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Wolff, Christian von: Grundsätze des Natur- und Völckerrechts. Halle (Saale), 1754.

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I. Th. 6. H. Von den Pflichten
thun, was ihm gefällt; folglich thut er nichts,
was seinem Willen zuwieder ist. Aus der
Liebe entstehet demnach die Sorgfalt nichts
zu thun, was dem Willen des andern entge-
gen ist, welche Furcht die kindliche (timor
filialis),
im Gegentheil die knechtische (ser-
vilis)
genannt wird, wenn man aus Furcht
vor der Strafe thut, was der andere will, oder
unterläßt, was er nicht will. Da wir Gott
über alles lieben sollen (§. 169.); so sollen
wir ihn auch über alles fürchten, näm-
lich mit einer kindlichen Furcht.

§. 172.
Von der
Ehr-
furcht ge-
gen Gott
und dem
göttli-
chen Lobe.

Der Mensch ist schuldig, die gröste Güte
Gottes zu erkennen, und andere, so viel an
ihm ist, zu derselben Erkenntnis zu bringen
(§. 163.); ingleichen durch dieselbe, als einen
Bewegungsgrund, seine freye Handlungen
zu bestimmen (§. 160.). Da nun die äussern
Handlungen mit den innern übereinstimmen
sollen (§. 52.), wir auch andere nicht anders,
als durch äussere Handlungen, zur Erkenntnis
der grösten Vollkommenheit Gottes bringen
können; so muß der Mensch durch Wor-
te und Wercke zu verstehen geben, daß
er die gröste Vollkommenheit Gottes
erkennet, und daher ihn höher, als alles
andere achtet:
da nun dergleichen Bezei-
gen die Ehrfurcht (reverentia) genannt
wird; so sind wir also zur Ehrfurcht ge-
gen Gott verbunden.
Da in diesen
Handlungen Lob und Ehre bestehet (§. 125.);

so

I. Th. 6. H. Von den Pflichten
thun, was ihm gefaͤllt; folglich thut er nichts,
was ſeinem Willen zuwieder iſt. Aus der
Liebe entſtehet demnach die Sorgfalt nichts
zu thun, was dem Willen des andern entge-
gen iſt, welche Furcht die kindliche (timor
filialis),
im Gegentheil die knechtiſche (ſer-
vilis)
genannt wird, wenn man aus Furcht
vor der Strafe thut, was der andere will, oder
unterlaͤßt, was er nicht will. Da wir Gott
uͤber alles lieben ſollen (§. 169.); ſo ſollen
wir ihn auch uͤber alles fuͤrchten, naͤm-
lich mit einer kindlichen Furcht.

§. 172.
Von der
Ehr-
furcht ge-
gen Gott
und dem
goͤttli-
chen Lobe.

Der Menſch iſt ſchuldig, die groͤſte Guͤte
Gottes zu erkennen, und andere, ſo viel an
ihm iſt, zu derſelben Erkenntnis zu bringen
(§. 163.); ingleichen durch dieſelbe, als einen
Bewegungsgrund, ſeine freye Handlungen
zu beſtimmen (§. 160.). Da nun die aͤuſſern
Handlungen mit den innern uͤbereinſtimmen
ſollen (§. 52.), wir auch andere nicht anders,
als durch aͤuſſere Handlungen, zur Erkenntnis
der groͤſten Vollkommenheit Gottes bringen
koͤnnen; ſo muß der Menſch durch Wor-
te und Wercke zu verſtehen geben, daß
er die groͤſte Vollkommenheit Gottes
erkennet, und daher ihn hoͤher, als alles
andere achtet:
da nun dergleichen Bezei-
gen die Ehrfurcht (reverentia) genannt
wird; ſo ſind wir alſo zur Ehrfurcht ge-
gen Gott verbunden.
Da in dieſen
Handlungen Lob und Ehre beſtehet (§. 125.);

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[108/0144] I. Th. 6. H. Von den Pflichten thun, was ihm gefaͤllt; folglich thut er nichts, was ſeinem Willen zuwieder iſt. Aus der Liebe entſtehet demnach die Sorgfalt nichts zu thun, was dem Willen des andern entge- gen iſt, welche Furcht die kindliche (timor filialis), im Gegentheil die knechtiſche (ſer- vilis) genannt wird, wenn man aus Furcht vor der Strafe thut, was der andere will, oder unterlaͤßt, was er nicht will. Da wir Gott uͤber alles lieben ſollen (§. 169.); ſo ſollen wir ihn auch uͤber alles fuͤrchten, naͤm- lich mit einer kindlichen Furcht. §. 172. Der Menſch iſt ſchuldig, die groͤſte Guͤte Gottes zu erkennen, und andere, ſo viel an ihm iſt, zu derſelben Erkenntnis zu bringen (§. 163.); ingleichen durch dieſelbe, als einen Bewegungsgrund, ſeine freye Handlungen zu beſtimmen (§. 160.). Da nun die aͤuſſern Handlungen mit den innern uͤbereinſtimmen ſollen (§. 52.), wir auch andere nicht anders, als durch aͤuſſere Handlungen, zur Erkenntnis der groͤſten Vollkommenheit Gottes bringen koͤnnen; ſo muß der Menſch durch Wor- te und Wercke zu verſtehen geben, daß er die groͤſte Vollkommenheit Gottes erkennet, und daher ihn hoͤher, als alles andere achtet: da nun dergleichen Bezei- gen die Ehrfurcht (reverentia) genannt wird; ſo ſind wir alſo zur Ehrfurcht ge- gen Gott verbunden. Da in dieſen Handlungen Lob und Ehre beſtehet (§. 125.); ſo

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Zitationshilfe: Wolff, Christian von: Grundsätze des Natur- und Völckerrechts. Halle (Saale), 1754, S. 108. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wolff_voelckerrecht_1754/144>, abgerufen am 24.08.2019.