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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 2,1. Reutlingen u. a., 1847.

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gestellt. Das Runde kommt aber in vielfachen Combinationen gerade bei
unregelmäßiger Krystallbildung vor, als Eisblume, als dendritische oder
strauch- und krautartige, baumförmige, sternförmige, trauben- und nieren-
förmige, knospenförmige, fächerartige, garbenförmige, kammförmige, rosen-
förmige Gestalt, dann bei den zapfenförmigen, glockenförmigen und vielfach
phantastisch wechselnden Tropfsteinbildungen u. s. w. Die Krystallographie
selbst nennt diese Formen wegen ihrer Aehnlichkeit mit organischen zum
Theil nachahmende und ebendeßwegen weicht hier die Aesthetik von der
Naturwissenschaft ab: das in seiner Sphäre an sich Unvollkommenere ist
das ästhetisch Vollkommenere. Unvollkommen und Vollkommen bedeutet
hier Abnorm und Normal, und dieß scheint noch etwas Anderes zu sein,
als was in dem Satze §. 18, 1. aufgestellt ist, denn dort war von ganzen
Gattungen und Arten die Rede, welche ihr Gebiet dürftiger darstellen,
als ein untergeordnetes von seinen relativ höheren Gattungen oder Arten
dargestellt wird. Diesem Satz werden wir im Folgenden seine Anwendung
auf unser ganzes Gebiet geben, was aber den besonderen Punkt, der hier
vorliegt, die höhere Geltung des abnorm Gebildeten betrifft, so verhält
sich die Sache so: streng genommen ist die ganze unorganische Natur
ästhetisch blos, sofern in ihrem Wechselspiele ein Vorbild, eine Ahnung
höherer, lebendiger Formen sich darstellt (§. 240); in allen bisherigen
Erscheinungen der unorganischen Natur fand dieß statt bei gesetzmäßiger
Wirkung der Kräfte, im mineralischen Reiche aber ist, während es durch
Individuenbildung höher steht als die bisher betrachteten Sphären, gerade
das Gesetzmäßige zu starr und todt, um ihm Lebendigkeit zu leihen;
gerade bei dem Normalen wird daher hier der Satz §. 18, 1. in Geltung
treten, das Gehemmte und Unregelmäßige dagegen erleichtert das Leihen
der Lebendigkeit, ist nun aber deßwegen doch zu dürftig und arm, um
mehr darin zu finden, als einen spielenden und zierlichen Anklang des
Schönen, daher diese Beobachtung über das Abnorme doch keineswegs als
allgemeiner Satz ausgesprochen werden kann.

§. 266.

Der Widerspruch zwischen der Schönheit und natürlichen Gesetzmäßigkeit,1
der hier eintritt, beweist, daß die blos mathematische Regelmäßigkeit und
Symmetrie noch keine wahrhaft ästhetische Erscheinung begründet. Es fehlt zwar
auch den starren Formen der vollkommenen Krystalle nicht die Zufälligkeit, welche
zum Schönen gefordert wird; allein diese Zufälligkeit ist bloßer Mangel, weil
sie nicht durch inneres Leben zur unendlichen Eigenheit erhoben wird, und in
der Abwesenheit des letzteren liegt der eigentliche Grund des ästhetisch Unge-
nügenden. Es tritt im Krystalle ein Bildungsgesetz hervor, welches von nun an

geſtellt. Das Runde kommt aber in vielfachen Combinationen gerade bei
unregelmäßiger Kryſtallbildung vor, als Eisblume, als dendritiſche oder
ſtrauch- und krautartige, baumförmige, ſternförmige, trauben- und nieren-
förmige, knoſpenförmige, fächerartige, garbenförmige, kammförmige, roſen-
förmige Geſtalt, dann bei den zapfenförmigen, glockenförmigen und vielfach
phantaſtiſch wechſelnden Tropfſteinbildungen u. ſ. w. Die Kryſtallographie
ſelbſt nennt dieſe Formen wegen ihrer Aehnlichkeit mit organiſchen zum
Theil nachahmende und ebendeßwegen weicht hier die Aeſthetik von der
Naturwiſſenſchaft ab: das in ſeiner Sphäre an ſich Unvollkommenere iſt
das äſthetiſch Vollkommenere. Unvollkommen und Vollkommen bedeutet
hier Abnorm und Normal, und dieß ſcheint noch etwas Anderes zu ſein,
als was in dem Satze §. 18, 1. aufgeſtellt iſt, denn dort war von ganzen
Gattungen und Arten die Rede, welche ihr Gebiet dürftiger darſtellen,
als ein untergeordnetes von ſeinen relativ höheren Gattungen oder Arten
dargeſtellt wird. Dieſem Satz werden wir im Folgenden ſeine Anwendung
auf unſer ganzes Gebiet geben, was aber den beſonderen Punkt, der hier
vorliegt, die höhere Geltung des abnorm Gebildeten betrifft, ſo verhält
ſich die Sache ſo: ſtreng genommen iſt die ganze unorganiſche Natur
äſthetiſch blos, ſofern in ihrem Wechſelſpiele ein Vorbild, eine Ahnung
höherer, lebendiger Formen ſich darſtellt (§. 240); in allen bisherigen
Erſcheinungen der unorganiſchen Natur fand dieß ſtatt bei geſetzmäßiger
Wirkung der Kräfte, im mineraliſchen Reiche aber iſt, während es durch
Individuenbildung höher ſteht als die bisher betrachteten Sphären, gerade
das Geſetzmäßige zu ſtarr und todt, um ihm Lebendigkeit zu leihen;
gerade bei dem Normalen wird daher hier der Satz §. 18, 1. in Geltung
treten, das Gehemmte und Unregelmäßige dagegen erleichtert das Leihen
der Lebendigkeit, iſt nun aber deßwegen doch zu dürftig und arm, um
mehr darin zu finden, als einen ſpielenden und zierlichen Anklang des
Schönen, daher dieſe Beobachtung über das Abnorme doch keineswegs als
allgemeiner Satz ausgeſprochen werden kann.

§. 266.

Der Widerſpruch zwiſchen der Schönheit und natürlichen Geſetzmäßigkeit,1
der hier eintritt, beweist, daß die blos mathematiſche Regelmäßigkeit und
Symmetrie noch keine wahrhaft äſthetiſche Erſcheinung begründet. Es fehlt zwar
auch den ſtarren Formen der vollkommenen Kryſtalle nicht die Zufälligkeit, welche
zum Schönen gefordert wird; allein dieſe Zufälligkeit iſt bloßer Mangel, weil
ſie nicht durch inneres Leben zur unendlichen Eigenheit erhoben wird, und in
der Abweſenheit des letzteren liegt der eigentliche Grund des äſthetiſch Unge-
nügenden. Es tritt im Kryſtalle ein Bildungsgeſetz hervor, welches von nun an

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[73/0085] geſtellt. Das Runde kommt aber in vielfachen Combinationen gerade bei unregelmäßiger Kryſtallbildung vor, als Eisblume, als dendritiſche oder ſtrauch- und krautartige, baumförmige, ſternförmige, trauben- und nieren- förmige, knoſpenförmige, fächerartige, garbenförmige, kammförmige, roſen- förmige Geſtalt, dann bei den zapfenförmigen, glockenförmigen und vielfach phantaſtiſch wechſelnden Tropfſteinbildungen u. ſ. w. Die Kryſtallographie ſelbſt nennt dieſe Formen wegen ihrer Aehnlichkeit mit organiſchen zum Theil nachahmende und ebendeßwegen weicht hier die Aeſthetik von der Naturwiſſenſchaft ab: das in ſeiner Sphäre an ſich Unvollkommenere iſt das äſthetiſch Vollkommenere. Unvollkommen und Vollkommen bedeutet hier Abnorm und Normal, und dieß ſcheint noch etwas Anderes zu ſein, als was in dem Satze §. 18, 1. aufgeſtellt iſt, denn dort war von ganzen Gattungen und Arten die Rede, welche ihr Gebiet dürftiger darſtellen, als ein untergeordnetes von ſeinen relativ höheren Gattungen oder Arten dargeſtellt wird. Dieſem Satz werden wir im Folgenden ſeine Anwendung auf unſer ganzes Gebiet geben, was aber den beſonderen Punkt, der hier vorliegt, die höhere Geltung des abnorm Gebildeten betrifft, ſo verhält ſich die Sache ſo: ſtreng genommen iſt die ganze unorganiſche Natur äſthetiſch blos, ſofern in ihrem Wechſelſpiele ein Vorbild, eine Ahnung höherer, lebendiger Formen ſich darſtellt (§. 240); in allen bisherigen Erſcheinungen der unorganiſchen Natur fand dieß ſtatt bei geſetzmäßiger Wirkung der Kräfte, im mineraliſchen Reiche aber iſt, während es durch Individuenbildung höher ſteht als die bisher betrachteten Sphären, gerade das Geſetzmäßige zu ſtarr und todt, um ihm Lebendigkeit zu leihen; gerade bei dem Normalen wird daher hier der Satz §. 18, 1. in Geltung treten, das Gehemmte und Unregelmäßige dagegen erleichtert das Leihen der Lebendigkeit, iſt nun aber deßwegen doch zu dürftig und arm, um mehr darin zu finden, als einen ſpielenden und zierlichen Anklang des Schönen, daher dieſe Beobachtung über das Abnorme doch keineswegs als allgemeiner Satz ausgeſprochen werden kann. §. 266. Der Widerſpruch zwiſchen der Schönheit und natürlichen Geſetzmäßigkeit, der hier eintritt, beweist, daß die blos mathematiſche Regelmäßigkeit und Symmetrie noch keine wahrhaft äſthetiſche Erſcheinung begründet. Es fehlt zwar auch den ſtarren Formen der vollkommenen Kryſtalle nicht die Zufälligkeit, welche zum Schönen gefordert wird; allein dieſe Zufälligkeit iſt bloßer Mangel, weil ſie nicht durch inneres Leben zur unendlichen Eigenheit erhoben wird, und in der Abweſenheit des letzteren liegt der eigentliche Grund des äſthetiſch Unge- nügenden. Es tritt im Kryſtalle ein Bildungsgeſetz hervor, welches von nun an

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 2,1. Reutlingen u. a., 1847, S. 73. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik0201_1847/85>, abgerufen am 20.04.2019.