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Wedekind, Frank: Frühlings Erwachen. Zürich, 1891.

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Dritte Scene.
Herr und Frau Gabor.
Frau Gabor. ... Man hatte einen Sündenbock nöthig.
Man durfte die überall lautwerdenden Anschuldigungen nicht auf
sich beruhen lassen. Und nun hat mein Kind das Unglück gehabt,
den Zöpfen im richtigen Moment in den Schuß zu laufen, nun
soll ich, die eigene Mutter, das Werk seiner Henker vollenden
helfen? -- Bewahre mich Gott davor!
Herr Gabor. -- Ich habe deine geistvolle Erziehungs-
methode vierzehn Jahre schweigend mitangeseh'n. Sie widersprach
meinen Begriffen. Ich hatte von jeher der Ueberzeugung gelebt,
ein Kind sei kein Spielzeug; ein Kind habe Anspruch auf unsern
heiligsten Ernst. Aber ich sagte mir, wenn der Geist und die
Grazie des Einen die ernsten Grundsätze eines Andern zu ersetzen
im Stande sind, so mögen sie den ernsten Grundsätzen vorzu-
ziehen sein. -- -- Ich mache dir keinen Vorwurf, Fanny. Aber
vertritt mir den Weg nicht, wenn ich dein und mein Unrecht an
dem Jungen gutzumachen suche!
Frau Gabor. Ich vertrete dir den Weg so lange ein
Tropfen warmen Blutes in mir wallt! In der Corrections-
anstalt ist mein Kind verloren. Eine Verbrechernatur mag sich
in solchen Instituten bessern lassen. Ich weiß es nicht. Ein
gutgearteter Mensch wird so gewiß zum Verbrecher darin, wie
die Pflanze verkommt, der du Luft und Sonne entziehst. Ich
bin mir keines Unrechtes bewußt. Ich danke heute wie immer
dem Himmel, daß er mir den Weg gezeigt, in meinem Kinde
einen rechtlichen Charakter und eine edle Denkungsweise zu wecken.
Was hat er denn so Schreckliches gethan? Es soll mir nicht
einfallen, ihn entschuldigen zu wollen -- daran, daß man ihn
aus der Schule gejagt, trägt er keine Schuld! Und wär' es sein
Verschulden, so hat er es ja gebüßt. Du magst das alles besser
Dritte Scene.
Herr und Frau Gabor.
Frau Gabor. … Man hatte einen Sündenbock nöthig.
Man durfte die überall lautwerdenden Anſchuldigungen nicht auf
ſich beruhen laſſen. Und nun hat mein Kind das Unglück gehabt,
den Zöpfen im richtigen Moment in den Schuß zu laufen, nun
ſoll ich, die eigene Mutter, das Werk ſeiner Henker vollenden
helfen? — Bewahre mich Gott davor!
Herr Gabor. — Ich habe deine geiſtvolle Erziehungs-
methode vierzehn Jahre ſchweigend mitangeſeh'n. Sie widerſprach
meinen Begriffen. Ich hatte von jeher der Ueberzeugung gelebt,
ein Kind ſei kein Spielzeug; ein Kind habe Anſpruch auf unſern
heiligſten Ernſt. Aber ich ſagte mir, wenn der Geiſt und die
Grazie des Einen die ernſten Grundſätze eines Andern zu erſetzen
im Stande ſind, ſo mögen ſie den ernſten Grundſätzen vorzu-
ziehen ſein. — — Ich mache dir keinen Vorwurf, Fanny. Aber
vertritt mir den Weg nicht, wenn ich dein und mein Unrecht an
dem Jungen gutzumachen ſuche!
Frau Gabor. Ich vertrete dir den Weg ſo lange ein
Tropfen warmen Blutes in mir wallt! In der Corrections-
anſtalt iſt mein Kind verloren. Eine Verbrechernatur mag ſich
in ſolchen Inſtituten beſſern laſſen. Ich weiß es nicht. Ein
gutgearteter Menſch wird ſo gewiß zum Verbrecher darin, wie
die Pflanze verkommt, der du Luft und Sonne entziehſt. Ich
bin mir keines Unrechtes bewußt. Ich danke heute wie immer
dem Himmel, daß er mir den Weg gezeigt, in meinem Kinde
einen rechtlichen Charakter und eine edle Denkungsweiſe zu wecken.
Was hat er denn ſo Schreckliches gethan? Es ſoll mir nicht
einfallen, ihn entſchuldigen zu wollen — daran, daß man ihn
aus der Schule gejagt, trägt er keine Schuld! Und wär' es ſein
Verſchulden, ſo hat er es ja gebüßt. Du magſt das alles beſſer
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[62/0078] Dritte Scene. Herr und Frau Gabor. Frau Gabor. … Man hatte einen Sündenbock nöthig. Man durfte die überall lautwerdenden Anſchuldigungen nicht auf ſich beruhen laſſen. Und nun hat mein Kind das Unglück gehabt, den Zöpfen im richtigen Moment in den Schuß zu laufen, nun ſoll ich, die eigene Mutter, das Werk ſeiner Henker vollenden helfen? — Bewahre mich Gott davor! Herr Gabor. — Ich habe deine geiſtvolle Erziehungs- methode vierzehn Jahre ſchweigend mitangeſeh'n. Sie widerſprach meinen Begriffen. Ich hatte von jeher der Ueberzeugung gelebt, ein Kind ſei kein Spielzeug; ein Kind habe Anſpruch auf unſern heiligſten Ernſt. Aber ich ſagte mir, wenn der Geiſt und die Grazie des Einen die ernſten Grundſätze eines Andern zu erſetzen im Stande ſind, ſo mögen ſie den ernſten Grundſätzen vorzu- ziehen ſein. — — Ich mache dir keinen Vorwurf, Fanny. Aber vertritt mir den Weg nicht, wenn ich dein und mein Unrecht an dem Jungen gutzumachen ſuche! Frau Gabor. Ich vertrete dir den Weg ſo lange ein Tropfen warmen Blutes in mir wallt! In der Corrections- anſtalt iſt mein Kind verloren. Eine Verbrechernatur mag ſich in ſolchen Inſtituten beſſern laſſen. Ich weiß es nicht. Ein gutgearteter Menſch wird ſo gewiß zum Verbrecher darin, wie die Pflanze verkommt, der du Luft und Sonne entziehſt. Ich bin mir keines Unrechtes bewußt. Ich danke heute wie immer dem Himmel, daß er mir den Weg gezeigt, in meinem Kinde einen rechtlichen Charakter und eine edle Denkungsweiſe zu wecken. Was hat er denn ſo Schreckliches gethan? Es ſoll mir nicht einfallen, ihn entſchuldigen zu wollen — daran, daß man ihn aus der Schule gejagt, trägt er keine Schuld! Und wär' es ſein Verſchulden, ſo hat er es ja gebüßt. Du magſt das alles beſſer

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Zitationshilfe: Wedekind, Frank: Frühlings Erwachen. Zürich, 1891, S. 62. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wedekind_erwachen_1891/78>, abgerufen am 19.04.2019.