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Weise, Christian: Die drey ärgsten Ertz-Narren. 2. Aufl. 1672.

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Mein Hertz/ meine Seele/ meine
Göttin.

Deine Furcht tödtet mich/ deine Liebe er-
quicket mich/ ich sterbe über deinen Mißtrau-
en/ und erhalte mich bey meinen guten Gewis-
sen. Meine Liebste rufft mir/ und mein Ver-
hängniß hält mich zu rücke. Jch wil etwas/
und darfs nicht sagen/ was ich will. O mein
liebstes Hertz/ vergib deinem diener/ daß er so
verwirrt schreibt/ darauß solst du meine ver-
wirrte Seele erkennen und beklagen lernen/
ach wie gern wäre ich zu Hause! hätte mir
mein Unstern nicht einen Hoffmeister zuge-
führet/ der seine Lust in der Welt suchte/ unter
dem Vorwand/ mir zu Nutzen/ da ich doch
den Mittelpunet aller meiner Nutzbarkeit in
die Feste gestellet habe/ du bist meine Reise/ da-
hin ich meine Gedancken abfertige/ wenn gleich
der Leib sichtbarlicher Weise anderswo ge-
fangen lebt. Jch weiß du bist dem Schwe-
ren feind; sonst wolte ich alles zu Zeugen an-
ruffen/ daß ich so wohl äusserlich/ als im Her-
tzen stets dahin getrachtet zu verbleiben

Meiner lieb-werthesten Silvie
unbefleckter und unveränderter
Florindo.

Gelanor schüttelte zwar etlichmahl den

Kopff

Mein Hertz/ meine Seele/ meine
Goͤttin.

Deine Furcht toͤdtet mich/ deine Liebe er-
quicket mich/ ich ſterbe uͤber deinen Mißtrau-
en/ und erhalte mich bey meinen guten Gewiſ-
ſen. Meine Liebſte rufft mir/ und mein Ver-
haͤngniß haͤlt mich zu ruͤcke. Jch wil etwas/
und darfſ nicht ſagen/ was ich will. O mein
liebſtes Hertz/ vergib deinem diener/ daß er ſo
verwirrt ſchreibt/ darauß ſolſt du meine ver-
wirrte Seele erkennen und beklagen lernen/
ach wie gern waͤre ich zu Hauſe! haͤtte mir
mein Unſtern nicht einen Hoffmeiſter zuge-
fuͤhret/ der ſeine Luſt in der Welt ſuchte/ unter
dem Vorwand/ mir zu Nutzen/ da ich doch
den Mittelpunet aller meiner Nutzbarkeit in
die Feſte geſtellet habe/ du biſt meine Reiſe/ da-
hin ich meine Gedancken abfertige/ wenn gleich
der Leib ſichtbarlicher Weiſe anderswo ge-
fangen lebt. Jch weiß du biſt dem Schwe-
ren feind; ſonſt wolte ich alles zu Zeugen an-
ruffen/ daß ich ſo wohl aͤuſſerlich/ als im Her-
tzen ſtets dahin getrachtet zu verbleiben

Meiner lieb-wertheſten Silvie
unbefleckter und unveraͤnderter
Florindo.

Gelanor ſchuͤttelte zwar etlichmahl den

Kopff
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[379/0385] Mein Hertz/ meine Seele/ meine Goͤttin. Deine Furcht toͤdtet mich/ deine Liebe er- quicket mich/ ich ſterbe uͤber deinen Mißtrau- en/ und erhalte mich bey meinen guten Gewiſ- ſen. Meine Liebſte rufft mir/ und mein Ver- haͤngniß haͤlt mich zu ruͤcke. Jch wil etwas/ und darfſ nicht ſagen/ was ich will. O mein liebſtes Hertz/ vergib deinem diener/ daß er ſo verwirrt ſchreibt/ darauß ſolſt du meine ver- wirrte Seele erkennen und beklagen lernen/ ach wie gern waͤre ich zu Hauſe! haͤtte mir mein Unſtern nicht einen Hoffmeiſter zuge- fuͤhret/ der ſeine Luſt in der Welt ſuchte/ unter dem Vorwand/ mir zu Nutzen/ da ich doch den Mittelpunet aller meiner Nutzbarkeit in die Feſte geſtellet habe/ du biſt meine Reiſe/ da- hin ich meine Gedancken abfertige/ wenn gleich der Leib ſichtbarlicher Weiſe anderswo ge- fangen lebt. Jch weiß du biſt dem Schwe- ren feind; ſonſt wolte ich alles zu Zeugen an- ruffen/ daß ich ſo wohl aͤuſſerlich/ als im Her- tzen ſtets dahin getrachtet zu verbleiben Meiner lieb-wertheſten Silvie unbefleckter und unveraͤnderter Florindo. Gelanor ſchuͤttelte zwar etlichmahl den Kopff

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Zitationshilfe: Weise, Christian: Die drey ärgsten Ertz-Narren. 2. Aufl. 1672, S. 379. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/weise_ertznarren_1672/385>, abgerufen am 15.10.2019.