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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 2,1. Reutlingen u. a., 1847.

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Ausdruck den Affen und Tiger in sich vereinigt, ist bei Entstehung der
blutigen Thierhetze dieser Zeiten mit einem gewissen renomistischen und
theatralischen Tonus betheiligt. Die rechte Hetzjagd der Leidenschaften,
das rechte Gewirre der gewissenlosen Politik ist aber nun das blutige
Schauspiel des dreißigjährigen Kriegs. Das äußere Bild vollendet sich
in der Entfeßlung der wilden Soldateska (Wallensteins Lager); die
Kriegsfurie braust durch die Welt. Ueber dem Getümmel ragen die
großen Heerführer, ein Mansfeld, Gustav Adolph, Bernh. von Weimar
auf der einen, ein Tilly, der tragische Wallenstein auf der andern Seite;
die großen Gegensätze des reactionären Prinzips in der doppelten Form
des spanisch habsburgischen und des bigott katholischen Interesses in der
Liga, des protestantisch deutschen und schwedischen Charakters fassen die
Massen des Ganzen in streng ausgeprägte Gruppen zusammen. Die
Menge der furchtbaren Stoffe bedarf nur eines Winks. Auch ein slavisches
Volk, die Böhmen, ist auf den Schauplatz der Geschichte getreten; lebhaft
entzündet von der Religions-Idee der Zeit, empört über den Ketzertod
des Huß, geführt von dem Helden Ziska hat es wild und tapfer gekämpft,
bis die Bewegung, nachdem sie zum dreißigjährigen Kriege das Losungs-
wort gegeben, blutig unterdrückt wird. Von der Verwüstung Deutschlands
durch diesen Krieg, von dem Wüthen der räuberischen Kriegshorden gibt
ein besonders anschauliches Bild der Simplicissimus und Philander von
Sittewalds (Moscheroschs) "Wunderliche und wahrhaftige Gesichte."
Seit dieser Zerstörung alles Wohlstands, der Schmach, von fremden
Truppen als den Freunden der eigenen Sache zertreten zu werden, der
durch Oestreichs und Bayerns Widerstand und Verbrechen gegen das
Gesetz der Geschichte vollendeten Zerreißung Deutschlands, dem schimpf-
lichen Verluste schöner Provinzen an Frankreich sinkt Deutschland in
politische Nichtigkeit und in das Mißverhältniß innerer Bildung bei äußerer
Niederträchtigkeit. Aus dem tapfersten Volke der Erde, das die Welt
besiegt hatte, wird allmählich ein stilles Culturvolk. -- Der ästhetische
Werth der englischen Revolution bedarf um so weniger einer Ausein-
andersetzung, da auch diese Stoffe schon vielfach benützt sind. Delaroche
besonders hat durch seine Darstellung Cromwells am Sarge Carls gezeigt,
wie geistvoll er in den Gegenstand eingedrungen. Aber da sind noch
Auftritte voll spannender und erschütternder Kraft in großer Menge.

§. 369.

In der allgemeinen Gährung dieser Zeit, wo ein altes Band der Zucht1
zerbrochen, ein neues noch nicht in Kraft ist, sammelt sich ein alter Aber-
glauben zu schauderhaftem Ausbruch und geht eine allgemeine Klage und Angst

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Ausdruck den Affen und Tiger in ſich vereinigt, iſt bei Entſtehung der
blutigen Thierhetze dieſer Zeiten mit einem gewiſſen renomiſtiſchen und
theatraliſchen Tonus betheiligt. Die rechte Hetzjagd der Leidenſchaften,
das rechte Gewirre der gewiſſenloſen Politik iſt aber nun das blutige
Schauſpiel des dreißigjährigen Kriegs. Das äußere Bild vollendet ſich
in der Entfeßlung der wilden Soldateſka (Wallenſteins Lager); die
Kriegsfurie braust durch die Welt. Ueber dem Getümmel ragen die
großen Heerführer, ein Mansfeld, Guſtav Adolph, Bernh. von Weimar
auf der einen, ein Tilly, der tragiſche Wallenſtein auf der andern Seite;
die großen Gegenſätze des reactionären Prinzips in der doppelten Form
des ſpaniſch habsburgiſchen und des bigott katholiſchen Intereſſes in der
Liga, des proteſtantiſch deutſchen und ſchwediſchen Charakters faſſen die
Maſſen des Ganzen in ſtreng ausgeprägte Gruppen zuſammen. Die
Menge der furchtbaren Stoffe bedarf nur eines Winks. Auch ein ſlaviſches
Volk, die Böhmen, iſt auf den Schauplatz der Geſchichte getreten; lebhaft
entzündet von der Religions-Idee der Zeit, empört über den Ketzertod
des Huß, geführt von dem Helden Ziſka hat es wild und tapfer gekämpft,
bis die Bewegung, nachdem ſie zum dreißigjährigen Kriege das Loſungs-
wort gegeben, blutig unterdrückt wird. Von der Verwüſtung Deutſchlands
durch dieſen Krieg, von dem Wüthen der räuberiſchen Kriegshorden gibt
ein beſonders anſchauliches Bild der Simpliciſſimus und Philander von
Sittewalds (Moſcheroſchs) „Wunderliche und wahrhaftige Geſichte.“
Seit dieſer Zerſtörung alles Wohlſtands, der Schmach, von fremden
Truppen als den Freunden der eigenen Sache zertreten zu werden, der
durch Oeſtreichs und Bayerns Widerſtand und Verbrechen gegen das
Geſetz der Geſchichte vollendeten Zerreißung Deutſchlands, dem ſchimpf-
lichen Verluſte ſchöner Provinzen an Frankreich ſinkt Deutſchland in
politiſche Nichtigkeit und in das Mißverhältniß innerer Bildung bei äußerer
Niederträchtigkeit. Aus dem tapferſten Volke der Erde, das die Welt
beſiegt hatte, wird allmählich ein ſtilles Culturvolk. — Der äſthetiſche
Werth der engliſchen Revolution bedarf um ſo weniger einer Ausein-
anderſetzung, da auch dieſe Stoffe ſchon vielfach benützt ſind. Delaroche
beſonders hat durch ſeine Darſtellung Cromwells am Sarge Carls gezeigt,
wie geiſtvoll er in den Gegenſtand eingedrungen. Aber da ſind noch
Auftritte voll ſpannender und erſchütternder Kraft in großer Menge.

§. 369.

In der allgemeinen Gährung dieſer Zeit, wo ein altes Band der Zucht1
zerbrochen, ein neues noch nicht in Kraft iſt, ſammelt ſich ein alter Aber-
glauben zu ſchauderhaftem Ausbruch und geht eine allgemeine Klage und Angſt

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[275/0287] Ausdruck den Affen und Tiger in ſich vereinigt, iſt bei Entſtehung der blutigen Thierhetze dieſer Zeiten mit einem gewiſſen renomiſtiſchen und theatraliſchen Tonus betheiligt. Die rechte Hetzjagd der Leidenſchaften, das rechte Gewirre der gewiſſenloſen Politik iſt aber nun das blutige Schauſpiel des dreißigjährigen Kriegs. Das äußere Bild vollendet ſich in der Entfeßlung der wilden Soldateſka (Wallenſteins Lager); die Kriegsfurie braust durch die Welt. Ueber dem Getümmel ragen die großen Heerführer, ein Mansfeld, Guſtav Adolph, Bernh. von Weimar auf der einen, ein Tilly, der tragiſche Wallenſtein auf der andern Seite; die großen Gegenſätze des reactionären Prinzips in der doppelten Form des ſpaniſch habsburgiſchen und des bigott katholiſchen Intereſſes in der Liga, des proteſtantiſch deutſchen und ſchwediſchen Charakters faſſen die Maſſen des Ganzen in ſtreng ausgeprägte Gruppen zuſammen. Die Menge der furchtbaren Stoffe bedarf nur eines Winks. Auch ein ſlaviſches Volk, die Böhmen, iſt auf den Schauplatz der Geſchichte getreten; lebhaft entzündet von der Religions-Idee der Zeit, empört über den Ketzertod des Huß, geführt von dem Helden Ziſka hat es wild und tapfer gekämpft, bis die Bewegung, nachdem ſie zum dreißigjährigen Kriege das Loſungs- wort gegeben, blutig unterdrückt wird. Von der Verwüſtung Deutſchlands durch dieſen Krieg, von dem Wüthen der räuberiſchen Kriegshorden gibt ein beſonders anſchauliches Bild der Simpliciſſimus und Philander von Sittewalds (Moſcheroſchs) „Wunderliche und wahrhaftige Geſichte.“ Seit dieſer Zerſtörung alles Wohlſtands, der Schmach, von fremden Truppen als den Freunden der eigenen Sache zertreten zu werden, der durch Oeſtreichs und Bayerns Widerſtand und Verbrechen gegen das Geſetz der Geſchichte vollendeten Zerreißung Deutſchlands, dem ſchimpf- lichen Verluſte ſchöner Provinzen an Frankreich ſinkt Deutſchland in politiſche Nichtigkeit und in das Mißverhältniß innerer Bildung bei äußerer Niederträchtigkeit. Aus dem tapferſten Volke der Erde, das die Welt beſiegt hatte, wird allmählich ein ſtilles Culturvolk. — Der äſthetiſche Werth der engliſchen Revolution bedarf um ſo weniger einer Ausein- anderſetzung, da auch dieſe Stoffe ſchon vielfach benützt ſind. Delaroche beſonders hat durch ſeine Darſtellung Cromwells am Sarge Carls gezeigt, wie geiſtvoll er in den Gegenſtand eingedrungen. Aber da ſind noch Auftritte voll ſpannender und erſchütternder Kraft in großer Menge. §. 369. In der allgemeinen Gährung dieſer Zeit, wo ein altes Band der Zucht zerbrochen, ein neues noch nicht in Kraft iſt, ſammelt ſich ein alter Aber- glauben zu ſchauderhaftem Ausbruch und geht eine allgemeine Klage und Angſt 18*

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 2,1. Reutlingen u. a., 1847, S. 275. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik0201_1847/287>, abgerufen am 21.04.2019.