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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,2. Stuttgart, 1853.

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dern das abstract Formale, was die Römer durch die Ausdrücke symmetria,
numerus,
die Neueren durch Proportion bezeichnen. Die Erstreckungen
der Theile in dem Grundgebilde des Körpers müssen ein bestimmtes Ver-
hältniß von Maaßen darstellen, das sich in Zahlen ausdrücken läßt. Die
Natur wird diese Maaßbestimmung in unendlichen Abweichungen der
Völker, Stämme, namentlich aber der Individuen nur als ein Allgemeines
aufweisen, das in keinem Einzelnen streng verwirklicht ist, die Kunst muß
dieß Allgemeine, das Durchschnittsmaaß finden und festsetzen. Man hat
dieß auf die verschiedenste Weise versucht, die Aesthetik kann auf die ver-
schiedenen Arten und Resultate der Messung, nach Ellen überhaupt, nach
Gesichtslängen und weiteren Bruchtheilen des Gesichts, nach Fußlängen,
nach den Achsen der Hauptgelenke (so zuletzt C. Schmidt: Proportions-
schlüssel u. s. w.) nicht eingehen; sie überläßt daher die reiche Literatur
der speziellen Kunsttheorie zur näheren Prüfung. Das Wesentliche ist,
daß, nachdem freilich zuerst das natürliche Augenmaaß ausgeholfen, mit
ausdrücklichem Messen und Zählen ein System festgesetzt werden muß.
Es kann dieß praktisch geschehen durch Aufstellung eines mustergültigen
Werks, von dem die nachfolgende Kunst ihre Maaße entnimmt, eines so-
genannten Kanon; aber der berühmte Kanon des Polyklet, der Doryphoros,
war bereits ein Werk nicht blos des glücklichen Instincts, sondern des
eigentlichen Studiums, das Messen ist also bei der praktischen Norm schon
vorausgesetzt. So wenig nun aber das Durchschnittsmaaß empirisch in
einem Individuum vollkommen erscheint, ebensowenig kann es, nachdem
es durch eine Abstraction gefunden ist, in der Kunst als absoluter Maaß-
stab gelten; von der einen Seite wechselt subjectiv die Auffassung: so ging der
griechische Kanon von den stämmigeren Verhältnissen des Polykletischen
zu den schlankeren des Lysippischen Styls über; nach der andern Seite
darf ja dem plastischen Werke die Besonderung des Alters, der Unter-
schiede, die durch verschiedene Arten der Thätigkeit u. s. w. entstehen, und die
Einzelheit der individuellen Formen nicht fehlen, wodurch nothwendig Ab-
weichungen vom schulgerechten Maaßstabe begründet werden. Der Held,
Athlet, heroische Halbgott hat breitere Brust, Apollo und Artemis ovaleren
Kopf, höhere Beine u. s. w. Nie aber können diese Abweichungen so
weit gehen, wie in der Natur, selbst in der Porträtbildung nicht: wodurch
denn bereits die Schranken des Individualismus und Naturalismus ihre
erste nähere Beleuchtung finden.

§. 618.

In der Umkleidung der weichen Theile, deren Umriß ein schwungvoll flüssiges
Ineinander unendlicher Kreis-Ausschnitte darstellt, soll das Grundgerüste ohne

dern das abſtract Formale, was die Römer durch die Ausdrücke symmetria,
numerus,
die Neueren durch Proportion bezeichnen. Die Erſtreckungen
der Theile in dem Grundgebilde des Körpers müſſen ein beſtimmtes Ver-
hältniß von Maaßen darſtellen, das ſich in Zahlen ausdrücken läßt. Die
Natur wird dieſe Maaßbeſtimmung in unendlichen Abweichungen der
Völker, Stämme, namentlich aber der Individuen nur als ein Allgemeines
aufweiſen, das in keinem Einzelnen ſtreng verwirklicht iſt, die Kunſt muß
dieß Allgemeine, das Durchſchnittsmaaß finden und feſtſetzen. Man hat
dieß auf die verſchiedenſte Weiſe verſucht, die Aeſthetik kann auf die ver-
ſchiedenen Arten und Reſultate der Meſſung, nach Ellen überhaupt, nach
Geſichtslängen und weiteren Bruchtheilen des Geſichts, nach Fußlängen,
nach den Achſen der Hauptgelenke (ſo zuletzt C. Schmidt: Proportions-
ſchlüſſel u. ſ. w.) nicht eingehen; ſie überläßt daher die reiche Literatur
der ſpeziellen Kunſttheorie zur näheren Prüfung. Das Weſentliche iſt,
daß, nachdem freilich zuerſt das natürliche Augenmaaß ausgeholfen, mit
ausdrücklichem Meſſen und Zählen ein Syſtem feſtgeſetzt werden muß.
Es kann dieß praktiſch geſchehen durch Aufſtellung eines muſtergültigen
Werks, von dem die nachfolgende Kunſt ihre Maaße entnimmt, eines ſo-
genannten Kanon; aber der berühmte Kanon des Polyklet, der Doryphoros,
war bereits ein Werk nicht blos des glücklichen Inſtincts, ſondern des
eigentlichen Studiums, das Meſſen iſt alſo bei der praktiſchen Norm ſchon
vorausgeſetzt. So wenig nun aber das Durchſchnittsmaaß empiriſch in
einem Individuum vollkommen erſcheint, ebenſowenig kann es, nachdem
es durch eine Abſtraction gefunden iſt, in der Kunſt als abſoluter Maaß-
ſtab gelten; von der einen Seite wechſelt ſubjectiv die Auffaſſung: ſo ging der
griechiſche Kanon von den ſtämmigeren Verhältniſſen des Polykletiſchen
zu den ſchlankeren des Lyſippiſchen Styls über; nach der andern Seite
darf ja dem plaſtiſchen Werke die Beſonderung des Alters, der Unter-
ſchiede, die durch verſchiedene Arten der Thätigkeit u. ſ. w. entſtehen, und die
Einzelheit der individuellen Formen nicht fehlen, wodurch nothwendig Ab-
weichungen vom ſchulgerechten Maaßſtabe begründet werden. Der Held,
Athlet, heroiſche Halbgott hat breitere Bruſt, Apollo und Artemis ovaleren
Kopf, höhere Beine u. ſ. w. Nie aber können dieſe Abweichungen ſo
weit gehen, wie in der Natur, ſelbſt in der Porträtbildung nicht: wodurch
denn bereits die Schranken des Individualiſmus und Naturaliſmus ihre
erſte nähere Beleuchtung finden.

§. 618.

In der Umkleidung der weichen Theile, deren Umriß ein ſchwungvoll flüſſiges
Ineinander unendlicher Kreis-Ausſchnitte darſtellt, ſoll das Grundgerüſte ohne

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[415/0089] dern das abſtract Formale, was die Römer durch die Ausdrücke symmetria, numerus, die Neueren durch Proportion bezeichnen. Die Erſtreckungen der Theile in dem Grundgebilde des Körpers müſſen ein beſtimmtes Ver- hältniß von Maaßen darſtellen, das ſich in Zahlen ausdrücken läßt. Die Natur wird dieſe Maaßbeſtimmung in unendlichen Abweichungen der Völker, Stämme, namentlich aber der Individuen nur als ein Allgemeines aufweiſen, das in keinem Einzelnen ſtreng verwirklicht iſt, die Kunſt muß dieß Allgemeine, das Durchſchnittsmaaß finden und feſtſetzen. Man hat dieß auf die verſchiedenſte Weiſe verſucht, die Aeſthetik kann auf die ver- ſchiedenen Arten und Reſultate der Meſſung, nach Ellen überhaupt, nach Geſichtslängen und weiteren Bruchtheilen des Geſichts, nach Fußlängen, nach den Achſen der Hauptgelenke (ſo zuletzt C. Schmidt: Proportions- ſchlüſſel u. ſ. w.) nicht eingehen; ſie überläßt daher die reiche Literatur der ſpeziellen Kunſttheorie zur näheren Prüfung. Das Weſentliche iſt, daß, nachdem freilich zuerſt das natürliche Augenmaaß ausgeholfen, mit ausdrücklichem Meſſen und Zählen ein Syſtem feſtgeſetzt werden muß. Es kann dieß praktiſch geſchehen durch Aufſtellung eines muſtergültigen Werks, von dem die nachfolgende Kunſt ihre Maaße entnimmt, eines ſo- genannten Kanon; aber der berühmte Kanon des Polyklet, der Doryphoros, war bereits ein Werk nicht blos des glücklichen Inſtincts, ſondern des eigentlichen Studiums, das Meſſen iſt alſo bei der praktiſchen Norm ſchon vorausgeſetzt. So wenig nun aber das Durchſchnittsmaaß empiriſch in einem Individuum vollkommen erſcheint, ebenſowenig kann es, nachdem es durch eine Abſtraction gefunden iſt, in der Kunſt als abſoluter Maaß- ſtab gelten; von der einen Seite wechſelt ſubjectiv die Auffaſſung: ſo ging der griechiſche Kanon von den ſtämmigeren Verhältniſſen des Polykletiſchen zu den ſchlankeren des Lyſippiſchen Styls über; nach der andern Seite darf ja dem plaſtiſchen Werke die Beſonderung des Alters, der Unter- ſchiede, die durch verſchiedene Arten der Thätigkeit u. ſ. w. entſtehen, und die Einzelheit der individuellen Formen nicht fehlen, wodurch nothwendig Ab- weichungen vom ſchulgerechten Maaßſtabe begründet werden. Der Held, Athlet, heroiſche Halbgott hat breitere Bruſt, Apollo und Artemis ovaleren Kopf, höhere Beine u. ſ. w. Nie aber können dieſe Abweichungen ſo weit gehen, wie in der Natur, ſelbſt in der Porträtbildung nicht: wodurch denn bereits die Schranken des Individualiſmus und Naturaliſmus ihre erſte nähere Beleuchtung finden. §. 618. In der Umkleidung der weichen Theile, deren Umriß ein ſchwungvoll flüſſiges Ineinander unendlicher Kreis-Ausſchnitte darſtellt, ſoll das Grundgerüſte ohne

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,2. Stuttgart, 1853, S. 415. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik030202_1853/89>, abgerufen am 22.08.2019.