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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 2,1. Reutlingen u. a., 1847.

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von der Symmetrie wieder abweicht, aber freilich, um in die entgegen-
gesetzte Eigenschaft, die der Unbestimmtheit zu verfallen, wogegen die
thierische und menschliche Gestalt in aller Bewegung und Thätigkeit ihre
Symmetrie bewahrt. Hievon muß nun die Rede werden.

§. 274.

Allein diese Strenge der Gestalt hebt sich wieder auf nicht nur durch die
Zufälligkeit individueller Bildung überhaupt, sondern durch das Wesen der
Pflanze selbst. Ihre wenigen Verrichtungen versieht sie durch unbestimmt viele
Organe derselben Art, welche zum Theil ohne Verlust für das Ganze verloren
gehen und selbst neue Individuen gründen können und in unendlichen Ab-
weichungen die Linie ihrer Richtung und ihre Form wechseln. Bei den größeren
und daher für die Aesthetik wichtigeren Gebilden ist die Zahl der Zweige und
Blätter so bedeutend, daß die einzelnen in der Masse verschwinden und die
Zeichnung ihrer Formen nur in einem unbestimmten Gesammt-Eindruck auf das
Auge wirkt. An die Stelle der meßbaren Bestimmtheit tritt daher für das
ästhetische Interesse ein anderes in die unbestimmte Masse eine gewisse Ordnung
einführendes Theilungsgesetz: das Auseinandertreten besonderer, durch Aeste
mit ihrem Baumschlag gebildeter Gruppen innerhalb des allgemeinen Körpers
der Krone. Je kräftiger bei großem Umfange diese Sonderung hervortritt,
desto mehr selbständige Bedeutung hat die Pflanze, je unbestimmter bei geringer
Größe sie ausgesprochen ist, desto mehr erscheint sie nur als allgemeine Beklei-
dung, Schmuck, Schattengebung zu der unorganischen Natur.

Das Schönste in der Pflanzenwelt ist energische Modellirung einer
Baumkrone in einzelne Massen, welche von den größeren Aesten mit ihrem
Laube gebildet sich durch bestimmte Schatten-Einschnitte von einander trennen
und so die Krone als ein gegliedertes Ganzes darstellen. Dieß ist eine
Bestimmtheit ganz anderer Art, als die im vorherigen §. genannte und
zunächst sich in Unbestimmtheit wieder zerstreuende Strenge der Gestaltung.
Es ist eine Form, mit welcher der Naturforscher sich nicht ausdrücklich
beschäftigen kann, sie hängt jedoch allerdings mit der Gattung zusammen;
sie tritt vorzüglich bei dem Laubholze, bei dem Nadelholze weniger auf.
Bei monokotyledonischen Pflanzen, wie Palmen und Bananen, sind die
Blätter so groß, daß gewissermaßen eine wohlgefällige Zusammenstellung
von mehreren derselben das vertreten kann, was bei den dikotyledonischen
die Gruppirung von Aesten bewirkt; bei pyramidalischen Nadelholzbäumen,
Tannen, Zedern, zeigen sich die Aeste zwar dem Auge meist getrennt, doch
kommen sie durch verschiedene Winkel ihrer Stellung auch so zusammen-
zustehen, daß sie sich gruppiren, ja es kann sich am einzelnen reich

von der Symmetrie wieder abweicht, aber freilich, um in die entgegen-
geſetzte Eigenſchaft, die der Unbeſtimmtheit zu verfallen, wogegen die
thieriſche und menſchliche Geſtalt in aller Bewegung und Thätigkeit ihre
Symmetrie bewahrt. Hievon muß nun die Rede werden.

§. 274.

Allein dieſe Strenge der Geſtalt hebt ſich wieder auf nicht nur durch die
Zufälligkeit individueller Bildung überhaupt, ſondern durch das Weſen der
Pflanze ſelbſt. Ihre wenigen Verrichtungen verſieht ſie durch unbeſtimmt viele
Organe derſelben Art, welche zum Theil ohne Verluſt für das Ganze verloren
gehen und ſelbſt neue Individuen gründen können und in unendlichen Ab-
weichungen die Linie ihrer Richtung und ihre Form wechſeln. Bei den größeren
und daher für die Aeſthetik wichtigeren Gebilden iſt die Zahl der Zweige und
Blätter ſo bedeutend, daß die einzelnen in der Maſſe verſchwinden und die
Zeichnung ihrer Formen nur in einem unbeſtimmten Geſammt-Eindruck auf das
Auge wirkt. An die Stelle der meßbaren Beſtimmtheit tritt daher für das
äſthetiſche Intereſſe ein anderes in die unbeſtimmte Maſſe eine gewiſſe Ordnung
einführendes Theilungsgeſetz: das Auseinandertreten beſonderer, durch Aeſte
mit ihrem Baumſchlag gebildeter Gruppen innerhalb des allgemeinen Körpers
der Krone. Je kräftiger bei großem Umfange dieſe Sonderung hervortritt,
deſto mehr ſelbſtändige Bedeutung hat die Pflanze, je unbeſtimmter bei geringer
Größe ſie ausgeſprochen iſt, deſto mehr erſcheint ſie nur als allgemeine Beklei-
dung, Schmuck, Schattengebung zu der unorganiſchen Natur.

Das Schönſte in der Pflanzenwelt iſt energiſche Modellirung einer
Baumkrone in einzelne Maſſen, welche von den größeren Aeſten mit ihrem
Laube gebildet ſich durch beſtimmte Schatten-Einſchnitte von einander trennen
und ſo die Krone als ein gegliedertes Ganzes darſtellen. Dieß iſt eine
Beſtimmtheit ganz anderer Art, als die im vorherigen §. genannte und
zunächſt ſich in Unbeſtimmtheit wieder zerſtreuende Strenge der Geſtaltung.
Es iſt eine Form, mit welcher der Naturforſcher ſich nicht ausdrücklich
beſchäftigen kann, ſie hängt jedoch allerdings mit der Gattung zuſammen;
ſie tritt vorzüglich bei dem Laubholze, bei dem Nadelholze weniger auf.
Bei monokotyledoniſchen Pflanzen, wie Palmen und Bananen, ſind die
Blätter ſo groß, daß gewiſſermaßen eine wohlgefällige Zuſammenſtellung
von mehreren derſelben das vertreten kann, was bei den dikotyledoniſchen
die Gruppirung von Aeſten bewirkt; bei pyramidaliſchen Nadelholzbäumen,
Tannen, Zedern, zeigen ſich die Aeſte zwar dem Auge meiſt getrennt, doch
kommen ſie durch verſchiedene Winkel ihrer Stellung auch ſo zuſammen-
zuſtehen, daß ſie ſich gruppiren, ja es kann ſich am einzelnen reich

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[85/0097] von der Symmetrie wieder abweicht, aber freilich, um in die entgegen- geſetzte Eigenſchaft, die der Unbeſtimmtheit zu verfallen, wogegen die thieriſche und menſchliche Geſtalt in aller Bewegung und Thätigkeit ihre Symmetrie bewahrt. Hievon muß nun die Rede werden. §. 274. Allein dieſe Strenge der Geſtalt hebt ſich wieder auf nicht nur durch die Zufälligkeit individueller Bildung überhaupt, ſondern durch das Weſen der Pflanze ſelbſt. Ihre wenigen Verrichtungen verſieht ſie durch unbeſtimmt viele Organe derſelben Art, welche zum Theil ohne Verluſt für das Ganze verloren gehen und ſelbſt neue Individuen gründen können und in unendlichen Ab- weichungen die Linie ihrer Richtung und ihre Form wechſeln. Bei den größeren und daher für die Aeſthetik wichtigeren Gebilden iſt die Zahl der Zweige und Blätter ſo bedeutend, daß die einzelnen in der Maſſe verſchwinden und die Zeichnung ihrer Formen nur in einem unbeſtimmten Geſammt-Eindruck auf das Auge wirkt. An die Stelle der meßbaren Beſtimmtheit tritt daher für das äſthetiſche Intereſſe ein anderes in die unbeſtimmte Maſſe eine gewiſſe Ordnung einführendes Theilungsgeſetz: das Auseinandertreten beſonderer, durch Aeſte mit ihrem Baumſchlag gebildeter Gruppen innerhalb des allgemeinen Körpers der Krone. Je kräftiger bei großem Umfange dieſe Sonderung hervortritt, deſto mehr ſelbſtändige Bedeutung hat die Pflanze, je unbeſtimmter bei geringer Größe ſie ausgeſprochen iſt, deſto mehr erſcheint ſie nur als allgemeine Beklei- dung, Schmuck, Schattengebung zu der unorganiſchen Natur. Das Schönſte in der Pflanzenwelt iſt energiſche Modellirung einer Baumkrone in einzelne Maſſen, welche von den größeren Aeſten mit ihrem Laube gebildet ſich durch beſtimmte Schatten-Einſchnitte von einander trennen und ſo die Krone als ein gegliedertes Ganzes darſtellen. Dieß iſt eine Beſtimmtheit ganz anderer Art, als die im vorherigen §. genannte und zunächſt ſich in Unbeſtimmtheit wieder zerſtreuende Strenge der Geſtaltung. Es iſt eine Form, mit welcher der Naturforſcher ſich nicht ausdrücklich beſchäftigen kann, ſie hängt jedoch allerdings mit der Gattung zuſammen; ſie tritt vorzüglich bei dem Laubholze, bei dem Nadelholze weniger auf. Bei monokotyledoniſchen Pflanzen, wie Palmen und Bananen, ſind die Blätter ſo groß, daß gewiſſermaßen eine wohlgefällige Zuſammenſtellung von mehreren derſelben das vertreten kann, was bei den dikotyledoniſchen die Gruppirung von Aeſten bewirkt; bei pyramidaliſchen Nadelholzbäumen, Tannen, Zedern, zeigen ſich die Aeſte zwar dem Auge meiſt getrennt, doch kommen ſie durch verſchiedene Winkel ihrer Stellung auch ſo zuſammen- zuſtehen, daß ſie ſich gruppiren, ja es kann ſich am einzelnen reich

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 2,1. Reutlingen u. a., 1847, S. 85. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik0201_1847/97>, abgerufen am 23.04.2019.