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Weise, Christian: Die drey ärgsten Ertz-Narren. 2. Aufl. 1672.

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auch es käme zu weilen ein ungewöhnlich
Wort in diesem und jenem Autore vor/ so ist
doch bekant/ daß sich die Gelehrtesten Leute
bey so raren Exempeln des Lexici als eines
Trösters bedienen. Endlich/ daß man meynt/
es würde ein praegustus omnium disciplina-
rum
hier durch beygebracht/ das ist Eitelkeit.
Denn die Knaben haben lange das Judicium
nicht/ solche Sache zu penetriren. Und folgt
nicht/ der Herr Praeceptor von 40. Jahren
versteht es/ ergo kan es ein kleiner Bachant
von 9. Jahren alsobald auf dem Butterbrot
in den Bauch einfressen. Es wäre zu wün-
schen/ daß ein Künstler auffträte/ und mit kur-
tzen Sprüchen auf die Regulas Grammati-
cas
zielte/ damit solche per exempla eingebil-
det würden/ hätte man hernach das exerciti-
um,
so würden sich die Vocabula wohl geben.
Nun aber wird es umbgekehrt/ die Gram.
matica
soll sich ex usu geben. Ja sie giebt sich/
daß man niemahls weniger Latein gekunt hat/
als seit der übersichtige Autor Orbis picti mit
seinen vielfältigen Büchern auffkommen/ der
alles/ was er zu Hause theoretice vor gut be-
funden/ nescio quo fatierrore, den Schulen
zu practiciren auffgetrungen hat. Und ist
zu beklagen/ daß niemand klüger wird/ ob

gleich


auch es kaͤme zu weilen ein ungewoͤhnlich
Wort in dieſem und jenem Autore vor/ ſo iſt
doch bekant/ daß ſich die Gelehrteſten Leute
bey ſo raren Exempeln des Lexici als eines
Troͤſters bedienen. Endlich/ daß man meynt/
es wuͤrde ein præguſtus omnium diſciplina-
rum
hier durch beygebracht/ das iſt Eitelkeit.
Denn die Knaben haben lange das Judicium
nicht/ ſolche Sache zu penetriren. Und folgt
nicht/ der Herr Præceptor von 40. Jahren
verſteht es/ ergò kan es ein kleiner Bachant
von 9. Jahren alſobald auf dem Butterbrot
in den Bauch einfreſſen. Es waͤre zu wuͤn-
ſchen/ daß ein Kuͤnſtler aufftraͤte/ und mit kur-
tzen Spruͤchen auf die Regulas Grammati-
cas
zielte/ damit ſolche per exempla eingebil-
det wuͤrden/ haͤtte man hernach das exerciti-
um,
ſo wuͤrden ſich die Vocabula wohl geben.
Nun aber wird es umbgekehrt/ die Gram.
matica
ſoll ſich ex uſu geben. Ja ſie giebt ſich/
daß man niemahls weniger Latein gekunt hat/
als ſeit der uͤberſichtige Autor Orbis picti mit
ſeinen vielfaͤltigen Buͤchern auffkommen/ der
alles/ was er zu Hauſe theoreticè vor gut be-
funden/ neſcio quo fatierrore, den Schulen
zu practiciren auffgetrungen hat. Und iſt
zu beklagen/ daß niemand kluͤger wird/ ob

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[146/0152] auch es kaͤme zu weilen ein ungewoͤhnlich Wort in dieſem und jenem Autore vor/ ſo iſt doch bekant/ daß ſich die Gelehrteſten Leute bey ſo raren Exempeln des Lexici als eines Troͤſters bedienen. Endlich/ daß man meynt/ es wuͤrde ein præguſtus omnium diſciplina- rum hier durch beygebracht/ das iſt Eitelkeit. Denn die Knaben haben lange das Judicium nicht/ ſolche Sache zu penetriren. Und folgt nicht/ der Herr Præceptor von 40. Jahren verſteht es/ ergò kan es ein kleiner Bachant von 9. Jahren alſobald auf dem Butterbrot in den Bauch einfreſſen. Es waͤre zu wuͤn- ſchen/ daß ein Kuͤnſtler aufftraͤte/ und mit kur- tzen Spruͤchen auf die Regulas Grammati- cas zielte/ damit ſolche per exempla eingebil- det wuͤrden/ haͤtte man hernach das exerciti- um, ſo wuͤrden ſich die Vocabula wohl geben. Nun aber wird es umbgekehrt/ die Gram. matica ſoll ſich ex uſu geben. Ja ſie giebt ſich/ daß man niemahls weniger Latein gekunt hat/ als ſeit der uͤberſichtige Autor Orbis picti mit ſeinen vielfaͤltigen Buͤchern auffkommen/ der alles/ was er zu Hauſe theoreticè vor gut be- funden/ neſcio quo fatierrore, den Schulen zu practiciren auffgetrungen hat. Und iſt zu beklagen/ daß niemand kluͤger wird/ ob gleich

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Zitationshilfe: Weise, Christian: Die drey ärgsten Ertz-Narren. 2. Aufl. 1672, S. 146. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/weise_ertznarren_1672/152>, abgerufen am 26.04.2019.