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Weise, Christian: Die drey ärgsten Ertz-Narren. 2. Aufl. 1672.

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CAP. XXIX.

SJe reiseten etliche Tage und traffen we-
nig sonderliches an. Einen Mittag
kehreten sie auf einem Adelichen Schlosse ein/
wurden auch von dem Herrn desselben Ortes
gar höflich empfangen/ bey der Mahlzeit klag-
te der von Adel/ was er vor eine possierliche
action mit seinen zween Priestern habe. Ei-
ner hätte dem andern hinter dem Rücken
nach geredet/ als wäre er auf der Universität
mit Fidel Treutgen wohl bekandt gewesen/
solches habe dieser nicht leiden wollen/ sondern
habe ihm durch Notarien und Zeugen eine
schimpfliche und ehrenrührige Retorsion in
das Haus geschickt. Jener wäre nicht zu
gegen gewesen/ und hätte in seiner Abwesen-
heit des Priesters-Sohn die Sachen ange-
nommen. Nun habe er sich in allen Juristen-
Facultäten belernen lassen/ ob er die vermeynte
retorsion nicht vor eine hauptsächliche Inju-
rie
annehmen/ und derhalben sich seines Juris
retorquendi
gebrauchen möge. Und als
gesprochen worden/ wofern er die Bekand-
schafft mit Fidel Treutgen nicht anders als in
Ehren verstanden/ so hätte freylich das Recht
statt/ und wäre der erste ein grausamer Injuri-

ant:
L v
CAP. XXIX.

SJe reiſeten etliche Tage und traffen we-
nig ſonderliches an. Einen Mittag
kehreten ſie auf einem Adelichen Schloſſe ein/
wurden auch von dem Herrn deſſelben Ortes
gar hoͤflich empfangen/ bey der Mahlzeit klag-
te der von Adel/ was er vor eine poſſierliche
action mit ſeinen zween Prieſtern habe. Ei-
ner haͤtte dem andern hinter dem Ruͤcken
nach geredet/ als waͤre er auf der Univerſitaͤt
mit Fidel Treutgen wohl bekandt geweſen/
ſolches habe dieſer nicht leiden wollen/ ſondern
habe ihm durch Notarien und Zeugen eine
ſchimpfliche und ehrenruͤhrige Retorſion in
das Haus geſchickt. Jener waͤre nicht zu
gegen geweſen/ und haͤtte in ſeiner Abweſen-
heit des Prieſters-Sohn die Sachen ange-
nommen. Nun habe er ſich in allen Juriſten-
Facultaͤtẽ belernen laſſen/ ob er die vermeynte
retorſion nicht vor eine hauptſaͤchliche Inju-
rie
annehmen/ und derhalben ſich ſeines Juris
retorquendi
gebrauchen moͤge. Und als
geſprochen worden/ wofern er die Bekand-
ſchafft mit Fidel Treutgen nicht anders als in
Ehren verſtanden/ ſo haͤtte freylich das Recht
ſtatt/ und waͤre der erſte ein grauſameꝛ Injuri-

ant:
L v
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[249/0255] CAP. XXIX. SJe reiſeten etliche Tage und traffen we- nig ſonderliches an. Einen Mittag kehreten ſie auf einem Adelichen Schloſſe ein/ wurden auch von dem Herrn deſſelben Ortes gar hoͤflich empfangen/ bey der Mahlzeit klag- te der von Adel/ was er vor eine poſſierliche action mit ſeinen zween Prieſtern habe. Ei- ner haͤtte dem andern hinter dem Ruͤcken nach geredet/ als waͤre er auf der Univerſitaͤt mit Fidel Treutgen wohl bekandt geweſen/ ſolches habe dieſer nicht leiden wollen/ ſondern habe ihm durch Notarien und Zeugen eine ſchimpfliche und ehrenruͤhrige Retorſion in das Haus geſchickt. Jener waͤre nicht zu gegen geweſen/ und haͤtte in ſeiner Abweſen- heit des Prieſters-Sohn die Sachen ange- nommen. Nun habe er ſich in allen Juriſten- Facultaͤtẽ belernen laſſen/ ob er die vermeynte retorſion nicht vor eine hauptſaͤchliche Inju- rie annehmen/ und derhalben ſich ſeines Juris retorquendi gebrauchen moͤge. Und als geſprochen worden/ wofern er die Bekand- ſchafft mit Fidel Treutgen nicht anders als in Ehren verſtanden/ ſo haͤtte freylich das Recht ſtatt/ und waͤre der erſte ein grauſameꝛ Injuri- ant: L v

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Zitationshilfe: Weise, Christian: Die drey ärgsten Ertz-Narren. 2. Aufl. 1672. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/weise_ertznarren_1672/255>, S. 249, abgerufen am 20.11.2017.