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Weise, Christian: Die drey ärgsten Ertz-Narren. 2. Aufl. 1672.

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sagte er/ soll ich nicht über mein Unglück Thrä-
nen vergiessen? Da wollen alle Leute an mir
die Schuh wischen/ O wer sich nur solte ein
Leid anthun! gedenckt nur wie mirs geht! da
ist meine Frau in die Wochen kommen/ und
hat einen jungen Sohn bracht. Nun soll
ich ja vor allen Dingen drauf dencken/ wie ich
des jungen Heydens los werde/ und einen neu-
en Christen davor kriege. Aber ihr Herr[en]/
ihr wist es selber/ das Werck läst sich nit thun/
ich muß ehrliche Leute zu Gevattern haben.
Gleichwohl geht mirs so närrisch/ daß ich
flugs möchte davon lauffen. Da ist ein Kerle/
dem hab ich in diesem Gasthoffe wohl sechs-
tausend Gläser Bier eingeschenckt/ den wolt
ich bey diesem Ehrenwercke gerne haben/ we-
gen der alten Bekandschafft. Aber er/ at
mir den Gevatterbrieff zurück geschickt au[ß]
Ursachen/ weil ich ihn nicht Edler/ Wohl-Eh-
renvester titulirt. Eurylas/ fragte weiter/
wer es denn wäre/ ob es ein vornehmer Mann
sey/ der den Titel verdienet habe? der Knecht
gab zur Antwort/ er wisse nicht wie hoch einer
vor dem andren geschoren sey; doch sagten alle
Leute/ der Kerle sey im Kriege bey einem O-
bersten ein Bißgen vornehmer als ein Schuh-
putzer gewesen; so habe der Herr Rector (also

ward
H ij


ſagte er/ ſoll ich nicht uͤber mein Ungluͤck Thraͤ-
nen vergieſſen? Da wollen alle Leute an mir
die Schuh wiſchen/ O wer ſich nur ſolte ein
Leid anthun! gedenckt nur wie mirs geht! da
iſt meine Frau in die Wochen kommen/ und
hat einen jungen Sohn bracht. Nun ſoll
ich ja vor allen Dingen drauf dencken/ wie ich
des jungen Heydens los werde/ und einen neu-
en Chriſten davor kriege. Aber ihr Herr[en]/
ihr wiſt es ſelber/ das Werck laͤſt ſich nit thun/
ich muß ehrliche Leute zu Gevattern haben.
Gleichwohl geht mirs ſo naͤrriſch/ daß ich
flugs moͤchte davon lauffen. Da iſt ein Kerle/
dem hab ich in dieſem Gaſthoffe wohl ſechs-
tauſend Glaͤſer Bier eingeſchenckt/ den wolt
ich bey dieſem Ehrenwercke gerne haben/ we-
gen der alten Bekandſchafft. Aber er/ at
mir den Gevatterbrieff zuruͤck geſchickt au[ß]
Urſachen/ weil ich ihn nicht Edler/ Wohl-Eh-
renveſter titulirt. Eurylas/ fragte weiter/
wer es denn waͤre/ ob es ein vornehmer Mann
ſey/ der den Titel verdienet habe? der Knecht
gab zur Antwort/ er wiſſe nicht wie hoch einer
vor dem andren geſchoren ſey; doch ſagten alle
Leute/ der Kerle ſey im Kriege bey einem O-
berſten ein Bißgen vornehmer als ein Schuh-
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[171/0177] ſagte er/ ſoll ich nicht uͤber mein Ungluͤck Thraͤ- nen vergieſſen? Da wollen alle Leute an mir die Schuh wiſchen/ O wer ſich nur ſolte ein Leid anthun! gedenckt nur wie mirs geht! da iſt meine Frau in die Wochen kommen/ und hat einen jungen Sohn bracht. Nun ſoll ich ja vor allen Dingen drauf dencken/ wie ich des jungen Heydens los werde/ und einen neu- en Chriſten davor kriege. Aber ihr Herren/ ihr wiſt es ſelber/ das Werck laͤſt ſich nit thun/ ich muß ehrliche Leute zu Gevattern haben. Gleichwohl geht mirs ſo naͤrriſch/ daß ich flugs moͤchte davon lauffen. Da iſt ein Kerle/ dem hab ich in dieſem Gaſthoffe wohl ſechs- tauſend Glaͤſer Bier eingeſchenckt/ den wolt ich bey dieſem Ehrenwercke gerne haben/ we- gen der alten Bekandſchafft. Aber er/ at mir den Gevatterbrieff zuruͤck geſchickt auß Urſachen/ weil ich ihn nicht Edler/ Wohl-Eh- renveſter titulirt. Eurylas/ fragte weiter/ wer es denn waͤre/ ob es ein vornehmer Mann ſey/ der den Titel verdienet habe? der Knecht gab zur Antwort/ er wiſſe nicht wie hoch einer vor dem andren geſchoren ſey; doch ſagten alle Leute/ der Kerle ſey im Kriege bey einem O- berſten ein Bißgen vornehmer als ein Schuh- putzer geweſen; ſo habe der Herr Rector (alſo ward H ij

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Zitationshilfe: Weise, Christian: Die drey ärgsten Ertz-Narren. 2. Aufl. 1672, S. 171. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/weise_ertznarren_1672/177>, abgerufen am 19.04.2019.