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Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 1. Dresden, 1764.

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Von der Kunst unter den Griechen.
in Griechenland und Italien nicht so schön, als die Englischen sind. Es
ist nicht zu läugnen, daß im Königreiche Neapel und in Engeland die da-
sigen Stuten von Spanischen Hengsten begangen, eine edlere Art durch
diese Begattung geworfen haben, wodurch die Pferdezucht in diesen Län-
dern verbessert worden. Dieses gilt auch von andern Ländern; in einigen
aber ist das Gegentheil geschehen: die Deutschen Pferde, welche Cäsar
sehr schlecht gefunden, sind itzo sehr gut, und die Pferde in Gallien, welche
zu dessen Zeit geschätzt waren, sind die schlechtesten in ganz Europa. Die
Alten kannten den schönen Schlag der Dänischen Pferde nicht, auch die
Englischen sind ihnen nicht bekannt gewesen; aber sie hatten Cappadocische
und Epirische, die edelsten Arten unter allen, die Persischen, die Achäi-
schen und Thessalischen, die Sicilianischen und Tyrrhenischen, und die
Celtischen oder Spanischen Pferde. Hippias beym Plato sagt 1):
"Es fällt die schönste Art Pferde bey uns."

Es ist auch ein sehr überhinflatterndes Urtheil jenes Scribenten, wenn
er sein obiges Vorgeben aus einigen Mängeln des Pferdes des Marcus
Aurelius zu behaupten suchet: diese Statue hat natürlicher Weise gelitten,
wo dieselbe umgeworfen und verschüttet gelegen; an den Pferden auf
Monte Cavallo muß man ihm gerade zu widersprechen, und es ist das,
was alt ist, nicht fehlerhaft.

Wenn wir auch keine andern Pferde in der Kunst hätten, so kann
man voraus setzen, da vor Alters tausend Statuen auf und mit Pferden
gegen eine einzige in neuern Zeiten gemacht worden, daß die Künstler des
Alterthums die Eigenschaften eines schönen Pferdes, so wie ihre Scriben-
ten und Dichter, gekannt haben, und daß Calamis eben so viel Einsicht, als
Horatius und Virgilius, gehabt, die uns alle Tugenden und Schönheiten
eines Pferdes anzeigen. Mich deucht, die vier alten Pferde von Erzt über

dem
1) Hipp. maj. p. 348. l. 21. ed. Bas.
A a 2

Von der Kunſt unter den Griechen.
in Griechenland und Italien nicht ſo ſchoͤn, als die Engliſchen ſind. Es
iſt nicht zu laͤugnen, daß im Koͤnigreiche Neapel und in Engeland die da-
ſigen Stuten von Spaniſchen Hengſten begangen, eine edlere Art durch
dieſe Begattung geworfen haben, wodurch die Pferdezucht in dieſen Laͤn-
dern verbeſſert worden. Dieſes gilt auch von andern Laͤndern; in einigen
aber iſt das Gegentheil geſchehen: die Deutſchen Pferde, welche Caͤſar
ſehr ſchlecht gefunden, ſind itzo ſehr gut, und die Pferde in Gallien, welche
zu deſſen Zeit geſchaͤtzt waren, ſind die ſchlechteſten in ganz Europa. Die
Alten kannten den ſchoͤnen Schlag der Daͤniſchen Pferde nicht, auch die
Engliſchen ſind ihnen nicht bekannt geweſen; aber ſie hatten Cappadociſche
und Epiriſche, die edelſten Arten unter allen, die Perſiſchen, die Achaͤi-
ſchen und Theſſaliſchen, die Sicilianiſchen und Tyrrheniſchen, und die
Celtiſchen oder Spaniſchen Pferde. Hippias beym Plato ſagt 1):
„Es faͤllt die ſchoͤnſte Art Pferde bey uns.„

Es iſt auch ein ſehr uͤberhinflatterndes Urtheil jenes Scribenten, wenn
er ſein obiges Vorgeben aus einigen Maͤngeln des Pferdes des Marcus
Aurelius zu behaupten ſuchet: dieſe Statue hat natuͤrlicher Weiſe gelitten,
wo dieſelbe umgeworfen und verſchuͤttet gelegen; an den Pferden auf
Monte Cavallo muß man ihm gerade zu widerſprechen, und es iſt das,
was alt iſt, nicht fehlerhaft.

Wenn wir auch keine andern Pferde in der Kunſt haͤtten, ſo kann
man voraus ſetzen, da vor Alters tauſend Statuen auf und mit Pferden
gegen eine einzige in neuern Zeiten gemacht worden, daß die Kuͤnſtler des
Alterthums die Eigenſchaften eines ſchoͤnen Pferdes, ſo wie ihre Scriben-
ten und Dichter, gekannt haben, und daß Calamis eben ſo viel Einſicht, als
Horatius und Virgilius, gehabt, die uns alle Tugenden und Schoͤnheiten
eines Pferdes anzeigen. Mich deucht, die vier alten Pferde von Erzt uͤber

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1) Hipp. maj. p. 348. l. 21. ed. Baſ.
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[187/0237] Von der Kunſt unter den Griechen. in Griechenland und Italien nicht ſo ſchoͤn, als die Engliſchen ſind. Es iſt nicht zu laͤugnen, daß im Koͤnigreiche Neapel und in Engeland die da- ſigen Stuten von Spaniſchen Hengſten begangen, eine edlere Art durch dieſe Begattung geworfen haben, wodurch die Pferdezucht in dieſen Laͤn- dern verbeſſert worden. Dieſes gilt auch von andern Laͤndern; in einigen aber iſt das Gegentheil geſchehen: die Deutſchen Pferde, welche Caͤſar ſehr ſchlecht gefunden, ſind itzo ſehr gut, und die Pferde in Gallien, welche zu deſſen Zeit geſchaͤtzt waren, ſind die ſchlechteſten in ganz Europa. Die Alten kannten den ſchoͤnen Schlag der Daͤniſchen Pferde nicht, auch die Engliſchen ſind ihnen nicht bekannt geweſen; aber ſie hatten Cappadociſche und Epiriſche, die edelſten Arten unter allen, die Perſiſchen, die Achaͤi- ſchen und Theſſaliſchen, die Sicilianiſchen und Tyrrheniſchen, und die Celtiſchen oder Spaniſchen Pferde. Hippias beym Plato ſagt 1): „Es faͤllt die ſchoͤnſte Art Pferde bey uns.„ Es iſt auch ein ſehr uͤberhinflatterndes Urtheil jenes Scribenten, wenn er ſein obiges Vorgeben aus einigen Maͤngeln des Pferdes des Marcus Aurelius zu behaupten ſuchet: dieſe Statue hat natuͤrlicher Weiſe gelitten, wo dieſelbe umgeworfen und verſchuͤttet gelegen; an den Pferden auf Monte Cavallo muß man ihm gerade zu widerſprechen, und es iſt das, was alt iſt, nicht fehlerhaft. Wenn wir auch keine andern Pferde in der Kunſt haͤtten, ſo kann man voraus ſetzen, da vor Alters tauſend Statuen auf und mit Pferden gegen eine einzige in neuern Zeiten gemacht worden, daß die Kuͤnſtler des Alterthums die Eigenſchaften eines ſchoͤnen Pferdes, ſo wie ihre Scriben- ten und Dichter, gekannt haben, und daß Calamis eben ſo viel Einſicht, als Horatius und Virgilius, gehabt, die uns alle Tugenden und Schoͤnheiten eines Pferdes anzeigen. Mich deucht, die vier alten Pferde von Erzt uͤber dem 1) Hipp. maj. p. 348. l. 21. ed. Baſ. A a 2

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Zitationshilfe: Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 1. Dresden, 1764, S. 187. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/winckelmann_kunstgeschichte01_1764/237>, abgerufen am 24.05.2020.