Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Wander, Karl Friedrich Wilhelm (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Bd. 4. Leipzig, 1876.

Bild:
<< vorherige Seite

[Spaltenumbruch] *12 Ich will den Schnuppen haben. - Luther's Werke, V, 303.

Ich will nichts wissen davon, keine Kenntniss davon nehmen.


Schnupfen (Verb.).

1 Jeder schnupft, und niemand sagt, es stinkt.

In der grossen eleganten, wie politischen Welt sieht man oft dieselbe sich zuweilen in Gesellschaften kundgebende Erscheinung.

*2 Bei mir hast du geschnuppt. - Klix, 80.

*3 Es schnupft ihm in die Nase.

Er wird darüber stutzig, betreten.

*4 'S wird nex g'schnupft. (Ulm.)


Schnupfer.

Gute Schnupfer niesen nicht.


Schnupftaback.

* I hätt koin Pries' Schnupftaback für sein Leaba gea. (Ulm.)


Schnupftuch.

*1 Dem muss man kein Schnupftuch mit brabanter Kanten geben.

So sagen die Belgier von einem Grobian.

*2 Er kennt den Gebrauch des Schnupftuchs nicht.

Die Gewohnheit, Schnupftücher zu führen, ist gar nicht so alt und kam aus einem Lande, das unsere Reisenden gerade nicht als Muster der Reinlichkeit darstellen, aus Italien. Sogar Kaiser Friedrich II. befahl dem Wirthschaftsverwalter auf einem seiner Güter in Sicilien, den Mägden und Kindern daselbst duos faccelos de panno linneo zu geben, womit eben leinene Taschentücher bezeichnet werden. Bis zum 16. Jahrhundert brauchten die Deutschen kein anderes Wort als das von den Italienern abgelernte "Fatzolin, Fatzeunlein, Facele", das sich auch, wenn nur etwas verändert, in einigen Gegenden Baierns und Oesterreichs erhalten hat. Doch war zu jener Zeit der Gebrauch der Schnupftücher bei weitem nicht allgemein. Gegen diese "widrige Unsauberkeit" erhob sich Erasmus von Rotterdam in seiner Anleitung zur Wohlanständigkeit, die er einem burgundischen Prinzen zueignete. Gleichbedeutende Wörter in Schriften des 16. Jahrhunderts sind: Schnaubtuch und Schnaubtüchlein. In der Schweiz hört man hier und da "Nasenlumpen". Auch bei den Franzosen scheint dies Reinlichkeitsmittel erst später allgemein geworden zu sein. (S. Anno 1.)


Schnuppe.

*1 Die Schnuppe einziehen.

Nicht weiter sprechen. In Kunst über alle Künste sagt die böse Katharina zu einem Bewerber: ... "Und kannstu Mausebart nur die Schnuppe einziehen, sonst wird es gewaltig Dreck regnen." (Köhler, 12.) Schnuppe, bei Schmeller, III, 492 Schnaupe, für Schnabel, Schnauze, verächtlich Mund. Simplic., II, 920 heisst es: "Ich steckte die Schnauppen unter die Decke und behielt nichts haussen als die Augen."

*2 Es ist ihm alles Schnuppe. (Köthen.)

"Mir ganz Schnuppe." (Trachsel, 52.)

*3 Etwas auf die Schnuppe kriegen.

"Es is mer ganz fatal, dass dem Monne a su hiegiehn soal; a hätte miega nuthwendig was uf de Schnuppe kriega." (Schles. Provinzialbl., 1871, S. 67.)


Schnur.

1 Die von der schnur zehren, müssen das Gelage bezahlen. - Henisch, 364, 20; Petri, II, 147.

2 Eine dreifältige Schnur reisst nicht leicht entzwei. - Graf, 202, 144; Petri, II, 174.

Mit Bezug auf Erbfolge. (S. Nähen.)

Dän.: En tree-dobbelt snoor drages ei letteligen sonder. (Prov. dan., 516.)

3 Man muss die Schnur nicht zu weit richten. - Simrock, 9159a.

4 Man muss nicht über die Schnur hauen (schlagen). - Meinau, 58.

Man muss in keiner Sache zu weit gehen. Von den Zimmerleuten entlehnt, die, wenn sie ein Stück Holz behauen wollen, die Linie mit einer geschwärzten oder gerötheten Schnur bezeichnen. Es ist ein Fehler, wenn sie über diese Schnur ins Holz hineinhauen.

5 Nicht alles kan zur schnur gebracht werden. - Schottel, 1118a.

6 Was soll die Schnur, wenn man keine Perlen hat.

Die Russen; Kaufe nicht eher die Schnur, bevor du die Perlen hast. (Altmann VI, 484.)

*7 Aus der Schnur schreiten.

*8 Das geht über die Schnur.

Holl.: Buiten (uit, boven, over) de kerf gaan. (Harrebomee, I, 392b.)

*9 Das ist ausser der Schnur. - Eiselein, 554.

Lat.: Currunt extra viam. - Frustra currit. (Eiselein, 554.)

*10 Die rothe (oder: seidene) Schnur tragen.

In Oesterreich war es früher Sitte, dass Verbrecher des Hochverraths, der Feldflüchtigkeit, der feigen [Spaltenumbruch] Uebergabe anvertrauter Festungen u. s. w. aus Milderungsgründen und unter der Bedingung die Gnade des Lebens und einer schmachvollen Freiheit erhielten, dass sie am Halse oder Knopfloch öffentlich die "rothe Schnur", die "seidene Schnur", oder auch den Hut des "Hasenpaniers" trugen. (Vgl. Hormayr, 1839, 448.)

*11 Die Schnur an den Stein legen.

Wer alle Sorgfalt anwendet, dass alles im Staate, wie im Hauswesen wohl geführet werde. Von den Bauleuten entlehnt, die ihrem Augenmasse nicht trauen, sondern die Ebenheit der Steine nach dem Richtmasse erforschen.

*12 Die Schnur zu fest packen. - Eiselein, 554.

*13 Einen in die Schnur nehmen. - Wurzbach II, 316.

Diese Redensart kommt von dem Handwerksgebrauch der Maurer her, nach welchem sie denjenigen, der über ihre Messschnur tritt, für strafbar erklären, ihn mit dieser Schnur umfangen und zu einem Lösegeld anhalten. (S. Schnüren.)

*14 Er hat vber die Schnur gehawen. (S. Oberstübchen.) - Eyering, II, 294; Sailer, 77; Masson, 376.

*15 Es geht bei ihm alles an der Schnur.

*16 Es geht wie an der Schnur.

*17 In die Schnur greifen. - Eiselein, 554.

*18 Mit verlorener Schnur messen. - Eiselein, 554.

*19 Nach der Schnur leben. - Braun, I, 3952; Wurzbach II, 318.

Sehr regelmässig leben, alles ordentlich thun.

*20 Oan nit aus'n Schnür'n lassen. (Innsbruck.) - Frommann, VI, 37, 74.

Jemand aufmerksam beobachten.

*21 Oever de Snor hauen. (Holst.) - Schütze, IV, 146.

*22 Vber die schnur hawen. - Tappius, 150b; Hauer, K2; Grimmelshausen, Springinsfeld; Eyering, III, 342; Petri, II, 532; Schottel, 1120a; Mathesy, 50b; Körte, 5385a; Wurzbach II, 318; Frischbier2, 3384; Hennig, 242; Braun, I, 3950; für Franken: Frommann, VI, 323, 344.

In Schwaben: Ueber d' Schnur haua. (Nefflen, 467; Sutermeister, 931; Michel, 278.) Ueber die Schnur hauen, das rechte Mass überschreiten. Von der durch Röthel bezeichneten Richtschnur der Zimmerleute. Zur Bezeichnung für das Hinausgehen über das rechte Mass ist unsere Sprache wieder reich an Redensarten. Man sagt: Er ist über das Böglein getreten. Er hat den Esel übergürtet. Er hat die Armbrust überspannt. Er hat das Lied zu hoch angefangen. "Gott werds gewiss nicht vngestrafft lassen, wo sie vber die Schnur hawen." (Fischart in Kloster, VIII, 374.) Franck (II, 98b) gebraucht sie für das lateinische Ultra septa transilire und fügt, um die Ueberschreitung von Grenze und Mass auszudrücken, noch als verwandt bei: Zu vil thun. Vber das Böglein tretten. Den Esel übergürten. Das Liedlein zu hoch anfahen. Das armbrust vberspannen. Er hat jm zu vil thon. Einer Noten zu hoch singen. Man gebraucht dafür auch die lateinische Redensart: Extra chorum saltare. (Binder I, 484; II, 1047; Erasm., 48.)

Frz.: Aller terre a terre. (Kritzinger, 676b.) - Passer les bornes. - Peter plus haut que la cau. - Sortir de sa sphere. (Kritzinger, 79a, 528b u. 660b.)

Lat.: Extra chorum saltare. (Hanzely, 29; Sutor, 295; Philippi, I, 146; Seybold, 165.) - Toto coelo aberras. (Chaos, 1081.) - Ultra septa transilire. (Binder II, 3396; Erasm., 48; Philippi, II, 231; Seybold, 647; Lang, 288.)

*23 Von der Schnur zehren. - Schottel, 1112a; Eiselein, 554; Körte, 5385; Meinau, 32; Wurzbach II, 317.

Von dem bereits Erworbenen leben, ohne es durch neuen Erwerb zu mehren. Den letzten Vorrath, Nothpfennig angreifen. Wahrscheinlich von der alten Sitte, goldene und andere Schaumünzen an einer Schnur als Putz anzuhängen und in der Noth dann eine nach der andern zu verkaufen. "Von der Schnur zehren vnd immerdar nur kauffen vnd nimmer nichts verkauffen." (Mathesy, 354b.) Eine witzige Anwendung findet die Redensart in folgendem älterlichen Rath: "O, Söhnchen, dem wir alles Gut gegeben, thu' eine reiche Heirath nur, dann haben wir zu leben und zehren von der - Schnur." (Witzfunken, IIb, 136.)

Lat.: Sensim consumere parta. (Eiselein, 554.)


Schnürbrust.

1 Gefüllte Schnürbrust ist ein gut Gericht, sagen die Pfaffen.

2 Schnürbrust und Perrük' haben bei Gesunden kein Glück.

"Beschränkte Richter und Advocaten widersetzen sich der Oeffentlichkeit unserer Rechtspflege und vertheidigen die geheime Anwendung der Gesetze, wie schiefe Frauen die Partei der Schnürbrüste und Kahlköpfe die der Perrüken nehmen." (Welt und Zeit, V, 319, 54.)


Schnürchen.

*1 Er hat's am Schnürchen. - Braun, I, 3951; Wurzbach II, 316.

Frz.: Cela ne s'enfile pas comme des perles. (Seybold, 663.)

[Spaltenumbruch] *12 Ich will den Schnuppen haben.Luther's Werke, V, 303.

Ich will nichts wissen davon, keine Kenntniss davon nehmen.


Schnupfen (Verb.).

1 Jeder schnupft, und niemand sagt, es stinkt.

In der grossen eleganten, wie politischen Welt sieht man oft dieselbe sich zuweilen in Gesellschaften kundgebende Erscheinung.

*2 Bei mir hast du geschnuppt.Klix, 80.

*3 Es schnupft ihm in die Nase.

Er wird darüber stutzig, betreten.

*4 'S wird nex g'schnupft. (Ulm.)


Schnupfer.

Gute Schnupfer niesen nicht.


Schnupftaback.

* I hätt koin Pries' Schnupftaback für sein Leaba gea. (Ulm.)


Schnupftuch.

*1 Dem muss man kein Schnupftuch mit brabanter Kanten geben.

So sagen die Belgier von einem Grobian.

*2 Er kennt den Gebrauch des Schnupftuchs nicht.

Die Gewohnheit, Schnupftücher zu führen, ist gar nicht so alt und kam aus einem Lande, das unsere Reisenden gerade nicht als Muster der Reinlichkeit darstellen, aus Italien. Sogar Kaiser Friedrich II. befahl dem Wirthschaftsverwalter auf einem seiner Güter in Sicilien, den Mägden und Kindern daselbst duos faccelos de panno linneo zu geben, womit eben leinene Taschentücher bezeichnet werden. Bis zum 16. Jahrhundert brauchten die Deutschen kein anderes Wort als das von den Italienern abgelernte „Fatzolin, Fatzeunlein, Facele“, das sich auch, wenn nur etwas verändert, in einigen Gegenden Baierns und Oesterreichs erhalten hat. Doch war zu jener Zeit der Gebrauch der Schnupftücher bei weitem nicht allgemein. Gegen diese „widrige Unsauberkeit“ erhob sich Erasmus von Rotterdam in seiner Anleitung zur Wohlanständigkeit, die er einem burgundischen Prinzen zueignete. Gleichbedeutende Wörter in Schriften des 16. Jahrhunderts sind: Schnaubtuch und Schnaubtüchlein. In der Schweiz hört man hier und da „Nasenlumpen“. Auch bei den Franzosen scheint dies Reinlichkeitsmittel erst später allgemein geworden zu sein. (S. Anno 1.)


Schnuppe.

*1 Die Schnuppe einziehen.

Nicht weiter sprechen. In Kunst über alle Künste sagt die böse Katharina zu einem Bewerber: ... „Und kannstu Mausebart nur die Schnuppe einziehen, sonst wird es gewaltig Dreck regnen.“ (Köhler, 12.) Schnuppe, bei Schmeller, III, 492 Schnaupe, für Schnabel, Schnauze, verächtlich Mund. Simplic., II, 920 heisst es: „Ich steckte die Schnauppen unter die Decke und behielt nichts haussen als die Augen.“

*2 Es ist ihm alles Schnuppe. (Köthen.)

„Mir ganz Schnuppe.“ (Trachsel, 52.)

*3 Etwas auf die Schnuppe kriegen.

„Es is mer ganz fatal, dass dem Monne a su hiegiehn soal; a hätte miega nuthwendig was uf de Schnuppe kriega.“ (Schles. Provinzialbl., 1871, S. 67.)


Schnur.

1 Die von der schnur zehren, müssen das Gelage bezahlen.Henisch, 364, 20; Petri, II, 147.

2 Eine dreifältige Schnur reisst nicht leicht entzwei.Graf, 202, 144; Petri, II, 174.

Mit Bezug auf Erbfolge. (S. Nähen.)

Dän.: En tree-dobbelt snoor drages ei letteligen sonder. (Prov. dan., 516.)

3 Man muss die Schnur nicht zu weit richten.Simrock, 9159a.

4 Man muss nicht über die Schnur hauen (schlagen).Meinau, 58.

Man muss in keiner Sache zu weit gehen. Von den Zimmerleuten entlehnt, die, wenn sie ein Stück Holz behauen wollen, die Linie mit einer geschwärzten oder gerötheten Schnur bezeichnen. Es ist ein Fehler, wenn sie über diese Schnur ins Holz hineinhauen.

5 Nicht alles kan zur schnur gebracht werden.Schottel, 1118a.

6 Was soll die Schnur, wenn man keine Perlen hat.

Die Russen; Kaufe nicht eher die Schnur, bevor du die Perlen hast. (Altmann VI, 484.)

*7 Aus der Schnur schreiten.

*8 Das geht über die Schnur.

Holl.: Buiten (uit, boven, over) de kerf gaan. (Harrebomée, I, 392b.)

*9 Das ist ausser der Schnur.Eiselein, 554.

Lat.: Currunt extra viam. – Frustra currit. (Eiselein, 554.)

*10 Die rothe (oder: seidene) Schnur tragen.

In Oesterreich war es früher Sitte, dass Verbrecher des Hochverraths, der Feldflüchtigkeit, der feigen [Spaltenumbruch] Uebergabe anvertrauter Festungen u. s. w. aus Milderungsgründen und unter der Bedingung die Gnade des Lebens und einer schmachvollen Freiheit erhielten, dass sie am Halse oder Knopfloch öffentlich die „rothe Schnur“, die „seidene Schnur“, oder auch den Hut des „Hasenpaniers“ trugen. (Vgl. Hormayr, 1839, 448.)

*11 Die Schnur an den Stein legen.

Wer alle Sorgfalt anwendet, dass alles im Staate, wie im Hauswesen wohl geführet werde. Von den Bauleuten entlehnt, die ihrem Augenmasse nicht trauen, sondern die Ebenheit der Steine nach dem Richtmasse erforschen.

*12 Die Schnur zu fest packen.Eiselein, 554.

*13 Einen in die Schnur nehmen.Wurzbach II, 316.

Diese Redensart kommt von dem Handwerksgebrauch der Maurer her, nach welchem sie denjenigen, der über ihre Messschnur tritt, für strafbar erklären, ihn mit dieser Schnur umfangen und zu einem Lösegeld anhalten. (S. Schnüren.)

*14 Er hat vber die Schnur gehawen. (S. Oberstübchen.) – Eyering, II, 294; Sailer, 77; Masson, 376.

*15 Es geht bei ihm alles an der Schnur.

*16 Es geht wie an der Schnur.

*17 In die Schnur greifen.Eiselein, 554.

*18 Mit verlorener Schnur messen.Eiselein, 554.

*19 Nach der Schnur leben.Braun, I, 3952; Wurzbach II, 318.

Sehr regelmässig leben, alles ordentlich thun.

*20 Oan nit aus'n Schnür'n lassen. (Innsbruck.) – Frommann, VI, 37, 74.

Jemand aufmerksam beobachten.

*21 Oever de Snôr hauen. (Holst.) – Schütze, IV, 146.

*22 Vber die schnur hawen.Tappius, 150b; Hauer, K2; Grimmelshausen, Springinsfeld; Eyering, III, 342; Petri, II, 532; Schottel, 1120a; Mathesy, 50b; Körte, 5385a; Wurzbach II, 318; Frischbier2, 3384; Hennig, 242; Braun, I, 3950; für Franken: Frommann, VI, 323, 344.

In Schwaben: Ueber d' Schnur haua. (Nefflen, 467; Sutermeister, 931; Michel, 278.) Ueber die Schnur hauen, das rechte Mass überschreiten. Von der durch Röthel bezeichneten Richtschnur der Zimmerleute. Zur Bezeichnung für das Hinausgehen über das rechte Mass ist unsere Sprache wieder reich an Redensarten. Man sagt: Er ist über das Böglein getreten. Er hat den Esel übergürtet. Er hat die Armbrust überspannt. Er hat das Liéd zu hoch angefangen. „Gott werds gewiss nicht vngestrafft lassen, wo sie vber die Schnur hawen.“ (Fischart in Kloster, VIII, 374.) Franck (II, 98b) gebraucht sie für das lateinische Ultra septa transilire und fügt, um die Ueberschreitung von Grenze und Mass auszudrücken, noch als verwandt bei: Zu vil thun. Vber das Böglein tretten. Den Esel übergürten. Das Liedlein zu hoch anfahen. Das armbrust vberspannen. Er hat jm zu vil thon. Einer Noten zu hoch singen. Man gebraucht dafür auch die lateinische Redensart: Extra chorum saltare. (Binder I, 484; II, 1047; Erasm., 48.)

Frz.: Aller terre à terre. (Kritzinger, 676b.) – Passer les bornes. – Peter plus haut que la cû. – Sortir de sa sphère. (Kritzinger, 79a, 528b u. 660b.)

Lat.: Extra chorum saltare. (Hanzely, 29; Sutor, 295; Philippi, I, 146; Seybold, 165.) – Toto coelo aberras. (Chaos, 1081.) – Ultra septa transilire. (Binder II, 3396; Erasm., 48; Philippi, II, 231; Seybold, 647; Lang, 288.)

*23 Von der Schnur zehren.Schottel, 1112a; Eiselein, 554; Körte, 5385; Meinau, 32; Wurzbach II, 317.

Von dem bereits Erworbenen leben, ohne es durch neuen Erwerb zu mehren. Den letzten Vorrath, Nothpfennig angreifen. Wahrscheinlich von der alten Sitte, goldene und andere Schaumünzen an einer Schnur als Putz anzuhängen und in der Noth dann eine nach der andern zu verkaufen. „Von der Schnur zehren vnd immerdar nur kauffen vnd nimmer nichts verkauffen.“ (Mathesy, 354b.) Eine witzige Anwendung findet die Redensart in folgendem älterlichen Rath: „O, Söhnchen, dem wir alles Gut gegeben, thu' eine reiche Heirath nur, dann haben wir zu leben und zehren von der – Schnur.“ (Witzfunken, IIb, 136.)

Lat.: Sensim consumere parta. (Eiselein, 554.)


Schnürbrust.

1 Gefüllte Schnürbrust ist ein gut Gericht, sagen die Pfaffen.

2 Schnürbrust und Perrük' haben bei Gesunden kein Glück.

„Beschränkte Richter und Advocaten widersetzen sich der Oeffentlichkeit unserer Rechtspflege und vertheidigen die geheime Anwendung der Gesetze, wie schiefe Frauen die Partei der Schnürbrüste und Kahlköpfe die der Perrüken nehmen.“ (Welt und Zeit, V, 319, 54.)


Schnürchen.

*1 Er hat's am Schnürchen.Braun, I, 3951; Wurzbach II, 316.

Frz.: Cela ne s'enfile pas comme des perles. (Seybold, 663.)

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div type="lexiconEntry" n="2">
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger"><pb facs="#f0161" n="[155]"/><cb n="309"/>
*12 Ich will den Schnuppen haben.</hi> &#x2013; <hi rendition="#i">Luther's Werke, V, 303.</hi></p><lb/>
          <p rendition="#et">Ich will nichts wissen davon, keine Kenntniss davon nehmen.</p><lb/>
        </div>
        <div type="lexiconEntry" n="2">
          <head><hi rendition="#b">Schnupfen</hi> (Verb.).</head><lb/>
          <p rendition="#et"> <hi rendition="#larger">1 Jeder schnupft, und niemand sagt, es stinkt.</hi> </p><lb/>
          <p rendition="#et">In der grossen eleganten, wie politischen Welt sieht man oft dieselbe sich zuweilen in Gesellschaften kundgebende Erscheinung.</p><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">*2 Bei mir hast du geschnuppt.</hi> &#x2013; <hi rendition="#i">Klix, 80.</hi></p><lb/>
          <p rendition="#et"> <hi rendition="#larger">*3 Es schnupft ihm in die Nase.</hi> </p><lb/>
          <p rendition="#et">Er wird darüber stutzig, betreten.</p><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">*4 'S wird nex g'schnupft.</hi> (<hi rendition="#i">Ulm.</hi>)</p><lb/>
        </div>
        <div type="lexiconEntry" n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Schnupfer.</hi> </head><lb/>
          <p rendition="#et"> <hi rendition="#larger">Gute Schnupfer niesen nicht.</hi> </p><lb/>
        </div>
        <div type="lexiconEntry" n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Schnupftaback.</hi> </head><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">* I hätt koin Pries' Schnupftaback für sein Leaba gea.</hi> (<hi rendition="#i">Ulm.</hi>)</p><lb/>
        </div>
        <div type="lexiconEntry" n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Schnupftuch.</hi> </head><lb/>
          <p rendition="#et"> <hi rendition="#larger">*1 Dem muss man kein Schnupftuch mit brabanter Kanten geben.</hi> </p><lb/>
          <p rendition="#et">So sagen die Belgier von einem Grobian.</p><lb/>
          <p rendition="#et"> <hi rendition="#larger">*2 Er kennt den Gebrauch des Schnupftuchs nicht.</hi> </p><lb/>
          <p rendition="#et">Die Gewohnheit, Schnupftücher zu führen, ist gar nicht so alt und kam aus einem Lande, das unsere Reisenden gerade nicht als Muster der Reinlichkeit darstellen, aus Italien. Sogar Kaiser Friedrich II. befahl dem Wirthschaftsverwalter auf einem seiner Güter in Sicilien, den Mägden und Kindern daselbst duos faccelos de panno linneo zu geben, womit eben leinene Taschentücher bezeichnet werden. Bis zum 16. Jahrhundert brauchten die Deutschen kein anderes Wort als das von den Italienern abgelernte &#x201E;Fatzolin, Fatzeunlein, Facele&#x201C;, das sich auch, wenn nur etwas verändert, in einigen Gegenden Baierns und Oesterreichs erhalten hat. Doch war zu jener Zeit der Gebrauch der Schnupftücher bei weitem nicht allgemein. Gegen diese &#x201E;widrige Unsauberkeit&#x201C; erhob sich <hi rendition="#i">Erasmus</hi> von Rotterdam in seiner <hi rendition="#i">Anleitung zur Wohlanständigkeit,</hi> die er einem burgundischen Prinzen zueignete. Gleichbedeutende Wörter in Schriften des 16. Jahrhunderts sind: Schnaubtuch und Schnaubtüchlein. In der Schweiz hört man hier und da &#x201E;Nasenlumpen&#x201C;. Auch bei den Franzosen scheint dies Reinlichkeitsmittel erst später allgemein geworden zu sein. (S.  Anno 1.)</p><lb/>
        </div>
        <div type="lexiconEntry" n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Schnuppe.</hi> </head><lb/>
          <p rendition="#et"> <hi rendition="#larger">*1 Die Schnuppe einziehen.</hi> </p><lb/>
          <p rendition="#et">Nicht weiter sprechen. In <hi rendition="#i">Kunst über alle Künste</hi> sagt die böse Katharina zu einem Bewerber: ... &#x201E;Und kannstu Mausebart nur die Schnuppe einziehen, sonst wird es gewaltig Dreck regnen.&#x201C; (<hi rendition="#i">Köhler, 12.</hi>) Schnuppe, bei <hi rendition="#i">Schmeller, III, 492</hi> Schnaupe, für Schnabel, Schnauze, verächtlich Mund. <hi rendition="#i">Simplic., II, 920</hi> heisst es: &#x201E;Ich steckte die Schnauppen unter die Decke und behielt nichts haussen als die Augen.&#x201C;</p><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">*2 Es ist ihm alles Schnuppe.</hi> (<hi rendition="#i">Köthen.</hi>)</p><lb/>
          <p rendition="#et">&#x201E;Mir ganz Schnuppe.&#x201C; (<hi rendition="#i">Trachsel, 52.</hi>)</p><lb/>
          <p rendition="#et"> <hi rendition="#larger">*3 Etwas auf die Schnuppe kriegen.</hi> </p><lb/>
          <p rendition="#et">&#x201E;Es is mer ganz fatal, dass dem Monne a su hiegiehn soal; a hätte miega nuthwendig was uf de Schnuppe kriega.&#x201C; (<hi rendition="#i">Schles. Provinzialbl., 1871, S. 67.</hi>)</p><lb/>
        </div>
        <div type="lexiconEntry" n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Schnur.</hi> </head><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">1 Die von der schnur zehren, müssen das Gelage bezahlen.</hi> &#x2013; <hi rendition="#i">Henisch, 364, 20; Petri, II, 147.</hi></p><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">2 Eine dreifältige Schnur reisst nicht leicht entzwei.</hi> &#x2013; <hi rendition="#i">Graf, 202, 144; Petri, II, 174.</hi></p><lb/>
          <p rendition="#et">Mit Bezug auf Erbfolge. (S.  Nähen.)</p><lb/>
          <p rendition="#et2"><hi rendition="#i">Dän.</hi>: En tree-dobbelt snoor drages ei letteligen sonder. (<hi rendition="#i">Prov. dan., 516.</hi>)</p><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">3 Man muss die Schnur nicht zu weit richten.</hi> &#x2013; <hi rendition="#i">Simrock, 9159<hi rendition="#sup">a</hi>.</hi></p><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">4 Man muss nicht über die Schnur hauen (schlagen).</hi> &#x2013; <hi rendition="#i">Meinau, 58.</hi></p><lb/>
          <p rendition="#et">Man muss in keiner Sache zu weit gehen. Von den Zimmerleuten entlehnt, die, wenn sie ein Stück Holz behauen wollen, die Linie mit einer geschwärzten oder gerötheten Schnur bezeichnen. Es ist ein Fehler, wenn sie über diese Schnur ins Holz hineinhauen.</p><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">5 Nicht alles kan zur schnur gebracht werden.</hi> &#x2013; <hi rendition="#i">Schottel, 1118<hi rendition="#sup">a</hi>.</hi></p><lb/>
          <p rendition="#et"> <hi rendition="#larger">6 Was soll die Schnur, wenn man keine Perlen hat.</hi> </p><lb/>
          <p rendition="#et">Die Russen; Kaufe nicht eher die Schnur, bevor du die Perlen hast. (<hi rendition="#i">Altmann VI, 484.</hi>)</p><lb/>
          <p rendition="#et"> <hi rendition="#larger">*7 Aus der Schnur schreiten.</hi> </p><lb/>
          <p rendition="#et"> <hi rendition="#larger">*8 Das geht über die Schnur.</hi> </p><lb/>
          <p rendition="#et2"><hi rendition="#i">Holl.</hi>: Buiten (uit, boven, over) de kerf gaan. (<hi rendition="#i">Harrebomée, I, 392<hi rendition="#sup">b</hi>.</hi>)</p><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">*9 Das ist ausser der Schnur.</hi> &#x2013; <hi rendition="#i">Eiselein, 554.</hi></p><lb/>
          <p rendition="#et2"><hi rendition="#i">Lat.</hi>: Currunt extra viam. &#x2013; Frustra currit. (<hi rendition="#i">Eiselein, 554.</hi>)</p><lb/>
          <p rendition="#et"> <hi rendition="#larger">*10 Die rothe (oder: seidene) Schnur tragen.</hi> </p><lb/>
          <p rendition="#et">In Oesterreich war es früher Sitte, dass Verbrecher des Hochverraths, der Feldflüchtigkeit, der feigen <cb n="310"/>
Uebergabe anvertrauter Festungen u. s. w. aus Milderungsgründen und unter der Bedingung die Gnade des Lebens und einer schmachvollen Freiheit erhielten, dass sie am Halse oder Knopfloch öffentlich die &#x201E;rothe Schnur&#x201C;, die &#x201E;seidene Schnur&#x201C;, oder auch den Hut des &#x201E;Hasenpaniers&#x201C; trugen. (Vgl. <hi rendition="#i">Hormayr, 1839, 448.</hi>)</p><lb/>
          <p rendition="#et"> <hi rendition="#larger">*11 Die Schnur an den Stein legen.</hi> </p><lb/>
          <p rendition="#et">Wer alle Sorgfalt anwendet, dass alles im Staate, wie im Hauswesen wohl geführet werde. Von den Bauleuten entlehnt, die ihrem Augenmasse nicht trauen, sondern die Ebenheit der Steine nach dem Richtmasse erforschen.</p><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">*12 Die Schnur zu fest packen.</hi> &#x2013; <hi rendition="#i">Eiselein, 554.</hi></p><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">*13 Einen in die Schnur nehmen.</hi> &#x2013; <hi rendition="#i">Wurzbach II, 316.</hi></p><lb/>
          <p rendition="#et">Diese Redensart kommt von dem Handwerksgebrauch der Maurer her, nach welchem sie denjenigen, der über ihre Messschnur tritt, für strafbar erklären, ihn mit dieser Schnur umfangen und zu einem Lösegeld anhalten. (S.  Schnüren.)</p><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">*14 Er hat vber die Schnur gehawen.</hi> (S.  Oberstübchen.) &#x2013; <hi rendition="#i">Eyering, II, 294; Sailer, 77; Masson, 376.</hi></p><lb/>
          <p rendition="#et"> <hi rendition="#larger">*15 Es geht bei ihm alles an der Schnur.</hi> </p><lb/>
          <p rendition="#et"> <hi rendition="#larger">*16 Es geht wie an der Schnur.</hi> </p><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">*17 In die Schnur greifen.</hi> &#x2013; <hi rendition="#i">Eiselein, 554.</hi></p><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">*18 Mit verlorener Schnur messen.</hi> &#x2013; <hi rendition="#i">Eiselein, 554.</hi></p><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">*19 Nach der Schnur leben.</hi> &#x2013; <hi rendition="#i">Braun, I, 3952; Wurzbach II, 318.</hi></p><lb/>
          <p rendition="#et">Sehr regelmässig leben, alles ordentlich thun.</p><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">*20 Oan nit aus'n Schnür'n lassen.</hi> (<hi rendition="#i">Innsbruck.</hi>) &#x2013; <hi rendition="#i">Frommann, VI, 37, 74.</hi></p><lb/>
          <p rendition="#et">Jemand aufmerksam beobachten.</p><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">*21 Oever de Snôr hauen.</hi> (<hi rendition="#i">Holst.</hi>) &#x2013; <hi rendition="#i">Schütze, IV, 146.</hi></p><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">*22 Vber die schnur hawen.</hi> &#x2013; <hi rendition="#i">Tappius, 150<hi rendition="#sup">b</hi>; Hauer, K<hi rendition="#sup">2</hi>; Grimmelshausen, Springinsfeld; Eyering, III, 342; Petri, II, 532; Schottel, 1120<hi rendition="#sup">a</hi>; Mathesy, 50<hi rendition="#sup">b</hi>; Körte, 5385<hi rendition="#sup">a</hi>; Wurzbach II, 318; Frischbier<hi rendition="#sup">2</hi>, 3384; Hennig, 242; Braun, I, 3950;</hi> für Franken: <hi rendition="#i">Frommann, VI, 323, 344.</hi></p><lb/>
          <p rendition="#et">In Schwaben: Ueber d' Schnur haua. (<hi rendition="#i">Nefflen, 467; Sutermeister, 931; Michel, 278.</hi>) Ueber die Schnur hauen, das rechte Mass überschreiten. Von der durch Röthel bezeichneten Richtschnur der Zimmerleute. Zur Bezeichnung für das Hinausgehen über das rechte Mass ist unsere Sprache wieder reich an Redensarten. Man sagt: Er ist über das Böglein getreten. Er hat den Esel übergürtet. Er hat die Armbrust überspannt. Er hat das Liéd zu hoch angefangen. &#x201E;Gott werds gewiss nicht vngestrafft lassen, wo sie vber die Schnur hawen.&#x201C; (<hi rendition="#i">Fischart in Kloster, VIII, 374.</hi>) <hi rendition="#i">Franck (II, 98<hi rendition="#sup">b</hi>)</hi> gebraucht sie für das lateinische Ultra septa transilire und fügt, um die Ueberschreitung von Grenze und Mass auszudrücken, noch als verwandt bei: Zu vil thun. Vber das Böglein tretten. Den Esel übergürten. Das Liedlein zu hoch anfahen. Das armbrust vberspannen. Er hat jm zu vil thon. Einer Noten zu hoch singen. Man gebraucht dafür auch die lateinische Redensart: Extra chorum saltare. (<hi rendition="#i">Binder I, 484; II, 1047; Erasm., 48.</hi>)</p><lb/>
          <p rendition="#et2"><hi rendition="#i">Frz.</hi>: Aller terre à terre. (<hi rendition="#i">Kritzinger, 676<hi rendition="#sup">b</hi>.</hi>) &#x2013; Passer les bornes. &#x2013; Peter plus haut que la cû. &#x2013; Sortir de sa sphère. (<hi rendition="#i">Kritzinger, 79<hi rendition="#sup">a</hi>, 528<hi rendition="#sup">b</hi> u. 660<hi rendition="#sup">b</hi>.</hi>)</p><lb/>
          <p rendition="#et2"><hi rendition="#i">Lat.</hi>: Extra chorum saltare. (<hi rendition="#i">Hanzely, 29; Sutor, 295; Philippi, I, 146; Seybold, 165.</hi>) &#x2013; Toto coelo aberras. (<hi rendition="#i">Chaos, 1081.</hi>) &#x2013; Ultra septa transilire. (<hi rendition="#i">Binder II, 3396; Erasm., 48; Philippi, II, 231; Seybold, 647; Lang, 288.</hi>)</p><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">*23 Von der Schnur zehren.</hi> &#x2013; <hi rendition="#i">Schottel, 1112<hi rendition="#sup">a</hi>; Eiselein, 554; Körte, 5385; Meinau, 32; Wurzbach II, 317.</hi></p><lb/>
          <p rendition="#et">Von dem bereits Erworbenen leben, ohne es durch neuen Erwerb zu mehren. Den letzten Vorrath, Nothpfennig angreifen. Wahrscheinlich von der alten Sitte, goldene und andere Schaumünzen an einer Schnur als Putz anzuhängen und in der Noth dann eine nach der andern zu verkaufen. &#x201E;Von der Schnur zehren vnd immerdar nur kauffen vnd nimmer nichts verkauffen.&#x201C; (<hi rendition="#i">Mathesy, 354<hi rendition="#sup">b</hi>.</hi>) Eine witzige Anwendung findet die Redensart in folgendem älterlichen Rath: &#x201E;O, Söhnchen, dem wir alles Gut gegeben, thu' eine reiche Heirath nur, dann haben wir zu leben und zehren von der &#x2013; Schnur.&#x201C; (<hi rendition="#i">Witzfunken, II<hi rendition="#sup">b</hi>, 136.</hi>)</p><lb/>
          <p rendition="#et2"><hi rendition="#i">Lat.</hi>: Sensim consumere parta. (<hi rendition="#i">Eiselein, 554.</hi>)</p><lb/>
        </div>
        <div type="lexiconEntry" n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Schnürbrust.</hi> </head><lb/>
          <p rendition="#et"> <hi rendition="#larger">1 Gefüllte Schnürbrust ist ein gut Gericht, sagen die Pfaffen.</hi> </p><lb/>
          <p rendition="#et"> <hi rendition="#larger">2 Schnürbrust und Perrük' haben bei Gesunden kein Glück.</hi> </p><lb/>
          <p rendition="#et">&#x201E;Beschränkte Richter und Advocaten widersetzen sich der Oeffentlichkeit unserer Rechtspflege und vertheidigen die geheime Anwendung der Gesetze, wie schiefe Frauen die Partei der Schnürbrüste und Kahlköpfe die der Perrüken nehmen.&#x201C; (<hi rendition="#i">Welt und Zeit, V, 319, 54.</hi>)</p><lb/>
        </div>
        <div type="lexiconEntry" n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Schnürchen.</hi> </head><lb/>
          <p rendition="#et"><hi rendition="#larger">*1 Er hat's am Schnürchen.</hi> &#x2013; <hi rendition="#i">Braun, I, 3951; Wurzbach II, 316.</hi></p><lb/>
          <p rendition="#et2"><hi rendition="#i">Frz.</hi>: Cela ne s'enfile pas comme des perles. (<hi rendition="#i">Seybold, 663.</hi>)</p><lb/>
          <p rendition="#et"> <hi rendition="#larger">
</hi> </p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[155]/0161] *12 Ich will den Schnuppen haben. – Luther's Werke, V, 303. Ich will nichts wissen davon, keine Kenntniss davon nehmen. Schnupfen (Verb.). 1 Jeder schnupft, und niemand sagt, es stinkt. In der grossen eleganten, wie politischen Welt sieht man oft dieselbe sich zuweilen in Gesellschaften kundgebende Erscheinung. *2 Bei mir hast du geschnuppt. – Klix, 80. *3 Es schnupft ihm in die Nase. Er wird darüber stutzig, betreten. *4 'S wird nex g'schnupft. (Ulm.) Schnupfer. Gute Schnupfer niesen nicht. Schnupftaback. * I hätt koin Pries' Schnupftaback für sein Leaba gea. (Ulm.) Schnupftuch. *1 Dem muss man kein Schnupftuch mit brabanter Kanten geben. So sagen die Belgier von einem Grobian. *2 Er kennt den Gebrauch des Schnupftuchs nicht. Die Gewohnheit, Schnupftücher zu führen, ist gar nicht so alt und kam aus einem Lande, das unsere Reisenden gerade nicht als Muster der Reinlichkeit darstellen, aus Italien. Sogar Kaiser Friedrich II. befahl dem Wirthschaftsverwalter auf einem seiner Güter in Sicilien, den Mägden und Kindern daselbst duos faccelos de panno linneo zu geben, womit eben leinene Taschentücher bezeichnet werden. Bis zum 16. Jahrhundert brauchten die Deutschen kein anderes Wort als das von den Italienern abgelernte „Fatzolin, Fatzeunlein, Facele“, das sich auch, wenn nur etwas verändert, in einigen Gegenden Baierns und Oesterreichs erhalten hat. Doch war zu jener Zeit der Gebrauch der Schnupftücher bei weitem nicht allgemein. Gegen diese „widrige Unsauberkeit“ erhob sich Erasmus von Rotterdam in seiner Anleitung zur Wohlanständigkeit, die er einem burgundischen Prinzen zueignete. Gleichbedeutende Wörter in Schriften des 16. Jahrhunderts sind: Schnaubtuch und Schnaubtüchlein. In der Schweiz hört man hier und da „Nasenlumpen“. Auch bei den Franzosen scheint dies Reinlichkeitsmittel erst später allgemein geworden zu sein. (S. Anno 1.) Schnuppe. *1 Die Schnuppe einziehen. Nicht weiter sprechen. In Kunst über alle Künste sagt die böse Katharina zu einem Bewerber: ... „Und kannstu Mausebart nur die Schnuppe einziehen, sonst wird es gewaltig Dreck regnen.“ (Köhler, 12.) Schnuppe, bei Schmeller, III, 492 Schnaupe, für Schnabel, Schnauze, verächtlich Mund. Simplic., II, 920 heisst es: „Ich steckte die Schnauppen unter die Decke und behielt nichts haussen als die Augen.“ *2 Es ist ihm alles Schnuppe. (Köthen.) „Mir ganz Schnuppe.“ (Trachsel, 52.) *3 Etwas auf die Schnuppe kriegen. „Es is mer ganz fatal, dass dem Monne a su hiegiehn soal; a hätte miega nuthwendig was uf de Schnuppe kriega.“ (Schles. Provinzialbl., 1871, S. 67.) Schnur. 1 Die von der schnur zehren, müssen das Gelage bezahlen. – Henisch, 364, 20; Petri, II, 147. 2 Eine dreifältige Schnur reisst nicht leicht entzwei. – Graf, 202, 144; Petri, II, 174. Mit Bezug auf Erbfolge. (S. Nähen.) Dän.: En tree-dobbelt snoor drages ei letteligen sonder. (Prov. dan., 516.) 3 Man muss die Schnur nicht zu weit richten. – Simrock, 9159a. 4 Man muss nicht über die Schnur hauen (schlagen). – Meinau, 58. Man muss in keiner Sache zu weit gehen. Von den Zimmerleuten entlehnt, die, wenn sie ein Stück Holz behauen wollen, die Linie mit einer geschwärzten oder gerötheten Schnur bezeichnen. Es ist ein Fehler, wenn sie über diese Schnur ins Holz hineinhauen. 5 Nicht alles kan zur schnur gebracht werden. – Schottel, 1118a. 6 Was soll die Schnur, wenn man keine Perlen hat. Die Russen; Kaufe nicht eher die Schnur, bevor du die Perlen hast. (Altmann VI, 484.) *7 Aus der Schnur schreiten. *8 Das geht über die Schnur. Holl.: Buiten (uit, boven, over) de kerf gaan. (Harrebomée, I, 392b.) *9 Das ist ausser der Schnur. – Eiselein, 554. Lat.: Currunt extra viam. – Frustra currit. (Eiselein, 554.) *10 Die rothe (oder: seidene) Schnur tragen. In Oesterreich war es früher Sitte, dass Verbrecher des Hochverraths, der Feldflüchtigkeit, der feigen Uebergabe anvertrauter Festungen u. s. w. aus Milderungsgründen und unter der Bedingung die Gnade des Lebens und einer schmachvollen Freiheit erhielten, dass sie am Halse oder Knopfloch öffentlich die „rothe Schnur“, die „seidene Schnur“, oder auch den Hut des „Hasenpaniers“ trugen. (Vgl. Hormayr, 1839, 448.) *11 Die Schnur an den Stein legen. Wer alle Sorgfalt anwendet, dass alles im Staate, wie im Hauswesen wohl geführet werde. Von den Bauleuten entlehnt, die ihrem Augenmasse nicht trauen, sondern die Ebenheit der Steine nach dem Richtmasse erforschen. *12 Die Schnur zu fest packen. – Eiselein, 554. *13 Einen in die Schnur nehmen. – Wurzbach II, 316. Diese Redensart kommt von dem Handwerksgebrauch der Maurer her, nach welchem sie denjenigen, der über ihre Messschnur tritt, für strafbar erklären, ihn mit dieser Schnur umfangen und zu einem Lösegeld anhalten. (S. Schnüren.) *14 Er hat vber die Schnur gehawen. (S. Oberstübchen.) – Eyering, II, 294; Sailer, 77; Masson, 376. *15 Es geht bei ihm alles an der Schnur. *16 Es geht wie an der Schnur. *17 In die Schnur greifen. – Eiselein, 554. *18 Mit verlorener Schnur messen. – Eiselein, 554. *19 Nach der Schnur leben. – Braun, I, 3952; Wurzbach II, 318. Sehr regelmässig leben, alles ordentlich thun. *20 Oan nit aus'n Schnür'n lassen. (Innsbruck.) – Frommann, VI, 37, 74. Jemand aufmerksam beobachten. *21 Oever de Snôr hauen. (Holst.) – Schütze, IV, 146. *22 Vber die schnur hawen. – Tappius, 150b; Hauer, K2; Grimmelshausen, Springinsfeld; Eyering, III, 342; Petri, II, 532; Schottel, 1120a; Mathesy, 50b; Körte, 5385a; Wurzbach II, 318; Frischbier2, 3384; Hennig, 242; Braun, I, 3950; für Franken: Frommann, VI, 323, 344. In Schwaben: Ueber d' Schnur haua. (Nefflen, 467; Sutermeister, 931; Michel, 278.) Ueber die Schnur hauen, das rechte Mass überschreiten. Von der durch Röthel bezeichneten Richtschnur der Zimmerleute. Zur Bezeichnung für das Hinausgehen über das rechte Mass ist unsere Sprache wieder reich an Redensarten. Man sagt: Er ist über das Böglein getreten. Er hat den Esel übergürtet. Er hat die Armbrust überspannt. Er hat das Liéd zu hoch angefangen. „Gott werds gewiss nicht vngestrafft lassen, wo sie vber die Schnur hawen.“ (Fischart in Kloster, VIII, 374.) Franck (II, 98b) gebraucht sie für das lateinische Ultra septa transilire und fügt, um die Ueberschreitung von Grenze und Mass auszudrücken, noch als verwandt bei: Zu vil thun. Vber das Böglein tretten. Den Esel übergürten. Das Liedlein zu hoch anfahen. Das armbrust vberspannen. Er hat jm zu vil thon. Einer Noten zu hoch singen. Man gebraucht dafür auch die lateinische Redensart: Extra chorum saltare. (Binder I, 484; II, 1047; Erasm., 48.) Frz.: Aller terre à terre. (Kritzinger, 676b.) – Passer les bornes. – Peter plus haut que la cû. – Sortir de sa sphère. (Kritzinger, 79a, 528b u. 660b.) Lat.: Extra chorum saltare. (Hanzely, 29; Sutor, 295; Philippi, I, 146; Seybold, 165.) – Toto coelo aberras. (Chaos, 1081.) – Ultra septa transilire. (Binder II, 3396; Erasm., 48; Philippi, II, 231; Seybold, 647; Lang, 288.) *23 Von der Schnur zehren. – Schottel, 1112a; Eiselein, 554; Körte, 5385; Meinau, 32; Wurzbach II, 317. Von dem bereits Erworbenen leben, ohne es durch neuen Erwerb zu mehren. Den letzten Vorrath, Nothpfennig angreifen. Wahrscheinlich von der alten Sitte, goldene und andere Schaumünzen an einer Schnur als Putz anzuhängen und in der Noth dann eine nach der andern zu verkaufen. „Von der Schnur zehren vnd immerdar nur kauffen vnd nimmer nichts verkauffen.“ (Mathesy, 354b.) Eine witzige Anwendung findet die Redensart in folgendem älterlichen Rath: „O, Söhnchen, dem wir alles Gut gegeben, thu' eine reiche Heirath nur, dann haben wir zu leben und zehren von der – Schnur.“ (Witzfunken, IIb, 136.) Lat.: Sensim consumere parta. (Eiselein, 554.) Schnürbrust. 1 Gefüllte Schnürbrust ist ein gut Gericht, sagen die Pfaffen. 2 Schnürbrust und Perrük' haben bei Gesunden kein Glück. „Beschränkte Richter und Advocaten widersetzen sich der Oeffentlichkeit unserer Rechtspflege und vertheidigen die geheime Anwendung der Gesetze, wie schiefe Frauen die Partei der Schnürbrüste und Kahlköpfe die der Perrüken nehmen.“ (Welt und Zeit, V, 319, 54.) Schnürchen. *1 Er hat's am Schnürchen. – Braun, I, 3951; Wurzbach II, 316. Frz.: Cela ne s'enfile pas comme des perles. (Seybold, 663.)

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

zeno.org – Contumax GmbH & Co. KG: Bereitstellung der Texttranskription. (2020-09-18T08:39:19Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Andreas Nolda: Bearbeitung der digitalen Edition. (2020-09-18T08:39:19Z)

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: nicht übernommen; Druckfehler: keine Angabe; fremdsprachliches Material: keine Angabe; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): gekennzeichnet; Hervorhebungen I/J in Fraktur: keine Angabe; i/j in Fraktur: keine Angabe; Kolumnentitel: nicht übernommen; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): keine Angabe; Normalisierungen: keine Angabe; rundes r (ꝛ): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: keine Angabe; Vollständigkeit: keine Angabe; Zeichensetzung: keine Angabe; Zeilenumbrüche markiert: nein

Verzeichnisse im Vorspann wurden nicht transkribiert. Errata aus den Berichtigungen im Nachspann wurden stillschweigend integriert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/wander_sprichwoerterlexikon04_1876
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/wander_sprichwoerterlexikon04_1876/161
Zitationshilfe: Wander, Karl Friedrich Wilhelm (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Bd. 4. Leipzig, 1876, S. [155]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wander_sprichwoerterlexikon04_1876/161>, abgerufen am 25.10.2020.