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Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 2. Dresden, 1764.

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I Theil. Von der Kunst, nach den äußern Umständen
giebt vor 1), daß sich gar keine Atheniensische Münze in Gold findet, wel-
ches durch die angeführte Münze widerleget wird. Der Name [fremdsprachliches Material - Zeichen fehlt]
auf der Brust eines Kopf im Campidoglio, welcher daher für das Bildniß
des Hiero von Syracus ausgegeben wird, ist ungezweifelt neu.

II.
Von der Kunst
von den Zeiten
des Phidias
an bis auf Ale-
xander den
Großen.

Damals war ein Grund zur Größe von Griechenland geleget, auf
welchem ein dauerhaftes und prächtiges Gebäude konnte aufgeführet wer-
den: die Weisen und Dichter legten die erste Hand an dasselbe, die Künst-
ler endigten es, und die Geschichte führet uns durch ein prächtiges Portal
zu demselben. Es muß die Griechen dieser Zeit nicht weniger, als einige
wenige, die noch ihre Dichter kennen, in Erstaunen gesetzet haben, nach
einem vermuthlich vollkommenen Trauerspiele des Aeschylus, wenig Jahre
hernach einen Sophocles auftreten zu sehen, welcher nicht stuffenweis, son-
dern durch einen unbegreiflichen Flug, das höchste Ziel Menschlicher Kräf-
te erreichet hat. Er führete die Antigone, sein erstes Trauerspiel, im
dritten Jahre der sieben und siebenzigsten Olympias auf 2). Eben so einen
Sprung wird die Kunst von dem Meister bis auf den Schüler, vom Age-
ladas bis auf den Polycletus, gemacht haben, und es ist zu glauben, wenn
uns die Zeit über beyder Werke zu urtheilen nicht beraubet hätte, daß der
Unterschied von dem Hercules des Eladas, auf den Jupiter des Phidias,
und von dem Jupiter des Ageladas, auf die Juno des Polycletus, wie
von dem Prometheus des Aeschylus, auf den Oedipus des Sophocles,
seyn würde. Jener ist durch hohe Gedanken und durch einen prächtigen
Ausdruck mehr erstaunlich, als rührend, und in dem Entwurfe seiner Fa-
bel, die mehr Wirkliches, als Mögliches, hat, weniger ein Dichter, als
ein Erzähler: dieser aber rühret das Herz durch innere Empfindungen, die
nicht durch Worte, sondern durch empfindliche Bilder bis zur Seele drin-
gen; und durch die höchste Möglichkeit, welche er gesuchet hat, durch die

wunder-
1) Mem. de l'Acad. des Inser. T. I. p. 235.
2) Petit Miscel. L. 3. c. 18. p. 173.

I Theil. Von der Kunſt, nach den aͤußern Umſtaͤnden
giebt vor 1), daß ſich gar keine Athenienſiſche Muͤnze in Gold findet, wel-
ches durch die angefuͤhrte Muͤnze widerleget wird. Der Name [fremdsprachliches Material – Zeichen fehlt]
auf der Bruſt eines Kopf im Campidoglio, welcher daher fuͤr das Bildniß
des Hiero von Syracus ausgegeben wird, iſt ungezweifelt neu.

II.
Von der Kunſt
von den Zeiten
des Phidias
an bis auf Ale-
xander den
Großen.

Damals war ein Grund zur Groͤße von Griechenland geleget, auf
welchem ein dauerhaftes und praͤchtiges Gebaͤude konnte aufgefuͤhret wer-
den: die Weiſen und Dichter legten die erſte Hand an daſſelbe, die Kuͤnſt-
ler endigten es, und die Geſchichte fuͤhret uns durch ein praͤchtiges Portal
zu demſelben. Es muß die Griechen dieſer Zeit nicht weniger, als einige
wenige, die noch ihre Dichter kennen, in Erſtaunen geſetzet haben, nach
einem vermuthlich vollkommenen Trauerſpiele des Aeſchylus, wenig Jahre
hernach einen Sophocles auftreten zu ſehen, welcher nicht ſtuffenweis, ſon-
dern durch einen unbegreiflichen Flug, das hoͤchſte Ziel Menſchlicher Kraͤf-
te erreichet hat. Er fuͤhrete die Antigone, ſein erſtes Trauerſpiel, im
dritten Jahre der ſieben und ſiebenzigſten Olympias auf 2). Eben ſo einen
Sprung wird die Kunſt von dem Meiſter bis auf den Schuͤler, vom Age-
ladas bis auf den Polycletus, gemacht haben, und es iſt zu glauben, wenn
uns die Zeit uͤber beyder Werke zu urtheilen nicht beraubet haͤtte, daß der
Unterſchied von dem Hercules des Eladas, auf den Jupiter des Phidias,
und von dem Jupiter des Ageladas, auf die Juno des Polycletus, wie
von dem Prometheus des Aeſchylus, auf den Oedipus des Sophocles,
ſeyn wuͤrde. Jener iſt durch hohe Gedanken und durch einen praͤchtigen
Ausdruck mehr erſtaunlich, als ruͤhrend, und in dem Entwurfe ſeiner Fa-
bel, die mehr Wirkliches, als Moͤgliches, hat, weniger ein Dichter, als
ein Erzaͤhler: dieſer aber ruͤhret das Herz durch innere Empfindungen, die
nicht durch Worte, ſondern durch empfindliche Bilder bis zur Seele drin-
gen; und durch die hoͤchſte Moͤglichkeit, welche er geſuchet hat, durch die

wunder-
1) Mem. de l’Acad. des Inſer. T. I. p. 235.
2) Petit Miſcel. L. 3. c. 18. p. 173.
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[328/0016] I Theil. Von der Kunſt, nach den aͤußern Umſtaͤnden giebt vor 1), daß ſich gar keine Athenienſiſche Muͤnze in Gold findet, wel- ches durch die angefuͤhrte Muͤnze widerleget wird. Der Name _ auf der Bruſt eines Kopf im Campidoglio, welcher daher fuͤr das Bildniß des Hiero von Syracus ausgegeben wird, iſt ungezweifelt neu. Damals war ein Grund zur Groͤße von Griechenland geleget, auf welchem ein dauerhaftes und praͤchtiges Gebaͤude konnte aufgefuͤhret wer- den: die Weiſen und Dichter legten die erſte Hand an daſſelbe, die Kuͤnſt- ler endigten es, und die Geſchichte fuͤhret uns durch ein praͤchtiges Portal zu demſelben. Es muß die Griechen dieſer Zeit nicht weniger, als einige wenige, die noch ihre Dichter kennen, in Erſtaunen geſetzet haben, nach einem vermuthlich vollkommenen Trauerſpiele des Aeſchylus, wenig Jahre hernach einen Sophocles auftreten zu ſehen, welcher nicht ſtuffenweis, ſon- dern durch einen unbegreiflichen Flug, das hoͤchſte Ziel Menſchlicher Kraͤf- te erreichet hat. Er fuͤhrete die Antigone, ſein erſtes Trauerſpiel, im dritten Jahre der ſieben und ſiebenzigſten Olympias auf 2). Eben ſo einen Sprung wird die Kunſt von dem Meiſter bis auf den Schuͤler, vom Age- ladas bis auf den Polycletus, gemacht haben, und es iſt zu glauben, wenn uns die Zeit uͤber beyder Werke zu urtheilen nicht beraubet haͤtte, daß der Unterſchied von dem Hercules des Eladas, auf den Jupiter des Phidias, und von dem Jupiter des Ageladas, auf die Juno des Polycletus, wie von dem Prometheus des Aeſchylus, auf den Oedipus des Sophocles, ſeyn wuͤrde. Jener iſt durch hohe Gedanken und durch einen praͤchtigen Ausdruck mehr erſtaunlich, als ruͤhrend, und in dem Entwurfe ſeiner Fa- bel, die mehr Wirkliches, als Moͤgliches, hat, weniger ein Dichter, als ein Erzaͤhler: dieſer aber ruͤhret das Herz durch innere Empfindungen, die nicht durch Worte, ſondern durch empfindliche Bilder bis zur Seele drin- gen; und durch die hoͤchſte Moͤglichkeit, welche er geſuchet hat, durch die wunder- 1) Mem. de l’Acad. des Inſer. T. I. p. 235. 2) Petit Miſcel. L. 3. c. 18. p. 173.

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Zitationshilfe: Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 2. Dresden, 1764, S. 328. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/winckelmann_kunstgeschichte02_1764/16>, abgerufen am 25.05.2020.