Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Einleitung in die attische Tragödie (Euripides Herakles erklärt, Bd. 1). Berlin, 1889.

Bild:
<< vorherige Seite

Herakles der gott. grundbedeutung der gestalt.
das ist der kern: weder die eine noch die andere seite des wesens kann
auch für den ersten keim der Heraklessage entbehrt werden. wer das
begriffen hat, der ist jede physikalische deutung los. denn das element
mag sich in einer göttlichen person verkörpern; schwerer schon wird
es durch einen menschen vertreten werden können: die erhöhung des
wahrhaften menschen zu einem wahrhaften gotte schliesst es völlig aus.
man braucht also kein wort mehr an die stoischen deutungen auf die
sonne oder das feuer zu verschwenden, die auch jetzt viele bekenner
haben, entsprechend der heutigen mode unter den 'mythologen von fach'
wol die meisten, die nur ihrer antiken vorgänger zu vergessen pflegen,
weil die stoische mythendeutung seltsamer weise zu gleicher zeit herrscht
und in miscredit ist. aber schwerer ist es, den antipoden der physika-
lischen mythologie, den rationalismus, los zu werden. zwar die grobe
manier, die sich um 500 v. Chr. das Kerberosabenteuer so zurecht legte,
dass die hölle eine tiefe höhle und das ungetüm eine schlange gewesen
wäre, gilt nicht mehr. das umbiegen einer guten geschichte, bis sie
dumm und rationell wird, kommt wol nur noch bei theologen vor. und
der argivische prinz und heerführer, den der rationellere rationalismus um
400 v. Chr. aufbrachte, tritt einem heut zu tage auch erst dann wieder
entgegen, wenn man schulpflichtige kinder hat, denen mit all dem andern
abgestandenen lügenkram der allgemeinen bildung auch die jahreszahlen
von Nimrod und Abraham, Herakles und Iason eingepaukt werden. aber
ernsthaft geredet: ich wüsste den nicht zu widerlegen, der also argumentirte.
es habe zu der zeit, wo die späteren Heraklesverehrer noch ein volk bildeten,
ein mensch unter ihnen gelebt, der sich durch die abwehr von wilden
tieren und menschen vor seinen stammesgenossen so sehr hervortat, dass
sie ihn für überirdischer herkunft hielten, nach seinem tode als gott ver-
ehrten und demgemäss durch gebet und opfer sich geneigt zu machen
suchten. zu dem zugeständnis könnte man den vertreter dieser ansicht
schon bringen, dass weder der name Herakles noch irgend eine der über-
lieferten Heraklestaten geschichtlich wäre (obwol das mit der bezwingung
des löwen schwierig sein würde): aber das würde ihn aus seiner entschei-
denden position nicht herausschlagen. immer könnte er sagen, ja, warum
sollte es solchen menschen nicht gegeben haben, an den sich die sagen
und die verehrung geknüpft hätten? da gibt es nur die gegenfrage, warum
soll es solchen menschen gegeben haben? wenn ihm weder der name noch
die taten gehören, ist er nicht ein messer ohne schaft und klinge? aber
mit solcher frage überwindet man den rationalismus nicht. das tut man
erst, wenn man ihm seine letzte position lässt. gut; gesetzt, solch ein

Herakles der gott. grundbedeutung der gestalt.
das ist der kern: weder die eine noch die andere seite des wesens kann
auch für den ersten keim der Heraklessage entbehrt werden. wer das
begriffen hat, der ist jede physikalische deutung los. denn das element
mag sich in einer göttlichen person verkörpern; schwerer schon wird
es durch einen menschen vertreten werden können: die erhöhung des
wahrhaften menschen zu einem wahrhaften gotte schlieſst es völlig aus.
man braucht also kein wort mehr an die stoischen deutungen auf die
sonne oder das feuer zu verschwenden, die auch jetzt viele bekenner
haben, entsprechend der heutigen mode unter den ‘mythologen von fach’
wol die meisten, die nur ihrer antiken vorgänger zu vergessen pflegen,
weil die stoische mythendeutung seltsamer weise zu gleicher zeit herrscht
und in miscredit ist. aber schwerer ist es, den antipoden der physika-
lischen mythologie, den rationalismus, los zu werden. zwar die grobe
manier, die sich um 500 v. Chr. das Kerberosabenteuer so zurecht legte,
daſs die hölle eine tiefe höhle und das ungetüm eine schlange gewesen
wäre, gilt nicht mehr. das umbiegen einer guten geschichte, bis sie
dumm und rationell wird, kommt wol nur noch bei theologen vor. und
der argivische prinz und heerführer, den der rationellere rationalismus um
400 v. Chr. aufbrachte, tritt einem heut zu tage auch erst dann wieder
entgegen, wenn man schulpflichtige kinder hat, denen mit all dem andern
abgestandenen lügenkram der allgemeinen bildung auch die jahreszahlen
von Nimrod und Abraham, Herakles und Iason eingepaukt werden. aber
ernsthaft geredet: ich wüſste den nicht zu widerlegen, der also argumentirte.
es habe zu der zeit, wo die späteren Heraklesverehrer noch ein volk bildeten,
ein mensch unter ihnen gelebt, der sich durch die abwehr von wilden
tieren und menschen vor seinen stammesgenossen so sehr hervortat, daſs
sie ihn für überirdischer herkunft hielten, nach seinem tode als gott ver-
ehrten und demgemäſs durch gebet und opfer sich geneigt zu machen
suchten. zu dem zugeständnis könnte man den vertreter dieser ansicht
schon bringen, daſs weder der name Herakles noch irgend eine der über-
lieferten Heraklestaten geschichtlich wäre (obwol das mit der bezwingung
des löwen schwierig sein würde): aber das würde ihn aus seiner entschei-
denden position nicht herausschlagen. immer könnte er sagen, ja, warum
sollte es solchen menschen nicht gegeben haben, an den sich die sagen
und die verehrung geknüpft hätten? da gibt es nur die gegenfrage, warum
soll es solchen menschen gegeben haben? wenn ihm weder der name noch
die taten gehören, ist er nicht ein messer ohne schaft und klinge? aber
mit solcher frage überwindet man den rationalismus nicht. das tut man
erst, wenn man ihm seine letzte position läſst. gut; gesetzt, solch ein

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0305" n="285"/><fw place="top" type="header">Herakles der gott. grundbedeutung der gestalt.</fw><lb/>
das ist der kern: weder die eine noch die andere seite des wesens kann<lb/>
auch für den ersten keim der Heraklessage entbehrt werden. wer das<lb/>
begriffen hat, der ist jede physikalische deutung los. denn das element<lb/>
mag sich in einer göttlichen person verkörpern; schwerer schon wird<lb/>
es durch einen menschen vertreten werden können: die erhöhung des<lb/>
wahrhaften menschen zu einem wahrhaften gotte schlie&#x017F;st es völlig aus.<lb/>
man braucht also kein wort mehr an die stoischen deutungen auf die<lb/>
sonne oder das feuer zu verschwenden, die auch jetzt viele bekenner<lb/>
haben, entsprechend der heutigen mode unter den &#x2018;mythologen von fach&#x2019;<lb/>
wol die meisten, die nur ihrer antiken vorgänger zu vergessen pflegen,<lb/>
weil die stoische mythendeutung seltsamer weise zu gleicher zeit herrscht<lb/>
und in miscredit ist. aber schwerer ist es, den antipoden der physika-<lb/>
lischen mythologie, den rationalismus, los zu werden. zwar die grobe<lb/>
manier, die sich um 500 v. Chr. das Kerberosabenteuer so zurecht legte,<lb/>
da&#x017F;s die hölle eine tiefe höhle und das ungetüm eine schlange gewesen<lb/>
wäre, gilt nicht mehr. das umbiegen einer guten geschichte, bis sie<lb/>
dumm und rationell wird, kommt wol nur noch bei theologen vor. und<lb/>
der argivische prinz und heerführer, den der rationellere rationalismus um<lb/>
400 v. Chr. aufbrachte, tritt einem heut zu tage auch erst dann wieder<lb/>
entgegen, wenn man schulpflichtige kinder hat, denen mit all dem andern<lb/>
abgestandenen lügenkram der allgemeinen bildung auch die jahreszahlen<lb/>
von Nimrod und Abraham, Herakles und Iason eingepaukt werden. aber<lb/>
ernsthaft geredet: ich wü&#x017F;ste den nicht zu widerlegen, der also argumentirte.<lb/>
es habe zu der zeit, wo die späteren Heraklesverehrer noch ein volk bildeten,<lb/>
ein mensch unter ihnen gelebt, der sich durch die abwehr von wilden<lb/>
tieren und menschen vor seinen stammesgenossen so sehr hervortat, da&#x017F;s<lb/>
sie ihn für überirdischer herkunft hielten, nach seinem tode als gott ver-<lb/>
ehrten und demgemä&#x017F;s durch gebet und opfer sich geneigt zu machen<lb/>
suchten. zu dem zugeständnis könnte man den vertreter dieser ansicht<lb/>
schon bringen, da&#x017F;s weder der name Herakles noch irgend eine der über-<lb/>
lieferten Heraklestaten geschichtlich wäre (obwol das mit der bezwingung<lb/>
des löwen schwierig sein würde): aber das würde ihn aus seiner entschei-<lb/>
denden position nicht herausschlagen. immer könnte er sagen, ja, warum<lb/>
sollte es solchen menschen nicht gegeben haben, an den sich die sagen<lb/>
und die verehrung geknüpft hätten? da gibt es nur die gegenfrage, warum<lb/>
soll es solchen menschen gegeben haben? wenn ihm weder der name noch<lb/>
die taten gehören, ist er nicht ein messer ohne schaft und klinge? aber<lb/>
mit solcher frage überwindet man den rationalismus nicht. das tut man<lb/>
erst, wenn man ihm seine letzte position lä&#x017F;st. gut; gesetzt, solch ein<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[285/0305] Herakles der gott. grundbedeutung der gestalt. das ist der kern: weder die eine noch die andere seite des wesens kann auch für den ersten keim der Heraklessage entbehrt werden. wer das begriffen hat, der ist jede physikalische deutung los. denn das element mag sich in einer göttlichen person verkörpern; schwerer schon wird es durch einen menschen vertreten werden können: die erhöhung des wahrhaften menschen zu einem wahrhaften gotte schlieſst es völlig aus. man braucht also kein wort mehr an die stoischen deutungen auf die sonne oder das feuer zu verschwenden, die auch jetzt viele bekenner haben, entsprechend der heutigen mode unter den ‘mythologen von fach’ wol die meisten, die nur ihrer antiken vorgänger zu vergessen pflegen, weil die stoische mythendeutung seltsamer weise zu gleicher zeit herrscht und in miscredit ist. aber schwerer ist es, den antipoden der physika- lischen mythologie, den rationalismus, los zu werden. zwar die grobe manier, die sich um 500 v. Chr. das Kerberosabenteuer so zurecht legte, daſs die hölle eine tiefe höhle und das ungetüm eine schlange gewesen wäre, gilt nicht mehr. das umbiegen einer guten geschichte, bis sie dumm und rationell wird, kommt wol nur noch bei theologen vor. und der argivische prinz und heerführer, den der rationellere rationalismus um 400 v. Chr. aufbrachte, tritt einem heut zu tage auch erst dann wieder entgegen, wenn man schulpflichtige kinder hat, denen mit all dem andern abgestandenen lügenkram der allgemeinen bildung auch die jahreszahlen von Nimrod und Abraham, Herakles und Iason eingepaukt werden. aber ernsthaft geredet: ich wüſste den nicht zu widerlegen, der also argumentirte. es habe zu der zeit, wo die späteren Heraklesverehrer noch ein volk bildeten, ein mensch unter ihnen gelebt, der sich durch die abwehr von wilden tieren und menschen vor seinen stammesgenossen so sehr hervortat, daſs sie ihn für überirdischer herkunft hielten, nach seinem tode als gott ver- ehrten und demgemäſs durch gebet und opfer sich geneigt zu machen suchten. zu dem zugeständnis könnte man den vertreter dieser ansicht schon bringen, daſs weder der name Herakles noch irgend eine der über- lieferten Heraklestaten geschichtlich wäre (obwol das mit der bezwingung des löwen schwierig sein würde): aber das würde ihn aus seiner entschei- denden position nicht herausschlagen. immer könnte er sagen, ja, warum sollte es solchen menschen nicht gegeben haben, an den sich die sagen und die verehrung geknüpft hätten? da gibt es nur die gegenfrage, warum soll es solchen menschen gegeben haben? wenn ihm weder der name noch die taten gehören, ist er nicht ein messer ohne schaft und klinge? aber mit solcher frage überwindet man den rationalismus nicht. das tut man erst, wenn man ihm seine letzte position läſst. gut; gesetzt, solch ein

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_tragoedie_1889
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_tragoedie_1889/305
Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Einleitung in die attische Tragödie (Euripides Herakles erklärt, Bd. 1). Berlin, 1889, S. 285. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_tragoedie_1889/305>, abgerufen am 10.04.2020.