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Weismann, August: Das Keimplasma. Eine Theorie der Vererbung. Jena, 1892.

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Daphniden entwickeln, vor Allem eine andere ovogene Determi-
nante enthalten müssen, als das Sommereier-Keimplasma, da
Winter- und Sommereier ganz verschieden sind.

Ich kenne keine Fälle, in denen aufeinander folgende Zell-
generationen so verschieden wären, als es zwischen den Keim-
Mutterzellen und den aus ihnen hervorgehenden fertigen Keim-
zellen in Bezug auf die Thätigkeit ihres Idioplasma's der Fall
ist. Wenn aber selbst in diesem auffallendsten Beispiel von
plötzlichem Funktionswechsel des Idioplasma's eine Entfernung
des zuerst thätigen Idioplasma's aus der Zelle nicht erfolgt, so
wird sie auch in allen andern Fällen nicht stattfinden und wir
werden somit berechtigt sein, den von dem Verhalten der Keim-
zellen abgeleiteten Schluss auf alle Zellen zu übertragen und es
für bewiesen zu nehmen, dass das in einer Zelle aktive
Idioplasma sich durch seine Thätigkeit aufbraucht
.


Capitel XI.
Dimorphismus und Polymorphismus.
1. Normaler Dimorphismus.

Der im vorigen Abschnitt behandelte "Rückschlag" beruht
auf der Fähigkeit der Organismen, Charaktere, die an ihnen
selbst nicht vorhanden sind, als "latente" Anlagen in ihrem
Idioplasma mitzuführen und derart auf die Nachkommen zu
übertragen, so dass sie unter günstigen Umständen dort zur
Ausbildung gelangen können.

Man hat sich diese latenten Anlagen bisher als einen allen
Individuen einer Art in gleichem Maasse zukommenden Besitz

Daphniden entwickeln, vor Allem eine andere ovogene Determi-
nante enthalten müssen, als das Sommereier-Keimplasma, da
Winter- und Sommereier ganz verschieden sind.

Ich kenne keine Fälle, in denen aufeinander folgende Zell-
generationen so verschieden wären, als es zwischen den Keim-
Mutterzellen und den aus ihnen hervorgehenden fertigen Keim-
zellen in Bezug auf die Thätigkeit ihres Idioplasma’s der Fall
ist. Wenn aber selbst in diesem auffallendsten Beispiel von
plötzlichem Funktionswechsel des Idioplasma’s eine Entfernung
des zuerst thätigen Idioplasma’s aus der Zelle nicht erfolgt, so
wird sie auch in allen andern Fällen nicht stattfinden und wir
werden somit berechtigt sein, den von dem Verhalten der Keim-
zellen abgeleiteten Schluss auf alle Zellen zu übertragen und es
für bewiesen zu nehmen, dass das in einer Zelle aktive
Idioplasma sich durch seine Thätigkeit aufbraucht
.


Capitel XI.
Dimorphismus und Polymorphismus.
1. Normaler Dimorphismus.

Der im vorigen Abschnitt behandelte „Rückschlag“ beruht
auf der Fähigkeit der Organismen, Charaktere, die an ihnen
selbst nicht vorhanden sind, als „latente“ Anlagen in ihrem
Idioplasma mitzuführen und derart auf die Nachkommen zu
übertragen, so dass sie unter günstigen Umständen dort zur
Ausbildung gelangen können.

Man hat sich diese latenten Anlagen bisher als einen allen
Individuen einer Art in gleichem Maasse zukommenden Besitz

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[460/0484] Daphniden entwickeln, vor Allem eine andere ovogene Determi- nante enthalten müssen, als das Sommereier-Keimplasma, da Winter- und Sommereier ganz verschieden sind. Ich kenne keine Fälle, in denen aufeinander folgende Zell- generationen so verschieden wären, als es zwischen den Keim- Mutterzellen und den aus ihnen hervorgehenden fertigen Keim- zellen in Bezug auf die Thätigkeit ihres Idioplasma’s der Fall ist. Wenn aber selbst in diesem auffallendsten Beispiel von plötzlichem Funktionswechsel des Idioplasma’s eine Entfernung des zuerst thätigen Idioplasma’s aus der Zelle nicht erfolgt, so wird sie auch in allen andern Fällen nicht stattfinden und wir werden somit berechtigt sein, den von dem Verhalten der Keim- zellen abgeleiteten Schluss auf alle Zellen zu übertragen und es für bewiesen zu nehmen, dass das in einer Zelle aktive Idioplasma sich durch seine Thätigkeit aufbraucht. Capitel XI. Dimorphismus und Polymorphismus. 1. Normaler Dimorphismus. Der im vorigen Abschnitt behandelte „Rückschlag“ beruht auf der Fähigkeit der Organismen, Charaktere, die an ihnen selbst nicht vorhanden sind, als „latente“ Anlagen in ihrem Idioplasma mitzuführen und derart auf die Nachkommen zu übertragen, so dass sie unter günstigen Umständen dort zur Ausbildung gelangen können. Man hat sich diese latenten Anlagen bisher als einen allen Individuen einer Art in gleichem Maasse zukommenden Besitz

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Zitationshilfe: Weismann, August: Das Keimplasma. Eine Theorie der Vererbung. Jena, 1892, S. 460. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/weismann_keimplasma_1892/484>, abgerufen am 20.10.2018.