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Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 2. Dresden, 1764.

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unter den Römischen Kaisern.

Jm sechsten Jahre seiner Regierung trat er seine großen Reisen fast in
alle Römische Provinzen an, und es finden sich Münzen von siebenzehen
Ländern, welche er durchreiset ist. Er gieng sogar nach Arabien und Ae-
gypten, welches Land er, wie er selbst zu sagen pflegte 1), völlig ausstudi-
ret hatte, und nachdem er vier Jahre vor seinem Tode nach Rom zurück
kam, bauete er die erstaunenden Gebäude, ohnweit Tivoli, seine Villa,
in welcher er die berühmtesten Gegenden und Gebäude von Griechenland
vorstellen ließ, auch sogar die Orte, die unter dem Namen der Eliseischen
Felder und deren Eingang bekannt waren 2). Diese Villa zierete er aus
mit Werken der Kunst, die er aus allen Ländern mit sich geführet hatte.
Der Umkreis der Trümmer dieser Gebäude ist über zehen Jtalienische Mei-
len, und es stehen unter andern noch verschiedene runde Tempel, an wel-
chen nur die Vorderseite fehlet. An einem und dem andern Ende dieser
Villa waren zwey Theater, aus derer Ueberbleibsel man sich noch einigen
Begriff machen kann. Unter andern Gebäuden sind die sogenannten hun-
dert Kammern berühmt und sehenswürdig, in welchen die Kaiserliche Gar-
de lag, welches Wohnungen waren, die keine Gemeinschaft eine mit der
andern hatten, sondern vermöge eines hölzernen Ganges von außen, wel-
cher durch eine Wache konnte besetzet und geschlossen werden. Es sind zwo
Reihen Gewölber über einander, welche in dem Winkel, welchen sie ma-
chen, ein rundes Castell haben, wo man sich das Corpo die Guardia vor-
stellet. Jn jedem Gewölbe waren, vermöge eines breternen Bodens, wel-
cher auf hervorspringenden Steinen ruhete, die man noch sieht, zwo Woh-
nungen, und es findet sich noch in einem derselben der abgekürzte Name ei-
nes Soldaten mit schwarzer Farbe, wie mit einem Finger geschrieben.
Die Pracht dieser Gebäude war so verschwenderisch, daß ein großer Teich,
in welchem, wie man glaubet, Gefechte zu Schiffe gehalten werden konnten,

ganz
1) Vopisc. in Saturnino.
2) conf. Salmas. in Spartian. p. 60. D.
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unter den Roͤmiſchen Kaiſern.

Jm ſechſten Jahre ſeiner Regierung trat er ſeine großen Reiſen faſt in
alle Roͤmiſche Provinzen an, und es finden ſich Muͤnzen von ſiebenzehen
Laͤndern, welche er durchreiſet iſt. Er gieng ſogar nach Arabien und Ae-
gypten, welches Land er, wie er ſelbſt zu ſagen pflegte 1), voͤllig ausſtudi-
ret hatte, und nachdem er vier Jahre vor ſeinem Tode nach Rom zuruͤck
kam, bauete er die erſtaunenden Gebaͤude, ohnweit Tivoli, ſeine Villa,
in welcher er die beruͤhmteſten Gegenden und Gebaͤude von Griechenland
vorſtellen ließ, auch ſogar die Orte, die unter dem Namen der Eliſeiſchen
Felder und deren Eingang bekannt waren 2). Dieſe Villa zierete er aus
mit Werken der Kunſt, die er aus allen Laͤndern mit ſich gefuͤhret hatte.
Der Umkreis der Truͤmmer dieſer Gebaͤude iſt uͤber zehen Jtalieniſche Mei-
len, und es ſtehen unter andern noch verſchiedene runde Tempel, an wel-
chen nur die Vorderſeite fehlet. An einem und dem andern Ende dieſer
Villa waren zwey Theater, aus derer Ueberbleibſel man ſich noch einigen
Begriff machen kann. Unter andern Gebaͤuden ſind die ſogenannten hun-
dert Kammern beruͤhmt und ſehenswuͤrdig, in welchen die Kaiſerliche Gar-
de lag, welches Wohnungen waren, die keine Gemeinſchaft eine mit der
andern hatten, ſondern vermoͤge eines hoͤlzernen Ganges von außen, wel-
cher durch eine Wache konnte beſetzet und geſchloſſen werden. Es ſind zwo
Reihen Gewoͤlber uͤber einander, welche in dem Winkel, welchen ſie ma-
chen, ein rundes Caſtell haben, wo man ſich das Corpo die Guardia vor-
ſtellet. Jn jedem Gewoͤlbe waren, vermoͤge eines breternen Bodens, wel-
cher auf hervorſpringenden Steinen ruhete, die man noch ſieht, zwo Woh-
nungen, und es findet ſich noch in einem derſelben der abgekuͤrzte Name ei-
nes Soldaten mit ſchwarzer Farbe, wie mit einem Finger geſchrieben.
Die Pracht dieſer Gebaͤude war ſo verſchwenderiſch, daß ein großer Teich,
in welchem, wie man glaubet, Gefechte zu Schiffe gehalten werden konnten,

ganz
1) Vopiſc. in Saturnino.
2) conf. Salmaſ. in Spartian. p. 60. D.
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[405/0093] unter den Roͤmiſchen Kaiſern. Jm ſechſten Jahre ſeiner Regierung trat er ſeine großen Reiſen faſt in alle Roͤmiſche Provinzen an, und es finden ſich Muͤnzen von ſiebenzehen Laͤndern, welche er durchreiſet iſt. Er gieng ſogar nach Arabien und Ae- gypten, welches Land er, wie er ſelbſt zu ſagen pflegte 1), voͤllig ausſtudi- ret hatte, und nachdem er vier Jahre vor ſeinem Tode nach Rom zuruͤck kam, bauete er die erſtaunenden Gebaͤude, ohnweit Tivoli, ſeine Villa, in welcher er die beruͤhmteſten Gegenden und Gebaͤude von Griechenland vorſtellen ließ, auch ſogar die Orte, die unter dem Namen der Eliſeiſchen Felder und deren Eingang bekannt waren 2). Dieſe Villa zierete er aus mit Werken der Kunſt, die er aus allen Laͤndern mit ſich gefuͤhret hatte. Der Umkreis der Truͤmmer dieſer Gebaͤude iſt uͤber zehen Jtalieniſche Mei- len, und es ſtehen unter andern noch verſchiedene runde Tempel, an wel- chen nur die Vorderſeite fehlet. An einem und dem andern Ende dieſer Villa waren zwey Theater, aus derer Ueberbleibſel man ſich noch einigen Begriff machen kann. Unter andern Gebaͤuden ſind die ſogenannten hun- dert Kammern beruͤhmt und ſehenswuͤrdig, in welchen die Kaiſerliche Gar- de lag, welches Wohnungen waren, die keine Gemeinſchaft eine mit der andern hatten, ſondern vermoͤge eines hoͤlzernen Ganges von außen, wel- cher durch eine Wache konnte beſetzet und geſchloſſen werden. Es ſind zwo Reihen Gewoͤlber uͤber einander, welche in dem Winkel, welchen ſie ma- chen, ein rundes Caſtell haben, wo man ſich das Corpo die Guardia vor- ſtellet. Jn jedem Gewoͤlbe waren, vermoͤge eines breternen Bodens, wel- cher auf hervorſpringenden Steinen ruhete, die man noch ſieht, zwo Woh- nungen, und es findet ſich noch in einem derſelben der abgekuͤrzte Name ei- nes Soldaten mit ſchwarzer Farbe, wie mit einem Finger geſchrieben. Die Pracht dieſer Gebaͤude war ſo verſchwenderiſch, daß ein großer Teich, in welchem, wie man glaubet, Gefechte zu Schiffe gehalten werden konnten, ganz 1) Vopiſc. in Saturnino. 2) conf. Salmaſ. in Spartian. p. 60. D. E e e 3

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Zitationshilfe: Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 2. Dresden, 1764, S. 405. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/winckelmann_kunstgeschichte02_1764/93>, abgerufen am 15.07.2020.