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Weise, Christian: Die drey ärgsten Ertz-Narren. 2. Aufl. 1672.

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CAP. IX.

DEn andern Morgen gieng Gelanor in
seiner Stuben hin und wieder/ und weil
ein Schubkästgen unten am Tische war/ trieb
ihn seine Curiosität zu sehen/ was drinnen
wäre. Nun waren allerhand Rechnungen
und andere Acta drinnen verwahret/ an wel-
chen man schlechte Ergetzligkeit haben kunte/
daß auch Gelanor den Kasten wieder hinein
schieben wolte. Allein Florindo ward eins
Seitenkästgens gewahr/ und als er solches
öffnete/ lagen etliche Brieffe mit Bändergen
und bunter Seide bewunden/ daß man leicht
schliessen mochte/ es würden Liebes Brieffe
seyn. Sie waren auch in solcher Meinung
nicht betrogen/ denn also lauteten die hertz-
brechende Complimentir-Schreiben:

Der erste Brieff.
Mein Herr etc.

SEin Schreiben habe ich wohl gelesen; er
sehe/ daß er auß seiner überflüßigen Höf-
lichkeit mir solche Sachen zuschreibet/ deren
ich mich nicht anmassen darff: Doch nehme
ich alles an/ nicht anders/ als eine günstige
Erinnerung/ wie nehmlich dieselbe solle be-

schaffen
CAP. IX.

DEn andern Morgen gieng Gelanor in
ſeiner Stuben hin und wieder/ und weil
ein Schubkaͤſtgen unten am Tiſche war/ trieb
ihn ſeine Curioſitaͤt zu ſehen/ was drinnen
waͤre. Nun waren allerhand Rechnungen
und andere Acta drinnen verwahret/ an wel-
chen man ſchlechte Ergetzligkeit haben kunte/
daß auch Gelanor den Kaſten wieder hinein
ſchieben wolte. Allein Florindo ward eins
Seitenkaͤſtgens gewahr/ und als er ſolches
oͤffnete/ lagen etliche Brieffe mit Baͤndergen
und bunter Seide bewunden/ daß man leicht
ſchlieſſen mochte/ es wuͤrden Liebes Brieffe
ſeyn. Sie waren auch in ſolcher Meinung
nicht betrogen/ denn alſo lauteten die hertz-
brechende Complimentir-Schreiben:

Der erſte Brieff.
Mein Herr ꝛc.

SEin Schreiben habe ich wohl geleſen; er
ſehe/ daß er auß ſeiner uͤberfluͤßigen Hoͤf-
lichkeit mir ſolche Sachen zuſchreibet/ deren
ich mich nicht anmaſſen darff: Doch nehme
ich alles an/ nicht anders/ als eine guͤnſtige
Erinnerung/ wie nehmlich dieſelbe ſolle be-

ſchaffen
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[95/0101] CAP. IX. DEn andern Morgen gieng Gelanor in ſeiner Stuben hin und wieder/ und weil ein Schubkaͤſtgen unten am Tiſche war/ trieb ihn ſeine Curioſitaͤt zu ſehen/ was drinnen waͤre. Nun waren allerhand Rechnungen und andere Acta drinnen verwahret/ an wel- chen man ſchlechte Ergetzligkeit haben kunte/ daß auch Gelanor den Kaſten wieder hinein ſchieben wolte. Allein Florindo ward eins Seitenkaͤſtgens gewahr/ und als er ſolches oͤffnete/ lagen etliche Brieffe mit Baͤndergen und bunter Seide bewunden/ daß man leicht ſchlieſſen mochte/ es wuͤrden Liebes Brieffe ſeyn. Sie waren auch in ſolcher Meinung nicht betrogen/ denn alſo lauteten die hertz- brechende Complimentir-Schreiben: Der erſte Brieff. Mein Herr ꝛc. SEin Schreiben habe ich wohl geleſen; er ſehe/ daß er auß ſeiner uͤberfluͤßigen Hoͤf- lichkeit mir ſolche Sachen zuſchreibet/ deren ich mich nicht anmaſſen darff: Doch nehme ich alles an/ nicht anders/ als eine guͤnſtige Erinnerung/ wie nehmlich dieſelbe ſolle be- ſchaffen

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Zitationshilfe: Weise, Christian: Die drey ärgsten Ertz-Narren. 2. Aufl. 1672. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/weise_ertznarren_1672/101>, S. 95, abgerufen am 20.11.2017.