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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,3. Stuttgart, 1854.

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die Züge durch Porträt wirklich kennt, bleibt doch das erhaltene Bildniß
bloßes Material, das der historische Maler in eine Situation ziehen und,
wie schon früher gesagt, zu diesem Zwecke weiter umbilden muß. Daß
cyklische Zusammenstellung die Sache verändert, ist zu §. 688 bereits
bemerkt. -- Der weitere Inhalt des §. bedarf kaum noch einer Erläuterung;
er faßt zusammen, was da und dort schon ausgesprochen ist, und ergänzt
es nach anderer Seite. Der Wille, der die Welt bezwingt und erschüttert,
sammelt in wenigen, in den Flügelmännern der Menschheit, seine höchste
Kraft; es muß Platz sein, Massen von Figuren und Culturformen dürfen
der aus dem Innern frei hervorbrechenden Handlung nicht den Raum
versperren. Daß diese zusammenziehende Straffheit erst in der ächt dra-
matischen Form des Geschichtsbildes eintritt, ist schon früher gesagt; ein
Spielraum, worin sich dieselbe den mehr epischen, naturgemäß massen-
haften, Formen nähert, ist dadurch nicht ausgeschlossen; das Schlachtbild
insbesondere hat uns im vorhergehenden §. daran gemahnt, es führt zu
den größten Ausdehnungen, H. Vernets Ueberfall der Smalah hat 66 Fuß
Länge. Daß dagegen die größte Sparsamkeit dem lyrisch historischen Bilde
eigen sein muß, ist schon in §. 711 hervorgehoben; dasselbe wird sogar
die einzelne, in Situation gesetzte Figur lieben; es geht dieß ein-
leuchtend daraus hervor, daß es die subjectivste Form ist und den inner-
lichen Zustand nicht zur Handlung entfaltet.

§. 714.

1.

Das Erhabene des Subjects und das Tragische entwickelt in diesem
Gebiet erst den Reichthum seiner Formen und verbindet mit ihrer Wirkung die
des objectiv Erhabenen und des einfach Schönen; das Komische hat be-
schränktere Geltung, kann aber gerade seine höchste Form, den freieren, welt-
2.geschichtlichen Humor, in ihrer Tiefe entfalten. Der Gegensatz der Style
offenbart sich, vereinigt mit dem Unterschiede des Materials und der Technik,
auf diesem Boden ungleich voller und stärker, als auf dem des Sittenbilds.

1. Es bedarf nur einer Verweisung auf unsern ersten Theil, wo die
Lehre vom Erhabenen von Fingerzeigen wimmelt, die bereits auf lauter
malerische und insbesondere geschichtlich malerische Stoffe hinweisen. Das
Tragische gehört vornämlich diesem höchsten Zweig an, der ja, wie wir
gesehen, in seiner bedeutendsten Form auf dem Boden großer, realer
Conflicte sich bewegt. Das Erhabene des Raums, der Zeit (natürlich
an festen Erscheinungen sichtbar), der Kraft wirkt mit, wie große Natur-
erscheinungen im eigentlichen Drama mitwirken können, das "den Sturm
zu Leidenschaften wüthen läßt." Das einfach Schöne in Zusammen-

die Züge durch Porträt wirklich kennt, bleibt doch das erhaltene Bildniß
bloßes Material, das der hiſtoriſche Maler in eine Situation ziehen und,
wie ſchon früher geſagt, zu dieſem Zwecke weiter umbilden muß. Daß
cykliſche Zuſammenſtellung die Sache verändert, iſt zu §. 688 bereits
bemerkt. — Der weitere Inhalt des §. bedarf kaum noch einer Erläuterung;
er faßt zuſammen, was da und dort ſchon ausgeſprochen iſt, und ergänzt
es nach anderer Seite. Der Wille, der die Welt bezwingt und erſchüttert,
ſammelt in wenigen, in den Flügelmännern der Menſchheit, ſeine höchſte
Kraft; es muß Platz ſein, Maſſen von Figuren und Culturformen dürfen
der aus dem Innern frei hervorbrechenden Handlung nicht den Raum
verſperren. Daß dieſe zuſammenziehende Straffheit erſt in der ächt dra-
matiſchen Form des Geſchichtsbildes eintritt, iſt ſchon früher geſagt; ein
Spielraum, worin ſich dieſelbe den mehr epiſchen, naturgemäß maſſen-
haften, Formen nähert, iſt dadurch nicht ausgeſchloſſen; das Schlachtbild
insbeſondere hat uns im vorhergehenden §. daran gemahnt, es führt zu
den größten Ausdehnungen, H. Vernets Ueberfall der Smalah hat 66 Fuß
Länge. Daß dagegen die größte Sparſamkeit dem lyriſch hiſtoriſchen Bilde
eigen ſein muß, iſt ſchon in §. 711 hervorgehoben; daſſelbe wird ſogar
die einzelne, in Situation geſetzte Figur lieben; es geht dieß ein-
leuchtend daraus hervor, daß es die ſubjectivſte Form iſt und den inner-
lichen Zuſtand nicht zur Handlung entfaltet.

§. 714.

1.

Das Erhabene des Subjects und das Tragiſche entwickelt in dieſem
Gebiet erſt den Reichthum ſeiner Formen und verbindet mit ihrer Wirkung die
des objectiv Erhabenen und des einfach Schönen; das Komiſche hat be-
ſchränktere Geltung, kann aber gerade ſeine höchſte Form, den freieren, welt-
2.geſchichtlichen Humor, in ihrer Tiefe entfalten. Der Gegenſatz der Style
offenbart ſich, vereinigt mit dem Unterſchiede des Materials und der Technik,
auf dieſem Boden ungleich voller und ſtärker, als auf dem des Sittenbilds.

1. Es bedarf nur einer Verweiſung auf unſern erſten Theil, wo die
Lehre vom Erhabenen von Fingerzeigen wimmelt, die bereits auf lauter
maleriſche und insbeſondere geſchichtlich maleriſche Stoffe hinweiſen. Das
Tragiſche gehört vornämlich dieſem höchſten Zweig an, der ja, wie wir
geſehen, in ſeiner bedeutendſten Form auf dem Boden großer, realer
Conflicte ſich bewegt. Das Erhabene des Raums, der Zeit (natürlich
an feſten Erſcheinungen ſichtbar), der Kraft wirkt mit, wie große Natur-
erſcheinungen im eigentlichen Drama mitwirken können, das „den Sturm
zu Leidenſchaften wüthen läßt.“ Das einfach Schöne in Zuſammen-

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[690/0198] die Züge durch Porträt wirklich kennt, bleibt doch das erhaltene Bildniß bloßes Material, das der hiſtoriſche Maler in eine Situation ziehen und, wie ſchon früher geſagt, zu dieſem Zwecke weiter umbilden muß. Daß cykliſche Zuſammenſtellung die Sache verändert, iſt zu §. 688 bereits bemerkt. — Der weitere Inhalt des §. bedarf kaum noch einer Erläuterung; er faßt zuſammen, was da und dort ſchon ausgeſprochen iſt, und ergänzt es nach anderer Seite. Der Wille, der die Welt bezwingt und erſchüttert, ſammelt in wenigen, in den Flügelmännern der Menſchheit, ſeine höchſte Kraft; es muß Platz ſein, Maſſen von Figuren und Culturformen dürfen der aus dem Innern frei hervorbrechenden Handlung nicht den Raum verſperren. Daß dieſe zuſammenziehende Straffheit erſt in der ächt dra- matiſchen Form des Geſchichtsbildes eintritt, iſt ſchon früher geſagt; ein Spielraum, worin ſich dieſelbe den mehr epiſchen, naturgemäß maſſen- haften, Formen nähert, iſt dadurch nicht ausgeſchloſſen; das Schlachtbild insbeſondere hat uns im vorhergehenden §. daran gemahnt, es führt zu den größten Ausdehnungen, H. Vernets Ueberfall der Smalah hat 66 Fuß Länge. Daß dagegen die größte Sparſamkeit dem lyriſch hiſtoriſchen Bilde eigen ſein muß, iſt ſchon in §. 711 hervorgehoben; daſſelbe wird ſogar die einzelne, in Situation geſetzte Figur lieben; es geht dieß ein- leuchtend daraus hervor, daß es die ſubjectivſte Form iſt und den inner- lichen Zuſtand nicht zur Handlung entfaltet. §. 714. Das Erhabene des Subjects und das Tragiſche entwickelt in dieſem Gebiet erſt den Reichthum ſeiner Formen und verbindet mit ihrer Wirkung die des objectiv Erhabenen und des einfach Schönen; das Komiſche hat be- ſchränktere Geltung, kann aber gerade ſeine höchſte Form, den freieren, welt- geſchichtlichen Humor, in ihrer Tiefe entfalten. Der Gegenſatz der Style offenbart ſich, vereinigt mit dem Unterſchiede des Materials und der Technik, auf dieſem Boden ungleich voller und ſtärker, als auf dem des Sittenbilds. 1. Es bedarf nur einer Verweiſung auf unſern erſten Theil, wo die Lehre vom Erhabenen von Fingerzeigen wimmelt, die bereits auf lauter maleriſche und insbeſondere geſchichtlich maleriſche Stoffe hinweiſen. Das Tragiſche gehört vornämlich dieſem höchſten Zweig an, der ja, wie wir geſehen, in ſeiner bedeutendſten Form auf dem Boden großer, realer Conflicte ſich bewegt. Das Erhabene des Raums, der Zeit (natürlich an feſten Erſcheinungen ſichtbar), der Kraft wirkt mit, wie große Natur- erſcheinungen im eigentlichen Drama mitwirken können, das „den Sturm zu Leidenſchaften wüthen läßt.“ Das einfach Schöne in Zuſammen-

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,3. Stuttgart, 1854, S. 690. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik030203_1854/198>, abgerufen am 21.04.2019.