Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Weismann, August: Das Keimplasma. Eine Theorie der Vererbung. Jena, 1892.

Bild:
<< vorherige Seite

kann dies mit vollem Recht als Rückschlag auf einen Ahn der
Miocenzeit betrachtet werden. Wir werden also annehmen
müssen, dass bei einigen Generationsfolgen des heutigen Pferdes
noch einige Ide mit unveränderten Vorfahren-Determinanten
der Vorder- oder Hinterfüsse sich erhalten haben, dass diese
aber in der Minorität sind und nur durch eine besonders gün-
stige Reductionstheilung in grösserer Zahl in eine Keimzelle
gesammelt werden können. Aber dies allein wird auch noch
nicht genügen, um den Charakter zum Vorschein zu bringen,
es wird vielmehr der Zufall noch hinzukommen müssen, dass
eine an solchen Ahnen-Determinanten reiche Eizelle gerade von
einer Samenzelle befruchtet wird, welche ebenfalls eine gewisse
Zahl derselben enthält. Erst dann ist Aussicht vorhanden, dass
die Summe dieser Ahnen-Determinanten gross genug sei, um
die modernen Determinanten des Fusses bei der Ontogenese zu
überwinden.

Der Rückschlag kommt denn auch selten genug vor, wenn
auch Marsh im Stande war, eine kleine Reihe von solchen
Fällen aufzuführen, deren ältester sich auf ein Pferd Julius
Cäsar's
bezieht, deren jüngster aber lebend von ihm selbst be-
obachtet wurde.1)

6. Vorläufige Zusammenfassung des bisher über Rück-
schlag Vorgebrachten.

Alle bisher betrachteten Rückschlags-Erscheinungen erklären
sich daraus, dass jedes Keimplasma aus vielen gleichwerthigen
Einheiten zusammengesetzt ist, den Iden, von denen jedes alle
zur Entwickelung eines Bion erforderlichen Determinanten be-
sitzt, so dass jeder Charakter durch das Zusammenwirken vieler
Determinanten des gleichen Ortes (homologe Determinanten) zu

1) O. C. Marsh, "Recent polydactyle horses", "American Journ. of
Science", Vol. XI, III, April 1892.

kann dies mit vollem Recht als Rückschlag auf einen Ahn der
Miocēnzeit betrachtet werden. Wir werden also annehmen
müssen, dass bei einigen Generationsfolgen des heutigen Pferdes
noch einige Ide mit unveränderten Vorfahren-Determinanten
der Vorder- oder Hinterfüsse sich erhalten haben, dass diese
aber in der Minorität sind und nur durch eine besonders gün-
stige Reductionstheilung in grösserer Zahl in eine Keimzelle
gesammelt werden können. Aber dies allein wird auch noch
nicht genügen, um den Charakter zum Vorschein zu bringen,
es wird vielmehr der Zufall noch hinzukommen müssen, dass
eine an solchen Ahnen-Determinanten reiche Eizelle gerade von
einer Samenzelle befruchtet wird, welche ebenfalls eine gewisse
Zahl derselben enthält. Erst dann ist Aussicht vorhanden, dass
die Summe dieser Ahnen-Determinanten gross genug sei, um
die modernen Determinanten des Fusses bei der Ontogenese zu
überwinden.

Der Rückschlag kommt denn auch selten genug vor, wenn
auch Marsh im Stande war, eine kleine Reihe von solchen
Fällen aufzuführen, deren ältester sich auf ein Pferd Julius
Cäsar’s
bezieht, deren jüngster aber lebend von ihm selbst be-
obachtet wurde.1)

6. Vorläufige Zusammenfassung des bisher über Rück-
schlag Vorgebrachten.

Alle bisher betrachteten Rückschlags-Erscheinungen erklären
sich daraus, dass jedes Keimplasma aus vielen gleichwerthigen
Einheiten zusammengesetzt ist, den Iden, von denen jedes alle
zur Entwickelung eines Bion erforderlichen Determinanten be-
sitzt, so dass jeder Charakter durch das Zusammenwirken vieler
Determinanten des gleichen Ortes (homologe Determinanten) zu

1) O. C. Marsh, „Recent polydactyle horses“, „American Journ. of
Science“, Vol. XI, III, April 1892.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0463" n="439"/>
kann dies mit vollem Recht als Rückschlag auf einen Ahn der<lb/>
Mioc&#x0113;nzeit betrachtet werden. Wir werden also annehmen<lb/>
müssen, dass bei einigen Generationsfolgen des heutigen Pferdes<lb/>
noch einige Ide mit unveränderten Vorfahren-Determinanten<lb/>
der Vorder- oder Hinterfüsse sich erhalten haben, dass diese<lb/>
aber in der Minorität sind und nur durch eine besonders gün-<lb/>
stige Reductionstheilung in grösserer Zahl in eine Keimzelle<lb/>
gesammelt werden können. Aber dies allein wird auch noch<lb/>
nicht genügen, um den Charakter zum Vorschein zu bringen,<lb/>
es wird vielmehr der Zufall noch hinzukommen müssen, dass<lb/>
eine an solchen Ahnen-Determinanten reiche Eizelle gerade von<lb/>
einer Samenzelle befruchtet wird, welche ebenfalls eine gewisse<lb/>
Zahl derselben enthält. Erst dann ist Aussicht vorhanden, dass<lb/>
die Summe dieser Ahnen-Determinanten gross genug sei, um<lb/>
die modernen Determinanten des Fusses bei der Ontogenese zu<lb/>
überwinden.</p><lb/>
            <p>Der Rückschlag kommt denn auch selten genug vor, wenn<lb/>
auch <hi rendition="#g">Marsh</hi> im Stande war, eine kleine Reihe von solchen<lb/>
Fällen aufzuführen, deren ältester sich auf ein Pferd <hi rendition="#g">Julius<lb/>
Cäsar&#x2019;s</hi> bezieht, deren jüngster aber lebend von ihm selbst be-<lb/>
obachtet wurde.<note place="foot" n="1)">O. C. <hi rendition="#g">Marsh</hi>, &#x201E;Recent polydactyle horses&#x201C;, &#x201E;American Journ. of<lb/>
Science&#x201C;, Vol. XI, III, April 1892.</note></p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#b">6. Vorläufige Zusammenfassung des bisher über Rück-<lb/>
schlag Vorgebrachten.</hi> </head><lb/>
            <p>Alle bisher betrachteten Rückschlags-Erscheinungen erklären<lb/>
sich daraus, dass jedes Keimplasma aus vielen gleichwerthigen<lb/>
Einheiten zusammengesetzt ist, den Iden, von denen jedes alle<lb/>
zur Entwickelung eines Bion erforderlichen Determinanten be-<lb/>
sitzt, so dass jeder Charakter durch das Zusammenwirken vieler<lb/>
Determinanten des gleichen Ortes (homologe Determinanten) zu<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[439/0463] kann dies mit vollem Recht als Rückschlag auf einen Ahn der Miocēnzeit betrachtet werden. Wir werden also annehmen müssen, dass bei einigen Generationsfolgen des heutigen Pferdes noch einige Ide mit unveränderten Vorfahren-Determinanten der Vorder- oder Hinterfüsse sich erhalten haben, dass diese aber in der Minorität sind und nur durch eine besonders gün- stige Reductionstheilung in grösserer Zahl in eine Keimzelle gesammelt werden können. Aber dies allein wird auch noch nicht genügen, um den Charakter zum Vorschein zu bringen, es wird vielmehr der Zufall noch hinzukommen müssen, dass eine an solchen Ahnen-Determinanten reiche Eizelle gerade von einer Samenzelle befruchtet wird, welche ebenfalls eine gewisse Zahl derselben enthält. Erst dann ist Aussicht vorhanden, dass die Summe dieser Ahnen-Determinanten gross genug sei, um die modernen Determinanten des Fusses bei der Ontogenese zu überwinden. Der Rückschlag kommt denn auch selten genug vor, wenn auch Marsh im Stande war, eine kleine Reihe von solchen Fällen aufzuführen, deren ältester sich auf ein Pferd Julius Cäsar’s bezieht, deren jüngster aber lebend von ihm selbst be- obachtet wurde. 1) 6. Vorläufige Zusammenfassung des bisher über Rück- schlag Vorgebrachten. Alle bisher betrachteten Rückschlags-Erscheinungen erklären sich daraus, dass jedes Keimplasma aus vielen gleichwerthigen Einheiten zusammengesetzt ist, den Iden, von denen jedes alle zur Entwickelung eines Bion erforderlichen Determinanten be- sitzt, so dass jeder Charakter durch das Zusammenwirken vieler Determinanten des gleichen Ortes (homologe Determinanten) zu 1) O. C. Marsh, „Recent polydactyle horses“, „American Journ. of Science“, Vol. XI, III, April 1892.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/weismann_keimplasma_1892
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/weismann_keimplasma_1892/463
Zitationshilfe: Weismann, August: Das Keimplasma. Eine Theorie der Vererbung. Jena, 1892, S. 439. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/weismann_keimplasma_1892/463>, abgerufen am 13.08.2020.