Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Weismann, August: Das Keimplasma. Eine Theorie der Vererbung. Jena, 1892.

Bild:
<< vorherige Seite

die Ähnlichkeit mit den Eltern gefehlt hätte, dagegen das Bild
des Kindes aus dem zweier Grosseltern gemischt gewesen wäre.

4. Rückschlag auf Charaktere weit entfernter Vorfahren.

Ich wende mich zur Betrachtung des Rückschlags auf
entfernte Vorfahren
. Die Fälle sind durch Darwin so
bekannt geworden, dass man fast glauben sollte, eine genauere
Darlegung der blossen Thatsachen sei überflüssig. Dennoch ist
dies nicht der Fall, ja ich muss sogar sagen, dass die Thatsachen
nicht nach allen Richtungen hin so genau beschrieben worden
sind, als es für ihre theoretische Erklärung wünschenswerth wäre.
Darwin hat zuerst darauf aufmerksam gemacht, dass bei Kreu-
zungen, sei es von Arten oder von blossen Varietäten, nicht
selten Charaktere bei den Nachkommen auftreten, welche bei den
Eltern nicht vorhanden waren, von denen wir aber theils geradezu
nachweisen, theils sehr wahrscheinlich machen können, dass
sie weit zurückliegenden Vorfahren zukamen. So erscheint bei
Maulthieren zuweilen eine entschiedene Zebrastreifung auf
den Vorderbeinen und der Schulter, die sowohl beim Pferd,
als beim Esel nur sehr selten und überhaupt nur sehr schwach
vorkommt, die aber der Stammform beider Arten zugeschrieben
werden darf. So entstehen bei der Kreuzung gewisser Tauben-
Rassen
Nachkommen mit dem schieferblauen Gefieder der
wilden Felsentaube, obwohl die zur Kreuzung benutzten Rassen
ganz andere Färbungen besassen, und in diesem Falle ist die
Abstammung von der wilden Felsentaube sicher. Auch bei
Pflanzen giebt es solche Fälle. Die Bastarde der weiss
blühenden Datura ferox und Datura laevis besitzen regelmässig
blaue (purpurne?) Blumen, und Darwin 1) zeigt, dass man dies
als Rückschlag auf blau blühende Vorfahren anzusehen habe,

1) Domestication II, p. 304.

die Ähnlichkeit mit den Eltern gefehlt hätte, dagegen das Bild
des Kindes aus dem zweier Grosseltern gemischt gewesen wäre.

4. Rückschlag auf Charaktere weit entfernter Vorfahren.

Ich wende mich zur Betrachtung des Rückschlags auf
entfernte Vorfahren
. Die Fälle sind durch Darwin so
bekannt geworden, dass man fast glauben sollte, eine genauere
Darlegung der blossen Thatsachen sei überflüssig. Dennoch ist
dies nicht der Fall, ja ich muss sogar sagen, dass die Thatsachen
nicht nach allen Richtungen hin so genau beschrieben worden
sind, als es für ihre theoretische Erklärung wünschenswerth wäre.
Darwin hat zuerst darauf aufmerksam gemacht, dass bei Kreu-
zungen, sei es von Arten oder von blossen Varietäten, nicht
selten Charaktere bei den Nachkommen auftreten, welche bei den
Eltern nicht vorhanden waren, von denen wir aber theils geradezu
nachweisen, theils sehr wahrscheinlich machen können, dass
sie weit zurückliegenden Vorfahren zukamen. So erscheint bei
Maulthieren zuweilen eine entschiedene Zebrastreifung auf
den Vorderbeinen und der Schulter, die sowohl beim Pferd,
als beim Esel nur sehr selten und überhaupt nur sehr schwach
vorkommt, die aber der Stammform beider Arten zugeschrieben
werden darf. So entstehen bei der Kreuzung gewisser Tauben-
Rassen
Nachkommen mit dem schieferblauen Gefieder der
wilden Felsentaube, obwohl die zur Kreuzung benutzten Rassen
ganz andere Färbungen besassen, und in diesem Falle ist die
Abstammung von der wilden Felsentaube sicher. Auch bei
Pflanzen giebt es solche Fälle. Die Bastarde der weiss
blühenden Datura ferox und Datura laevis besitzen regelmässig
blaue (purpurne?) Blumen, und Darwin 1) zeigt, dass man dies
als Rückschlag auf blau blühende Vorfahren anzusehen habe,

1) Domestication II, p. 304.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0439" n="415"/>
die Ähnlichkeit mit den Eltern gefehlt hätte, dagegen das Bild<lb/>
des Kindes aus dem zweier Grosseltern gemischt gewesen wäre.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#b">4. Rückschlag auf Charaktere weit entfernter Vorfahren.</hi> </head><lb/>
            <p>Ich wende mich zur Betrachtung des Rückschlags <hi rendition="#g">auf<lb/>
entfernte Vorfahren</hi>. Die Fälle sind durch <hi rendition="#g">Darwin</hi> so<lb/>
bekannt geworden, dass man fast glauben sollte, eine genauere<lb/>
Darlegung der blossen Thatsachen sei überflüssig. Dennoch ist<lb/>
dies nicht der Fall, ja ich muss sogar sagen, dass die Thatsachen<lb/>
nicht nach allen Richtungen hin so genau beschrieben worden<lb/>
sind, als es für ihre theoretische Erklärung wünschenswerth wäre.<lb/><hi rendition="#g">Darwin</hi> hat zuerst darauf aufmerksam gemacht, dass bei Kreu-<lb/>
zungen, sei es von Arten oder von blossen Varietäten, nicht<lb/>
selten Charaktere bei den Nachkommen auftreten, welche bei den<lb/>
Eltern nicht vorhanden waren, von denen wir aber theils geradezu<lb/>
nachweisen, theils sehr wahrscheinlich machen können, dass<lb/>
sie weit zurückliegenden Vorfahren zukamen. So erscheint bei<lb/><hi rendition="#g">Maulthieren</hi> zuweilen eine entschiedene Zebrastreifung auf<lb/>
den Vorderbeinen und der Schulter, die sowohl beim Pferd,<lb/>
als beim Esel nur sehr selten und überhaupt nur sehr schwach<lb/>
vorkommt, die aber der Stammform beider Arten zugeschrieben<lb/>
werden darf. So entstehen bei der Kreuzung gewisser <hi rendition="#g">Tauben-<lb/>
Rassen</hi> Nachkommen mit dem schieferblauen Gefieder der<lb/>
wilden Felsentaube, obwohl die zur Kreuzung benutzten Rassen<lb/>
ganz andere Färbungen besassen, und in diesem Falle ist die<lb/>
Abstammung von der wilden Felsentaube sicher. Auch bei<lb/><hi rendition="#g">Pflanzen</hi> giebt es solche Fälle. Die Bastarde der weiss<lb/>
blühenden Datura ferox und Datura laevis besitzen regelmässig<lb/>
blaue (purpurne?) Blumen, und <hi rendition="#g">Darwin</hi> <note place="foot" n="1)">Domestication II, p. 304.</note> zeigt, dass man dies<lb/>
als Rückschlag auf blau blühende Vorfahren anzusehen habe,<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[415/0439] die Ähnlichkeit mit den Eltern gefehlt hätte, dagegen das Bild des Kindes aus dem zweier Grosseltern gemischt gewesen wäre. 4. Rückschlag auf Charaktere weit entfernter Vorfahren. Ich wende mich zur Betrachtung des Rückschlags auf entfernte Vorfahren. Die Fälle sind durch Darwin so bekannt geworden, dass man fast glauben sollte, eine genauere Darlegung der blossen Thatsachen sei überflüssig. Dennoch ist dies nicht der Fall, ja ich muss sogar sagen, dass die Thatsachen nicht nach allen Richtungen hin so genau beschrieben worden sind, als es für ihre theoretische Erklärung wünschenswerth wäre. Darwin hat zuerst darauf aufmerksam gemacht, dass bei Kreu- zungen, sei es von Arten oder von blossen Varietäten, nicht selten Charaktere bei den Nachkommen auftreten, welche bei den Eltern nicht vorhanden waren, von denen wir aber theils geradezu nachweisen, theils sehr wahrscheinlich machen können, dass sie weit zurückliegenden Vorfahren zukamen. So erscheint bei Maulthieren zuweilen eine entschiedene Zebrastreifung auf den Vorderbeinen und der Schulter, die sowohl beim Pferd, als beim Esel nur sehr selten und überhaupt nur sehr schwach vorkommt, die aber der Stammform beider Arten zugeschrieben werden darf. So entstehen bei der Kreuzung gewisser Tauben- Rassen Nachkommen mit dem schieferblauen Gefieder der wilden Felsentaube, obwohl die zur Kreuzung benutzten Rassen ganz andere Färbungen besassen, und in diesem Falle ist die Abstammung von der wilden Felsentaube sicher. Auch bei Pflanzen giebt es solche Fälle. Die Bastarde der weiss blühenden Datura ferox und Datura laevis besitzen regelmässig blaue (purpurne?) Blumen, und Darwin 1) zeigt, dass man dies als Rückschlag auf blau blühende Vorfahren anzusehen habe, 1) Domestication II, p. 304.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/weismann_keimplasma_1892
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/weismann_keimplasma_1892/439
Zitationshilfe: Weismann, August: Das Keimplasma. Eine Theorie der Vererbung. Jena, 1892, S. 415. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/weismann_keimplasma_1892/439>, abgerufen am 25.03.2019.