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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 2,1. Reutlingen u. a., 1847.

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soll sich durch das Weib ergänzen und Würde in Anmuth kleiden lernen.
Seine Persönlichkeit, auf Herrschaft des Denkens und Willens, auf Kampf
gewiesen, setzt wildere Sinnlichkeit, entfesseltere Begierde voraus; der
Ausdruck der Kraft macht auch die Verwilderung erträglich, aber an der
Hand der sanften Naturnothwendigkeit des edlen Weibs soll das Band
der Harmonie die kämpfenden Extreme seiner Persönlichkeit versöhnen. Die
Wechsel-Erziehung beider Geschlechter ist theils die allgemeine durch die
Gesellschaft, theils die besondere durch das Verhältniß des Kinds zur
Familie, theils die einzelne und innigere durch die Liebe. Der Mann
sucht und liebt im Weibe die Natur, ihre stille Nothwendigkeit, ihr unbe-
wußtes Dunkel, er liebt sie aus demselben Grunde, aus welchem wir uns
nach der Pflanzen- und Thierwelt, nach dem Zustande der Naturvölker
und Griechen sehnen; das Weib liebt den Mann, wie die Natur sich sehnt,
sich zum Geiste zu befreien und Ich zu werden, wie das Kind groß und
ein Mann werden möchte, wie Alcibiades den Sokrates ahnend bewundert
im Symposion. Das Pathos der Liebe muß nun näher betrachtet werden.

§. 322.

Die Leidenschaft der Liebe b[e]ruht auf einer durch individuelle Wahlver-
wandtschaft berechtigten Verwechslung einer einzelnen Person mit dem Inbegriff
aller Vorzüge ihres Geschlechts. Der ästhetische Stoff erweitert sich durch sie
zu der höheren Erscheinung einer Persönlichkeit, in welche zwei Personen auf-
gehen, deren jede ihr Selbst hingibt, um es in derselben Hingebung der andern
verdoppelt zurückzuerhalten: eine unerschöpfliche Quelle von Schönheit und, durch
zahllose Arten des Zusammenstoßes mit der umgebenden Welt, von tragischen
und komischen Entwicklungen. In der absoluten Hingabe der ganzen Person ist
die leibliche von selbst miteingeschlossen, aber nur als Schluß und Zeugniß der
geistigen.

Ein so geläufiger Stoff bedarf keiner Erläuterung noch einer Hin-
weisung auf die Kunstwelt, die ihn in unendlichen Formen benützt hat.
Romeo und Julie, dieß Trauerspiel, das "die Liebe selbst dictirt hat",
werde allein genannt, um die Tiefe und Fülle dieser Quelle der Schönheit
mit einem Blicke zu vergegenwärtigen. Wie vielseitig der Stoff sei, zeigt
selbst eine flüchtige Andeutung seiner wesentlichsten Momente. Das erste ist
die Entstehung der Liebe aus geheimem Anklang. Die Wahlverwandten
haben das Recht, sich gegenseitig für den absoluten Mann und das absolute
Weib zu halten, denn es ist ein geheimes Naturgesetz in der Persönlichkeit,
das ihnen sagt, daß sie zusammengehören, und der schöne Irrthum ist
nur, daß sie sich, während jedes nur für das andere der Inbegriff der

ſoll ſich durch das Weib ergänzen und Würde in Anmuth kleiden lernen.
Seine Perſönlichkeit, auf Herrſchaft des Denkens und Willens, auf Kampf
gewieſen, ſetzt wildere Sinnlichkeit, entfeſſeltere Begierde voraus; der
Ausdruck der Kraft macht auch die Verwilderung erträglich, aber an der
Hand der ſanften Naturnothwendigkeit des edlen Weibs ſoll das Band
der Harmonie die kämpfenden Extreme ſeiner Perſönlichkeit verſöhnen. Die
Wechſel-Erziehung beider Geſchlechter iſt theils die allgemeine durch die
Geſellſchaft, theils die beſondere durch das Verhältniß des Kinds zur
Familie, theils die einzelne und innigere durch die Liebe. Der Mann
ſucht und liebt im Weibe die Natur, ihre ſtille Nothwendigkeit, ihr unbe-
wußtes Dunkel, er liebt ſie aus demſelben Grunde, aus welchem wir uns
nach der Pflanzen- und Thierwelt, nach dem Zuſtande der Naturvölker
und Griechen ſehnen; das Weib liebt den Mann, wie die Natur ſich ſehnt,
ſich zum Geiſte zu befreien und Ich zu werden, wie das Kind groß und
ein Mann werden möchte, wie Alcibiades den Sokrates ahnend bewundert
im Sympoſion. Das Pathos der Liebe muß nun näher betrachtet werden.

§. 322.

Die Leidenſchaft der Liebe b[e]ruht auf einer durch individuelle Wahlver-
wandtſchaft berechtigten Verwechslung einer einzelnen Perſon mit dem Inbegriff
aller Vorzüge ihres Geſchlechts. Der äſthetiſche Stoff erweitert ſich durch ſie
zu der höheren Erſcheinung einer Perſönlichkeit, in welche zwei Perſonen auf-
gehen, deren jede ihr Selbſt hingibt, um es in derſelben Hingebung der andern
verdoppelt zurückzuerhalten: eine unerſchöpfliche Quelle von Schönheit und, durch
zahlloſe Arten des Zuſammenſtoßes mit der umgebenden Welt, von tragiſchen
und komiſchen Entwicklungen. In der abſoluten Hingabe der ganzen Perſon iſt
die leibliche von ſelbſt miteingeſchloſſen, aber nur als Schluß und Zeugniß der
geiſtigen.

Ein ſo geläufiger Stoff bedarf keiner Erläuterung noch einer Hin-
weiſung auf die Kunſtwelt, die ihn in unendlichen Formen benützt hat.
Romeo und Julie, dieß Trauerſpiel, das „die Liebe ſelbſt dictirt hat“,
werde allein genannt, um die Tiefe und Fülle dieſer Quelle der Schönheit
mit einem Blicke zu vergegenwärtigen. Wie vielſeitig der Stoff ſei, zeigt
ſelbſt eine flüchtige Andeutung ſeiner weſentlichſten Momente. Das erſte iſt
die Entſtehung der Liebe aus geheimem Anklang. Die Wahlverwandten
haben das Recht, ſich gegenſeitig für den abſoluten Mann und das abſolute
Weib zu halten, denn es iſt ein geheimes Naturgeſetz in der Perſönlichkeit,
das ihnen ſagt, daß ſie zuſammengehören, und der ſchöne Irrthum iſt
nur, daß ſie ſich, während jedes nur für das andere der Inbegriff der

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[172/0184] ſoll ſich durch das Weib ergänzen und Würde in Anmuth kleiden lernen. Seine Perſönlichkeit, auf Herrſchaft des Denkens und Willens, auf Kampf gewieſen, ſetzt wildere Sinnlichkeit, entfeſſeltere Begierde voraus; der Ausdruck der Kraft macht auch die Verwilderung erträglich, aber an der Hand der ſanften Naturnothwendigkeit des edlen Weibs ſoll das Band der Harmonie die kämpfenden Extreme ſeiner Perſönlichkeit verſöhnen. Die Wechſel-Erziehung beider Geſchlechter iſt theils die allgemeine durch die Geſellſchaft, theils die beſondere durch das Verhältniß des Kinds zur Familie, theils die einzelne und innigere durch die Liebe. Der Mann ſucht und liebt im Weibe die Natur, ihre ſtille Nothwendigkeit, ihr unbe- wußtes Dunkel, er liebt ſie aus demſelben Grunde, aus welchem wir uns nach der Pflanzen- und Thierwelt, nach dem Zuſtande der Naturvölker und Griechen ſehnen; das Weib liebt den Mann, wie die Natur ſich ſehnt, ſich zum Geiſte zu befreien und Ich zu werden, wie das Kind groß und ein Mann werden möchte, wie Alcibiades den Sokrates ahnend bewundert im Sympoſion. Das Pathos der Liebe muß nun näher betrachtet werden. §. 322. Die Leidenſchaft der Liebe beruht auf einer durch individuelle Wahlver- wandtſchaft berechtigten Verwechslung einer einzelnen Perſon mit dem Inbegriff aller Vorzüge ihres Geſchlechts. Der äſthetiſche Stoff erweitert ſich durch ſie zu der höheren Erſcheinung einer Perſönlichkeit, in welche zwei Perſonen auf- gehen, deren jede ihr Selbſt hingibt, um es in derſelben Hingebung der andern verdoppelt zurückzuerhalten: eine unerſchöpfliche Quelle von Schönheit und, durch zahlloſe Arten des Zuſammenſtoßes mit der umgebenden Welt, von tragiſchen und komiſchen Entwicklungen. In der abſoluten Hingabe der ganzen Perſon iſt die leibliche von ſelbſt miteingeſchloſſen, aber nur als Schluß und Zeugniß der geiſtigen. Ein ſo geläufiger Stoff bedarf keiner Erläuterung noch einer Hin- weiſung auf die Kunſtwelt, die ihn in unendlichen Formen benützt hat. Romeo und Julie, dieß Trauerſpiel, das „die Liebe ſelbſt dictirt hat“, werde allein genannt, um die Tiefe und Fülle dieſer Quelle der Schönheit mit einem Blicke zu vergegenwärtigen. Wie vielſeitig der Stoff ſei, zeigt ſelbſt eine flüchtige Andeutung ſeiner weſentlichſten Momente. Das erſte iſt die Entſtehung der Liebe aus geheimem Anklang. Die Wahlverwandten haben das Recht, ſich gegenſeitig für den abſoluten Mann und das abſolute Weib zu halten, denn es iſt ein geheimes Naturgeſetz in der Perſönlichkeit, das ihnen ſagt, daß ſie zuſammengehören, und der ſchöne Irrthum iſt nur, daß ſie ſich, während jedes nur für das andere der Inbegriff der

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 2,1. Reutlingen u. a., 1847, S. 172. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik0201_1847/184>, abgerufen am 23.04.2019.