Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 2. Dresden, 1764.

Bild:
<< vorherige Seite

II Theil. Von der Griechischen Kunst
welcher Hadrian aufhelfen wollte, verlohr sich in unnützen Kleinigkeiten,
und die Beredsamkeit, welche durch bezahlte Redner gelehret wurde, war
meistens Sophisterey: dieser Kaiser selbst wollte den Homerus unterdrü-
cken, und an dessen Statt den Antimachus empor bringen und einfüh-
ren 1). Außer dem Lucianus ist der Stil der Griechischen Scribenten die-
ser Zeit theils ungleich, theils gesucht und gekünstelt, und wird dadurch
dunkel, wovon Aristides ein Beyspiel seyn kann. Die Athenienser waren
bey allen verliehenen Freyheiten in Umständen, daß sie einige Jnseln, wel-
che sie bisher behauptet hatten, verkaufen wollten 2).

Die Kunst konnte sich eben so wenig, wie die Wissenschaften, erhe-
ben, und der Stil der Künstler dieser Zeit ist von dem Alten merklich ver-
schieden, wie man selbst damals, nach einigen oben angeführten Anzeigen
der Scribenten dieser Zeit, eingeschen hat. Die Hülfe, welche Hadrian
der Kunst gab, war wie die Speisen, welche die Aerzte den Kranken ver-
ordnen, die sie nicht sterben lassen, aber ihnen auch keine Nahrung geben.

Eins der größten Werke der Bildhauerey, welche dieser Kaiser ma-
chen lassen, würde dessen Statue auf einem Wagen mit vier Pferden gewe-
sen seyn, welche auf der Spitze seines Grabmals, itzo Castel St. Angelo,
soll gestanden seyn, und, wenn dem Scribenten, der es berichtet 3), zu
glauben ist, so groß war, daß ein starker Mann zu den Löchern, welche die
Augen an den Pferden macheten, hinein kriechen konnte: man giebt sogar
vor, dieses Werk sey aus einem einzigen Blocke Marmor gearbeitet gewesen.
Es scheint aber eine Griechische Lügen aus der Zeit des Scribenten, welche
zu gleichem Paare geht mit dem Kopfe einer Statue der Juno zu Constan-
tinopel, welchen kaum vier Gespanne Ochsen ziehen können 4).

Der
1) conf. Cuper. Apotheos. Hom. p. 5.
2) Philostrat. Vit. Lolliani, p. 527. l. 19.
3) Io. Antiochen. [fremdsprachliches Material - Zeichen fehlt] citat. a Salmas. Not. in Spartian. p. 51.
4) Mich. Choniat. ap. Fabric. Bibl. Gr. T. 6. p. 406.

II Theil. Von der Griechiſchen Kunſt
welcher Hadrian aufhelfen wollte, verlohr ſich in unnuͤtzen Kleinigkeiten,
und die Beredſamkeit, welche durch bezahlte Redner gelehret wurde, war
meiſtens Sophiſterey: dieſer Kaiſer ſelbſt wollte den Homerus unterdruͤ-
cken, und an deſſen Statt den Antimachus empor bringen und einfuͤh-
ren 1). Außer dem Lucianus iſt der Stil der Griechiſchen Scribenten die-
ſer Zeit theils ungleich, theils geſucht und gekuͤnſtelt, und wird dadurch
dunkel, wovon Ariſtides ein Beyſpiel ſeyn kann. Die Athenienſer waren
bey allen verliehenen Freyheiten in Umſtaͤnden, daß ſie einige Jnſeln, wel-
che ſie bisher behauptet hatten, verkaufen wollten 2).

Die Kunſt konnte ſich eben ſo wenig, wie die Wiſſenſchaften, erhe-
ben, und der Stil der Kuͤnſtler dieſer Zeit iſt von dem Alten merklich ver-
ſchieden, wie man ſelbſt damals, nach einigen oben angefuͤhrten Anzeigen
der Scribenten dieſer Zeit, eingeſchen hat. Die Huͤlfe, welche Hadrian
der Kunſt gab, war wie die Speiſen, welche die Aerzte den Kranken ver-
ordnen, die ſie nicht ſterben laſſen, aber ihnen auch keine Nahrung geben.

Eins der groͤßten Werke der Bildhauerey, welche dieſer Kaiſer ma-
chen laſſen, wuͤrde deſſen Statue auf einem Wagen mit vier Pferden gewe-
ſen ſeyn, welche auf der Spitze ſeines Grabmals, itzo Caſtel St. Angelo,
ſoll geſtanden ſeyn, und, wenn dem Scribenten, der es berichtet 3), zu
glauben iſt, ſo groß war, daß ein ſtarker Mann zu den Loͤchern, welche die
Augen an den Pferden macheten, hinein kriechen konnte: man giebt ſogar
vor, dieſes Werk ſey aus einem einzigen Blocke Marmor gearbeitet geweſen.
Es ſcheint aber eine Griechiſche Luͤgen aus der Zeit des Scribenten, welche
zu gleichem Paare geht mit dem Kopfe einer Statue der Juno zu Conſtan-
tinopel, welchen kaum vier Geſpanne Ochſen ziehen koͤnnen 4).

Der
1) conf. Cuper. Apotheoſ. Hom. p. 5.
2) Philoſtrat. Vit. Lolliani, p. 527. l. 19.
3) Io. Antiochen. [fremdsprachliches Material – Zeichen fehlt] citat. a Salmaſ. Not. in Spartian. p. 51.
4) Mich. Choniat. ap. Fabric. Bibl. Gr. T. 6. p. 406.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0096" n="408"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">II</hi> Theil. Von der Griechi&#x017F;chen Kun&#x017F;t</hi></fw><lb/>
welcher Hadrian aufhelfen wollte, verlohr &#x017F;ich in unnu&#x0364;tzen Kleinigkeiten,<lb/>
und die Bered&#x017F;amkeit, welche durch bezahlte Redner gelehret wurde, war<lb/>
mei&#x017F;tens Sophi&#x017F;terey: die&#x017F;er Kai&#x017F;er &#x017F;elb&#x017F;t wollte den Homerus unterdru&#x0364;-<lb/>
cken, und an de&#x017F;&#x017F;en Statt den <hi rendition="#fr">Antimachus</hi> empor bringen und einfu&#x0364;h-<lb/>
ren <note place="foot" n="1)"><hi rendition="#aq">conf. Cuper. Apotheo&#x017F;. Hom. p.</hi> 5.</note>. Außer dem Lucianus i&#x017F;t der Stil der Griechi&#x017F;chen Scribenten die-<lb/>
&#x017F;er Zeit theils ungleich, theils ge&#x017F;ucht und geku&#x0364;n&#x017F;telt, und wird dadurch<lb/>
dunkel, wovon Ari&#x017F;tides ein Bey&#x017F;piel &#x017F;eyn kann. Die Athenien&#x017F;er waren<lb/>
bey allen verliehenen Freyheiten in Um&#x017F;ta&#x0364;nden, daß &#x017F;ie einige Jn&#x017F;eln, wel-<lb/>
che &#x017F;ie bisher behauptet hatten, verkaufen wollten <note place="foot" n="2)"><hi rendition="#aq">Philo&#x017F;trat. Vit. Lolliani, p. 527. l.</hi> 19.</note>.</p><lb/>
          <p>Die Kun&#x017F;t konnte &#x017F;ich eben &#x017F;o wenig, wie die Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaften, erhe-<lb/>
ben, und der Stil der Ku&#x0364;n&#x017F;tler die&#x017F;er Zeit i&#x017F;t von dem Alten merklich ver-<lb/>
&#x017F;chieden, wie man &#x017F;elb&#x017F;t damals, nach einigen oben angefu&#x0364;hrten Anzeigen<lb/>
der Scribenten die&#x017F;er Zeit, einge&#x017F;chen hat. Die Hu&#x0364;lfe, welche Hadrian<lb/>
der Kun&#x017F;t gab, war wie die Spei&#x017F;en, welche die Aerzte den Kranken ver-<lb/>
ordnen, die &#x017F;ie nicht &#x017F;terben la&#x017F;&#x017F;en, aber ihnen auch keine Nahrung geben.</p><lb/>
          <p>Eins der gro&#x0364;ßten Werke der Bildhauerey, welche die&#x017F;er Kai&#x017F;er ma-<lb/>
chen la&#x017F;&#x017F;en, wu&#x0364;rde de&#x017F;&#x017F;en Statue auf einem Wagen mit vier Pferden gewe-<lb/>
&#x017F;en &#x017F;eyn, welche auf der Spitze &#x017F;eines Grabmals, itzo Ca&#x017F;tel St. Angelo,<lb/>
&#x017F;oll ge&#x017F;tanden &#x017F;eyn, und, wenn dem Scribenten, der es berichtet <note place="foot" n="3)"><hi rendition="#aq">Io. Antiochen. <foreign xml:lang="ell"><gap reason="fm" unit="chars"/></foreign> citat. a Salma&#x017F;. Not. in Spartian. p.</hi> 51.</note>, zu<lb/>
glauben i&#x017F;t, &#x017F;o groß war, daß ein &#x017F;tarker Mann zu den Lo&#x0364;chern, welche die<lb/>
Augen an den Pferden macheten, hinein kriechen konnte: man giebt &#x017F;ogar<lb/>
vor, die&#x017F;es Werk &#x017F;ey aus einem einzigen Blocke Marmor gearbeitet gewe&#x017F;en.<lb/>
Es &#x017F;cheint aber eine Griechi&#x017F;che Lu&#x0364;gen aus der Zeit des Scribenten, welche<lb/>
zu gleichem Paare geht mit dem Kopfe einer Statue der Juno zu Con&#x017F;tan-<lb/>
tinopel, welchen kaum vier Ge&#x017F;panne Och&#x017F;en ziehen ko&#x0364;nnen <note place="foot" n="4)"><hi rendition="#aq">Mich. Choniat. ap. Fabric. Bibl. Gr. T. 6. p.</hi> 406.</note>.</p><lb/>
          <fw place="bottom" type="catch">Der</fw><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[408/0096] II Theil. Von der Griechiſchen Kunſt welcher Hadrian aufhelfen wollte, verlohr ſich in unnuͤtzen Kleinigkeiten, und die Beredſamkeit, welche durch bezahlte Redner gelehret wurde, war meiſtens Sophiſterey: dieſer Kaiſer ſelbſt wollte den Homerus unterdruͤ- cken, und an deſſen Statt den Antimachus empor bringen und einfuͤh- ren 1). Außer dem Lucianus iſt der Stil der Griechiſchen Scribenten die- ſer Zeit theils ungleich, theils geſucht und gekuͤnſtelt, und wird dadurch dunkel, wovon Ariſtides ein Beyſpiel ſeyn kann. Die Athenienſer waren bey allen verliehenen Freyheiten in Umſtaͤnden, daß ſie einige Jnſeln, wel- che ſie bisher behauptet hatten, verkaufen wollten 2). Die Kunſt konnte ſich eben ſo wenig, wie die Wiſſenſchaften, erhe- ben, und der Stil der Kuͤnſtler dieſer Zeit iſt von dem Alten merklich ver- ſchieden, wie man ſelbſt damals, nach einigen oben angefuͤhrten Anzeigen der Scribenten dieſer Zeit, eingeſchen hat. Die Huͤlfe, welche Hadrian der Kunſt gab, war wie die Speiſen, welche die Aerzte den Kranken ver- ordnen, die ſie nicht ſterben laſſen, aber ihnen auch keine Nahrung geben. Eins der groͤßten Werke der Bildhauerey, welche dieſer Kaiſer ma- chen laſſen, wuͤrde deſſen Statue auf einem Wagen mit vier Pferden gewe- ſen ſeyn, welche auf der Spitze ſeines Grabmals, itzo Caſtel St. Angelo, ſoll geſtanden ſeyn, und, wenn dem Scribenten, der es berichtet 3), zu glauben iſt, ſo groß war, daß ein ſtarker Mann zu den Loͤchern, welche die Augen an den Pferden macheten, hinein kriechen konnte: man giebt ſogar vor, dieſes Werk ſey aus einem einzigen Blocke Marmor gearbeitet geweſen. Es ſcheint aber eine Griechiſche Luͤgen aus der Zeit des Scribenten, welche zu gleichem Paare geht mit dem Kopfe einer Statue der Juno zu Conſtan- tinopel, welchen kaum vier Geſpanne Ochſen ziehen koͤnnen 4). Der 1) conf. Cuper. Apotheoſ. Hom. p. 5. 2) Philoſtrat. Vit. Lolliani, p. 527. l. 19. 3) Io. Antiochen. _ citat. a Salmaſ. Not. in Spartian. p. 51. 4) Mich. Choniat. ap. Fabric. Bibl. Gr. T. 6. p. 406.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/winckelmann_kunstgeschichte02_1764
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/winckelmann_kunstgeschichte02_1764/96
Zitationshilfe: Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 2. Dresden, 1764, S. 408. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/winckelmann_kunstgeschichte02_1764/96>, abgerufen am 25.05.2020.