiede
von der Pflanzengestalt hervorzuheben sind. Der Kopf hat freilich ein
ganz anderes Größen-Verhältniß, als die Krone des Baums, womit er
verglichen wird; dieselbe ist zwar auch das Edelste am Baume, aber das
Edelste am Thiere ist ein solches im Sinne des Beseelten und schon das
Größenverhältniß soll anzeigen, daß der übrige Leib in Vergleichung mit
Jenem nur das Massenhafte, Schwere ist. Je mehr er der Kugelgestalt
zustrebt, desto höher das Thier. Nur als Umschließung der zu Athmung,
Blutumlauf, Verdauung bestimmten Eingeweide ist sofort das Knochen-
gerüste hervorgehoben, um die Vergleichung mit der Pflanze fortzusetzen;
denn das Nähere ist erst bei den Wirbelthieren darzustellen, daher auch
die zweite Höhle, die das Hirn- und Rückenmark einschließt, noch nicht
erwähnt wurde. Der ganze Bau zeigt aber auch auf seiner Oberfläche
jene feste Basis als die Grundlage des Weichen, das die ganze Bildung
bedeckend abschließt und die gerundeten Hügel und Senkungen ihres Um-
risses bedingt. Das eigenthümliche Anhängsel des Schwanzes ist hier
noch zu erwähnen; es dient nicht nur, den After zu decken, in Luft und
Wasser zu steuern, den Fliegen zu wehren, sich festzuhalten und durch die
letzteren Verrichtungen den Mangel der Hand ersetzen zu helfen, sondern
auch, einen Theil des Ausdrucks der inneren Stimmung, der dem Gesichte
versagt ist, nachträglich zu ergänzen; der Hund z. B. lacht, trauert, spricht
Muth aus mit dem Schwanze. Von den Zeugungstheilen war schon bei
der Pflanze §. 271 Anm. 1 die Rede.

§. 286.

Der Kopf folgt der Länge-Richtung des Leibes und das Ganze spitzt sich
so in den vorragenden, am Boden hinsuchenden Mund zu, wodurch, obwohl das
Thier zu vielfachen ungleich höheren Thätigkeiten sich befreit, dennoch ein

Vergleichung in veränderter Linie den Stamm, die Bewegungsorgane
wären, was in der Pflanze die Seiten-Arme, die Aeſte ſind, der Kopf
die reduzirte Krone, und die Athmungs-Organe der Pflanze, die Blätter,
wären zu den Sinnen des Kopfs umgebildet. Genauer betrachtet iſt zwar
vielmehr das Blatt zur Lunge, Stamm und Aeſte zum Blutgefäß, die
Wurzel zum Mund, Magen und Darm geworden; da aber die Pflanze
nicht ſowohl ihr Eingeweide auswendig hat (Oken Allg. Naturgeſch. B. 4
S. 19), als vielmehr lauter ſolches iſt, was erſt im Thier Eingeweide
wird, ſo mag ebenſo richtig ſein, daß auch im ganzen Thiere die Pflanzen-
geſtalt in der zuerſt bezeichneten Weiſe umgebildet ſich wiederholt. Der §.
gibt nun weiter nur den allgemeinſten Umriß des Thier-Typus und erwähnt
zunächſt die drei Hauptſyſteme des Kopfs, der Bruſt, des Unterleibs, ohne
noch ihre Bedeutung zu verfolgen, da nur erſt die einfachſten Unterſchiede
von der Pflanzengeſtalt hervorzuheben ſind. Der Kopf hat freilich ein
ganz anderes Größen-Verhältniß, als die Krone des Baums, womit er
verglichen wird; dieſelbe iſt zwar auch das Edelſte am Baume, aber das
Edelſte am Thiere iſt ein ſolches im Sinne des Beſeelten und ſchon das
Größenverhältniß ſoll anzeigen, daß der übrige Leib in Vergleichung mit
Jenem nur das Maſſenhafte, Schwere iſt. Je mehr er der Kugelgeſtalt
zuſtrebt, deſto höher das Thier. Nur als Umſchließung der zu Athmung,
Blutumlauf, Verdauung beſtimmten Eingeweide iſt ſofort das Knochen-
gerüſte hervorgehoben, um die Vergleichung mit der Pflanze fortzuſetzen;
denn das Nähere iſt erſt bei den Wirbelthieren darzuſtellen, daher auch
die zweite Höhle, die das Hirn- und Rückenmark einſchließt, noch nicht
erwähnt wurde. Der ganze Bau zeigt aber auch auf ſeiner Oberfläche
jene feſte Baſis als die Grundlage des Weichen, das die ganze Bildung
bedeckend abſchließt und die gerundeten Hügel und Senkungen ihres Um-
riſſes bedingt. Das eigenthümliche Anhängſel des Schwanzes iſt hier
noch zu erwähnen; es dient nicht nur, den After zu decken, in Luft und
Waſſer zu ſteuern, den Fliegen zu wehren, ſich feſtzuhalten und durch die
letzteren Verrichtungen den Mangel der Hand erſetzen zu helfen, ſondern
auch, einen Theil des Ausdrucks der inneren Stimmung, der dem Geſichte
verſagt iſt, nachträglich zu ergänzen; der Hund z. B. lacht, trauert, ſpricht
Muth aus mit dem Schwanze. Von den Zeugungstheilen war ſchon bei
der Pflanze §. 271 Anm. 1 die Rede.

§. 286.

Der Kopf folgt der Länge-Richtung des Leibes und das Ganze ſpitzt ſich
ſo in den vorragenden, am Boden hinſuchenden Mund zu, wodurch, obwohl das
Thier zu vielfachen ungleich höheren Thätigkeiten ſich befreit, dennoch ein

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[105/0117] Vergleichung in veränderter Linie den Stamm, die Bewegungsorgane wären, was in der Pflanze die Seiten-Arme, die Aeſte ſind, der Kopf die reduzirte Krone, und die Athmungs-Organe der Pflanze, die Blätter, wären zu den Sinnen des Kopfs umgebildet. Genauer betrachtet iſt zwar vielmehr das Blatt zur Lunge, Stamm und Aeſte zum Blutgefäß, die Wurzel zum Mund, Magen und Darm geworden; da aber die Pflanze nicht ſowohl ihr Eingeweide auswendig hat (Oken Allg. Naturgeſch. B. 4 S. 19), als vielmehr lauter ſolches iſt, was erſt im Thier Eingeweide wird, ſo mag ebenſo richtig ſein, daß auch im ganzen Thiere die Pflanzen- geſtalt in der zuerſt bezeichneten Weiſe umgebildet ſich wiederholt. Der §. gibt nun weiter nur den allgemeinſten Umriß des Thier-Typus und erwähnt zunächſt die drei Hauptſyſteme des Kopfs, der Bruſt, des Unterleibs, ohne noch ihre Bedeutung zu verfolgen, da nur erſt die einfachſten Unterſchiede von der Pflanzengeſtalt hervorzuheben ſind. Der Kopf hat freilich ein ganz anderes Größen-Verhältniß, als die Krone des Baums, womit er verglichen wird; dieſelbe iſt zwar auch das Edelſte am Baume, aber das Edelſte am Thiere iſt ein ſolches im Sinne des Beſeelten und ſchon das Größenverhältniß ſoll anzeigen, daß der übrige Leib in Vergleichung mit Jenem nur das Maſſenhafte, Schwere iſt. Je mehr er der Kugelgeſtalt zuſtrebt, deſto höher das Thier. Nur als Umſchließung der zu Athmung, Blutumlauf, Verdauung beſtimmten Eingeweide iſt ſofort das Knochen- gerüſte hervorgehoben, um die Vergleichung mit der Pflanze fortzuſetzen; denn das Nähere iſt erſt bei den Wirbelthieren darzuſtellen, daher auch die zweite Höhle, die das Hirn- und Rückenmark einſchließt, noch nicht erwähnt wurde. Der ganze Bau zeigt aber auch auf ſeiner Oberfläche jene feſte Baſis als die Grundlage des Weichen, das die ganze Bildung bedeckend abſchließt und die gerundeten Hügel und Senkungen ihres Um- riſſes bedingt. Das eigenthümliche Anhängſel des Schwanzes iſt hier noch zu erwähnen; es dient nicht nur, den After zu decken, in Luft und Waſſer zu ſteuern, den Fliegen zu wehren, ſich feſtzuhalten und durch die letzteren Verrichtungen den Mangel der Hand erſetzen zu helfen, ſondern auch, einen Theil des Ausdrucks der inneren Stimmung, der dem Geſichte verſagt iſt, nachträglich zu ergänzen; der Hund z. B. lacht, trauert, ſpricht Muth aus mit dem Schwanze. Von den Zeugungstheilen war ſchon bei der Pflanze §. 271 Anm. 1 die Rede. §. 286. Der Kopf folgt der Länge-Richtung des Leibes und das Ganze ſpitzt ſich ſo in den vorragenden, am Boden hinſuchenden Mund zu, wodurch, obwohl das Thier zu vielfachen ungleich höheren Thätigkeiten ſich befreit, dennoch ein

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 2,1. Reutlingen u. a., 1847. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik0201_1847/117>, S. 105, abgerufen am 20.11.2017.