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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,1. Reutlingen u. a., 1851.

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§. 526.

Die zweite Stufe bildet das Eindringen des schöpferischen Geistes als
eines zunächst bloß subjectiven in die Technik. Die Phantasie, mit welcher die
wahre Technik an lebendigem Bande vereinigt bleibt, ist nämlich zunächst die
subjective des einzelnen Künstlers, die den Act jeder Schöpfung mit der Auf-
fassung
des Gegenstands beginnt. Im Begriffe der Auffassung liegt es, daß
der Künstler den Gegenstand von der Seite ergreift, welche der Subjectivität
seiner Phantasie zusagt. Ist diese Subjectivität eine relativ enge, beschränkt
sich aber auf ein Gebiet, worin sie von der zunächst ergriffenen Seite in das Innere
des Gegenstands zu dringen vermag nnd sich daher in Einklang mit dem Objecte
bewegt, so ist der Ausdruck dieser Schranke, wie er sich in einer stehenden
Technik niederlegt, Manier im berechtigten Sinne; gewöhnt sich aber
die Subjectivität in Eine Auffassungsweise so ein, daß sie dieselbe ohne Fug
erweitert und in Widerspruch mit dem objectiven Leben des Gegenstands
geltend macht, so entsteht Manier im übeln Sinne des Worts.

Das Wort Manier wird hier natürlich nicht in seiner ursprünglichen,
rein äußerlichen Bedeutung: eine Art der Führung des Werkzeugs, ge-
nommen; diese Bedeutung ist weiter unten an ihrem Ort aufzuführen,
das aber ist streng festzuhalten, daß in unserem jetzigen Zusammenhang keine
geistige Erscheinung mehr in anderem Sinne auftritt, als wie sie sich in
einer bestimmten Art der Technik ausspricht. So ist denn Manier im
vorliegenden tieferen Sinne die in der Subjectivität der Auffassung zu-
rückgehaltene Phantasie, wie sie sich in der Technik niederlegt. Auffassen
muß zunächst jeder Künstler; Auffassung ist der Moment, wo das Object
aufhört, blos Object zu sein, indem die Phantasie es erfaßt, in ihr Inneres
setzt. Es ist dieß nicht dasselbe, wie der allgemeine Schritt von der An-
schauung zur Einbildungskraft (§. 387), denn wir haben jetzt den Künst-
ler, seine schon geübte Phantasie und Technik, und in dieß Ganze
von Stoffbewältigender Thätigkeit zieht er den Gegenstand herein durch
die Auffassung. Gewöhnliche Soldatenbilder, wie sie für Kinder gemalt
werden, Veduten, Thiere in der gewöhnlichen Abbildung der Naturgeschichten
sind Darstellungen von Gegenständen ohne Auffassung; sind die Soldaten
in Gruppen zusammengestellt mit irgend einem Grade von Charakteristik,
ist nur irgend ein Hauch von Leben in der Landschaft, erscheinen die
Thiere bewegt, so ist schon Auffassung da. Die Auffassung ist aber der
Anfang eines tiefern Acts, worin die Phantasie des Künstlers das wahre
objective Leben des Gegenstands so in sich hereinnehmen und ihr subjectives
Leben so in es ergießen soll, daß der Gegensatz des Subjectiven und
Objectiven überhaupt verschwindet (vergl. §. 412). In diesem Acte darf

§. 526.

Die zweite Stufe bildet das Eindringen des ſchöpferiſchen Geiſtes als
eines zunächſt bloß ſubjectiven in die Technik. Die Phantaſie, mit welcher die
wahre Technik an lebendigem Bande vereinigt bleibt, iſt nämlich zunächſt die
ſubjective des einzelnen Künſtlers, die den Act jeder Schöpfung mit der Auf-
faſſung
des Gegenſtands beginnt. Im Begriffe der Auffaſſung liegt es, daß
der Künſtler den Gegenſtand von der Seite ergreift, welche der Subjectivität
ſeiner Phantaſie zuſagt. Iſt dieſe Subjectivität eine relativ enge, beſchränkt
ſich aber auf ein Gebiet, worin ſie von der zunächſt ergriffenen Seite in das Innere
des Gegenſtands zu dringen vermag nnd ſich daher in Einklang mit dem Objecte
bewegt, ſo iſt der Ausdruck dieſer Schranke, wie er ſich in einer ſtehenden
Technik niederlegt, Manier im berechtigten Sinne; gewöhnt ſich aber
die Subjectivität in Eine Auffaſſungsweiſe ſo ein, daß ſie dieſelbe ohne Fug
erweitert und in Widerſpruch mit dem objectiven Leben des Gegenſtands
geltend macht, ſo entſteht Manier im übeln Sinne des Worts.

Das Wort Manier wird hier natürlich nicht in ſeiner urſprünglichen,
rein äußerlichen Bedeutung: eine Art der Führung des Werkzeugs, ge-
nommen; dieſe Bedeutung iſt weiter unten an ihrem Ort aufzuführen,
das aber iſt ſtreng feſtzuhalten, daß in unſerem jetzigen Zuſammenhang keine
geiſtige Erſcheinung mehr in anderem Sinne auftritt, als wie ſie ſich in
einer beſtimmten Art der Technik ausſpricht. So iſt denn Manier im
vorliegenden tieferen Sinne die in der Subjectivität der Auffaſſung zu-
rückgehaltene Phantaſie, wie ſie ſich in der Technik niederlegt. Auffaſſen
muß zunächſt jeder Künſtler; Auffaſſung iſt der Moment, wo das Object
aufhört, blos Object zu ſein, indem die Phantaſie es erfaßt, in ihr Inneres
ſetzt. Es iſt dieß nicht daſſelbe, wie der allgemeine Schritt von der An-
ſchauung zur Einbildungskraft (§. 387), denn wir haben jetzt den Künſt-
ler, ſeine ſchon geübte Phantaſie und Technik, und in dieß Ganze
von Stoffbewältigender Thätigkeit zieht er den Gegenſtand herein durch
die Auffaſſung. Gewöhnliche Soldatenbilder, wie ſie für Kinder gemalt
werden, Veduten, Thiere in der gewöhnlichen Abbildung der Naturgeſchichten
ſind Darſtellungen von Gegenſtänden ohne Auffaſſung; ſind die Soldaten
in Gruppen zuſammengeſtellt mit irgend einem Grade von Charakteriſtik,
iſt nur irgend ein Hauch von Leben in der Landſchaft, erſcheinen die
Thiere bewegt, ſo iſt ſchon Auffaſſung da. Die Auffaſſung iſt aber der
Anfang eines tiefern Acts, worin die Phantaſie des Künſtlers das wahre
objective Leben des Gegenſtands ſo in ſich hereinnehmen und ihr ſubjectives
Leben ſo in es ergießen ſoll, daß der Gegenſatz des Subjectiven und
Objectiven überhaupt verſchwindet (vergl. §. 412). In dieſem Acte darf

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[119/0131] §. 526. Die zweite Stufe bildet das Eindringen des ſchöpferiſchen Geiſtes als eines zunächſt bloß ſubjectiven in die Technik. Die Phantaſie, mit welcher die wahre Technik an lebendigem Bande vereinigt bleibt, iſt nämlich zunächſt die ſubjective des einzelnen Künſtlers, die den Act jeder Schöpfung mit der Auf- faſſung des Gegenſtands beginnt. Im Begriffe der Auffaſſung liegt es, daß der Künſtler den Gegenſtand von der Seite ergreift, welche der Subjectivität ſeiner Phantaſie zuſagt. Iſt dieſe Subjectivität eine relativ enge, beſchränkt ſich aber auf ein Gebiet, worin ſie von der zunächſt ergriffenen Seite in das Innere des Gegenſtands zu dringen vermag nnd ſich daher in Einklang mit dem Objecte bewegt, ſo iſt der Ausdruck dieſer Schranke, wie er ſich in einer ſtehenden Technik niederlegt, Manier im berechtigten Sinne; gewöhnt ſich aber die Subjectivität in Eine Auffaſſungsweiſe ſo ein, daß ſie dieſelbe ohne Fug erweitert und in Widerſpruch mit dem objectiven Leben des Gegenſtands geltend macht, ſo entſteht Manier im übeln Sinne des Worts. Das Wort Manier wird hier natürlich nicht in ſeiner urſprünglichen, rein äußerlichen Bedeutung: eine Art der Führung des Werkzeugs, ge- nommen; dieſe Bedeutung iſt weiter unten an ihrem Ort aufzuführen, das aber iſt ſtreng feſtzuhalten, daß in unſerem jetzigen Zuſammenhang keine geiſtige Erſcheinung mehr in anderem Sinne auftritt, als wie ſie ſich in einer beſtimmten Art der Technik ausſpricht. So iſt denn Manier im vorliegenden tieferen Sinne die in der Subjectivität der Auffaſſung zu- rückgehaltene Phantaſie, wie ſie ſich in der Technik niederlegt. Auffaſſen muß zunächſt jeder Künſtler; Auffaſſung iſt der Moment, wo das Object aufhört, blos Object zu ſein, indem die Phantaſie es erfaßt, in ihr Inneres ſetzt. Es iſt dieß nicht daſſelbe, wie der allgemeine Schritt von der An- ſchauung zur Einbildungskraft (§. 387), denn wir haben jetzt den Künſt- ler, ſeine ſchon geübte Phantaſie und Technik, und in dieß Ganze von Stoffbewältigender Thätigkeit zieht er den Gegenſtand herein durch die Auffaſſung. Gewöhnliche Soldatenbilder, wie ſie für Kinder gemalt werden, Veduten, Thiere in der gewöhnlichen Abbildung der Naturgeſchichten ſind Darſtellungen von Gegenſtänden ohne Auffaſſung; ſind die Soldaten in Gruppen zuſammengeſtellt mit irgend einem Grade von Charakteriſtik, iſt nur irgend ein Hauch von Leben in der Landſchaft, erſcheinen die Thiere bewegt, ſo iſt ſchon Auffaſſung da. Die Auffaſſung iſt aber der Anfang eines tiefern Acts, worin die Phantaſie des Künſtlers das wahre objective Leben des Gegenſtands ſo in ſich hereinnehmen und ihr ſubjectives Leben ſo in es ergießen ſoll, daß der Gegenſatz des Subjectiven und Objectiven überhaupt verſchwindet (vergl. §. 412). In dieſem Acte darf

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,1. Reutlingen u. a., 1851, S. 119. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik0301_1851/131>, abgerufen am 20.04.2019.